Jenifer Brown: Segregative Betreuung Demenzkranker
Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 22.04.2008
Jenifer Brown: Segregative Betreuung Demenzkranker. Auswirkungen, Chancen und Risiken. VDM Verlag Dr. Müller (Saarbrücken) 2007. 82 Seiten. ISBN 978-3-8364-0397-9. 42,00 EUR. CH: 67,00 sFr.
Thema und Entstehungshintergrund
Seit ca. Mitte der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts anlässlich der Psychiatrie-Reform ist die stationäre Altenhilfe in Deutschland vehement mit einer Versorgungsaufgabe konfrontiert, der Pflege und Betreuung Demenzkranker, die vorher meist in den Chroniker- oder Langzeitstationen der psychiatrischen Krankenhäusern vollzogen wurde. Bis in den 80er Jahren galt in der Altenhilfe das Integrationskonzept, Demenzkranke und Nicht-Demenzkranken trotz vieler Widrigkeiten gemeinsam in einem Wohnbereich zu versorgen, als der Königsweg der stationären Pflege. Die massiven Konflikte, die zwischen den Bewohnergruppen auftraten, führten dann zu Modellen der so genannten teilintegrativen Versorgung: mobile und motorisch unruhige demenzkranke Bewohner wurde halbtags oder ganztägig in Tagesbetreuungsgruppen meist außerhalb ihres Wohnbereiches betreut. In den 90er Jahren setzte allmählich u. a. aufgrund der Versorgungsmodelle aus anderen Ländern und des Standes der Versorgungsforschung ein tief greifender Einstellungswandel dergestalt ein, dass das bis dahin als zweitklassig angesehene Versorgungskonzept der so genannten Segregation - Demenzkranke werden in eigenen Wohnbereichen versorgt - nun zum Leitkonzept der stationären Altenhilfe wurde. Umsetzen lassen sich die neuen Versorgungskonzepte einer eher homogenen Bewohnerstruktur jedoch nur mit Mühen, da Organisations- und Raumstrukturen in den oft recht kleinen Heimen älterer Bauart die Schaffung von neuen Milieu- und Versorgungsansätzen kaum zulassen.
Im Rahmen dieses Wandels in der Versorgungsphilosophie sind in Deutschland in den letzten Jahren einige Erhebungen und Literaturrecherchen bezüglich dieser Versorgungsthematik durchgeführt worden. Die vorliegende Publikation kann zu diesen Veröffentlichungen gezählt werden. Es handelt sich hierbei eine Diplomarbeit an der Fachhochschule Esslingen im Studiengang Pflege/Pflegemanagement aus dem Jahre 2006. Die Autorin, eine examinierte Kinderkrankenschwester, ist in einem Alten- und Pflegeheim bei Winnenden (Baden-Württemberg) tätig.
Aufbau und Inhalt
Die Veröffentlichung beinhaltet zwei Themenbereiche der Demenz: eine Literaturrecherche über die unterschiedlichen Wohn- und Betreuungsformen für Demenzkranke und die Herausarbeitung der organisatorischen Ziele einer stationären Altenhilfeeinrichtung im Bereich der Demenzversorgung.
Bei der Auswertung der Fachliteratur beschränkt sich die Autorin auf wenige Erhebungen, die in den letzten Jahren in Deutschland und in der Schweiz durchgeführt wurden (u. a. Heeg et al. 2005, Dettbarn-Reggentin 2005 und Weyerer et al. 2006) sowie auf einige Literaturübersichten. Dieses Datenmaterial gliedert sie in die Rubriken Bewohnerschaft, Personal, Angehörige und das Verhältnis von Demenzkranken und Nicht-Demenzkranken in den Heimen. Bei der Bewertung der Ergebnisse kommt die Autorin zu dem Schluss, dass die so genannte "segregative" oder homogene Versorgungsform vorwiegend für Demenzkranke im mittelschweren oder mobilen Stadium die angemessene Lebenswelt darstellt, während schwerstdemenzkranke und immobile Bewohner keine spezielle Versorgungsform benötigen. Dies gilt ihrerseits auch für die Demenzkranken im frühen Stadium, die in integrativen Wohnbereichen ausreichend eingebunden sind.
Im Anschluss an die Auswertung der Literatur fasst die Autorin die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe zur Verbesserung der Wohn- und Betreuungsform Demenzkranker eines Alten- und Pflegeheimes in Winnenden (Baden-Württemberg) zusammen.
Folgende Zielorientierungen sind hierbei bezüglich des Vergleichs von integrativer und homogener Versorgungsform Demenzkranker überprüft worden:
- Anpassung des Lebensraums an die Bedürfnisse der Bewohner,
- weniger Fixierungen,
- geringere Gabe von Psychopharmaka,
- Vermeidung von Konflikten zwischen Demenzkranken und Nicht-Demenzkranken,
- Entlastung der Pflegenden,
- gezielte Angehörigenarbeit,
- Steigerung der Attraktivität der Einrichtung und letztlich
- die so genannte "Belegungssicherheit".
Kritische Würdigung
Vorab gilt es darauf hinzuweisen, dass es sich bei dieser Veröffentlichung um eine Qualifizierungsarbeit an einer Fachhochschule handelt. Den hiermit verbundenen Ansprüchen wird nach Einschätzung des Rezensenten durch die vorliegende Arbeit Genüge getan. Auf der analytisch argumentativen Ebene der Gegenstandserfassung hingegen werden strukturelle und funktionelle Defizite deutlich: Es fehlt einfach der Bezugsrahmen für die Einschätzung und Bewertung der wenigen Studien, die seitens der Autorin angeführt werden. Wissenschaftliches Arbeiten bedeutet immer auch, sich den Stand der Forschung und Erkenntnisse anzueignen. Nur so kann sich ein Bewertungsrahmen im Sinne einer angemessenen Objektivität gestalten. Andernfalls droht bloßer Subjektivismus und Willkür in der Beurteilung. Bei praxisorientierten Themenstellungen wie die Pflege und Betreuung ohne den Anspruch einer wissenschaftlichen Durchdringung des Sujets reichen jedoch auch Erfahrungen. Erfahrungen, die auf jahrelange Praxis basieren, die mit der Zeit verinnerlicht und größtenteils auch reflektiert werden. Diese Erfahrungen bilden oft den Grundstock oder die Wurzeln für spontanes und intuitives Verhalten in diesen Praxisfeldern der Demenzpflege und Demenzbetreuung, sie konstituieren die Verhaltenssicherheit und die Souveränität im Umgang mit den Demenzkranken. Doch dieser Erfahrungshintergrund scheint der Autorin zu fehlen, vergegenwärtigt man sich ihre Ausführungen.
Wie bereits weiter oben erwähnt wurde die fachliche Kontroverse über den richtigen Weg in der Demenzpflege bereits in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts geführt.
Ein weiterer kritischer Aspekt bezüglich dieser Arbeit besteht also auch aus der fehlenden Aktualität der Thematik dieser Veröffentlichung. Die vorliegende Abhandlung kann in diesen fachlichen Diskurs keine neuen Gesichtspunkte einbringen. Konkret heißt das, dass es sich hier nur um die Darstellung bereits bekannter Sachverhalte handelt.
Fazit
Es bleibt das betrübliche Resümee zu ziehen, dass die vorliegende Arbeit keine neuen Impulse bezüglich der Versorgung Demenzkranker zu vermitteln vermag.
Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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