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Sigrun Nickel: Partizipatives Management von Universitäten

Cover Sigrun Nickel: Partizipatives Management von Universitäten. Zielvereinbarungen, Leitungsstrukturen, staatliche Steuerung. Rainer Hampp Verlag (Mering) 2007. 324 Seiten. ISBN 978-3-86618-101-4. 29,80 EUR.

Reihe: Universität und Gesellschaft - Band 5.
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Ausgangslage

Universitäten haben in den vergangenen Zehn Jahren große Wandlungen durchlaufen. So wurden sie beispielsweise aus der zentralen staatlichen Steuerung in größere finanzielle und strukturelle Eigenverantwortlichkeit entlassen. Im Zuge dieser Umbrüche werden auch in Universitäten verstärkt Management- und Steuerungsinstrumente wie z.B. Zielvereinbarungen eingesetzt, die ja in Unternehmen und auch in Behörden mittlerweile zum standardmäßigen Vorgehen gehören. Dieser Schritt birgt für die Universitäten viele Chancen, beinhaltet aber auch Herausforderungen. So liegt beispielsweise in der größeren finanziellen Selbstbestimmung für die Universitäten die Möglichkeit, Mittel strategisch zu vergeben oder leistungsabhängig an einzelne Professor/inn/en oder Institute auszuschütten. Gleichzeitig müssen aber die Indikatoren und Richtlinien für die Vergabe solcher Mittel dem System Universität angepasst werden, damit sie der Besonderheit des Arbeitens in Universität angemessen sind. Das wirft eine Reihe von Fragen auf:

  • Eignen sich Managementmethoden überhaupt für das komplexe System einer "Expertenorganisation", wie sie Universität darstellt?
  • Welche Chancen, aber auch welche Risiken liegen in der Einführung solcher Techniken?
  • Und welchen Effekt hat die Verschränkung dieser Maßnahmen mit den organisationalen Besonderheiten der Organisationsform Universität?

Zielsetzung

Unter der Leitfrage "Was haben die Hochschulreformen der letzen zehn Jahre gebracht?" (aus dem Klappentext) analysiert die Autorin Sigrun Nickel den "zentralen Veränderungsprozess" der "Neukonzeptualisierung von Universitäten als zielorientiert handelnde Systeme". Sie betrachtet hierzu beispielhaft die Arbeit mit Zielvereinbarungen. Die wesentlichen Fragestellungen der Untersuchung sind,

  • ob sich Zielvereinbarungen als nachhaltiges Steuerungsinstrument für Universitäten etablieren lassen
  • ob der Einsatz von Zielvereinbarungen durch die "aktuellen Gestaltungsmuster universitärerer Leitungs- und Entscheidungsstrukturen" gestützt wird
  • welche förderlichen Bedingungen sich für die Arbeit mit Zielvereinbarungen unter den speziellen Rahmenbedingungen universitärer Führung und Leitung aufzeigen lassen
  • ob der "Paradigmenwechsel von der Detailsteuerung zur strategischen Rahmensteuerung mit Hilfe von Zielvereinbarungen tatsächlich vollzogen" wurde und ob "dadurch wie beabsichtigt die Handlungsautonomie der Universitäten erhöht" wurde (vgl. S. 11ff).

Zur Beantwortung dieser Fragen verknüpft die Autorin eine Analyse der bereits stattgefundenen und noch stattfindenden politischen und organisationalen Veränderungen in der bundesdeutschen Hochschullandschaft mit theoriegeleiteten Überlegungen. Weiter stellt sie anhand von ausführlichen Fallbeispielen den Prozess und die Auswirkung der Einführung partizipativer Zielvereinbarungsstrukturen in zwei Hochschulen dar. Ihr erklärtes Anliegen ist es, "die Hochschulreformen der vergangenen 10 Jahre mit all ihren Paradoxien und gesellschaftspolitischen Implikationen zu reflektieren" und "die Flut an Erkenntnissen (…) so zu bündeln, dass sie die Praxis der Hochschulmanagements verbessern helfen" (aus dem Vorwort).

