socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Inge Breid: Befreiungspädagogik und Kinderdorf-Idee. SOS Kinderdörfer in Entwicklungsländern

Cover Inge Breid: Befreiungspädagogik und Kinderdorf-Idee. SOS Kinderdörfer in Entwicklungsländern - Paulo Freire und Hermann Gmeiner im Vergleich. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2007. 2., unveränderte Auflage. 118 Seiten. ISBN 978-3-86585-210-6. 19,90 EUR.

Pädagogische Reihe - Band 10.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Die Unversöhnlichkeit der Versöhnung: Menschlichkeit

Warum soll man nicht auch einmal eine Studienarbeit besprechen? Der Paulo Freire Verlag in Oldenburg bietet in den verschiedenen Publikationsreihen - Internationale Sozialarbeit, Edition Neuer Diskurs, Lebenswelten, Dialog und Diskurs, Aspekte der Freire-Pädagogik - auch einen Themenbereich an, der sich "Pädagogische Reihe" nennt. Darin werden insbesondere Forschungsarbeiten vorgestellt, die einen Brückenschlag zwischen den Ideen und Konzeptionen des lateinamerikanischen Pädagogen Paulo Freire und anderen pädagogischen Konzeptionen und erziehungswissenschaftlichen Entwürfen versuchen. Der brasilianische Pädagoge Paulo Freire (1921 - 1997) war es ja, der mit den Aufforderungen für eine "Erziehung zur Befreiung", einer "Pädagogik der Unterdrückten" die "dialogische Erziehung" in den Mittelpunkt seiner nationalen und internationalen Arbeit stellte und uns heute von einer "befreienden Pädagogik" sprechen lässt.

Dank des Paulo Freire Verlags und der Paulo Freire Kooperation, beide aus Oldenburg, kann man heute getrost von einer "Freire-Renaissance" sprechen; vor allem bei den Bemühungen, in der sich immer interdependenter entwickelnden, unübersichtlichen und ungerechten Welt der Pädagogik mit dem Anspruch, das Menschenrecht "Bildung für alle" durchzusetzen, eine neue, humane und globale Perspektive zu geben.

Inhalt

Die an der Wiener Universität studierende Inge Breid setzt sich mit der Frage auseinander, welche Möglichkeiten pädagogische Konzepte in ihren konkreten Vollzügen haben können, zur politischen und sozialen Gerechtigkeit in den Gesellschaften des Südens der Erde beizutragen. Die Vergleichende Pädagogik nimmt für sich ja in Anspruch, dazu beizutragen, dass "im Dasein des unfreien, des seiner Begehrlichkeit und letztlich seiner Angst preisgegebenen Menschen" (Hans Wittig) sich so etwas wie "Befriedigung, Glück, Dauer" einstellen kann. Dabei gibt es mittlerweile eine Reihe von Versuchen, die Freiresche Pädagogik in Beziehung zu setzen mit den Konzeptionen anderer pädagogischer Denker; etwa mit Freinet, mit Mahatma Gandhi, Dewey u. a. Paulo Freire und Hermann Gmeiner (1919 - 1986) haben ohne Zweifel gemeinsame Wurzeln in ihren pädagogischen Auffassungen. Beide berufen sich dabei auf die im christlichen Glauben verankerten Werte wie Brüderlichkeit, Solidarität und Humanität. Beiden Konzepten ist auch gemeinsam, dass Bildung nur durch die Auseinandersetzung mit der je konkreten gesellschaftlichen Wirklichkeit zustande kommen kann. Und doch unterscheiden sie sich in der grundsätzlichen Zugangsweise, wie Bildung und Erziehung vermittelt werden sollte. Während Paulo Freire davon überzeugt ist, dass die Zustände, wie sie im jeweiligen Gesellschafts- und Herrschaftssystem vorherrschen, Bildung und Erziehung bewirken, und damit müssen Erzieherinnen und Erzieher auch politisch (gesellschaftlich) agierende Persönlichkeiten sein - betrachtet Hermann Gmeiner den Erzieher als jemand, der in seinem pädagogischen und institutionellem Tun auf Neutralität zu achten habe. Gemeinsam wiederum ist beiden Konzepten, dass das Ziel einer individuellen und gesellschaftlichen Erziehung sein muss, Frieden, Gerechtigkeit und humane Haltungen zu schaffen. Dies aber ist, und damit treffen erneut die beiden Denkrichtungen aufeinander, nur möglich, wenn es gelingt, die Gesellschaft(en) zu verändern.

Die Autorin legt bei ihren Vergleichen und Reflexionen ihre Erfahrungen zugrunde, die sie während eines Praktikums im Sommer 1999 im SOS-Kinderdorf "Barrett Town" in Montego Bay auf Jamaika gemacht hat. Die Littsche Alternative, die er jedoch nur metaphorisch als Gegensatz auflistet - "Führen oder Wachsen lassen" - wird in der Pädagogik der SOS-Kinderdorf-International zu einem integrativen Konzept von ganzheitlicher Entwicklung, also einem "Führen und Wachsen lassen". Während hier vorwiegend eltern- und familienlosen Kindern eine "Familienheimat" angeboten wird, geschieht in der Freireschen Pädagogik "Erziehung als Praxis der Politik", insbesondere in der Erwachsenenbildung durch Alphabetisierung als Grundlage für kritisches und reflexives Denken. Entwicklung vollzieht sich damit als "befreiende Erziehung". Die fundamentalen Unterschiede im Denken der beiden Pädagogen jedoch zeigen sich in den gegensätzlichen Auffassungen von Reform und Revolution. Während Freire der Überzeugung ist, dass die Veränderung einer Gesellschaft hin zu Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität und Humanität nicht systemimanent, also als Reform möglich ist, lehnt Gmeiner jede gewaltsame Veränderung in der Form einer Revolution entschieden ab.

Überträgt man die jeweiligen Konzeptionen, Methoden und institutionelle Praxis der beiden pädagogischen Ideen auf die Wirklichkeit in unserer Einen Welt auf eine entwicklungsbezogene Kinder- und Jugendarbeit in den Ländern der so genannten "Dritten Welt", dann können in der Tat die Pädagogiken von Paulo Freire und Hermann Gmeiner in ihrer je spezifischen Aussagekraft dazu beitragen, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 formulierten Ziele für ein humanes Leben auf der Erde mit verwirklichen zu helfen. So lassen sich beide Konzepte durchaus unter den Sammelbegriff "Befreiungspädagogik" fassen.

Fazit

Die Arbeit von Inge Breid ist ein studentischer Versuch, Erziehungskonzepte, die im Allgemeinen nicht auf der Agenda eines erziehungswissenschaftlichen Studiums stehen, hermeneutisch und als praktische Teilhabe zu reflektieren. Sowohl vom Umfang als auch vom didaktischen Anspruch lässt der Text viele Lücken; wichtige Aspekte werden dabei nur angerissen, aber nicht ausführlicher dargestellt. Die herangezogene Literatur muss als ein ausgewähltes Segment verstanden werden, aus einer mittlerweile doch intensiven Bearbeitung der Thematik zur internationalen Pädagogik. Der Wert der Arbeit dürfte besonders darin liegen, dass die Autorin den Finger darauf gelegt hat: Die verschiedenen Konzepte, Initiativen und Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit bedürfen einer intensiveren theoretischen und praktischen Beachtung, damit "Hilfe zur Selbsthilfe" effektiver werden kann. Paulo Freire und Hermann Gmeiner sind sich meines Wissens nie begegnet, obwohl sie etwa zur gleichen Zeit gelebt haben. Hätten sie die Gelegenheit dazu gehabt, würden sie zwar in einigen Fragen ihrer pädagogischen Auffassungen heftig miteinander gestritten haben; im Bewusstsein aber, dass Bildung und Erziehung der Menschen Schlüssel für Menschlichkeit sind, wären sie sich einig gewesen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1375 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.10.2007 zu: Inge Breid: Befreiungspädagogik und Kinderdorf-Idee. SOS Kinderdörfer in Entwicklungsländern - Paulo Freire und Hermann Gmeiner im Vergleich. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2007. 2., unveränderte Auflage. ISBN 978-3-86585-210-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5295.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Krippenleitung (w/m/d), Jesteburg

Pädagogische Fachkräfte (m/w/d), Remseck am Neckar

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung