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Andrew Kendrick (Hrsg.): Residential Child Care

Rezensiert von Prof. em. Dr. Matthias Moch, 30.04.2008

Cover Andrew Kendrick (Hrsg.): Residential Child Care ISBN 978-1-84310-526-8

Andrew Kendrick (Hrsg.): Residential Child Care. Prospects and Challenges. Jessica Kingsley Publishers (London N1 9JB) 2007. 224 Seiten. ISBN 978-1-84310-526-8.
Reihe: Research Highlights in Social Work, Band 47. 34.95 Dollar / 18.99 Pound .

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Thema

In der Kommunikation über europäische Ländergrenzen hinweg gibt es gewiss große Unterschiede zwischen verschiedenen Sachgebieten und Wissenschaftsbereichen. Europa wird zuallererst als gemeinsamer Wirtschaftsraum verstanden und entsprechend ist die internationale wissenschaftliche Kommunikation primär auf ökonomische Themen ausgerichtet. Sozialwissenschaften und darin insbesondere die anwendungsorientierten Disziplinen haben hier einen großen Nachholbedarf.

In Studiengängen und Fachkonferenzen der Sozialen Arbeit werden erst allmählich nicht-deutsche Quellen rezipiert. Nach wie vor ist englischsprachige Literatur im Lesepensum des Fachpraktikers, aber auch vieler Studierender eher die Ausnahme. Aber auch in der Lehre dürfte die aktuelle Fachliteratur des angrenzenden europäischen Auslandes bisher eher eine geringe Rolle spielen.

Dies alles mag an verschiedenen Gründen liegen: Zum Ersten sind die traditionsgeprägten Strukturen der sozialen Hilfssysteme in den europäischen Staaten sehr unterschiedlich und kaum vergleichbar, was einen unmittelbaren Transfer von Erkenntnissen erschwert. Zum Zweiten unterscheiden sich die Berichts- und Forschungsansätze in verschiedenen Ländern sowie die jeweils verfügbaren Daten und Forschungsbefunde in Bezug auf Umfang, Qualität und Erkenntnisinteresse erheblich voneinander.

Der dritte Grund für eine bisher mangelhafte Rezeption ist unabhängig von der Sache. Es dürfte vor allem die Sprachbarriere sein, die verhindert, dass englischsprachige Bücher und Fachbeiträge hierzulande stärker in der Fachdiskussion berücksichtigt werden.

Einen sehr guten Einstieg in die Bemühungen um einen stärker international ausgerichteten Blick bietet dieser Sammelband von Andrew Kendrick, Professor of Residential Child Care an der Strathclyde University (Schottland) und Direktor der Glasgow School of Social Work.

Gewiss handelt der Band von einem eher spezifischen Gebiet der Erziehungshilfen, nämlich der stationären Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Heimen in Großbritannien. Art und Inhalt der Beiträge werfen jedoch ein gutes Licht auf die Strukturen Sozialer Arbeit dort und kennzeichnen die dort üblichen Berichts- und Forschungstraditionen.

Überblick

Der Band gliedert sich – nach einer dichten und sehr informativen Einleitung durch den Herausgeber – in vier Teile zu jeweils spezifischen Themen. Die Autoren sind Universitätsangehörige aus neun verschiedenen Universitäten und einem Forschungsinstitut in Großbritannien, vorwiegend aus Schottland. Leider finden sich keine näheren Angaben zu den Hintergründen der Autoren.

Die 16 Aufsätze befassen sich mit einem großen Spektrum von Aufgaben und Problemen, welche die Situation von Kindern und Jugendlichen in Heimen betreffen. Die jeweils 10 bis 12 Seiten umfassenden Aufsätze sind alle sehr gut lesbar und dennoch dicht gepackt mit themenspezifischen Informationen, vielen empirischen Befunden und sehr aktuellen Quellen. An vielen Stellen werden Querverbindungen zwischen den Themen aufgezeigt. Manch einer, der sich mit schwierigen deutschsprachigen Fachtexten eher schwer tun mag, wird erstaunt sein, wie klar, nachvollziehbar und prägnant die Texte geschrieben sind, Merkmale, die m.E. den Schreibstil sehr vieler sozialwissenschaftlicher Autoren aus dem englischen Sprachraum kennzeichnen.

