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Manfred Döpfner, Stephanie Schürmann u.a.: Therapieprogramm (Kinder ADHS)

Rezensiert von Dr. Kirsten Oleimeulen, 26.02.2008

Cover Manfred Döpfner, Stephanie Schürmann u.a.: Therapieprogramm (Kinder ADHS) ISBN 978-3-621-27604-7

Manfred Döpfner, Stephanie Schürmann, Jan Frölich: Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten THOP. Mit CD-ROM. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2007. 4., vollst. überarbeitete Auflage. 490 Seiten. ISBN 978-3-621-27604-7. D: 69,90 EUR, A: 72,30 EUR, CH: 110,00 sFr.
Reihe: Materialien für die psychosoziale Praxis. Materialien für die klinische Praxis.

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Hyperkinetisches und oppositionelles Problemverhalten bei Kindern

Etwa fünf bis sechs Prozent aller Kinder in Deutschland seien von ADHS betroffen, schätzt die Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte. Die Abkürzungen ADS oder ADHS stehen für Aufmerksamkeits-Defizit- (und Hyperaktivitäts)-Störung. Nach heutiger Auffassung ist ADHS das Resultat einer fehlerhaften Informationsverarbeitung zwischen einzelnen Hirnabschnitten. Eine wesentliche Rolle spielt dabei der Nerven-Botenstoff Dopamin. Mindestens die Hälfte aller ADHS-Fälle soll genetisch bedingt sein. Das Lebensumfeld, in dem die betroffenen Kinder aufwachsen, kann diese Anlagen verstärken oder abschwächen; auch Zigarettenrauchen, Stress und Alkohol während der Schwangerschaft haben einen Einfluss auf die Krankheitsentstehung. Jungen sind deutlich häufiger betroffen als Mädchen, allerdings zeigt sich ADHS bei beiden anders: Bei Jungen steht meist die Hyperaktivität im Vordergrund ("Zappel-Philipp"), während bei Mädchen eher die Aufmerksamkeit gestört ist ("Träumsuse"). Es ist deshalb auch möglich, dass ADHS bei Mädchen seltener erkannt wird. Bei bis zu zwei Drittel der Betroffenen verschwinden die Symptome nicht, sondern bleiben bis ins Erwachsenenalter bestehen.

Die Störungen des Sozialverhaltens sind die häufigsten Diagnosen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Darunter lässt sich auch das oppositionelle Syndrom subsumieren. Untersuchungen haben gezeigt, dass 8 Prozent der Jungen und 3 Prozent der Mädchen im Alter zwischen 4 und 16 Jahren an einer Störung des Sozialverhaltens leiden. In der Adoleszenz steigt dieser Anteil bei Jungen sogar auf bis zu 16 Prozent. Der Höhepunkt des Auftretens liegt bei etwa 17 Jahren, geht später aber stark zurück. Gewalt- und Eigentumsdelikte gehen meistens auf männliche Jugendliche zurück. Eine genetische Prädisposition kann nicht belegt werden. Ein genetischer Einfluss erscheint  als wahrscheinlich. Ein großer Einfluss scheint aber vom familiären Umfeld auszugehen. Es ist belegt, dass Familien, welche ihren Kindern Zuneigung entgegenbringen, die moralische Grundsätze klar zum Ausdruck bringen und von ihren Kindern verlangen, sich daran zu halten, die Bestrafung gerecht und konsistent einsetzten und ihr Verhalten erklären und begründen, in der Regel keine verhaltensgestörten Kinder aufziehen. Die Prognose bei den Störungen des Sozialverhaltens ist unterschiedlich. Häufig beginnen antisoziales und aggressives Verhalten bereits in der Kindheit. Dennoch weisen rund die Hälfte der Jungen, nach ein bis vier Jahren nicht mehr alle nötigen Symptome auf, um die Diagnose zu rechtfertigen. Trotzdem hatten die meisten weiterhin Verhaltensauffälligkeiten.

Möglicherweise gibt es bei der Störung des Sozialverhaltens zwei verschiedene Verlaufsformen. Eine, bei der die Verhaltensauffälligkeiten bereits im Alter von drei Jahren beginnen, und mit schweren Gesetzesüberschreitungen im Erwachsenenalter weiter bestehen. Bei der anderen Verlaufsform beschränken sich die Auffälligkeiten auf die Adoleszenz.

THOP für hyperkinetische Kinder mit und ohne oppositionellem Problemverhalten

Prof. Dr. Manfred Döpfner, Dipl.-Psych., ist Leitender Psychologe an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität Köln. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der Behandlung von Kindern mit hyperkinetischen und oppositionellen Verhaltensstörungen. 2005 wurde er mit dem Deutschen Psychologie Preis für seine herausragenden Leistungen auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie ausgezeichnet. Mit seinem Therapieprogramm THOP postuliert Döpfner einen multimodalen Ansatz, der verhaltenstherapeutische, systemische sowie medikamentöse Aspekte vereint.

Aufbau und Inhalt

Das 490 Seiten umfassende Werk ist in 2 Hälften gegliedert.

  1. Der 1. Teil des Buches beschäftigt sich mit den beiden Störungsbildern sowie gängigen Behandlungsansätzen und ihrer Wirksamkeit.
  2. Der 2. Teil umfasst das Therapieprogramm selber. Ergänzende therapeutische Interventionen wie z.B. Pharmakotherapien und die Therapie komorbider aggressiver Verhaltensstörungen sowie Fallbeispiele und Studien zur Wirksamkeit von THOP runden das Programm ab.

Das Buch ist sehr detailliert aufgebaut, enthält Zusammenfassungen, Abbildung und Randhinweise auf Arbeitsblätter, die auf der beiliegenden CD wieder zu finden sind.

Das Therapieprogramm THOP kombiniert in seinem Kern Interventionen, die auf die Veränderung der familiären Struktur abzielen (Makroperspektive) mit solchen, die auf die Beeinflussung alltäglicher familiärer Interaktionen gerichtet sind (Mikroperspektive). Erfolgreiche und dabei vor allem stabile Veränderungen auf der Mikroebene lassen sich nur erreichen, wenn sie auf der Makroebene verankert sind. Makro- und Mikroebene sind im Allgemeinen zirkulär miteinander verknüpft, die Problembereiche bedingen sich also meist gegenseitig. Die daraufhin entwickelten Interventionsformen lassen sich in familienzentrierte (Therapiebaustein F01-F19) und kindzentrierte Interventionen (Therapiebaustein K01-K21) unterteilt. Sie können 7 großen Themenbereichen zugeordnet werden:

1. Problemdefinition, Entwicklung eines Störungskonzeptes und Behandlungsplanung

Familienzentrierte Interventionen:

  • F01 Definition der Verhaltensprobleme des Kindes in der Familie
  • F02 Warum hat mein Kind Verhaltensprobleme? - Vorstellung der Eltern
  • F03 Warum hat mein Kind Verhaltensprobleme? - Gemeinsames Modell
  • F04 Behandlungsziele und Behandlungsplan

Kindzentrierte Interventionen:

  • K01 Wackelpeter, das bin ich
  • K02/03 Hurra, ich bin kein Scheusal!
  • K04 Wackelpeters Wunschliste

2. Förderung positiver Eltern-Kind-Interaktionen und Eltern-Kind-Beziehungen

Familienzentrierte Interventionen:

  • F05 Betrachten Sie Ihr Kind von der positiven Seite!
  • F06 Die Spaß & Spiel-Zeit: Schenken Sie Ihrem Kind Aufmerksamkeit, wenn es spielt!

Kindzentrierte Interventionen:

  • K05 Unser "Was-ist-schön-Tagebuch"
  • K06 Ich darf spielen, wie ICH will.

