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Sven Sauter: Schule. Macht. Ungleichheit. Bildungsbarrieren und Wissensproduktion im Aushandlungsprozess

Cover Sven Sauter: Schule. Macht. Ungleichheit. Bildungsbarrieren und Wissensproduktion im Aushandlungsprozess. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2007. 276 Seiten. ISBN 978-3-86099-344-6. 24,90 EUR, CH: 41,70 sFr.

Reihe: Wissen & Praxis - 144.
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Eine Soziologie der Differenz: Ursachen der Chancenungleichheit

Ob in unserer Gesellschaft ein Bildungsliberalismus vorherrscht, eine neoliberale "Raubtier"-Schule besteht, oder sich längst ein Bildungskapitalismus entwickelt hat, darüber lässt sich trefflich streiten. Die ideologischen Kanonen und Argumentationsschrapnelle sind längst in Position gebracht, und das Hin und Her der unumstößlichen Überzeugungen reißt nur unbedeutende und wie es scheint unschädliche Löcher in die jeweiligen Fronten: "Da sich im deutschen Schulsystem ein nachhaltiges Unvermögen zeigt, mit Heterogenität umzugehen, stellt sich grundlegend die Frage nach den pädagogischen und gesellschaftlich vermittelten Umgangsweisen mit Heterogenität, Diversität und Differenz". Stand in der Bildungskritik der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts das "katholische Mädchen vom Lande" als Argumentationsfigur für soziale und gesellschaftliche Ungleichheit am Pranger und die Revision dieser Chancenungleichheit im Visier, so hat sich in den letzten Jahrzehnten der deutschen Bildungswirklichkeit der männliche Jugendliche aus Einwanderer- bzw. Flüchtlingsfamilien mit ungesichertem (Aufenthalts-) Status herausgebildet. Im "kleinen roten schülerbuch" von Bo Dan Andersen, S¿ren Hansen und Jesper Jensen (1969) ist zu lesen: "um die schule zu ändern, muss man die gesellschaft verändern. Um die gesellschaft zu ändern, muss man die schule verändern". Die internationalen Bildungsvergleichsuntersuchungen sagen nichts anderes.

Autor

Einer, der sich mit wissenschaftlichem Anspruch daran macht, "Konvergenzen in den Begründungsfiguren für pädagogisches Handeln im Umgang mit "Vielfalt" sowie den damit einhergehenden Effekten im pädagogischen Feld von Interkultureller Pädagogik und Sonderpädagogik zu analysieren, um die Erziehungspraxis auch als eine Normalisierungspraxis verstehen zu können", drückt dies mit seinen Worten aus: "Es gibt kein Lehren und Lernen jenseits gesellschaftlicher Machtverhältnisse". Der Autor Sven Sauter ist Kultur-, Sozial- und Erziehungswissenschaftler am Institut für Bildungswissenschaft und Medienforschung in Hagen. Mit Pierre Bourdieu ist er überzeugt, dass "Blindheit gegenüber sozialer Ungleichheit zwingt und berechtigt (dazu), jegliche Ungleichheit als natürliche, als Ungleichheit der Begabung anzusehen". Das drei-(vier)gliedrige Schulsystem in Deutschland, wie kaum noch in einem anderen Land der Welt, ist ein klassisches Beispiel dafür, wie eine solche Einstellung gesellschaftlich institutionalisiert wird.

Inhalt

In seiner Studie mit dem provozierenden Titel "Schule macht Ungleichheit", wobei das Mittelwort gleichzeitig als Substantiv und Verb gemeint ist, setzt er sich zuerst mit dem Problem auseinander, dass in Mehrheitsgesellschaften fremde Minderheiten als Bedrohung der eigenen Identität empfunden werden. Auch in der (seriösen) Ausländerforschung gerät nicht selten "ethnische Heterogenität aus dem Blick, wie zugeschriebene Eigenschaften für Kinder von Immigranten mehr und mehr als Merkmalsträger einer angenommenen kulturellen Fremdheit" benutzt werden. In einem extrem selektiven und zudem (fast) undurchlässigen Bildungssystem - jedenfalls in Richtung "Aufstieg" - wird die Verteilung von Bildungschancen weitgehend mit dem Raster und nicht nach individuellen Möglichkeiten geregelt: "Die Schule ist und bleibt … ein zentrales Selektionsinstrument, das den Zugang zum Arbeitsmarkt und damit zum gesellschaftlichen Leben regelt". Die eindeutigen Belege, nicht zuletzt durch PISA dokumentiert: Sozial und vom gesellschaftlichen Status her benachteiligte Kinder und Jugendliche ausländischer Herkunft sind überproportional in Sonderschulen und Hauptschulen vertreten, erlangen in geringerem Maße weiterführende Schulabschlüsse und gelten in der kapitalistisch orientierten "Etablierten-Aussenseiter-Gesellschaft" als Loser und nicht als Winner. Gesellschaftliche Integration, so stellt bereits 1997 der "Spiegel" fest, ist deshalb nicht nur in Hinblick auf die Integration von Menschen anderskultureller Herkunft in die Mehrheitsgesellschaft gescheitert, sondern auch durch die Zuschreibungs- und Zuweisungsmechanismen innerhalb der Mehrheitsgesellschaft. Kapitalistisch und neoliberal drückt sich dies, lokal, regional und global, in der Feststellung aus: "Die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer". Die Misserfolgs- und Konfliktgeschichten von Jugendlichen im traditionellen deutschen Schulsystem sind vielfach dokumentiert worden; etwa auch durch das interdisziplinäre Forschungsprojekt "Konfliktgeschichten dissozialer, nicht beschulbarer Jugendlicher" vom Frankfurter Institut für Sozialforschung (Freyberg/Wolff, 2005 - vgl. die Rezension - und 2006 - vgl. die Rezension).

Obwohl sich in den letzten Jahren in der universitären Lehrerausbildung, wenigstens an einigen Hochschulen, etwas bewegt hat hin zu mehr "schulpraktischen Studien", ist die Aufmerksamkeit für interkulturelles Lernen nach wie vor defizitär; wegen der massiven Kürzungen und zum Teil Aufhebung der offiziellen, von den Ländern zu verantwortenden Lehrerfort- und -weiterbildung findet diese in Deutschland praktisch nicht mehr statt; mit verheerenden Folgen für eine Schulpraxis, die interkulturelle Bildung und Erziehung zum Allgemeinbildungskonzept machen müsste. Exemplarisch stellt hier der Autor das "Mainzer Modell", als erziehungswissenschaftliches Begleitstudium vor. "Cultural Studies" als Interkulturelle und Kritische Pädagogik  darf im Gebäude der Erziehungswissenschaften nicht mehr weiterhin in die Abstellkammer, auch nicht ins zu kleine Kinderzimmer verbannt werden, in denen Defizite aufbewahrt werden, sondern muss die Vielfalt menschlichen Daseins als Chance für Entwicklung begreifen und sich als "emanzipatorische Pädagogik" etablieren. Weil der Blick auf den anderen und die Bedeutung für seine Identität, um mit Stuart Hall zu sprechen, immer die Hervorbringung des Eigenen, der eigenen Identität und Differenz beinhalten muss, ist pädagogisches Agieren und Reagieren immer auch kulturelles Handeln. Der Bogen hin zu den Pädagogiken, in unserem Fall zu den Kulturwissenschaften, ist gespannt und die bildungspolitischen Konsequenzen und gesellschaftlichen Anforderungen sind aufgezeigt: Bildung ist Bürgerrecht!

Müssen es immer 10 Gebote sein? In seinen zusammenfassenden zehn Thesen legt der Autor noch einmal den Finger in die Wunden unseres Bildungs- und Schulsystems. Die neunte These sollten sich Bildungspolitiker, Schuladministratoren, Lehrerinnen, Lehrer, Eltern und alle, denen an einer "gebildeten" Gesellschaft etwas liegt, auf ihre Merkzettel schreiben: "Differenzen stören nicht den Modus des Lernens, sondern eröffnen Möglichkeitsräume".

Bei seinen Reflexionen und fundierten Analysen über die Bildungswirklichkeit in unserem Land bezieht er die Theorien des französischen Soziologen, Kulturtheoretiker und Kritiker des Neoliberalismus, Pierre Bourdieu (1930 - 2002) ein, jedoch nicht die des lateinamerikanischen Befreiungspädagogen Paulo Freire (1921 - 1997), der mit seiner "conscientiza?ao", der Bewusstmachung, dass wir die Wirklichkeit, in der wir uns befinden, verändern müssen, eine Brücke gebaut hat von den Theorien hin zur Praxis menschlichen Lebens Hier, Heute und Morgen.

Fazit

Sven Sauters Studie über den Zustand der Wissensbildung in Deutschland ist ein Plädoyer für eine echte, objektive Bestandsaufnahme in Theorie und Praxis und ein Aufruf zu einem Neuanfang in einer immer interdependenter sich entwickelnden Einen Welt.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 31.10.2007 zu: Sven Sauter: Schule. Macht. Ungleichheit. Bildungsbarrieren und Wissensproduktion im Aushandlungsprozess. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2007. ISBN 978-3-86099-344-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5298.php, Datum des Zugriffs 23.10.2021.


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