Autorin

Die Organisationswissenschaftlerin Sigrun Nickel ist in der Hochschulentwicklung tätig. Das hier vorgestellte Buch ist eine überarbeitete Fassung ihrer Doktorarbeit, die im Rahmen eines Promotionsstudiengangs an der Interdisziplinären Fakultät für Forschung und Fortbildung (IFF) in Wien entstanden ist.

Aufbau

Das Buch gliedert sich, nach einer Darstellung der Fragestellungen (Kapitel I) und des methodischen Vorgehens (Kapitel II) in drei große inhaltliche Komplexe.

1. Der gesamtgesellschaftliche Wandel und dessen Auswirkung auf die bundesdeutschen Universitäten

In einem ersten Teil (Kapitel III) zeichnet die Autorin unter der Überschrift "Universitätsreform im Kontext gesellschaftlicher und politischer Krisenbewältigung" drei gesellschaftlichen Krisen nach, die sich auch auf die Universitäten auswirken (vgl. S.21 ff.). Sie leitet aus der "Krise des Wissens", der "Krise sozialer Organisationsmodelle" sowie der "Krise des Staates" dabei ab, wie bzw. mit welchen "Werkzeugen" sich die Organisation Hochschule im Bezug auf diese verändert. Für die Krise des Wissens wird eine "Neupositionierung der Universität zwischen Staat und Markt" durch Wettbewerb und Ausdifferenzierung identifiziert, die Krise der sozialen Organisationsmodelle wird durch das Entstehen von "Universitären als zentralen Lernorten der Gegenwart" verstanden und die Krise des Staates wird von einer "Veränderung der Grundprinzipien staatlicher Hochschulsteuerung" beantwortet. Als Konsequenz aus dieser Bestandsaufnahme ergibt sich für die Autorin die Notwendigkeit, dass sich Universitäten sowohl nach Managementprinzipien führen, als auch den Spezifika der akademischen Selbstverwaltung Rechnung tragen müssen. Letztere wird zwar auch als "Hauptursache für die organisatorischen Unzulänglichkeiten von Universitäten" bezeichnet (S. 71), aber gleichzeitig wird für die Notwendigkeit ihrer Berücksichtigung in universitären Reformprozessen hervorgehoben.

2. Universitäten als spezielle Organisationen und Zielvereinbarungen als passendes Steuerungsinstrument

Im zweiten inhaltlichen Kapitel (Kapitel IV) geht die Autorin näher auf die Universität als Organisation ein und leitet daraus ab, warum Zielvereinbarungen so geeignet für diesen speziellen Organisationstypus erscheinen. Sie stellt u.a. dar, dass Zielvereinbarungen durch ihren partizipativen Charakter - in Abgrenzung zur autoritären leistungs- und belastungsorientierten Mittelzuweisung von staatlicher Seite - in besonderer Weise der universitären Organisationsform entsprechen, da diese auf die Beteiligung aller Statusgruppen ausgerichtet ist. Der hohe Stellenwert des Individuums in allen wissensproduzierenden Feldern und die tendenzielle Irrationalität der Entscheidungsfindung im wissensproduzierenden System erklären darüber hinaus das Betreben von Entscheidungsträgern innerhalb und außerhalb von Universität, mittels genauer Vorgabe und Vereinbarung von Zielen Leistungen in diesem Bereich vorhersagbarer zu machen.

