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Dietrich Eggert: Von den Stärken ausgehen

Cover Dietrich Eggert: Von den Stärken ausgehen ... Individuelle Entwicklungspläne (IEP) in der Lernförderdiagnostik. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2007. 5., verb. und überarbeitete Auflage. 326 Seiten. ISBN 978-3-86145-291-1. 29,90 EUR.

Unter Mitarbeit von Christina Reichenbach/Christina Lücking. Mit CD-ROM.
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Autor und Autorinnen

Dietrich Eggert ist Psychologe und Professor für "Psychologie bei sonderpädagogischem Förderbedarf" an der Universität Hannover.

Christina Reichenbach ist Diplom-Pädagogin mit Schwerpunkt Psychomotorik und verwaltet zur Zeit die Professur für "Psychologie bei sonderpädagogischem Förderbedarf" an der Universität Hannover mit den Schwerpunkten Psychomotorik, Selbstkonzept und förderungsorientierte Diagnostik.

Christina Lücking ist Diplom-Pädagogin mit Schwerpunkt Psychomotorik, zur Zeit ist sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hannover tätig.

Thema

Seit nunmehr ca. 30 Jahren ist in der Sonderpädagogik vom Paradigmenwechsel die Rede. Dieser Wechsel geht unter anderem einher mit dem Wandel von der "Konstanz- zur Veränderungsannahme", von der "Segregation zur Integration", von der "Typologisierung und Klassifizierung zur Individualisierung" und betrifft auch die sonderpädagogische Diagnostik deutlich und vielleicht sogar besonders. Ist er doch verbunden mit und teilweise auch begründet durch ein "Unbehagen an der Diagnostik". Im Rahmen dieses Wandels wurde zunehmend gefordert, die Beschreibung von Defiziten aufzugeben zugunsten von Angaben zu den individuellen Kompetenzen und Ressourcen. Damit war und ist notwendigerweise auch eine veränderte methodische Herangehensweise an sonderpädagogisch-diagnostische Fragestellungen gefordert, die das statusdiagnostische und defizitorientierte auf Selektion und Segregation ausgerichtete Herangehen durch ein prozessbegleitendes und öko-systemisches im Sinne einer Kind-Umfeld-Analyse ersetzt. Für die schulische wie außerschulische sonderpädagogische Praxis bedeutet dies die Notwendigkeit, umzudenken und  sich mit neuen Verfahren vertraut zu machen. Auch ist, um diesen Forderungen gerecht werden zu können, die Entwicklung neuer Verfahren zur Erhebung des individuellen Lern- und Entwicklungsstandes in Verbindung mit der Konzeption konkreter Fördervorschläge erforderlich.

Aufbau

Das Buch umfasst vier Teile.

1. Paradigmenwandel in der Sonderpädagogik und Bedeutung für die sonderpädagogische Diagnostik

An diesem Punkt setzt Eggert mit seinem Buch an. Er stellt in den ersten beiden Kapiteln die historische Entwicklung (sonder-)pädagogischer Klassifikationssysteme und der zugehörigen Testverfahren vor. Diese Kapitel können auch als Lehrbuch verwendet werden, denn die Grundannahmen der "klassischen" Testdiagnostik und die Grundlagen der Testtheorie werden hier knapp und verständlich vermittelt. Wobei jeweils zunächst der traditionelle Standpunkt erläutert und anschließend kritisch hinterfragt wird, so in dem "Kommentar zur Reliabilität aus förderdiagnostischer Sicht: Reliabilität - eher ein Albtraum als eine hilfreiche Konstruktion!" (S. 47). Der Autor bezieht sich hier allerdings ausschließlich auf Tests, die bestimmte Persönlichkeitsmerkmale messen sollen, wie den IQ oder den MQ, die Erhebung des Lernstandes in einzelnen Fächern wird nicht berücksichtigt. Der kritischen Betrachtung des Vorgehens gemäß der "klassischen" psychometrisch und klassifikatorisch orientierten Diagnostik und deren Gütekriterien folgt die Darstellung eines an qualitativen Methoden orientierten Vorgehens als einer Alternative, die der Frage nach dem individuellen Förderbedarf eines Kindes besser gerecht werden soll. Auch hier setzt sich Eggert mit möglichen Kritikpunkten auseinander. Vor allem aber werden detaillierte Hinweise für das konkrete Vorgehen und die Anforderungen an die Qualifikation der SonderpädagogInnen angeführt.

