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Stefan Glaser, Thomas Pfeiffer (Hrsg.): Erlebniswelt Rechtsextremismus. Menschenverachtung mit Unterhaltungswert

Rezensiert von Prof. Dr. Gudrun Ehlert, 07.12.2007

Cover Stefan Glaser, Thomas Pfeiffer (Hrsg.): Erlebniswelt Rechtsextremismus. Menschenverachtung mit Unterhaltungswert ISBN 978-3-89974-359-3

Stefan Glaser, Thomas Pfeiffer (Hrsg.): Erlebniswelt Rechtsextremismus. Menschenverachtung mit Unterhaltungswert. Hintergründe, Methoden, Praxis der Prävention. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2007. 240 Seiten. ISBN 978-3-89974-359-3. 24,80 EUR.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-89974-834-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Entstehungshintergrund

Die Publikation ist Ergebnis einer Kooperation der nordrheinwestfälischen Landeszentrale für politische Bildung und dem Innenministerium NRW sowie der länderübergreifenden Arbeitsstelle jugendschutz.net. Ihr liegen Fortbildungsreihen zum Thema "Rechtsextremismus im Internet" zugrunde aus denen Beiträge für die Veröffentlichung erarbeitet wurden.

Aufbau …

Im Zentrum des Buches stehen Informationen über die "Erlebniswelt Rechtsextremismus", über die jugendkulturellen Angebote der rechten Szene, die mit Action, Mythen, Gruppengefühl und der intensiven Nutzung des Internets verbunden sind. Die Artikel der Publikation sind in drei Teile gegliedert, ergänzt um 15 Projektbeschreibungen im vierten Teil, sowie um einen Anhang (5.) mit Tipps und Infos sowie um eine umfangreiche Begleit-CD-ROM. D.h. der Band enthält insgesamt fünf Abschnitte, zu denen sich zusätzlich Hintergrundinformationen, Materialien und weitere Anregungen für die pädagogische Praxis auf der CD-ROM befinden. Das Buch ist sehr übersichtlich layoutet, so erhält jeder Artikel eine Spalte mit Randnotizen, die den jeweiligen Inhalt zusammenfassen und an entsprechenden Stellen wird auf die CD-ROM hingewiesen. Alle Artikel sind gut strukturiert, enthalten treffend gewählte Zwischenüberschriften für die einzelnen Textabschnitte und werden zum Teil durch Abbildung und Grafiken anschaulich ergänzt.

… und Inhalt

Das Buch beginnt mit einem sehr eindringlichen und engagierten Vorwort von Alexander Groß, dem ehemaligen Leiter der Jugendakademie Walberberg bei Köln, dessen Vater Nikolaus Groß in der Folge des Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 im Januar 1945 in Berlin-Plötzensee von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde.

Im ersten Abschnitt "Einführung, Hintergrund" versammeln sich drei sehr informative Beiträge, die auf der CD-ROM in aufbereiteten Powerpoint-Präsentationen für Seminar- und Unterrichtszwecke zusammengefasst werden.

  • Thomas Grumke führt pointiert in Begriff, Ideologie und Struktur des Rechtsextremismus ein.
  • In Thomas Pfeiffers Beitrag "Menschenverachtung mit Unterhaltungswert. Musik, Symbolik, Internet - der Rechtsextremismus als Erlebniswelt" werden die zentralen Aussagen der Veröffentlichung erläutert und bilanziert: "Freizeitwert, Lebensgefühl und politische Botschaften - diese Kombination macht den zeitgenössischen Rechtsextremismus in Deutschland zu einer Erlebniswelt, die bei Jugendlichen mitunter Anklang findet. In diesem Zuge hat sich das Erscheinungsbild der Szene modernisiert: Vorherrschend ist ein aktuelles Gewand für ein rückwärtsgewandtes Denken, das im Kern aus ausgrenzenden, häufig menschenverachtenden Inhalten besteht, die sich mit den Stichworten Fremdenfeindlichkeit/Rassismus - insbesondere Antisemitismus - sowie Verherrlichung oder Verharmlosung des Nationalsozialismus grob umreißen lassen" (Pfeiffer 2007, 50).
  • In dem dritten Artikel "Fremdenfeindliche und rechtsextreme Orientierungen unter Hagener Schülerinnen und Schülern" fasst Claus Homm die Ergebnisse seiner Befragung von 676 Jugendlichen zusammen, Im Rahmen seiner Diplomarbeit hat er im Jahr 2003 in Hagen (NRW) Schülerinnen und Schüler aller fünf Schulformen befragt. Von den 66 Fragen seines Fragebogens zielten 16 auf rechtsextreme Orientierungen. Grundlage für diese Fragen bildeten die Studien von Heitmeyer und Ahlheim/Heger. Die übrigen 50 Fragen sollten Zusammenhänge mit anderen Lebensbereichen bzw. Einstellungen aufzuzeigen und Rückschlüsse auf mögliche Ursachen zulassen. Homm kommt zu dem Schluss, dass 11,4 % der befragten Hagener SchülerInnen als rechtsextrem/fremdenfeindlich zu wertende Antworten gaben, 15,2% der befragten Jungen und 8% der Mädchen. Im Zusammenhang mit der Ausprägung rechtsextremer Orientierungen untersucht der Verfasser Geschlecht, Alter, Herkunftsland, das Verhältnis der SchülererInnen zu den Eltern sowie zur Schule und den LehrerInnen, Schulformen, Wohnort, Freizeitgestaltung und weitere Faktoren und zeigt so, dass mögliche Zusammenhänge und Ursachen differenziert zu erheben sind.

