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Thomas H. Eriksen: [...] zwischen Schnelligkeit und Langsamkeit

Cover Thomas H. Eriksen: Die Tyrannei des Augenblicks. Die Balance finden zwischen Schnelligkeit und Langsamkeit. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2002. 237 Seiten. ISBN 978-3-451-27773-3. 19,90 EUR.
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Das Thema

In dieser "Bestandsaufnahme des Informationszeitalters" (Umschlagtext) soll die Informationsgesellschaft mit ihrem ständigen Zwang zu Beschleunigung, sich überlagernden Aktionen und verkürzter Aufmerksamkeit untersucht werden. Dabei begreift sich Eriksen nicht als fundamentalistischen Bilderstürmer, sondern als Verfechter einer humanistischen Moderne und will Auswege aus den schädlichen Tendenzen des Informationszeitalters aufzeigen.

Der Autor / der Hintergrund

Thomas H. Eriksen lehrt Kulturelle und Soziale Anthropologie an der Universität Oslo.

Eriksen betrachtet sich als kosmopolitischen Wissenschaftler, der im Prinzip die Informationsgesellschaft bejaht und sich von einer kulturellen und politischen Globalisierung auch einen globalen Humanismus verspricht.

Der Herder-Verlag hat sich schon in anderen Veröffentlichungen der gleichen Reihe mit der modernen Beschleunigung und ihrer Auswirkung auf den Menschen beschäftigt und mit Karl-Heinz Geißlers Buch "Vom Tempo der Welt" bereits ein sehr kritisches Buch zum Thema aufgelegt.

Der Inhalt

Die Idee zum vorliegenden Band kam Eriksen, als er 1999 für ein Forschungs-Semester von seinen Lehrverpflichtungen befreit war, es ihm aber trotzdem nicht gelang, sich kontinuierlich einem Forschungsprojekt zu widmen. Berge von E-Mails, Briefen, Fachveröffentlichungen und Telefonaten machten deutlich: Täglich sind so viele Informationen zu verarbeiten und zu beantworten, dass eine konzentrierte Arbeit an längerfristigen Projekten nicht mehr möglich ist.

In acht gemächlich geschriebenen Kapiteln, die untereinander und in sich durch einen ruhigen roten Faden verbunden sind, breitet Eriksen seine Thesen so aus, dass auch die Lektüre Muße braucht und so auch das Buch als Werk der Beschleunigung entgegenwirkt.

Hier einige von Eriksens Thesen, die ich besonders interessant und ansprechend fand:

Die ständige Gegenwart einer "hysterischen Folge gesättigter Augenblicke" (15) mit vielen kurzfristigen und parallel laufenden Aktivitäten verschlingt Zukunft wie Vergangenheit gleichermaßen. So entsteht die "Tyrannei des Augenblicks", die dem Buch seinen Titel gegeben hat.

Im Umbau zur weltweiten Informationsgesellschaft finden folgende Entwicklungen statt :

  • von Vertrautheit zu Neuheit
  • von Sicherheit zu Freiheit
  • von Kommunitarismus zu Liberalismus
  • von Gemeinschaft zu Individuum
  • von Wurzeln zu Impulsen
  • von Fundamentalismus zu Ambivalenz
  • von Vergangenheit zu Zukunft
  • von Kontinuität zu Veränderung
  • von Reife zu Jugend (51)

Knapp werden dagegen folgende Güter:

  • "Langsame Zeit
  • Sicherheit
  • Vorhersagbarkeit
  • Zugehörigkeit, stabile personale Identität
  • Zusammenhang und Einsichtigkeit
  • Kumulatives, lineares, organisches Wachstum
  • wirkliche Erfahrungen (die weder ironisch noch durch die Massenmedien vermittelt sind)" (51)

Obwohl Schnelligkeit eine Droge ist, die süchtig macht (89), stößt die Hochgeschwindigkeit schnell an ihre Grenzen. Schnelle Autos stehen im Stau und der übervolle Luftraum macht die Zeitersparnis durch Flugreisen mit Verspätungen zunichte. So schlägt die Beschleunigung oft in ihr Gegenteil um und auch die Folgen rasanter Informationsüberflutung sind nicht berechen- oder absehbar.

Anhand von mathematischen Beispielen zeigt Eriksen, wie exponentielles Wachstum, wie wir es heute vorfinden, bald unabsehbare Entwicklungen zeigt. In die konstant bleibende Zeit wird immer mehr Information, Konsum, Bewegung und Aktivität gepresst (144) und die Auswirkungen für die psychische und physische Stabilität der Menschen sind noch nicht absehbar. Wo nur noch gezappt und gelöscht wird, wird auch die einzelne Information redundant und flach.

Das beschleunigte Berufsleben befreit zwar von starren Arbeitszeiten, aber die gewonnene Flexibilität wird mit ständiger Verfügbarkeit und Erreichbarkeit bezahlt, die das Privatleben zerrüttet. (176ff.) "Der Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit verschwindet. Die Arbeit siegt." (179) und: "Rastlosigkeit ist der siamesische Zwilling der Flexibilität." (180) Auch Familien- und Liebesleben werden rationell und mit schnellem Wechsel (serielle Monogamie) der Beschleunigung unterworfen (184ff.). Trotz dieser Beschleunigung müssen aber alle stets jugendlich bleiben und dürfen nicht rasten (190 ff.).

Wo Menschen gezwungen sind, plötzlich innezuhalten, also unvorhergesehen schnelle und langsame Phasen wechseln, entsteht Ungeduld (202).

Eriksen plädiert dafür, sowohl schnelle wie langsame Zeit sehr bewusst zu nutzen. Da, wo stumpfsinnige Arbeit, Routine und seelenlose Tätigkeit ersetzt werden kann, sollen die modernen Informationstechnologien ihren Platz haben (215ff.). Aber über all da, wo langsame Zeit notwendig ist, im Familienleben, in der Wissenschaft, in der kreativen Tätigkeit, bei der Lektüre, sollen Familien, Gesellschaft und Organisationen ganz bewusst Langsamkeit fördern und wertschätzen.

Bewusst soll der Mensch zwischen schneller und langsamer Zeit pendeln (222) und seine Informationen nach dem Motto "weniger ist mehr" nutzen (226).

Wie genau eine solche Balance allerdings zu verwirklichen ist, weiß auch Eriksen nicht. Wenn auch beispielsweise die Idee einer Mengenbegrenzung für die Produktion von wissenschaftlichen Texten originell ist und die Forderung nach handy-freien Zonen im öffentlichen Raum recht konkret, bleib Eriksen doch mit den meisten seiner Vorschläge recht allgemein und vage.

Die Stärke von Eriksens Buch liegt eher in der Analyse der Überforderungen und der Schäden der Informationsgesellschaft.

Zielgruppen und Fazit

Wer die Diskussion zu den Gefahren der Informationsgesellschaft und des beschleunigten Lebensstils und zu der Forderung nach Entschleunigung verfolgt hat, wird in Eriksens Buch wenig neue Aspekte finden.

Wer sich jedoch erstmals mit dem Thema beschäftigt und eine anregend geschriebene Einführung in die aktuelle Kritik am Lebensstil der beschleunigten Informationsgesellschaft wünscht, ist mit Eriksens Buch gut bedient.


Rezension von
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 08.04.2003 zu: Thomas H. Eriksen: Die Tyrannei des Augenblicks. Die Balance finden zwischen Schnelligkeit und Langsamkeit. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2002. ISBN 978-3-451-27773-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/522.php, Datum des Zugriffs 17.02.2020.


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