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Klaus Henrichs: Rauchen. Ein soziales Problem

Rezensiert von Prof. Dr. Stephan Quensel, 29.01.2008

Cover Klaus Henrichs: Rauchen. Ein soziales Problem ISBN 978-3-8364-0190-6

Klaus Henrichs: Rauchen. Ein soziales Problem. VDM Verlag Dr. Müller (Saarbrücken) 2006. 107 Seiten. ISBN 978-3-8364-0190-6. 49,00 EUR. CH: 79,00 sFr.
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Das Anliegen

Im Grunde liegt es auf der Hand, wie man gegen das Rauchen vorgehen soll: Zunächst das Problem umreißen, dann dessen Ursache finden, um diese schließlich möglichst früh und umfassend präventiv aus dem Wege zu räumen. Doch leider ist die Lage komplizierter: Zu viele Meinungen, zu komplex der ganze Sachverhalt. Da wäre es gut, ein paar Leitlinien zu besitzen, die das Ganze durchstrukturieren.

Zum Inhalt

In diesem Sinne beginnt der Autor mit den üblichen "gesundheitlichen Folgen des "Genusses"" (S.3ff): Passivrauchen, "Abhängigkeitstreppe", Sucht, Mortalität und volkswirtschaftliche Schäden. Gegen letztere darf man freilich nicht den "Vorteil der Sozialkassen durch das frühere Ableben der Raucher" kompensatorisch einsetzen, da dies gegen Art. 2 Abs. I und II, Art. 1 Grundgesetz verstieße (S.11f) - ein etwas seltsames "interdisziplinäres" Argument, das, erwünscht, den Schaden behält, den "Nutzen" dagegen außer Ansatz lassen soll.

Eine gesundheitliche Gesamtbelastung, die umso deutlicher wird, je negativer die sozioökonomische Lage ausfällt (13). Das ist "Das soziale Problem". Diese "sozial Benachteiligten" kompensieren nämlich ihre desolate Situation - eine "Agglomeration von Risikofaktoren" - durch verstärktes Rauchen: "Der unteren Schicht bringt das Rauchen in Bezug auf die Lebenssituation zwei ableitbare Vorteile. Es hilft erstens über die Enttäuschung der mangelnden Anerkennung hinweg (psychogene Wirkung) und zweitens hilft es die gesellschaftlich vorgegebenen Anforderungen zu erfüllen, die funktional in einer hocharbeitsteiligen Gesellschaft den unteren Schichten auferlegt werden"(25). Diese Risiken könnten nun "nur dadurch kompensiert werden, dass Schutzfaktoren in entsprechend größerem Umfang in der unteren Schicht zur Verfügung ständen. Dies scheint aber gerade nicht der Fall zu sein"(26): Höhere Belastung bei gleichzeitiger "Kompetenz-Behinderung" - voilà die Ursache dieses sozialen Problems.

Hiergegen vorzugehen misslingt der gegenwärtigen "Suchtpräventionspolitik in Deutschland". Teils wegen deren administrativen und föderalen "Fragmentierung der Akteure, ihrer Kompetenzen und der Verteilung der finanziellen Ressourcen" (35); teils "wegen der widerstrebenden politischen Interessen (Lobbyisten)" (41) und teilweise auch wegen der "eingeschränkten Medien- und Gesundheitskompetenz der sozial Schwachen" (45), die zudem "im weiterhin sozial benachteiligten Leben als aktive Lebenkompetenzen wieder degenerieren" kann (49).

Ein Blick auf die sonst kaum vergleichbare Präventions-Situation in den USA könne die Bedeutung des Nichtraucher-Schutzes und der öffentlichen Meinung unterstreichen (57). In Europa böten die Niederlande Hinweise für ein effizienteres Erziehungssystem, während die skandinavische Hochpreis-Politik bei uns kaum anwendbar sei (67).

Insgesamt müssten deshalb mögliche Konsequenzen vier "Vorgaben" erfüllen:

  1. Eine vernünftige Zielsetzung, die "nicht gänzlich auf einen moderaten Drogenkonsum verzichten" will (69);
  2. Eine "Sensibilisierung" der Bevölkerung als Basis für eine zureichende Gesetzgebung;
  3. Eine "soziale Differenzierung als Element der Funktionszuordnung innerhalb der arbeitsteiligen Gesellschaft durch die Bewertung der jeweiligen Qualifikationen für die soziale Stellung innerhalb der Gesellschaft"(72) und
  4. ein "strukturelles Empowerment, das sich lebensbegleitend der Entwicklung des Individuums anschließt" (73). Dabei müssten insbesondere "diejenigen in ihrer Einsichts- und Sozialkompetenz geschult werden, die (später) für die gesellschaftliche Verteilung der Ressourcen verantwortlich sein werden. Gemeint sind vor allem Kinder und Jugendliche der Mittel- und Oberschicht" (75).

Im Einzelnen sollten diese Maßnahmen von der Hebamme über die "Familiengesundheitsschwester", über Kindergarten und Schule jeweils mit "Erziehungsverträgen" zwischen Eltern, Lehrern und Schülern, sowie mit Hilfe einer Gesundheits-"Zertifizierung" von Schulen und Arbeitsstellen bis hinein in eine Änderung des Grundgesetzes mitsamt einer weitreichenden "Umstrukturierung des Föderalismus" im Rahmen einer dafür einzurichtenden "Bundesversammlung" (98) reichen.

Fazit

Natürlich wäre es nicht ganz gerecht, so eine Anfängerarbeit allzu sehr zu kritisieren. Doch wäre es sicher sinnvoll gewesen, eine Publikation erst nach Abschluss der angekündigten Dissertation vorzusehen. Zumindest hätte man dann den größeren Teil der beigezogenen Literaturstellen auch im Literaturverzeichnis wiedergefunden. Wer freilich einen Einblick in das Denken engagierter Jungakademiker sucht, der greife getrost auch zu diesem Bändchen.

Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 29.01.2008 zu: Klaus Henrichs: Rauchen. Ein soziales Problem. VDM Verlag Dr. Müller (Saarbrücken) 2006. ISBN 978-3-8364-0190-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5226.php, Datum des Zugriffs 02.10.2022.


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