Nach einem kurzen Überblick über die Entwicklung der Sonderschulen geht Eggert hier auf die aktuellen Tendenzen zur integrativen Beschulung von Kindern mit besonderen Förderbedürfnissen ein. Er betrachtet die Verordnungen zur Überprüfung auf sonderpädagogische Förderbedarf in Hinblick auf erforderliche Veränderungen des diagnostischen Vorgehens. Informationen, die für die Entscheidung über den am ehesten geeigneten Förderort durch eine Förderkommission herangezogen werden sollten, werden unter Orientierung an den "Niedersächsischen Verwaltungsvorschriften zur Verordnung über sonderpädagogische Förderung" benannt. Eggerts Vorschläge wirken einerseits idealtypisch, er gibt aber gleichzeitig auch sehr konkrete Hinweise für deren Umsetzung in die Praxis.

2. Neue methodische Vorgehensweisen in der sonderpädagogischen Diagnostik

In diesem Teil des Buches werden verschiedene methodische Herangehensweisen an (son-der-)pädagogische Fragstellungen vorgestellt und erklärt, wie Verhaltensbeobachtung, Befragung, Interview und Arbeitsproben der Kinder zu kreativen Aufgaben zur Informationsgewinnung beitragen können. Zur Erhebung des Lernstandes schlägt der Autor "Informelle Aufgabensammlungen: Diagnostische Papiere" vor, die auch und gerade von Gruppen von Grundschullehrern gemeinsam erstellt werden könnten. Die in großer Zahl und überwiegend guter Qualität vorliegenden normierten und/oder standardisierten und nicht-standardisierten Schulleistungstests spricht er leider nicht an. Diese können aber gerade "Diagnostik-Anfängern", wenn sie entsprechend ausgewählt werden und der Fragestellung entsprechen, Sicherheit geben und Hinweise aufzeigen, worauf auch in freien Beobachtungssituationen geachtet werden sollte. Auch die eigentlich wertvolle Anregung, einzelne Items aus vorliegenden Tests zu verwenden, sie aber nur qualitativ auszuwerten, setzt sehr gute Kenntnisse über die jeweiligen Verfahren voraus. Dies erscheint umso verwunderlicher, als Eggert zwei Kapitel vorher den zu geringen Anteil der Diagnostik in der universitären Ausbildung beklagt. Stattdessen stellt er ausführlich die von ihm (mit-) entwickelten diagnostischen Inventare (DMB, DIAS etc.) vor.

In einem Unterkapitel wird die Gutachten- und Förderplanerstellung ausführlich beschrieben. Ganz im Sinne eines guten Lehrbuch mit Formulierungsbeispielen für angemessene, ressourcenorientierte und für unpassende, defizitorientierte Beschreibungen. Auf diese Punkte geht der Autor in Zusammenhang mit der Vorstellung des Konzepts des "Individuellen Förder- und Entwicklungsplans" im folgenden Kapitel erneut ausführlich ein.

3. Konzept des "Individuellen Förder- und Entwicklungsplans (IEP)"

Eggert stellt die Überlegungen hinter der Konzeption von "Individuellen Förder- und Entwicklungsplänen (IEPs)" ausführlich dar. Sie sind insbesondere zur Informationssammlung im Rahmen der integrativen Beschulung von Kindern mit besonderem Förderbedarf als prozessbegleitende Dokumentation für Grundschul- und SonderpädagogInnen und als Grundlage für mögliche Fördergutachten gedacht.

Der IEP wird ausführlich vorgestellt und seine Verwendung anhand von Beispielen illustriert. Glossare zu den einzelnen Beobachtungsbereichen geben ausführliche Hinweise zu den zu beobachtenden Inhalten. (Weitere Beispiele und die Formulare für unterschiedliche Formen von IEPs befinden sich auf der dem Buch beiliegenden CD-rom: IEP-Kindergarten, IEP-Grundschule, IEP-Vorschule, IEP-Förderschule, IEP-Sek I, IEP-Migranten, IEP-Motopädie, IEP-Selbstkonzept, IEP-Hochbegabung, IEP- Kinder mit Verhaltensbeeinträchtigung, IEP-Motopädie, IEP-Motorik.)

Als mögliche Ergänzung und Informationsquelle zur Arbeit mit dem IEP regt Eggert den Einsatz von Lernportfolios als Möglichkeit einer individualisierten Diagnostik an. Der Autor versteht darunter "eine zielgerichtete Sammlung von Schülerarbeiten, welche die Anstrengungen des Lernenden, den Lernfortschritt und die Leistungsresultate auf einem oder mehreren Gebieten zeigt" (S. 264). Ziel ihres Einsatzes ist, die Schüler an ihrem individuellen Lernprozess und den Lernwegen (Einzel- oder Gruppenarbeit etc.) aktiv zu beteiligen, sie zur Reflexion ihres Lernens anzuregen und nicht zuletzt die Ergebnisse dieser Prozesse Mitschülern, Eltern und anderen zu präsentieren. In diesem Teil des Buches wird die Bedeutung, die Eggert der Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts beimisst, besonders deutlich.

