socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Herbert Ulonska, Michael J. Rainer (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt im Schutz von Kirchenmauern. Anstöße zur differenzierten (Selbst-)Wahrnehmung

Cover Herbert Ulonska, Michael J. Rainer (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt im Schutz von Kirchenmauern. Anstöße zur differenzierten (Selbst-)Wahrnehmung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2007. 2., erweiterte Auflage. 224 Seiten. ISBN 978-3-8258-6353-1. 19,90 EUR.

Reihe: Theologie - Band 6.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Aktualität des Themas

Erst jüngst (FR vom 16. Juli 2007) konnte man in der Presse lesen: "Sexueller Missbrauch kommt die katholische Kirche in den USA sehr teuer zu stehen … Die Erzdiözese von Los Angeles will den Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester eine Entschädigung von 660 Millionen Dollar (480 Millionen Euro) zahlen … Insgesamt bezahlte die Katholische Kirche in den USA Missbrauchsopfern mehr als zwei Milliarden Dollar … Die Millionen sind das eine … So solle geklärt werden, ob die Führungsspitze der Erzdiözese von dem Missbrauch gewusst und ihn vertuscht habe … Die Skandalwelle hatte in den USA nicht nur die moralische Autorität der Katholischen Kirche erschüttert, sondern unter den 66 Millionen Mitgliedern auch eine heftige Diskussion des Problems entfacht. Liberale Kritiker griffen dabei in ungewohnt scharfer Form die katholische Sexualmoral sowie das Zölibat an, welches die sexuellen Bedürfnisse der Priester unterdrücke … 2004 kommt ein Bericht der Kirche zu dem Schluss, dass mehr als 4 000 US-Priestern der Katholischen Kirche in den vergangenen 50 Jahren sexuelle Übergriffe zur Last gelegt werden - mit 10 000 Kindern als Opfer".

Genau mit diesem (nur scheinbar neuem) Phänomen der "sexualisierten Gewalt" und seinen verschiedenen im Zeitungsartikel erwähnten Facetten sowie der dadurch entstandenen  neuen öffentlichen Sensibilität gegenüber dem Thema und der aktuellen innerkirchlichen und wissenschaftlichen Diskussion in Deutschland befasst sich der Sammelband.

Kirche am Pranger- ein Medienthema!?

Einleitend (I) gibt der 2. Herausgeber Michael J. Rainer (Lektor des LIT-Verlages) unter dem Titel "Kirche am Pranger" einen Überblick über die Presseberichterstattung der letzten Jahre, wobei er "Ende 2001" als Wendepunkt angibt. Seitdem sind die Themen "Kirche und Sex", "Gewalt und Religion", "Sexueller Missbrauch" etc. "Medienthema: ein Dauerknüller" (S. 12f). Die Entwicklung geht dabei von "Einzelfall" über "ein amerikanisches Probleme" bzw. "Problem der Katholischen Kirche" hin zu der Erkenntnis, dass nunmehr nur eine "Kultur des Schweigens" und Vertuschens aufgebrochen wurde. Presseberichte aus Frankreich, Polen, England, Wales, Irland und auch in Deutschland zeigen, so Rainer, dass es sich bei sexueller Gewalt durch (zumeist katholische) Priester um ein "internationales Phänomen" handelt.

Reaktionen von Papst und Bischöfen wie "Kein Platz für Pädophile im Priestertum" oder "Zero Tolerance … Das Vertrauen wieder herstellen" laufen angesichts der Pressemeldungen allerdings ins Leere - "Es handelt sich wahrhaftig um kein Thema am Rande" (S. 17ff). Als Fazit konstatiert Rainer u.a. eine "Tendenz zur Enttabuisierung" des Themas sowie eine "prinzipielle Infragestellung der gesamt-moralischen Kompetenz des Religionssystems", wodurch die Kirche zum Handeln gezwungen wurde (S. 27). Eine Konsequenz daraus waren die "Leitlinien" von 2002 der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland. Leider ist der Pressespiegel von Rainer für die 2. Auflage nicht aktualisiert worden.

In Erweiterung der 1. Auflage von 2003 sind ein moraltheologischer Beitrag  ("Kinderrechte und Geschlechterverhältnis"), drei Artikel aus der Praxis als "Illustrationsmaterial", ein Auszug aus einem Roman sowie zwei Dokumentationen zu den "Leitlinien" aus dem Jahre 2002 der Evangelischen Kirche im Rheinland und der Deutschen Bischofskonferenz mit "Kommentaren" dazu von Herbert Ulonska dazu gekommen.

