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Rolf Arnold: Eine systemisch-konstruktivistische Didaktik

Cover Rolf Arnold: Ich lerne, also bin ich. Eine systemisch-konstruktivistische Didaktik. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2007. 236 Seiten. ISBN 978-3-89670-574-7. D: 27,95 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 48,00 sFr.

Reihe: Systemische Pädagogik.
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Autor

Der Autor, Professor für Pädagogik ist Aufsichtsratsvorsitzender und wissenschaftlicher Direktor des Distance and International Studies Center (DISC) an der TU Kaiserslautern; Verwaltungsratsvorsitzender des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE, Bonn) sowie systemischer Berater in nationalem und internationalem Rahmen. Lehrtätigkeiten an den Universitäten Kaiserslautern, Bern, Heidelberg und Klagenfurt.

Thema

Rolf Arnold belegt mit seinem Buch "Ich lerne, also bin ich – Eine systemisch konstruktivistische Didaktik" wieder einmal, dass die landläufige Diskussion des bzw. Kritik an Bildungssystemen meist eine anlassbezogene Debatte ist, die jeweils oft nur Detailaspekte berücksichtigt. Nach wie vor gibt es in der Welt der Lehr- Lerndiskussionen eine Vielzahl von weitgehend ungesehenen und unberücksichtigten Perspektiven. Diese blinde Flecken haben aber eine unmittelbare Wirkung auf die Praxis der Bildungssysteme und deren Chance auf Weiterentwicklung. Das vorliegende Buch eignet sich hervorragend, die Diskussion umfassender zu führen bzw. die eigenen methodisch/didaktischen Handlungsgrundlagen zu überdenken.

Aufbau und Inhalt

Arnold vermittelt in diesem Band notwendige neue bzw. zusätzliche Blicke auf Formen des effizienten und lebendigen Lernens, die sich salopp und somit vielleicht etwas unwissenschaftlich – was aber an der Korrektheit der Aussage nicht ändert -   im Satz "Jeder Mensch lernt anders" zusammenfassen lassen.

Die Motivation, zu den zahlreichen zu diesem Themenkreis  von ihm bereits publizierten Werken noch eines hinzuzufügen – so schreibt er in seiner Einleitung – ist eine autobiografische: Die Erkenntnis, dass detaillierte Planung von Lehr-/Lernprozessen nicht automatisch erfolgreiches und nachhaltiges Lernen herbeiführt. Und weiters: etablierte Lernkulturen sind tief in den biografischen Erfahrungen der Lehrerinnen und Lehrer verwurzelt und stehen somit einer raschen Veränderung – so nötig diese auch ist – entgegen.

Als Zielgruppe für sein Buch definiert Arnold Studierende, denen das professionelle Handwerkszeug zur Verfügung gestellt werden soll, damit sie in der Lage sind ihr Agieren in Erziehung und Unterricht konzeptionell zu begründen. Arnold bezieht sich auf die Zielsetzungen der reformierten Standards der Lehrerfortbildung in Reinland-Pfalz. Sie schreiben fest, dass Lehrende in der Lage sein sollten, Lehr-Lern-Prozesse unter lerntheoretischen und methodischen Aspekten zu analysieren zu können, die grundlegenden Dimensionen der Unterrichtsplanung beherrschen und jegliche Inputsteuerung interpretieren und begründen können. Die in "Ich lerne also bin ich" präsentierte Themen- und Perspektivenvielfalt bietet eine gute Grundlage, die für die geforderte methodische/didaktische Kompetenz notwendigen Nachdenk- und Lernprozesse anzuregen.

Der Rezensent meint sogar die Zielgruppe könnte durchaus noch erweitern werden; auch um all jene Menschen, die bereits im beruflichen Felde stehen. Lehrende, Erziehende, Erwachsenenbildner und Erwachsenenbilderinnen, Berater und Beraterinnen, Eltern usw. – kurz alle, die für die Entwicklung bzw. die Weiterentwicklung von Menschen (mit-) verantwortlich zeichnen.

Die Fragen nach dem Warum einer beruflichen Handlung bzw. der Grundannahmen der Wirksamkeit von Interventionen sollte zum ethischen Handwerkszeug der oben genannten Berufsgruppen bzw. Tätigkeitsfelder zählen. Arnolds Buch bietet hier einen guten Wegweiser bzw. Begleiter in der professionellen Entwicklung an.

Eltern, Lehrer und Lehrerinnen, Erzieher und Erzieherinnen müssen zur Kenntnis nehmen, dass sie nicht erziehen können. "Das Lebendige folgt keinen linearen Vorgaben und Impulsten", schreibt Arnold. Diese zunächst verblüffende Feststellung wird im Folgenden eingehend entwickelt und erläutert. Erziehung findet durch Weltbegegnung in Kontexten statt. Daher ist  die unterstützende  Gestaltung dieser Kontexte die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Erziehung. Es ist daher für die Pädagogik von entscheidender Bedeutung zu erkennen, unter welchen Voraussetzungen  gut gemeinte Aktionen von Eltern und Lehrern zu Misserfolgen führen müssen und unter welchen Voraussetzungen ein Erfolg erwartet werden kann.

Arnolds Buch gleicht einem interdisziplinären Segelflug über die Landschaft der vielfältigen Perspektiven und Anforderungen der Themen Lernen, Entwicklung und Veränderung. Der strukturelle Aufbau des Buches verbindet in 10 Abschnitten folgende Themenfelder:

  • Erziehung als wirkungsunsicheres systemisches Handeln
  • Vermittlungs- und Ermöglichungsdidaktik
  • Grundlagen der konstruktivistischen Diskussionen
  • Grundlagen der systemtheoretischen Diskussionen
  • Didaktik als die Kunst, zwischen Erfahrungen zu gehen
  • Wie entsteht der Inhalt des Lernprozesses?
  • Schulentwicklung – Konstruktion schulischer Wirklichkeit
  • Autonomie und Autopoiesis
  • Anregungen eines emotionalen Konstruktivismus
  • Erwachsenenpädagogik – Abschiedliche Bildung

Bereits die Kapitelüberschriften zeigen, was sich bei der Lektüre dann bestätigt. Es handelt sich nicht um einen pädagogischen Direktflug von A nach B, bei dem alle wichtigen Themen linear und chronologisch abgehandelt werden. Es handelt sich vielmehr um einen Segelflug, der ein Gleiten, über Themenlandschaften erlaubt und unterschiedliche Blickpunkte bzw. Perspektiven anbietet. Arnold macht Angebote, die Verantwortung für die Navigation übernimmt der Leser, die Leserin.

Diskussion

Eine wesentliche Stärke dieses Buches ist, dass Arnold immer wieder dazu einlädt, genauer hinzuschauen und wesentliche Details der Diskussionen genauer zu betrachten. Der Text bietet dem  Leser und der Leserin die Möglichkeit zu einem geistigen Verweilen in bestimmten Fragenstellen an und ermöglicht es so, die Herausforderung einer "Diskussion in der Tiefe" anzunehmen. Dazu sind neben seinen Ausführungen auch die zahlreichen Verweise bzw. Fußnoten sowie die umfangreiche Bibliografie sehr hilfreich.

Trotz der Flexibilität des Navigierens in den Themen- bzw. Fragestellungen begleitet den Leser, die Leserin ein roter Faden durch das Buch. Rolf Arnold stellt mit dieser Einführung in die  Ermöglichungsdidaktik neue Denkmöglichkeiten des Verhältnisses zwischen Lehre und Lernen dar. Auf der Basis konstruktivistischer Lerntheorien verabschiedet er sich klar von den herkömmlichen Vermittlungsmodellen. Im Zentrum steht stets das Prinzip "Lernen zu lernen". Die Verantwortung für den Lernprozess trägt der Lernende selbst. Der Lehrende muss die dafür notwendigen Voraussetzungen schaffen, um die Selbstlernkompetenz der Schüler zu unterstützen.

Es ist also nicht der Lehrstoff in bisher üblicher Weise zu vermitteln und in der Folge bereits Bekanntes abzufragen, sondern das Interesse des Schülers, der Schülerin für das Wissensgebiet zu wecken und die Erfolge bei seiner Erarbeitung begleitend zu fördern. Dies bedeutet bereits eine wesentliche Weichenstellung zu einem heute viel diskutierten lebenslangen Lernen.

Arnolds dargelegte Thesen sind darauf bedacht, die interdisziplinäre Vielfältigkeit des Faches zu berücksichtigen. So werden u.a. neueste Erkenntnisse erkenntnistheoretischer und gehirnphysiologischer Forschung, methodisch/didaktisches Theoriewissen, systemisch-konstruktivistische Konzepte, Fragen der Lern-Gruppendynamik sowie der Schulentwicklung zur als wesentliche Bausteine zur Entwicklung, zur Aneignung und zur Veränderung von Wissen, Verhalten und Kompetenzen präsentiert.

Fazit

Es ist zu hoffen, dass der verhältnismäßig anspruchsvolle Text von vielen Lehrenden, Erziehern und Pädagogen nicht nur gelesen, sondern bei ihrer Arbeit auch beherzigt wird. So meint Arnold: "Pädagogen müssen lernen ihr Tun mehr von der Wirkung als von den Intentionen her zu denken."


Rezension von
Mag. Andreas Paula
Personalmanagement & Personalentwicklung Die Wiener Volkshochschulen GmbH
Homepage www.vhs.at


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Zitiervorschlag
Andreas Paula. Rezension vom 02.06.2008 zu: Rolf Arnold: Ich lerne, also bin ich. Eine systemisch-konstruktivistische Didaktik. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2007. ISBN 978-3-89670-574-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5201.php, Datum des Zugriffs 26.01.2022.


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