Ein Exkurs von Christina Lücking beschreibt die mögliche Nutzung von Individuellen Förder- und Entwicklungsplänen für die interne Evaluation in der Schule. Allerdings werden hier die allgemeinen Grundlagen der Qualitätssicherung im sozialen und insbesondere dem schulischen Arbeitsfeld wesentlich ausführlicher dargestellt, als die spezifische Verwendung von IEPs, wobei diese auch aus sich evident erscheint.

4. Gedanken zu einem systemischen Herangehen in der sonderpädagogischen Diagnostik

Abschließend greift Eggert seine bis dahin ausgeführten Überlegungen zur Diagnostik erneut auf und entwirft ein systemisches Modell für eine sonderpädagogische Diagnostik. Wie bereits in den vorangehenden Teilen des Buches auch hier mit konkreten Hinweisen für die Umsetzung in der pädagogischen Praxis.

Inhalt der CD-ROM

  1. Grundlagentexte von Eggert: insgesamt nur drei
  2. IEP-Formulare zur Bearbeitung für unterschiedliche Gruppen (z. B. Migranten, Hochbegabte, Kinder mit Verhaltensbeeinträchtigung), soweit vorliegend Lang- und Kurzfassung
  3. IEP Fallbeispiele: ausgefüllte IEP-Bögen
  4. weitere Materialien: Elternfragebogen, Bögen zur Selbsteinschätzung durch Kinder bzgl. Psychomotorik, Inventar von Alltagshandlungen von Vorschulkindern
  5. Beispiele andere Länder: IEP-Bögen aus England, Luxemburg
  6. IEP in der Wirtschaft: im Rahmen der Personalentwicklung

Diskussion

Eggerts Buch stellt in weiten Teilen auch ein Lehrbuch der sonderpädagogischen Diagnostik dar. Es verbindet die Vermittlung sonderpädagogisch-diagnostischen Grundlagenwissens mit der Vorstellung verschiedener Verfahren im Rahmen einer "ganzheitlichen individuumorientierten" und "öko-systemischen" Diagnostik. So werden zunächst unterschiedliche diagnostische Modelle und deren wissenschaftstheoretische Grundlagen gerade auch vor dem Hintergrund des Paradigmenwechsels in der sonderpädagogischen Diagnostik vorgestellt und auf das durch sie mitbedingte "Unbehagen an der Diagnostik" bei den zur Umsetzung verpflichteten Praktikern hingewiesen.

Das umfangreichste Kapitel des Buches ist der Vorstellung der "Individuellen Entwicklungs- und Förderpläne (IEPs)" gewidmet, deren verschiedene Versionen auch als Formulare auf der beiliegenden CD-rom zum Ausdrucken zur Verfügung stehen. Hier ist hervorzuheben, dass auch ein Formular zur Einschätzung des Selbstkonzepts vorliegt, ein Aspekt, der leider bisher häufig ein Desiderat bei sonderpädagogischen Gutachten war, denn (psychologische) Fragebögen zum Selbstwertgefühl und Selbstbild erscheinen oft wenig geeignet.

Den Begriff "Test" fasst Eggert sehr eng, indem er darunter ausschließlich normierte Verfahren zu verstehen scheint, können doch aber auch standardisierte nicht-normierte Verfahren, wie das DMB und das DIAS als Tests im weiteren Sinne bezeichnet werden. In diesem Zusammenhang ist auch der sehr hohe Anspruch an LehrerInnen zu hinterfragen, die im Team ihre eigenen Erhebungsinventare entwickeln sollen. Dies erscheint gerade für Berufsanfänger noch außerordentlich schwierig. Demgegenüber sind die Hinweise zur Gutachtenabfassung, wenn auch teilweise redundant, für Studierende und Praktiker sehr hilfreich, nicht zuletzt weil sie auch anhand von Beispielen für "Gift-" und "Goldsätze" Beispiele für Formulierungen in sonderpädagogischen Gutachten vermitteln.

Fazit

Insgesamt ein für Studierende der Sonderpädagogik wichtiges und für praktisch Tätige sicher wertvolles und hilfreiches Buch.


Rezension von
Dr. Inge Brachet
Gastprofessorin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Diagnostik und Psychologie im Förderschwerpunkt Lernen
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Zitiervorschlag
Inge Brachet. Rezension vom 17.01.2009 zu: Dietrich Eggert: Von den Stärken ausgehen ... Individuelle Entwicklungspläne (IEP) in der Lernförderdiagnostik. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2007. 5., verb. und überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-86145-291-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5211.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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