Der zweite Teil des Buches "Facetten der Erlebniswelt Rechtsextremismus - am Beispiel des Rechtsextremismus im Internet" enthält drei Beiträge und beginnt mit einer sehr gut verständlichen und nachvollziehbaren Darstellung der strafrechtlichen Verbote sowie von straf- und medienrechtlichen Verfahren gegen rechtsextreme Darstellungen im Internet. Daran anschließend werden die Nutzung des Worldwide Webs und dessen Vorläufer der computergestützten Kommunikation durch rechtsextreme Organisationen anhand von Originalzitaten und Dokumenten eindrücklich dargestellt. Die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit rechtsextremer Musik und rechtsextremen Web-Angeboten in der pädagogischen Praxis und in der Ausbildung von (Sozial-)PädagogInnen wird durch die Lektüre des Artikels von Michael Wörner-Schappert über "Musik als virtuelle Propagandawaffe" überdeutlich.

Der dritte Teil ist mit "Das Thema Rechtsextremismus in der Bildungsarbeit - Ansätze und Erfahrungen" überschrieben.

  • Er beginnt mit einem Beitrag von Stefan Glaser, Mitarbeiters des "jugendschutznet". Hier werden sehr anschaulich Praxisbeispiele aus medienpädagogischen workshops mit Jugendlichen beschrieben. Dabei bleibt allerdings offen, wie die TeilnehmerInnen für die Veranstaltungen gewonnen werden, ob es z.B. interessierte Jugendliche sind, die freiwillig teilnehmen oder ob mit Schulklassen gearbeitet wird.
  • Im zweiten Beitrag "Nicht flüchten, sondern standhalten. Rechtsextreme Störungen und Reaktionsmöglichkeiten in Veranstaltungen der politischen Bildung" setzt sich Klaus-Peter Hufer einleitend mit der Frage auseinander, was politische Bildung gegen rechte Orientierungen bei Jugendlichen und Erwachsenen leisten kann. Sehr eindrucksvoll schildert er dann Beispiele aus der Praxis von Bildungsveranstaltungen einer Volkshochschule, in denen Vorträge, Lesungen und Podiumsgespräche durch rechtsextreme BesucherInnen gestört wurden und fragt welche Folgerungen aus diesen Konfrontationen zu ziehen. Da es den Störern nicht auf eine Diskussion ankommt, sondern um die Demonstration ihrer Macht, möglicherweise auch mit dem Ziel, den Abbruch einer Veranstaltung zu erzwingen, plädiert Hufer für ein entschiedenes Auftreten, das kompromisslos die Weiterführung des Vortrages oder der Diskussion fordert: "Ein dezidierter, deutlichen Widerspruch artikulierender und auf Regeln pochender Auftritt, bei dem gegebenenfalls unmissverständlich auf das Hausrecht hingewiesen wird, verschafft (...) zunächst einmal eine Art indirekter Anerkennung" (Hufer 2007, 137). Er ist auch ein Signal an die anderen Teilnehmenden, die sich häufig überfahren, entsetzt und auch verängstigt zeigen. Sie können sich so den verbalen Übergriffen widersetzen und eine Gegensolidarität schaffen.

Im vierten Teil des Buches werden Projekte für die Sekundarstufen I und II und die außerschulische politische Bildung vorgestellt. Notwendige Ausstattung, Schwerpunkte und Gliederung der Unterrichts- bzw. Projektarbeit, Methoden und Literatur- und Materialtipps werden übersichtlich in Kurzbeschreibungen präsentiert. Ausführliche Informationen und zum Teil unterstützende Materialien finden sich auf der CD-ROM. Diese Projektskizzen liefern eine Fülle von Anregungen für die eigene Arbeit.

Im Anhang (5.) befinden sich kommentierte Lese- und Surftipps, Materialen-Tipps (DVD, CD-ROM) und Ansprechpartner(innen) zu den Themen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit.

Zielgruppen

Die Publikation richtet sich an alle, die mit Jugendlichen arbeiten, in der Schule sowie in der außerschulischen Bildungs- und Jugendarbeit.

Diskussion

Die Veröffentlichung hat einen sehr hohen Gebrauchswert, sei es für den schulischen Unterricht, für Fort- und Weiterbildungen, für die Ausbildung von ErzieherInnen, für das Studium von SozialarbeiterInnen und -pädagogInnen, sowie für die Jugendarbeit. Die Artikel liefern gut aufbereitete Informationen und Einschätzungen, die Materialien bieten Ideen und Anregungen, so dass es sich um ein Lehr- und Arbeitsbuch handelt.

Fazit

Dieses Buch fordert zur Auseinandersetzung mit dem modernen Rechtsextremismus heraus, insbesondere mit der Nutzung des Internets und der Bedeutung von Musik für Jugendliche. Die Veröffentlichung enthält aktuelle, gut lesbare Beiträge sowie eine Fülle von Hintergrundinformationen, Materialien und Anregungen für die pädagogische Praxis.

Rezension von
Prof. Dr. Gudrun Ehlert
Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida
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Zitiervorschlag
Gudrun Ehlert. Rezension vom 07.12.2007 zu: Stefan Glaser, Thomas Pfeiffer (Hrsg.): Erlebniswelt Rechtsextremismus. Menschenverachtung mit Unterhaltungswert. Hintergründe, Methoden, Praxis der Prävention. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2007. ISBN 978-3-89974-359-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5233.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


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