Inhalte

Es ist dem Herausgeber absolut zuzustimmen, wenn er behauptet: "The contributions to this book address many of the most significant issues affecting residental child care." (S. 13). Der Themenzuschnitt ist auch deswegen bemerkenswert, weil in Großbritannien – im Gegensatz zu Deutschland – erheblich mehr Kinder in Pflegefamilien als in Heimen untergebracht sind. In der Einleitung werden sehr grundlegende Informationen zum System der Fremdunterbrinung in England gegeben. Der Leser wird über den Stellenwert und die differenzierten Formen der Heimunterbringung informiert, bevor die einzelnen Kapitel kurz vorgestellt werden. Als Rahmen des Buches wird definiert: "The  aim is to pull together the relevant research, to identify ongoing concerns and recent developments, and to highlight implications for policy and practice." (S. 9). Immer wiederkehrende Kernthemen sind:

  1. Die Beziehungen zwischen den jungen Menschen und den MitarbeiterInnen,
  2. (Dis-)Kontinuität des Heimaufenthalts,
  3. Integration und Zusammenarbeit in Strukturen und Organisationen und
  4. die Beziehungen der jungen Menschen zu ihren Familien und zum Gemeinwesen.

Jeder Beitrag beginnt mit einer Problemeingrenzung und endet mit konkreten Vorschlägen für Politik und Heimpraxis.

Der erste Teil ist dem Thema "Förderung von Wohlergehen und Entwicklung" gewidmet. Zunächst werden Zusammenhänge zwischen sozioökonomischer Lage, Schulbildung und Heimerziehung untersucht. Es wird herausgestellt, dass junge Menschen in Heimen vor dem Hintergrund ihrer Vorgeschichte, ihrer diskontinuierlichen Bildungsverläufe aber auch aufgrund geringer Erwartungen der MitarbeiterInnen sowie aufgrund von Kommunikationsfehlern im Hilfesystem nachweisbar erheblich schlechtere Bildungschancen als andere Kinder haben.

Die körperliche Gesundheit von Heimkindern ist ein weithin vernachlässigtes Thema. Entsprechend interessant sind die Befunde zu den gesundheitlichen Risiken sowie zu damit verbundenen Mängeln im Heim in Bezug auf Impfschutz, Drogenkonsum, Früherkennung und Verlaufskontrollen. In diesem Zusammenhang wird z.B. über spezifisch ausgebildetes Personal für die gesundheitbezogene Begleitung von Kindern in öffentlicher Erziehung nachgedacht.

Das Thema psychische Gesundheit und seelische Störungen wird in einem gesonderten Aufsatz behandelt. Nachweislich sind die Vorgeschichten vielen Heimkinder von Traumatisierungen gekennzeichnet. Oftmals führen diese auch während der Heimunterbringung zu weiteren Ausgrenzungen. Art und Intensität der Betreuung im Heim haben darauf einen erheblichen Einfluss und der Beitrag enthält eine Reihe von Vorschlägen, wie dieser optimiert werden kann.

Ein stärker theorieorientierter Beitrag befasst sich mit dem Konzept der Resilienz. Der unreflektierte Gebrauch dieses Begriffs wird kritisiert, bevor Vorschläge zur psychischen Stärkung von Heimkindern entwickelt werden.

Beendigungen von Heimaufenthalten lassen sich als kritische Lebensphasen kennzeichnen. Es werden Ergebnisse einer schottischen Studie dargelegt, in der die Lebensverläufe von Heimentlassenen einige Monate verfolgt wurden. Herausgestellt wird das Problem, dass viele von ihnen sehr unzureichend auf ein Leben nach dem Heim vorbereitet werden und ein großer Teil nach dem Heim in sehr prekären Verhältnissen lebt.

Teil 2 befasst sich mit verschiedenen Aspekten der Diskriminierung junger Menschen in Heimerziehung. Nach wie vor sind Befunde und Konzepte zu Geschlechterunterschieden in der Heimerziehung mangelhaft oder nicht vorhanden. Mädchen haben hier oftmals einen besonders schweren Stand, sind besonderen Gefahren ausgesetzt und leiden nachweislich stärken an bestimmten psychischen Störungen wie Depression, Ernährungsproblemen oder Selbstverletzung.<(p>

Behinderte Kinder haben eine wesentlich benachteiligte Stellung im Rahmen der öffentlichen Erziehung. Gleichzeitig sind sie nachweislich erheblich häufiger Opfer von Vernachlässigung sowie physischer und psychischer Gewalt. Professionalisierung von Heimerziehung erscheint gerade auch in diesem Sektor vordringlich.

Der dritte Beitrag in diesem Teil ist der Lage von ethnische Minderheiten in britischen Heimen gewidmet. Er zeigt dass diese in verschiedenen Heimformen sehr unterschiedlich repräsentiert sind. Befunde zu ethnisch motivierten Benachteiligungen und Angriffen durch MitarbeiterInnen und Peers werden referiert und es werden Vorschläge für heimspezifische Interventionsformen erarbeitet.

Der dritte Teil thematisiert verschiedene Konflikte im Kontext der Heimerziehung. Eine Studie über Gewalt zwischen Peers zeigt Formen und Ursachen auf, verweist auf die oftmals verborgene Belastung der jungen Menschen durch Peer-Gewalt und diskutiert ’best-practice’-Beispiele im Umgang mit diesem Problem.

Mit dem Thema physische Einschränkung, Bestrafung und Verletzung junger Menschen durch MitarbeiterInnen befasst sich eigener Beitrag. Er untersucht die Häufigkeit von Vorkommnissen sowie die Folgen für Kinder und MitarbeiterInnen. Organisatorische, behaviorale und pädagogische Implikationen werden erörtert.

Geschlossene Unterbringung und Alternativen sind die Inhalte des letzten Beitrages in diesem Teil. Große regionale Unterschiede in der Nutzung wie auch in der Zuweisungspraxis werden festgestellt. Darüber hinaus wird gezeigt, dass sich Geschlossene Unterbringung und "Alternativen" weniger komplementär ergänzen, als vielmehr in der Praxis aufeinander folgende Unterbringungsformen sind.

Teil 4 sammelt unter der Überschrift "Kontext und Kultur" vier abschließende Beiträge zu den Themen Kinderrechte, therapeutische Ansätze, Personal in der Heimerziehung sowie die Frage der Bedeutung von Leitungsprinzip und Struktur für den pädagogischen Erfolg der Heimerziehung.

Dabei dürfte der dritte Artikel über Fachlichkeit, Ausbildung, Zusammensetzung und Verfügbarkeit von Personal für den deutschen Leser von größter Bedeutung sein. Dem britischen Leser werden die deutschen Begriffe "Lebenswelt" und "Sozialpädagogik" vermittelt bevor in einem internationalen Vergleich Aspekte der Personalsituation in England, Dänemark und Deutschland einander gegenübergestellt werden. Auffallend ist dabei der vergleichsweise hohe Anteil männlicher Mitarbeiter sowie der hohe Anteil von MitarbeiterInnen mit nicht nationalem Hintergrund in Großbritannien. Der Beitrag macht auch deutlich, wie schwierig der Einblick in jeweils fremde Strukturen der Erziehungshilfe anderer Länder ist. Bei der Erörterung pädagogischer Qualifikationsprofile in Deutschland wird z.B. der Unterschied zwischen "Erzieher" und "Sozialpädagoge" herausgearbeitet und der deutsche Leser mag zunächst stutzen, dann vielleicht schmunzeln, wenn er folgenden Satz liest: "…the Diplom-Sozialpädagoge is equivalent to a Masters-level degree in the UK; this theoretically oriented qualification usually takes around seven years to complete."

Diskussion

Wie eingangs erwähnt macht das Buch Mut, sich nicht nur verstärkt mit englischsprachiger Fachliteratur auseinanderzusetzen, sondern auch von den Strukturen und Besonderheiten, und nicht zuletzt von den Berichts- und Forschungspraktiken in anderen europäischen Sozialsystemen zu lernen. Wenn auch nahezu alle Beiträge das Hauptgewicht auf die Diskussion empirischer Befunde legen, so werden alle aufgeworfenen Fragestellungen in den überschaubaren und sehr praxisnahen Artikeln beantwortet. Manchem Leser mag die Flut von quantitativ erhobenen Befunden in der Weise auffallen, dass möglicherweise gründlichere theoriegeleitete Erörterungen zu kurz kommen. Insofern fehlt dem Band aus "deutscher" Sicht – wie übrigens vielen Herausgeberbänden – eine etwas übergreifende an Theoriekonzepten orientierte "Klammer".

Jedoch liegt die Stärke aller Beiträge in einer klaren Orientierung an einer empirischen Fundierung der Aussagen sowie am Nutzen für die Praxis der Heimerziehung und für die Verbesserung lokaler und nationaler Konzepte. Hilfreich dabei sind das ausführliche Schlagwortverzeichnis sowie der Autoren-Index am Schluss des Buches. Zu jedem Beitrag findet sich jeweils ein sehr aktuelles Quellenverzeichnis, so dass sich der Leser eines Aufsatzes unmittelbar über die verfügbare Literatur informieren kann. Insofern kann jeder Beitrag des Buches auch einzeln gelesen und weiterverwendet werden.

Was das explizite Einbeziehen bestehender und wünschenswerter politischer Strategien und Programme anbetrifft kann die deutsche Erziehungshilfediskussion und -forschung etwas von diesem Band lernen.

Fazit

In Bezug auf das spezifische Feld der Heimerziehung ist die dargelegte Sammlung hervorragend geeignet, Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Rahmenbedingungen und Praktiken in England und Deutschland unter die Lupe zu nehmen.

Rezension von
Prof. em. Dr. Matthias Moch
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Es gibt 30 Rezensionen von Matthias Moch.

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ISSN 2190-9245