3. Langzeitstudien zur Einführung von Zielvereinbarungen als externe und interne Steuerungsinstrumente

Es folgt in Kapitel V eine ausführliche Beschreibung der Einführungen von Zielvereinbarungen an zwei Universitäten im Bundesland Hamburg. Hier werden die Gründe, der zeitliche und organisatorische Ablauf und die Auswirkungen dieser, in beiden Fällen durch die Politik vorgegebenen, Prozesse über den Zeitraum von zehn bzw. elf Jahren aufgezeigt. Auf der Basis der empirischen Befunde werden Tendenzen bei der Führung mit Zielvereinbarungen in Universitäten dargestellt. So wird beispielsweise bei der Hochschulsteuerung von Seiten des Staates die Tendenz zu einer stärkeren Einflussnahme und Regulierung "von oben", zum Beispiel durch das Instrument der indikatorgestützten Mittelvergabe, aufgezeigt. Für die Einführung universitätsinterner Zielvereinbarungen wird die Notwendigkeit einer "Verankerung in der Leitungs- und Entscheidungsstruktur" (S. 266 f.) zur Sicherung der Wirksamkeit von Zielvereinbarungen herausgearbeitet, wobei sich die Tendenzen, die sich bei der staatlichen Steuerung abzeichnen, auch universitätsintern in einer verstärkten Top-down-Steuerung nachweisen lassen. In Bezug auf die Leitungs- und Entscheidungsstrukturen von Universitäten werden u. a. Verbesserungen, beispielsweise in der Zusammenarbeit zwischen der Leitungs- und der Verwaltungsebene festgestellt, strukturelle Uneindeutigkeiten (Rolle der Dekane) aufgezeigt, sowie die Größe der Organisation als wesentlicher Prädiktor für die Entwicklungsfähigkeit betont.

Diskussion

Durch die Darstellung einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung bettet das Buch den universitären Wandel in einen größeren Rahmen ein. Es bietet damit eine Folie, vor der beobachtete Prozesse in Hochschulen reflektiert werden können. Aufschlussreich sind besonders die Fallstudien, die Einblicke in die Gründe, Mechanismen und Auswirkungen der Einführung von Zielvereinbarungen geben. Die abgeleiteten Tendenzen können wichtige Orientierungspunkte für die Forschung, aber auch für die Praxis der Gestaltung von Hochschulen sein, wie das die Autorin ja auch beabsichtigt hat (vgl. Abschnitt II. dieser Rezension). Die Tatsache, dass sie, wie auch von ihr selbst offen gelegt, als Akteurin in den von ihr beforschten Prozessen beteiligt war, ist ein Vorteil für die Leser/innen, da die dargestellten Erkenntnisse vermutlich nur so überhaupt gewonnen werden konnten.

Die Fülle an Informationen, die durch das Feldwissen der Autorin zusammengekommen ist, erschwert manchmal die Lesbarkeit des Buches. Die Vielschichtigkeit des Texts macht es, gerade im zentralen Kapitel IV, schwierig, die Argumentationsführung nachzuvollziehen. Diese erschließt sich - insbesondere für einen interdisziplinären Leser/innen/kreis - erst nach gründlicher Lektüre. Gerade weil das Thema "Hochschule" von Vertreter/inne/n unterschiedlicher Disziplinen beforscht und gestaltet wird, wäre hier ein klarer und leichter nachvollziehbarer Aufbau wünschenswert gewesen. Ebenfalls wünschenswert wäre die eine oder andere Quellenangabe bei den zahlreichen Grafiken.

Fazit

Insgesamt bietet das Buch einen vertiefenswerten und ausführlichen Überblick über die aktuellen Veränderungen in der bundesdeutschen Universitätslandschaft. Damit ist es sowohl für Praktiker/innen aus Hochschulführung und -entwicklung als auch für wissenschaftlich arbeitende Personen zu empfehlen, wobei für erstere wohl eher die Ergebnisse der Fallstudien zur Einführung von Zielvereinbarungen interessant sein werden, währen für letztere die theoretisch-analytischen Kapitel einen Fundus an wichtigen Ansatzpunkten für und Überschneidungen mit weiteren Forschungsarbeiten, auch über das Thema "Zielvereinbarungen" hinaus, bieten.


Rezensentin
Dr. Antonia Scholkmann
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Zitiervorschlag
Antonia Scholkmann. Rezension vom 08.01.2008 zu: Sigrun Nickel: Partizipatives Management von Universitäten. Zielvereinbarungen, Leitungsstrukturen, staatliche Steuerung. Rainer Hampp Verlag (Mering) 2007. ISBN 978-3-86618-101-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5245.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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