3. Pädagogisch-therapeutische Interventionen zur Verminderung von impulsivem und oppositionellem Verhalten

Familienzentrierte Interventionen:

  • F07 Familienregeln
  • F08 Wir man wirkungsvolle Aufforderungen gibt!
  • F09 Schenken Sie Ihrem Kind Aufmerksamkeit, wenn es Aufforderungen befolgt!
  • F10 Schenken Sie Ihrem Kind Aufmerksamkeit, wenn es bei einer Beschäftigung nicht gestört hat!
  • F11 Wo ist Ihr Kind und was macht Ihr Kind? Bewahren Sie den Überblick!
  • F12 Setzen Sie natürliche Konsequenzen, wenn Ihr Kind Aufforderungen und Regeln nicht befolgt!

Kindzentrierte Interventionen:

  • K07 Indianerrunde und Familienrat
  • K08/K09 Peter mach" dies, Peter lass" das!
  • K10 Meine Zeit - Deine Zeit
  • K12 Ich löffle meine Suppe selbst aus!

4. Spezielle operante Methoden

Familienzentrierte Interventionen:

  • F13 Wenn Lob alleine nicht aussreicht: Der Punkte-Plan
  • F14 Wie man Punkte-Pläne verändert und beendet
  • F15 Der Wettkampf um lachende Gesichter
  • F16 Auszeit

Kindzentrierte Interventionen:

  • K13 Punkte statt Ärger
  • K15 Mama, ich und die lachenden Gesichter
  • K16 Dicke Luft

5. Interventionen bei spezifischen Verhaltensproblemen

Familienzentrierte Interventionen:

  • F17a Helfen Sie Ihrem Kind, intensiv und ausdauern zu spielen!
  • F17b Helfen Sie Ihrem Kind, Aufgaben Schritt für Schritt zu lösen!
  • F18 Wie Sie Probleme bei den Hausaufgaben lösen können
  • F19 Problematisches Verhalten in der Öffentlichkeit

Kindzentrierte Interventionen:

  • K17a Spieltraining
  • K17b Selbstinstruktionstraining
  • K17c Selbstmanagement
  • K18 Setz" dem Hausaufgabenkrieg ein Ende
  • K19 Chaos im Kaufhaus!

6. Stabilisierung der Effekte

Familienzentrierte Interventionen:

  • F20 Wenn neue Probleme auftauchen

7. Ergänzende kindzentrierte Interventionen

Kindzentrierte Interventionen:

  • K21 Die Sache mit den Pillen
  • K22 Schule kann auch Spaß machen

Zielgruppe

Das Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten - THOP - ist ein multimodales Interventionsprogramm. Hier werden verhaltenstherapeutische Interventionen in der Familie, Kindergarten und Schule je nach individueller Diagnose mit einer medikamentösen Intervention kombiniert. Behandelt werden Kinder von 3-12 Jahren.

Die Durchführung des Programms fällt Psychologen/-innen und Medizinern/-innen mit verhaltenstherapeutischem Basiswissen sehr leicht. Andere Berufsgruppen brauchen mit Sicherheit Unterstützung und Erfahrung für die Umsetzung.

Fazit

THOP wird in dem Buch sehr detailliert und ausführlich beschrieben. Dadurch verliert das Buch an Lesefreundlichkeit, biete aber dafür mehr Sicherheit bei der Durchführung des Trainings. Die multimodale Therapie wird als Mittel der Wahl wissenschaftlich belegt. Die Materialen sind praxisorientiert, anschaulich und kindgerecht, die Anleitung konkret und verständlich. Ein MUSS für jede/n Therapeut/-in der/die mit der Zielgruppe arbeitet.

Rezension von
Dr. Kirsten Oleimeulen
Psychologin – Familienberaterin, akkreditierte Psychologin für Gesundheitspsychologie und Prävention (BDP), systemische Familientherapeutin und Supervisorin, online-Beraterin
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Es gibt 96 Rezensionen von Kirsten Oleimeulen.

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Zitiervorschlag
Kirsten Oleimeulen. Rezension vom 26.02.2008 zu: Manfred Döpfner, Stephanie Schürmann, Jan Frölich: Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten THOP. Mit CD-ROM. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2007. 4., vollst. überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-621-27604-7. Reihe: Materialien für die psychosoziale Praxis. Materialien für die klinische Praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5249.php, Datum des Zugriffs 19.04.2024.


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