Das Verschweigen der Opfer - ein Schutz für Täter!?

Im II. Kapital zum Thema "Das Verschweigen der Opfer - Ein Schutz für Täter" werden "Arbeiten aus dem wissenschaftlichen Diskurs zum Thema" vorgestellt, wobei zwar eine interdisziplinäre Sicht angestrebt werden soll, die allerdings überwiegend von Theologen hervorgebracht wird. Vor allem fehlt m.E. ein soziologischer Zugang zum Thema.

Ursula Enders von "Zartbitter e.V." wirft in ihrem Beitrag "Das geplante Verbrechen. Sexuelle Ausbeutung durch Mitarbeitende aus Institutionen" (S. 31ff) einen Blick auf die Leiden von sexuell missbrauchten Jungen und Mädchen, auf Täter und deren Strategien und "wie Institutionen auf sexuellen Missbrauch in den eigenen Reihen reagieren". Sodann erfolgen Berichte von universitären Theologen über "Der sexuelle Missbrauch von Kindern" (Hubertus Lutterbach), "Sexueller Missbrauch Minderjähriger in der Kirche" (Wunibald Müller), "Missbrauch von Menschen …" (Werner Tzscheetzsch), "Täterprofile im Raum der Kirche" (Herbert Ulonska) sowie der einleitend erwähnte neue Beitrag von Goertz und der Romanauszug zu "Der Priester und das Mädchen" von Rufus Keller.

Erwähnenswert aus der Fülle der Informationen und Diskussionen sind m.E. ein Abriss über die historischen Erkenntnisse zum Thema von der Antike bis zur Neuzeit, z.B. zu "Sexueller Verkehr mit Kindern in der Antike" - Stichwort "Knabenliebe" (S. 65ff) und der Verweis auf die "ursprünglich christlich initiierte" "UN-Kinderrechtskonvention" von 1989, in der sich alle Vertragsstaaten (außer USA und Somalia) dazu verpflichten, "das Kind vor allen Formen sexueller Ausbeutung und sexuellen Missbrauchs zu schützen". Müller schätzt in seinem Beitrag die Zahl der Priester, die Minderjährige missbrauchen, auf ca 2  %, die Anzahl der "pädophilen Priester" auf "10 bis 20 %" und differenziert zwischen "Pädophilie" (sexuelle Anziehung und Missbrauch vorpubertärer Kinder) und "Ephebophilie" (Sexualobjekte sind nachpubertäre Jugendliche, ca 14 - 17 Jährige).

Mit der "Organisationskultur der katholischen Kirche" und ihren "Verdrängungsstrategien" befasst sich Tzscheetzsch (S. 97ff). Die Priesterschaft nennt er - soziologisch gewendet - eine "männerbundartige Vergemeinschaftung" (S. 100) mit all deren problematischen Merkmalen (Rituale, "Macht und Rollenmissbrauch", Hierarchien, Mythen und Exklusionen).

Umstrittene Themen

Umstritten sind nach wie vor die Diskussionen um die Fragen "Welche Rolle spielt der Zölibat?", der  Stellenwert der "Homosexualität" (S. 87) sowie die Frage, wie katholische Priester mit dem "zölibatären Lebensstil" bzw. ihrer Sexualität verantwortungsvoll umgehen sollten. "Der höchste Risikofaktor für sexuellen Missbrauch im kirchlichen Kontext sind Männer … Der zweite Risikofaktor sind ephebophile homosexuelle Priester und Ordensleute … Ein weiteres großes Risiko für sexuellen Missbrauch besteht, wenn die Person, die ehelos und zölibatär lebt, in ihrer Entwicklung stehen geblieben ist" (S. 93).

Unklar bzw. nicht konkret exemplifiziert bleibt mir allerdings bei der Lektüre aller Texte die Umsetzung der Frage bzw. des Postulats, "wie die eigene, angenommene Sexualität für ein zölibatäres Leben fruchtbar gemacht werden kann" (z.B. S. 95) - was bedeutet dies konkret? Sexualität gehört zur menschlichen Natur, Sexualität muss irgendwie gelebt werden, kann nicht verleugnet oder verdrängt werden. Wie sollen dem Zölibat verpflichtete Priester sexuell leben? Darauf  kann vermutlich keine befriedigende und vor allem konkrete und allgemeine Antwort gegeben werden. Ein Hinweis auf die "Individualisierung" (m.E. ein "catch-all-Terminus" oder "Containerbegriff"), auf die notwendige "Integration der Sexualität in die Persönlichkeit" (S. 98) oder darauf, dass dieses Thema Bestandteil der Priesterausbildung sein müsse (S. 105; was ja schon ein Fortschritt ist), hilft da auch nicht weiter.

Der Romanausschnitt erscheint mir in seiner Funktion und Aussagekraft allzu ambivalent. Keller schildert eindrucksvoll und sensibel die Schädigungen und Leiden, die ein sexueller Missbrauch bei einem jungen 14jährigen Mädchen und auch beim dem Alkohol verfallenen Täter, einem katholischen Priester, langfristig hervorrufen. "Schuld und Sühne" werden thematisiert, die Isolation und Einsamkeit des Priesterberufs und die nicht verdrängbare "Sehnsucht nach Liebe", aber vor allem das nicht wieder gut zu machende, ein Leben lang anhaltende Leid einer sexuellen Gewalttat. Der m.E. versöhnende Abschluss ("Sie kommen doch wieder?" … "Ich fühle mich freier" … "Sie haben mich mal zu einer Tour in meine alte Heimat eingeladen. Gilt das noch?" - die letzten Worte) scheint die Tragödie im Sinne von "alles wieder gut?" verstehend quasi zu relativieren. Verstehen und verzeihen heißt aber m.E. nicht, dass die Leiden vergessen oder gar verschwunden sind.

Täterprofile und institutionelle Defizite der Kirche

Ulonska analysiert dann "Täterprofile im Raum der Kirchen" (S. 123ff) und betont noch mal, dass ohne die Frauenbewegung der sexuelle Missbrauch von Mädchen und Frauen kein öffentliches Thema geworden wäre. In einem zweiten Schritt, der als "noch schwerer" (Männerrolle!) beschrieben wird, meldeten sich als Jungen sexuell missbrauchte Männer zu Wort und schließlich wurde "als wohl letztes Tabu … sexualisierte Gewalt in den Kirchen aufgebrochen" (S. 123). Der Autor erwähnt gemäß der psychoanalytisch gefärbten Forschung drei "Täterprofile", die sich vor allem durch "Schlüsselerlebnissen der Pubertät" herausbilden: Der "fixierte Täter" ("fixierte pädosexuelle Täter suchen das gleichgeschlechtliche Kind zwischen 5. und 10. Lebensjahr", S. 130); der "regressive Täter" ("Der Erwachsene fällt zurück in die Zeit der kindlichen Doktorspiele", macht das Kind "zum gleichberechtigten Sexualpartner") und der "soziopathische Täter" (sexualisierte Gewaltausübung gegenüber Schwächeren, um die eigenen Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren). Im seinem "Ausblick" konstatiert Ulonska "vier Faktoren", die das "Problem der Pädophilie in der römisch-katholischen Kirche begründen und befördern" (S. 139): "Das Fehlen einer grundlegenden Erziehung im Bereich der Sexualität und des Zölibats", die "Atmosphäre und Struktur der Kirche und ihres Systems der Priestererziehung", die "Neigung zur Geheimhaltung" und die "mangelnde Glaubwürdigkeit der kirchlichen Lehre zur Sexualität". Damit wäre eigentlich alles Wichtige zum Thema gesagt.

Prävention eines vielschichtigen Problems?

In Kapitel III zu "Perspektiven für ein präventives Handeln" geht es Ulonska zuerst um "Selbstreflexionen im Umgang mit sexualisierter Gewalt" (S. 145ff) und Möglichkeiten "präventiven Handelns in der Seelsorge". Dann werden die Leitlinien "Zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz" dokumentiert (S. 161ff); es folgen "Kommentare" dazu (S. 167ff) und zu den "Leitlinien zum Umgang mit sexualisierter Gewalt. Handreichung der Evangelischen Kirche Rheinland" durch Ulonska (S. 173ff). Letzterer ist zu Recht (ich verweise auf meine Kritik an dem ambivalenten Romanausschnitt oben) mit "Zeit heilt keineswegs alle Wunden" überschrieben (die Titelüberschrift taucht so im Inhaltsverzeichnis nicht auf!?).

