Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ilse Achilles: [...] Geistige Behinderung und Sexualität

Rezensiert von Dipl.-Psych. Lothar Sandfort, 06.05.2003

Cover Ilse Achilles: [...] Geistige Behinderung und Sexualität ISBN 978-3-497-01768-3

Ilse Achilles: Was macht Ihr Sohn denn da? Geistige Behinderung und Sexualität. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2005. 4., überarbeitete Auflage. 135 Seiten. ISBN 978-3-497-01768-3. 14,90 EUR. CH: 26,80 sFr.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-497-02662-3 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Einführung in das Thema

Allenthalben Hilflosigkeiten. Überall redliches Bemühen. Insgesamt turbulenter Stillstand. Kongresse, Seminare, Mitarbeiterschulungen, Verbandstagungen, Elternfortbildungen - und es tut sich nichts.

Im Kopf ist alles klar: Geistigbehinderte haben wie alle behinderten und nichtbehinderten Menschen ein Recht auf ein Leben mit Sexualität. Alles ist erlaubt, was andere nicht verletzt.

Eltern haben ihre Töchter und Söhne behutsam zu unterstützen bei deren sexuellen Reifung. Mitarbeitende in Einrichtungen helfen ganz unbefangen ihren Schutzbefohlenen in der Kunst der unbeschwerten Liebe.

Und im Bauch, da dreht sich der Magen.

Nachdem alle Verdrängungsstrategien vor der Macht der Hormone kapituliert haben, hat sich die Pädagogik auf die Suche nach der gelungenen Vereinigung von (Geistiger-)Behinderung und Sex gemacht. Einige Postulate sind - wissenschaftlich gestützt - schon anerkannt:

  • Geschlechtergetrennte Unterbringung widerspricht dem Normalisierungsprinzip der Pädagogik.
  • Zwangssterilisation widerspricht dem Schutzauftrag der Verfassung.
  • Verbote und Strafen treiben die Betroffenen in die Büsche.
  • Unterlassene Aufklärung fördert den Missbrauch.
  • Dauernde Ablenkung ist sehr aufwendig und letztlich nicht machbar.

Die Hormone haben obsiegt und werden es immer tun. Gerade und ausgerechnet bei Geistigbehinderten, bei denen die traditionelle Zuchtmeisterin der Sexualität, die Vernunft, es besonders schwer hat. Je mehr Zwang, moralischer Druck, Unwissenheit und medikamentöse Beruhigung an Akzeptanz verlieren, desto mehr nimmt die Ratlosigkeit zu.

Denkbar wäre die freie, die erfüllte Sexualität für geistig Behinderte ja, aber fördern kann sie doch wirklich nur, wer selber freie und erfüllte Sexualität lebt. Wer tut das schon? Im Gegenteil, jeder Versuch, Behinderte sexuell zu fördern, führt an die eigenen, mühsam verdrängten Grenzen der Sexualität. Bis hier und nicht weiter.

So ist zu bekennen, dass es heute, nach einigen Jahren der sexuellen Revolution in der elterlichen und professionellen Pädagogik, klemmt. Wichtigste Ursache: Angst. Sexualität kann mensch nun leider nicht behandeln wie Verpflegung. Sexualität erlaubt keine berufliche oder elterliche Annäherung, immer ist man schon mit eigenen Ängsten und Unsicherheiten verwickelt.

Zu den beängstigenden Wirrungen kommt noch die Tatsache, dass der Sinn all der lustbetonten Hormone Schwangerschaft ist. Und das - um Gottes Willen. Wenn es doch passiert, stürzt sich ein Heer von Professionellen auf die junge Familie, die eine besondere ist und immer sein wird. Es gilt dann zu beweisen, dass das in der Regel nichtbehinderte Kind nicht zu kurz kommt. Es steht unter dem Beweis-Druck, besonders gut zu geraten, nach den Erziehungsidealen der Mittelschichts-Pädagogik. Damit ist das Scheitern der so beschützten Familie vorprogrammiert und die Prophezeiung strebt aus eigener Kraft ihrer Erfüllung entgegen.

Aufbau und Inhalte

Ilse Achilles setzte mit ihrem Buch einen ersten Meilenstein in der Entwicklung der sexuellen Revolution innerhalb der Pädagogik für Geistig- bzw. Lernbehinderte. Wer diesen Prozess nachempfinden will, wird dieses Buch lesen müssen und es sogar gerne tun. Besonders die Kapitel, in denen Ilse Achilles als erfahrene Mutter eines geistigbehinderten Sohnes aus dem Leben berichtet oder berichten lässt. Es gelingt ihr, die Hilflosigkeit aller Beteiligten sehr eingängig zu beschreiben, besonders die Hilflosigkeit der Eltern.

