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Jürgen Hargens (Hrsg.): Werkstattbuch systemisches Coaching

Cover Jürgen Hargens (Hrsg.): Werkstattbuch systemisches Coaching. Aus der Praxis für die Praxis. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2007. 160 Seiten. ISBN 978-3-938187-32-6. 25,50 EUR, CH: 44,90 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-938187-64-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Der Titel "Werkstattbuch" und der Untertitel "Aus der Praxis für die Praxis" legen bestimmte Erwartungen nahe. Zunächst einmal die, dass erfahrene Coachs nach dem Modell "Offenes Atelier" einen Einblick in ihre Arbeit gewähren. Dann aber auch die, dass das, was man da zu sehen bekommt, sich in der eigenen Coachingpraxis als hilfreich erweisen wird. Und schließlich auch - jedenfalls bei (selbst)kritischer Haltung - die, dass in jedem Fall eine eigene Leistung dazukommen muss: die der kritischen Auseinandersetzung und eigenen Adaption des Vorgestellten. Alle drei Erwartungen gilt es zu überprüfen.

Kaum ein Coachingansatz kommt heute ohne das Etikett "systemisch" aus. Das hat gute Gründe, denn wer coacht, bekommt es zwangsläufig mit Systemen zu tun: mit dem beruflichen System des Klienten, mit seinem privaten System, mit seinem Glaubenssystem und so weiter. Das Handeln des Klienten oder auch seine Blockaden sind nur im Kontext der ihn bestimmenden Systeme zu verstehen. Aber auf dem Etikett ist für viele Varianten Platz: für Ansätze, die eine systemische Sicht mit gestaltpsychologischer Arbeit kombinieren, für Ansätze, die schwerpunktmäßig mit Inszenierungen und Aufstellungen arbeiten, für Ansätze, die das Neurolinguistische Programmieren einbeziehen und für viele andere Farben und Schattierungen. Das bildet sich auch im vorliegenden Band ab, wobei das gemeinsame Zentrum aller Beiträge im lösungsorientierten Arbeiten in der Tradition der Kurzzeittherapie von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg liegt. Der Spitzensatz lautet in der Formulierung von Daniel Meier: "Der Lösung ist es egal, warum ein Problem entstanden ist." (S. 99 - Die Spitze gegen eine analytisch vorgehende Beratung ist nicht zu überhören.)

Autoren

Michael Dahm-Landsberg ist Diplompsychologe und Geschäftsführer eines Fortbildungsinstitutes in Systemischer Beratung (vgl. www.isiberlin.de). Er ist lehrender Coach der Systemischen Gesellschaft und NLP Trainer. 

Jürgen Hargens, der Herausgeber des Bandes, ist Psychologsicher Psychotherapeut und Fortbildner in eigener Praxis, er ist Gründer und langjähriger Herausgeber der Zeitschrift für Systemische Therapie.

Daniel Meier arbeitet als lösungsorientierter Coach und ist zuständig für die Coachingausbildung beim Weiterbildungsforum in Basel.

Eugen Prehsler ist Unternehmensberater und Coach, er lebt und arbeitet in der Nähe von Wien. (Vgl. www.prehsler.at)

Peter Szab– ist Kurzzeitcoach und Gründer des Weiterbildungsforums Basel, wo er auch Coachs ausbildet.

Aufbau und Inhalt

Drei Vorworte und fünf Beiträge.

Ein erstes Vorwort hat Bernd Schmid geschrieben, der Leiter des "Instituts für Systemische Beratung" in Wiesloch und Autor grundlegender Bücher zur Systemischen Beratung - das erste Zugpferd, das vor den Wagen gespannt wird. Ein zweites, "etwas anderes", Vorwort stellt ein Interview dar, das ein ungenannter Interviewer mit Gerald Grüssl, Experte für Unternehmenskultur und Trainingsentwicklung der Uniqa Human Ressources in Wien, führt - und ihn damit als zweites Zugpferd einspannt. Und ganz gleich, wie weit die Leselust sonst reichen mag - dieses Interview sollten alle lesen, die sich als Coach in irgendeiner Institution (und vor allem in Wirtschaftsunternehmen!) bewerben wollen. Die zentrale Frage, zu der Grüssl um eine Antwort gebeten wird, lautet: "Woran erkennst du kompetentes Coaching?" Und nachdem die Zugpferde parat sind, schwingt sich Hargens, ganz guter Coach, auf den Kutschbock und schreibt unter der Überschrift "Zu diesem Buch" eine kurz gefasste Projektbeschreibung.

  1. Der Charme des ersten Beitrags von Jürgen Hargens: "Vom Therapeuten zum Coach ... oder: Mehr Unterschiede oder mehr Gemeinsamkeiten?" liegt vor allem in dem Abschnitt "Blicke in die Werkstatt". Denn da wird ein Coaching dokumentiert, in dem der Coach das Problem gar nicht kennt - und auch nicht kennen will. Der Klient nennt das Ziel, das ist genug, um an der Lösung zu arbeiten. Mit dieser Gesprächsdokumentation bekommt das, was Hargens zuvor als Auswertung einer eigenen kleinen Umfrage zum Thema Coaching zusammenfasst, Farbe.
  2. Der zweite Beitrag stammt aus der Feder von Michael Dahm-Landsberg: "Vom Navigieren beim Coachen". Coaching kommt ohne "Landkarten" oder, um im Bild zu bleiben, "Seekarten" nicht aus: nämlich Modelle, an denen man sich bei der Arbeit orientieren und an denen man entlang arbeiten kann. Dahm-Landsberg entwickelt ein dreidimensionales Modell, dessen erste Achse die Zeitdimensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft darstellt: "Lösungsfokussiert arbeiten auf der Zeitachse bedeutet also: von der Gegenwart zur ferneren Zukunft zu gehen und danach von der Gegenwart oder der näheren Vergangenheit wieder in die nahe Zukunft." (S. 55) Auf der zweiten Achse werden die Wahrnehmungsperspektiven dargestellt, auf der dritten die unterschiedlichen Reflexions- und Interventionsebenen. Innerhalb dieser Systemmatrix lässt sich im Coaching lösungsorientiert navigieren.
  3. Peter Szab– beschreibt ein wundervolles "Kurzcoaching: 'Papa, kannst du mich coachen?'": Seine dreizehnjährige Tochter bittet ihn um ein Coaching, wie sie bei den verschiedenen anstehenden schulischen Aufgaben Prioritäten setzen kann. Szab– nimmt das zum Anlass, drei grundlegende Fragen der Coachingarbeit zu reflektieren: "Wie lassen sich Kürze und Nachhaltigkeit von Coaching verbinden? Wie ist Coaching aus einer involvierten Rolle möglich? Worin liegt die spezifische Qualität von Coaching im Vergleich zu einem beliebigen anderen nützlichen Gespräch?" (S. 77)
  4. Daniel Meier beginnt seinen Beitrag "Der Lösungsspaziergang" mit zwei Fragen: "Welche Grundannahmen sind hilfreich im Coaching, um in kurzer Zeit zum Ziel zu kommen?" und "Welche Aktivitäten können weggelassen werden, um die Wirksamkeit zu steigern?" (S. 98) Der titelgebende "Lösungsspaziergang" dokumentiert ein 40minütiges Coachinggespräch, die den Weg als Analogie zum Coachingthema nutzt.
  5. Eine solide Chaosresistenz brauchen LeserInnen für den Beitrag vom Eugen Prehsler: "G'schichtln aus dem Wiener Wald ... über Vertrauen, Freude und Energie". Nicht zufällig erinnert Prehsler an den Schöpfungsbericht: aus dem Chaos und durch Worte schafft Gott Wirklichkeit - und Prehsler versteht Coaching als einen gemeinsamen Schöpfungsakt. Der Autor markiert dankenswerterweise bestimmte Stellen seines Beitrages mit "Achtung: Nutzen für die Praxis" oder auch "Achtung: besonderer Nutzen für die Praxis".

Diskussion

Bevor die Diskussion beginnt, will ich festhalten: Dieses Buch gehört mit zum Anregendsten, was ich zum Thema Coaching gelesen habe. Und ich wähle das Attribut "anregend" bewusst: Es gibt Systematischeres, es gibt Differenzierteres, es gibt Vollständigeres, aber wenig, das einen so zu eigener Auseinandersetzung anregt - oder auch dazu, das eine oder andere einfach mal selbst auszuprobieren. Also das Fazit vorweg: Liebe Coachs, dieses Buch gehört gelesen!

Grüssl bringt im Eingangsinterview schon vieles auf den Punkt. Auch das Coachinggeschäft krankt daran, dass sich Bewerber mit sehr unterschiedlichen Qualifikationen auf den Markt begeben. Die Unternehmen brauchen daher Kriterien, die mindestens erfüllt sein müssen, damit ein Coach für sie in Frage kommt. Grüssl nennt: Methodenkompetenz im Sinne einer soliden systemisch-konstruktivistischen Ausbildung, reflektierte Lebenserfahrung und eine klare Wertehaltung. Er betont auch, was in jedem Fall zu vermeiden ist: "eine ertragsgefährdende Psychologisierung von Betriebsgeschehen". (S. 8)

Und das vermeiden gewiss alle hier gesammelten Beiträge und zeigen damit deutlich: Coaching ist keine Supervision und erst recht keine Therapie. Von beidem unterscheidet es sich vor allem durch ein stringent zielgerichtetes Arbeiten, das auf psychologische Tiefungen verzichtet. Es gibt unterschiedliche Schulen, in die man als Coach gehen kann. Die Haltung anderen Schulen sollte nicht lauten: "Was machen die falsch?", sondern: "Was kann ich hier lernen?" Ich bin in eine andere Schule gegangen, kann hier aber vieles lernen. Zum Beispiel, dass jedes Reden über das Problem auch das Problem festhält, statt es loszulassen und dann zu lösen. Zum Beispiel, dass in der systemischen Tradition wirksame "skills" entwickelt worden sind, die den Lösungsprozess voranbringen. Zum Beispiel, dass die Ausnahmen mindestens so spannend sind wie die problematischen Situationen. Zum Beispiel, wie hilfreich die Arbeit auf der Zeitachse ([Gegenwart Zukunft Gegenwart/nähere Zukunft nahe Zukunft (nächster Schritt)] ist. Die Liste ließe sich noch eine ganze Weile fortsetzen: das Buch ist lernträchtig! Und die anfangs genannten ersten zwei Erwartungen sind uneingeschränkt eingelöst: die Autoren gewähren spannende Einblicke in ihre Arbeit, und das, was sie vorstellen, ist bereichernd für die eigene Coachingarbeit.

Bleibt die eigene Auseinandersetzung. Die ausführlich zu führen, ist nicht Sinn einer Rezension, sondern wird die Aufgabe jeder Leserin, jedes Lesers sein. Der Haken, an dem ich hängengeblieben bin, ist dieser: Bei aller Sympathie dafür, sich in der Coachingarbeit nicht im "problem talk" zu verlaufen, halte ich dennoch das Verstehen des Problems für lösungsproduktiv. Etwas versteckt im Buch, aber dennoch nicht zu übersehen, klingt Kritik an einer allzu schnellen Lösungsorientierung an: in der Umfrage von Hargens antworten Klienten auf die Frage: "Was hat Ihnen im Coaching gefehlt?" z.B.: "Manchmal die "Solidarität in der Problemfixierung" und das Mitleiden unter der Last", und auf die Frage: "Was war Ihrer Meinung nach eher hinderlich im Coaching?" z.B.: "Eher, aber selten: schnelle Lösungsorientierung." (S. 21) Und Meier schreibt unter der Überschrift "Wertschätzung der Problemstellung": "Das gezielte Ausrichten der Kommunikation in Coachinggesprächen auf Kompetenzen, Ziele und Lösungen könnte den Schluss nahe legen, dass wir die vom Kunden als problematisch erlebte Situation zu wenig ernst nehmen oder gar abwerten." (S. 105) Natürlich bedeutet Lösungsorientierung nicht, das Problem zu überspringen. Gleichwohl ist es wichtig für Klienten, sich mit ihrem Problem zunächst einmal angenommen und aufgehoben fühlen zu können - Teil der beraterischen Empathie.

Ohne das zu Ende diskutieren zu wollen: systemische Methoden verleiten dazu, sie wie Werkzeuge zu benutzen - zumal sie meistens "funktionieren". Deshalb ist es wichtig, dass systemisches, lösungsorientiertes Arbeiten eingebettet ist in ein klares Konzept, das tragfähige Aussagen über Menschenbild, beraterische Werthaltungen und psychologische Hintergrundtheorien macht. Bei allen im Band versammelten Beiträgen ist das dankenswerterweise der Fall.

Fazit

Ein wirklich gelungener, anregender Band, den man als Coach gelesen haben sollte!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 05.11.2007 zu: Jürgen Hargens (Hrsg.): Werkstattbuch systemisches Coaching. Aus der Praxis für die Praxis. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2007. ISBN 978-3-938187-32-6.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-938187-64-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5208.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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