Der Beitrag "Ein evangelischer Pfarrer wird als sexuell Missbrauchender entlarvt" (S. 180ff), der einen authentischen Fall ab August 2002 in Sachsen rekonstruiert, soll dann belegen, dass sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen nicht nur ein Thema für die römisch-katholische Kirche darstellt. Zu diesem konkreten Fall hätte ich mir auch einen "Kommentar" gewünscht. Abschließend wird (Maria Katharina Moser, S. 185ff) - quasi in globaler Perspektive - "Missbrauch als Thema auf Weltkirchenebene" dokumentiert und diskutiert und auf das Symposium im Vatikan vom April 2003 sowie wissenschaftliche Methoden der "Früherkennung" (z.B. die umstrittene "Phallometrie") eingegangen. Dieser Beitrag zeigt noch mal recht anschaulich die Vielschichtigkeit der Problematik "Missbrauch aus dem Raum der Kirche", die vielen offenen Fragen im Themenzusammenhang (z.B. sagt Veranlagung nichts über konkretes Verhalten), die Probleme der "hierarchischen Struktur der römisch-katholischen Kirche" und die Notwendigkeit einer kritisch-selbstreflexiven Sexualerziehung in der Priesterausbildung.

Die Fragen bleiben - Verantwortung und (Ausbildung zum) Priesteramt

Die "Kernfrage - Warum haben so viele Priester Minderjährige missbraucht?" (S. 190) kann nur mit dem Verweis auf eine defizitäre Sozialisation der Betroffenen ("unreife und sexuell dysfunktionale Männer"), eine davon abhängige problematische Berufswahl und eine nicht adäquate Ausbildung zum Priesteramt ("nicht ausreichend auf die Herausforderungen des Priesteramtes und den Zölibat vorbereitet worden") teilweise beantwortet werden.

Zuletzt wird die Rolle der "Bischöfe und Ordensleute und ihre Aufgabe hinsichtlich sexuellen Missbrauchs in der Kirche" (Myriam Wijlens, S. 193ff) aus kirchenrechtlicher Sicht referiert und der Co-Herausgeber Ulonska, aus dessen Feder allein sechs Beiträge stammen, liefert "zusammenfassende Thesen zur Diskussion" (S. 217ff), die er in "Wahrnehmungen" und "Motive" unterteilt.

Fazit im Rückblick auf den Reader und Ulonskas Abschlussthesen: In einer "aufgeklärten Gesellschaft" muss die Kirche Interesse an "selbstreinigenden Prozessen" haben; "bestimmte Berufsfelder locken entsprechende Täter" - eine angemessene Ausbildung für Priester ist daher notwendig; "das Christentum hat keine körperfreundliche, lustbetonte Sexualkultur entwickelt" - Schutz vor Übergriffen von Autoritäten im Raum der Kirche bieten vor allem "aufgeklärte" und selbstbewusste Kinder (wider die Gehorsamserziehung); trotz allen Vertrauensverlustes der Kirche und des Priesteramtes geht es um den Schutz der Kinder und die Hilfe für die Opfer; der angerichtete Schaden ("Seelenmord") kann durch "keine Beichte wieder gut gemacht werden, auch durch keine Satisfaktion der Kirche". Der "Flucht in den Zölibat" durch sexuell unreife Männer mit einer "asexuellen Erziehung" muss Einhalt geboten werden; das "Vereinsamungssyndrom zölibatärer Priester" und das Fehlen einer "liebevollen Partnerschaft" im Kontext eines Stress auslösenden Umgangs mit jungen, vitalen und auch attraktiven Menschen fördern sexuellen Missbrauch im Raum der Kirche und Seelsorge.

Traditionelle Seelsorge als Katalysator?

Ulonska stellt abschließend klar: "Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: nicht der Pflichtzölibat "schafft" pädosexuelle Priester-Täter, vielmehr begünstigt das Priesteramt Voraussetzungen und Arbeitsbedingungen, um eine pädosexuelle/ ephebophile Fixierung ausleben zu können" (S. 220) - wie sagt schon der Volksmund? "Gelegenheit macht Diebe". Also sollte man (mit Blick auf die - katholische - Kirche) die "Gelegenheiten" (konkret: die "Voraussetzungen und Arbeitsbedingungen" des Priesteramtes und der Seelsorge) verändern, um den "Dieben" (Sexualtätern) keine Chance zu geben, "Seelenmorde" zu begehen. Die Inhalte und Ziele der (beruflichen oder berufenen) Sozialisation zum Priesteramt sowie die Instanzen einer seelsorgerischen Ausbildung und die Institution der Kirche selbst und ihre Sexualmoral stehen zur Diskussion.