Das kleine Werk ( 137 Seiten) ist als Hilfestellung von betroffenen Eltern für ebensolche gedacht. Zunächst bringen Lebensgeschichten der Autorin und anderer Eltern der Zielgruppe die Botschaft: "Ihr seid nicht allein". Dann folgen Hilfestellungen:

Zunächst das klare Bekenntnis der Autorin zur notwendigen Aufklärung. Hier führt sie ein Interview mit einem anerkannten Wissenschaftler, der auch das Vorwort zum Buch geschrieben hat: Professor Dr. Joachim Walter.

Dann reißt sie in kurzen Kapiteln die wichtigsten Themen an: Pubertät, Missbrauch, Verhütung, Sterilisation, Kinderwunsch, Heirat, Homosexualität, Prostitution.

In manchen Kapiteln, etwa in dem zur Verhütung und Sterilisation, kommen die Beschreibungen nicht über den sachlich, einschläfernden Charakter einer Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder des Justizministeriums hinaus. Andere Kapitel, wie die zum sexuellen Missbrauch, zum Kinderwunsch, zur Homosexualität, sind wieder sehr lebensnah und überzeugend.

Jedes Kapitel bringt wertend die Meinung der Autorin zum jeweiligen Unterthema zum Ausdruck. Die Wertung gibt dann gleichzeitig den Meinungsstand der vielen Kongresse wieder, auf denen die Autorin in den letzten Jahren vertreten war, jedenfalls den Meinungstand der Mehrheit.

Für viele betroffene Eltern sind diese Meinungen nach wie vor schwer hinzunehmen. Es war eben doch alles viel leichter und vor allem sicherer, als die Sterilisierung ohne Einwilligung noch möglich war, als Aufklärung noch nicht zur Pflichtaufgabe der Erziehenden geworden war, als das Thema Prostitution noch zum Undenkbaren gehörte. Resignation, Depression, Aggression, Fettleibigkeit der Behinderten wurden als sichere Konsequenzen hingenommen und ihr Zusammenhang mit unerfüllten sexuellen Sehnsüchten schlichtweg geleugnet.

Leider schreit das Thema "Käuflicher Sex" in dem Buch nach einer vierten überarbeiteten Auflage, denn neuere Erfahrungen von Sexualbegleiterinnen mit geistig Behinderten und umgekehrt fehlen in dem Kapitel. Auch der Stand der Entwicklung Körperbehinderter mit Prostitution, den die Autorin beschreibt, ist nicht mehr aktuell.

Für das letzte Kapitel "Alltag mit Zukunft" wählte Ilse Achilles einige modernere Einrichtungen für geistig Behinderte aus. Besonders die Selbstbeschreibungen der Einrichtungen hätte ich gern etwas mehr kommentiert und gewertet. Etwa die Darstellung eines Sozialdienstleiters, der ohne Argwohn beschreibt, wie in seiner Einrichtung Probleme weg organisiert werden: "Alles in Ordnung(!) bei uns". Ilse Achilles will eigentlich mit diesem Kapitel den Eltern Geistigbehinderter Mut machen, ihr Kind in einer Einrichtung erwachsen werden zu lassen, selbstbestimmter und selbstbewusster - mit Möglichkeiten zur Partnerschaft und Sexualität.

Das ist der größte Verdienst der Autorin: Sie wird von den Eltern als Peer angenommen und darum werden ihre Beschreibungen moderner pädagogischer Standards leichter von diesen akzeptiert.

Zusammenfassung

Mit dem Werk "Was macht Ihr Sohn denn da?" hat Ilse Achilles ein Buch in die Diskussion eingebracht, das Pädagoginnen und Pädagogen gut einsetzen können in ihrer Elternarbeit. Für Eltern, die sich dem Thema Sexualität und Behinderung annähern, ist es eine wichtige Hilfe und ein Meilenstein in der Diskussion zum Thema Sexualität und Behinderung. Allerdings nur ein Anriss und nicht mehr ganz aktuell. Ilse Achilles schreibt aus der Peer-Perspektive und bekommt so besten Zugang zu den oft verunsicherten Eltern. Das kleine Werk lässt sich gut lesen, besonders in den Passagen, die aus dem vollen Leben berichten.

Das Buch kann durch seine Anschaulichkeit und Vielfalt zudem gut in die Ausbildung von Nachwuchskräften einbezogen werden. Es geht dabei nicht sehr ins Detail.

Allerdings ist das Buch leider nicht in der Lage, den momentanen Stillstand in der Entwicklung der Sexualpädagogik und im (un-)erotischen Alltag Geistigbehinderter zu erklären. Aber wer kann das schon?

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 3. Auflage 2002 (ISBN 3-497-01604-7).

Rezension von
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor und Coach für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
Mailformular

Es gibt 24 Rezensionen von Lothar Sandfort.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 06.05.2003 zu: Ilse Achilles: Was macht Ihr Sohn denn da? Geistige Behinderung und Sexualität. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2005. 4., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-497-01768-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/521.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht