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Manfred M. Fichter: Magersucht und Bulimie

Cover Manfred M. Fichter: Magersucht und Bulimie. Mut für Betroffene, Angehörige und Freunde. Karger (Basel, Freiburg, Paris, London, New York, New Delhi, Bangkok) 2007. 106 Seiten. ISBN 978-3-8055-8208-7. 24,50 EUR, CH: 42,00 sFr.
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Autor

Prof. Dr. Manfred M. Fichter ist ärztlicher Direktor und Chefarzt der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee.

Aufbau und Inhalt

  • Nach einem Vorwort von Prof. Dr. Gerald F.M. Russell beginnt das Buch im Anschluss an  eine allgemeine Einleitung unter der Überschrift "Tatsachen über Essstörungen" mit einer Definition und Beschreibung dieser Erkrankungen. Das Unterkapitel über Persönlichkeitsstörungen als Zusatzdiagnosen deutet auf einen eher unkritischen Umgang des Autors mit solchen Diagnosestellungen hin. Von einigen anderen Autoren wird (u.a. auch in einigen psychiatrischen Lehrbüchern) beispielsweise immer wieder darauf hingewiesen, dass die (Zusatz-)Diagnose Persönlichkeitsstörung unter 18 Jahren gar nicht und bis zum 21. Lebensjahr nur in Ausnahmefällen gestellt werden sollte - dieser Hinweis fehlt. In Zusammenhang mit der Zusatzdiagnose "Persönlichkeitsstörung" sei auch darauf hingewiesen, dass einige AutorInnen davon sprechen, dass unbequeme, fordernde Patientinnen, wie es an Essstörungen Erkrankte nun mal sind, eher mit solchen tendenziell stigmatisierenden Zusatzdiagnosen versehen werden. Jedenfalls weisen einige Autorinnen und Autoren darauf hin, dass man mit derlei (Zusatz-)Diagnosestellungen sehr vorsichtig umgehen sollte - besonders mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung. In diesem Kontext sei auf das Buch "Therapieschäden" von Märtens & Petzold (Hrsg.) (2002) verwiesen, in dem beispielsweise von v. Drigalski angeführt wird, dass die Diagnose "Borderline-Störung" nicht selten zur Bemäntlung von Therapieschäden benutzt wird. [Quelle: Drigalski, D.v. (2002): Das China-Syndrom der Psychoanalyse. In: M. Märtens & H. Petzold (Hrsg.) (2002): Therapieschäden. Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie. Mainz: Grünewald Verlag.]
  • Die im Kapitel "Mythen und Fehlinformationen über Ernährung und Essstörungen von A bis Z" angeführten Punkte sind teilweise nützlich, manche sind schlicht trivial. Beispielweise findet sich dort ein Hinweis darauf, dass die Annahme, Essen mache grundsätzlich dick, falsch ist. Der Autor stellt in diesem Zusammenhang fest, dass man ohne Essen auf Dauer nicht leben kann, was für Angehörige und Freunde Betroffener keine wirklich neue Erkenntnis darstellen dürfte.
  • Anschließend werden Ursachen und Folgen von Essstörungen besprochen. Der Autor differenziert dabei soziokulturelle, biologische und persönliche Ursachen, wobei die soziokulturellen Faktoren im Wesentlichen auf das gängige Schlankheitsideal reduziert werden und so wichtige Aspekte wie Geschlechtercodes und Geschlechterrollen kaum Erwähnung finden. Wichtige gesellschaftskritische Aspekte, wie sie beispielsweise besonders von Susie Orbach auf so richtungsweisende Art in die Essstörungsforschung eingebracht wurden, werden kaum berücksichtigt [Quelle: Orbach, S. (1987): Magersucht. Ursachen und Wege der Heilung. München: Econ.]. Die Übersicht zu körperlichen Folgen von Magersucht und Bulimie hingegen (auf Seite 44) ist wichtig und hilfreich.
  • Im Kapitel "Essstörungen in unterschiedlichen Familien" definiert und beschreibt der Autor ausführlich folgende "Familientypen": "die autoritäre Familie; die emotional überengagierte, verstrickte Familie; die leistungsorientierte Familie; die Konflikt vermeidende Familie; die inkonsequente, chaotische Familie". Er betont auch, dass es davon "Mischtypen" geben könne und dass es "die typische Essstörungsfamilie" nicht gibt. Familien, die tatsächlich autoritär oder leistungsorientiert oder emotional überengagiert oder Konflikt vermeidend oder chaotisch sind, werden sich selbst kaum als solche erkennen - auch nicht, wenn sie einen solchen Text lesen - daher ist der Sinn dieser Art der Darstellung fraglich.
  • Das darauf folgende Kapitel mit der Überschrift "Was tun?" enthält unter Anderem das Unterkapitel "Was tun als Eltern oder Angehörige?", welches großteils hilfreiche Tipps beinhaltet. Im Unterkapitel "Wenn nichts hilft, aber Handlungsbedarf ist" wird Unterbringung bei Selbst- oder Fremdgefährdung bzw. das Problem der Zwangsbehandlung diskutiert, ein Thema, das man im Kontext von Essstörungen sicherlich nicht ausklammern kann.
  • Das Kapitel "Wie finde ich Hilfe?" beschreibt nur für Betroffene in Deutschland sehr klar, wie der Zugang zu Psychotherapie geregelt ist und welche Psychotherapieformen von den Krankenkassen finanziert werden. Für Betroffene in Österreich, der Schweiz oder anderen Ländern sei aber darauf hingewiesen, dass die dortigen Psychotherapiegesetze und Kassenregelungen von denen in Deutschland deutlich verschieden sind. Während in Deutschland beispielsweise - wie der Autor beschreibt - nur Verhaltenstherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bzw. Psychoanalyse von den Krankenkassen finanziert werden, werden in Österreich auch die Kosten für andere Psychotherapierichtungen von den Krankenkassen (teil-)refundiert. Nähere Informationen dazu sind auf der Homepage des Österreichischen Bundesministeriums für Gesundheit, Familie und Jugend unter folgendem Link abrufbar: www.bmgfj.gv.at/cms/. Leserinnen und Leser aus der Schweiz und anderen Ländern erhalten die jeweiligen Informationen ebenfalls auf den entsprechenden Homepages von Gesundheitsministerien und/oder Krankenkassen.                                                   
  • Im Anhang findet sich der Text einer weltweiten Charta für Essstörungen, die der Autor unterstützt, ein kurzes Unterkapitel mit dem Titel "Mahnende Worte an Eltern" und eine (nicht vollständige aber doch informative) Auflistung hilfreicher Adressen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Literaturverzeichnis ist - für einen Themenbereich, zu dem so viel geforscht und publiziert wird - wenig umfangreich und es werden nur vergleichsweise wenige neueste Studien zitiert.