Zufall?

Am Abend des Tages (16. 8. 2007), an dem ich die meisten Zeilen zu dieser Rezension verfasst habe, komme ich nach meinem wöchentlichen Abendsport nach Hause, schalte kurz nach 22 Uhr das Fernsehgerät ein, um im ARD Nachrichten und Wetterkarte zu hören. In der laufenden Sendung davor (Panorama) wird genau zu dem hier zur Diskussion stehenden Thema des Readers berichtet: Sexueller Missbrauch durch Kirchenvertreter. Es wird von (Einzel-?)Fällen berichtet, Opfer (meist junge Männer) werden interviewt und ein älterer Herr, der vor ca 40 Jahren sexuell von einem Priester missbraucht wurde, sagt (sinngemäß): "Es vergeht kein Tag in meinem Leben, an dem ich nicht daran denke!" - "Seelenmord"! Es wird von Fällen des Vertuschens (Versetzung in eine andere Gemeinde) und Geldabfindungen (im Falle des Schweigens) berichtet. Zuletzt wird - wie es sich journalistisch korrekt gehört - Bischof Lehmann interviewt, der wie gewohnt reagiert: es handelt sich um "Einzelfälle", die Kirche bemüht sich um Aufklärung und Offenheit, Verweis auf die Leitlinien des Vatikan, Notwendigkeit der Prävention usw. "Business as usual"!?

Kritische Würdigung

Der Reader fasst ein "heißes Eisen" an, an dem sich die (katholische) Kirche momentan die Finger verbrennt. Die Autoren legen durchaus die Finger in die Wunden der kirchlichen Ausbildung, des Pflichtzölibats und der Struktur der Kirche. Wie ein katholischer Priester jedoch in Reaktion auf die Aufdeckung der Missstände auszusuchen (Prävention) und auszubilden (Sozialisation) ist, was ein verantwortlicher Umgang mit der eigenen Sexualität für Priester bedeutet und was man insgesamt präventiv auf den Weg bringen müsste, bleibt m.E. größtenteils offen oder wird in schönen Worten verkleistert.

Notwendig wäre m.E. ein schonungsloser öffentlicher politischer, medialer und (sozial-!) wissenschaftlicher Diskurs über die hier aufgedeckten Probleme - schließlich geht es um (kindliche und jugendliche) Opfer und deren lebenslanges Leiden. Und jedes Opfer sexueller Gewalt (noch dazu im Schutz von Kirchenmauern) ist ein Leidensfall zu viel. Der Reader leistet dazu einen wichtigen Beitrag - nur, wer liest dieses Buch? Zu fragen wäre, wie die hier gelieferten Informationen und die geführte (selbst)kritische Diskussion einiger Theologen zum einen in den Alltagsdiskurs über Kirche und Sexualmoral überführt und dann auch als Dauerthema institutionalisiert und "hinter Kirchenmauern" gebracht werden kann. Für den Alltagsdiskurs wären Sozialwissenschaftler hinzu zu ziehen - ob "im Schutz von Kirchen­mauern" eine (selbst-)kritische Dauerreflexion mit konkreten Konsequenzen möglich ist, ist eine überfällige Herausforderungen für die (katholische) Kirche.

Ärgerlich finde ich, das sollte abschließend trotz aller positiven Würdigungen, dennoch gesagt werden, dass die einzelnen Beiträge sich formal stark unterscheiden. So gibt es Beiträge, die mit etlichen Fußnoten arbeiten und andere, welche ohne jeglichen Verweis auf Literatur auskommen, aber mit langer Literaturliste, Beiträge mit einer "wilden" Literaturliste (nicht alphabetisch geordnet) oder keiner, mit und ohne Nennung der Vornamen. Darauf hätte der Profi (Chef-Lektor) Rainer achten sollen.


Rezension von
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie.
ISEF-Institut (Institut für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fortbildung
Homepage www.Isef-Institut.de
E-Mail Mailformular


Alle 85 Rezensionen von Hartmut M. Griese anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 17.10.2007 zu: Herbert Ulonska, Michael J. Rainer (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt im Schutz von Kirchenmauern. Anstöße zur differenzierten (Selbst-)Wahrnehmung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2007. 2., erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8258-6353-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5272.php, Datum des Zugriffs 28.02.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht