socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jeroen Hendriksen: Intervision. Kollegiale Beratung [...]

Cover Jeroen Hendriksen: Intervision. Kollegiale Beratung in Sozialer Arbeit und Schule. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2000. 144 Seiten. ISBN 978-3-407-55846-6. 14,90 EUR.

Aus dem Niederländischen übersetzt von Ellen Rudert und Reinhard Koch.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-2080-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Einführung in das Thema

Mit dem Begriff „Intervision“ wird im Niederländischen ein Beratungsverfahren bezeichnet, das im deutschen Sprachraum als „Kollegiale Beratung“ bekannt ist; und so heißt auch der Untertitel des vorliegenden Buches. Dem Inhalt nach gibt es dieses Verfahren auch hierzulande seit Beginn der 80er Jahre, und zwar unter verschiedenen Namen: Kooperative Beratung, Kollegiale Unterstützungsgruppe, Kollegiale Selbsthilfe, Selbstberatungsgruppe, Kollegiale Fallberatung, Fallberatungsgruppe, Kooperative Gruppenberatung. Diese Begriffe machen schon deutlich: Hier geht es um Beratung unter Gleichen; hier beraten sich KollegInnen in einer Gruppe gegenseitig im Hinblick auf ihren (gemeinsamen) Beruf; sie suchen gemeinsam nach Klärungen und Lösungen für den jeweiligen Fall. Von diesem Ansatz geht auch Hendriksen aus.

In der Regel haben diese Gruppen 4 bis 8 TeilnehmerInnen; es werden 6 bis 10 Treffen von je zwei Stunden verabredet. Es gibt keine externe Leitung. Stattdessen ist das Verfahren sehr stark strukturiert; der Ablauf jeder Beratung ist in Phasen festgelegt (je nach Autor 6 bis 8 Phasen). So wird es möglich, daß die Leitung einer solchen Gruppe reihum gehen kann: Der Leiter / die Leiterin ist nur für die Struktur verantwortlich, für die Einhaltung der Phasen, der Zeiten und ggf. weiterer Regeln. Der Vorteil dieses Verfahrens: Es ist leicht zu installieren, es ist kostengünstig und nutzt die Ressourcen, die die KollegInnen mitbringen. Der Nachteil: Es mangelt oft an Verbindlichkeit; das Verfahren selbst ist gewöhnungsbedürftig; der mangelnden Übung wegen kommt es nicht immer zu befriedigenden Ergebnissen. Hier setzt das vorliegende Buch mit einem neuen Konzept an: Hendriksen plädiert für eine kontinuierliche Leitung und Begleitung dieser kollegialen Gruppen.

Hintergründe für die Entstehung dieses Buches

Jeroen Hendriksen ist Physiotherapeut und Sozialpädagoge; er ist Leiter des Instituts für Haptonomie in Doorn, Niederlande; außerdem Trainer und Berater. Seit vielen Jahren mit Intervision beschäftigt, kann er als Experte für dieses Verfahren in den Niederlanden gelten. Sein erstes Buch zu diesem Thema „Intervision bei beruflichen Problemen“ ist 1999 in der 8. Auflage erschienen. Und auch das vorliegende Buch, zuerst erschienen 1997, ist in den Niederlanden bereits dreimal neu aufgelegt.

Hendriksen ging in seinem ersten Buch von einer selbstgeleiteten kollegialen Gruppe aus – wie auch die meisten deutschen Autoren zu dieser Zeit. Seine langjährige Erfahrung mit solchen Gruppen und die praktischen Probleme und Grenzen der professionellen Selbstberatung haben ihn dazu geführt, sein Verfahren an einer entscheidenden Stelle zu modifizieren: Im vorliegenden Buch schlägt er zur Leitung einer Intervisionsgruppe einen (externen) Begleiter vor, einen Intervisor. Diese Wendung wird deutlich im Titel der niederländischen Originalausgabe: „Begeleid intervisie model.“

Aufbau und Inhalt

Hendriksen schreibt aus der Praxis für die Praxis. So sind denn die übersichtlich gegliederten Kapitel voller Hinweise und Beispiele.

Im ersten Kapitel „Intervision und begleitete Intervision“ geht es zunächst um die Grundlagen der Intervision, wobei der Verfasser noch einmal darauf hinweist, daß die Einteilung in Phasen elementare Voraussetzung für ein Intervisionsgespräch ist. In einer Gegenüberstellung von Intervision und Supervision macht er deutlich, wie aus der Überschneidung von beidem die „begleitete Intervision“ entstanden ist. Es werden die Bedingungen der Begleitung dargestellt sowie die Voraussetzungen dafür, daß begleitete Intervision sich strukturell in eine Organisation einfügt. Sind sie erfüllt, unterstützt dieses Verfahren die Fortbildung, die Personalentwicklung, die langfristigen Ziele des Managements und verbessert die Qualität professioneller Arbeit. Das Kapitel schließt mit einem 6-Punkte-Plan zur Einführung bzw. Implementierung von begleiteter Intervision.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der „Begleitung einer Intervisionsgruppe“. Der Begleiter braucht neben den Kernfähigkeiten Empathie und Authentizität: Kenntnisse von Moderation und Gruppendynamik, ausreichende berufliche Erfahrungen (im jeweiligen Arbeitsgebiet), Erfahrungen im Leiten von Gruppen; er sollte vertraut sein mit der Organisation, ohne eine Funktion in der Organisationshierarchie zu haben; er sollte in der Lage sein, den selbständigen Lernprozeß der Gruppenmitglieder so zu unterstützen, daß er als Leiter überflüssig wird. Da es um „Lernen in der Gruppe“ geht, stellt der Verfasser zunächst das Modell der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn als Grundlage für „Lebendiges Lernen“ dar. Er beschreibt dann verschiedene Lernphasentheorien sowie die Phasen des Gruppenprozesses nach Stanford. In diesen Verfahren sollte der Begleiter geübt sein. Zum Schluß beschreibt der Verfasser den Begleiter noch einmal sehr eindringlich als „Trainer-Coach“ und führt aus, was er in beiden Positionen leisten muß.

Im dritten Kapitel behandelt Hendriksen die praktische „Organisation der begleiteten Intervision“ mit Fragebogen, Checklisten, dem Muster eines Intervisionsvertrages und dem Muster für ein Intervisionstagebuch. Er empfiehlt, diese Vorschläge für die praktische Arbeit nicht als starres Gerüst, sondern als richtungweisende Möglichkeiten zu gebrauchen, aus denen die jeweilige Intervisionsgruppe die für sie passende Arbeitsweise aussucht. Ziel ist es (auch im Hinblick auf das Management), klare Strukturen zu setzen.

Das vierte Kapitel beschreibt „Die Praxis der begleiteten Intervision“ an drei Fallstudien. Sie kommen alle aus dem schulischen Bereich, sind aber auf andere berufliche Situationen Übertragbar. Es handelt sich um Berufsanfänger (Referendare), um Lehrer mit langjähriger Berufserfahrung und um Leiter von Fortbildungseinrichtungen (Management). Die drei Prozesse werden Sitzung für Sitzung beschrieben; so bekommt der Leser/die Leserin einen detaillierten Einblick in die Praxis des Verfahrens.

Das fünfte Kapitel ist mit seinen „Übungen“ eine Fundgrube für jeden Intervisor. Dabei wird der Begriff „Übung“ als Sammelbegriff für eine Vielzahl von Methoden, Modellen, Arbeitsweisen und Hilfsmitteln verwendet. Sie sind gegliedert in: 1. Übungen zur Lösung von Problemen: Die Ereignismethode; Die Kräfte-im-Feld-Analyse; Die Profilbeschreibung; Die themenzentrierte Interaktion; „Warm oder Kalt„; Meditation; Das Intervisionsprotokoll. 2. Übungen zur Klärung von Problemen: An Problemen arbeiten; Klärende Fragen stellen; Das Problem erfragen; „Ich bin das Problem“; Brainstormin; Sich gegenseitig zeichnen. 3. Problemanalysierende Übungen: Die „Pareto-Analyse“; Das Ishikawa-Schema; Das Auswahlraster; Sechsmal „W“; Soziometrie der beteiligten Personen; „Warum? Warum?“; Um Rat fragen, Rat bekommen.

Im sechsten und letzten Kapitel „Perspektiven der begleiteten Intervision“ geht der Verfasser auf die unterschiedlichen Formen und auf verschiedene Trends im Umgang mit der Intervision ein sowie auf Berührungspunkte mit anderen Formen personenzentrierter Beratung, wie: Coaching, Counseling, Supervision und staff-appraisel. Zum Schluß beschreibt er noch einmal ausführlich sein Kernmodell der begleiteten Intervision: Es sind fünf Phasen; die Arbeit ist lösungsorientiert; Ratschläge sind nicht nur erlaubt, sondern werden ausdrücklich gefordert.

Fazit

Ein anregendes, klar strukturiertes kleines Buch!

Es bietet ein breites, eklektizistisches Methodenrepertoire; es wird damit zu einem Nachschlagewerk für PraktikerInnen.

Es wendet sich an LeserInnen, die in einer Methode der Gruppenleitung oder der Supervision bereits bewandert sind und damit den Anforderungen an einen Intervisor entsprechen; denn der muß „Begleiterqualitäten bereits mitbringen“, wie der Autor schreibt (S.31): und an anderer Stelle: „Ein Trainer sollte also kein dahergelaufener Anfänger sein, sondern ein Profi! Er trägt eine sehr hohe Verantwortung.“ (S.52). Ein solcher „Profi“ aber bekommt handliche Hinweise, wie er die Tätigkeit der „begleiteten Intervision“ ausüben kann.

Auch in dem neuen Verfahren bleibt der Verfasser bei seinem nicht unumstrittenen „Kernmodell“: Es geht um Lösungen und um Ratschläge.

Hendriksens besonderes Verdienst: Er fordert, daß Intervision begleitet sein muß. Interessant und nachahmenswert sind seine Vorschläge, wie dieses Verfahren in Organisationen implementiert werden kann.


Rezensentin
Dr. Marga Müller-Mehring
Supervisorin, Lehrbeauftragte für Themenzentrierte Interaktion (TZI), Rollenspielleiterin
E-Mail Mailformular


Alle 4 Rezensionen von Marga Müller-Mehring anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Marga Müller-Mehring. Rezension vom 01.05.2001 zu: Jeroen Hendriksen: Intervision. Kollegiale Beratung in Sozialer Arbeit und Schule. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2000. ISBN 978-3-407-55846-6. Aus dem Niederländischen übersetzt von Ellen Rudert und Reinhard Koch.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-2080-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/53.php, Datum des Zugriffs 29.07.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!