Diskussion

Im Vergleich zu bereits erhältlichen Ratgebern zum Thema Essstörungen stellt dieses Buch keine wirkliche Neuerung dar, aber der Autor betont in der Einleitung ohnehin, dass es - obwohl es wie ein solcher aufgebaut ist - gar kein Ratgeber sein soll. Die - ebenfalls schon in der Einleitung transportierte - Botschaft, dass es möglich ist, eine Essstörung zu überwinden und wieder gesund zu werden, ist essentiell und richtig, auch wenn der Autor diese Aussage in den folgenden Kapiteln immer wieder indirekt relativiert. Das Unterkapitel über Persönlichkeitsstörungen deutet auf einen unkritischen Umgang des Autors mit diesem Thema hin. Soziokulturelle Ursachen von Essstörungen werden in dem Buch zwar thematisiert, aber im Wesentlichen doch auf das gängige Schlankheitsideal reduziert. Wichtige gesellschaftskritische Aspekte, wie sie beispielsweise besonders von Susie Orbach auf so richtungsweisende Art in die Essstörungsforschung eingebracht wurden, werden kaum berücksichtigt. Die Darstellung und Beschreibung der gravierenden körperlichen Folgen von Magersucht und Bulimie ist wichtig und hilfreich. Die praktischen Hinweise bzgl. Psychotherapie und Kassenfinanzierung sind für Leserinnen und Leser aus Deutschland bestimmt nützlich. Das Literaturverzeichnis ist - für einen Themenbereich, zu dem so viel geforscht und publiziert wird - wenig umfangreich und es werden nur vergleichsweise wenige neueste Studien zitiert.

Fazit

Das gut gemeinte Buch ist für seine (übrigens meist durchaus gut informierte) Zielgruppe d.h. für Betroffene, Angehörige und Freunde wahrscheinlich dann geeignet, wenn sie tatsächlich bisher noch nichts über Magersucht und Bulimie gelesen haben sollten und es als Einstiegslektüre nutzen möchten. Inwieweit es wirklich Mut macht und inwieweit es ausreichend und umfassend Informationen liefert, werden sie entscheiden.


Rezensentin
Prof. Dr.phil. Dr.rer.nat. Annemarie Rettenwander
Professorin für Psychologie – Organisationspsychologie, Kommunikationspsychologie und Psychologie der Essstörungen an der Hochschule Niederrhein/ Mönchengladbach
Homepage web.hs-niederrhein.de/oecotrophologie/ueber-den-fac ...


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Zitiervorschlag
Annemarie Rettenwander. Rezension vom 16.01.2008 zu: Manfred M. Fichter: Magersucht und Bulimie. Mut für Betroffene, Angehörige und Freunde. Karger (Basel, Freiburg, Paris, London, New York, New Delhi, Bangkok) 2007. ISBN 978-3-8055-8208-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5303.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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