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Werner Lindner (Hrsg.): Kinder- und Jugendarbeit wirkt

Cover Werner Lindner (Hrsg.): Kinder- und Jugendarbeit wirkt. Aktuelle Evaluationsergebnisse zu den Wirkungen der Kinder- und Jugendarbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 346 Seiten. ISBN 978-3-531-15218-9. 29,90 EUR.
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Thema und Zielsetzung

Der vorliegende Band begibt sich – schon dem Titel nach – in unruhiges Fahrwasser. Kinder- und Jugendarbeit als Gegenstand der in diesem Band beschriebenen Evaluationsprojekte befindet sich landauf landab in einer Defensive und sieht sich zunehmendem Legitimationsdruck ausgesetzt. Der Kostendruck der öffentlichen Haushalte, die mit der Einführung der Ganztagsschule (vermeintlich) verbundene Konkurrenz oder gar Übernahme vieler Angebote durch die Schule und die Konkurrenz durch sich ausdifferenzierende kommerzielle Angebote legen eine Selbstvergewisserung und offensive Positionierung nahe.

Zum anderen ist der Diskurs über Möglichkeiten und Grenzen einer Wirkungsforschung im pädagogischen Feld in vollem Gange. Während die eine Seite mit Verweis auf das Technologiedefizit in der Pädagogik (Luhmann) einen nachweisbaren (zwingenden) Zusammenhang zwischen pädagogischem Angebot (Ursache) und Lernerfolgen (Wirkung) bestreitet, geht die andere Seite davon aus, dass ein Vorher-Nachher-Vergleich sehr wohl die Wirkung von pädagogischen Angeboten und Maßnahmen belege, wenn nur die Diagnose- und Evaluationsinstrumente hinreichen differenziert entwickelt sind.

Der Band "Kinder- und Jugendarbeit wirkt" lotet das Feld zwischen diesen Koordinaten aus, wobei sich die Autorinnen und Autoren durchaus unterschiedlich positionieren. Ihr gemeinsames Ziel ist es, "…über die hier versammelten Ergebnisse und Wirkungen eine Stärkung des fachlichen Selbstbewusstseins zu erlangen, die geeignet wäre, künftig mit gediegenen Argumenten in die fachinternen wie öffentlichen Debatten einzutreten." (15)

Aufbau

Der vorliegende Band ist – neben einer Einleitung -  in drei Abschnitte gegliedert, denen die insgesamt 21 Beiträge zugeordnet sind. Es sind dies:

  1. Abschnitt 1: Ausgangslage und Legitimationsbedarf der Kinder- und Jugendarbeit (3 Beiträge)
  2. Abschnitt 2: Wirkungen der Kinder- und Jugendarbeit (14 Beiträge)
  3. Abschnitt 3: Konzeptionelle, analytische und reflektierende Kommentare (4 Beiträge)

Einleitung "Kinder- und Jugendarbeit wirkt. Aber: wie und wo und warum genau?"

In seiner voran gestellten Einleitung "Kinder- und Jugendarbeit wirkt. Aber: wie und wo und warum genau?" skizziert Werner Lindner als Herausgeber die vielfältigen Bedrohungen und Legitimationsanforderungen an die Kinder- und Jugendarbeit. Seine Schlussfolgerung: "Die Kinder- und Jugendarbeit steht vor der Herausforderung, auf breiter Front Anschluss zu gewinnen an die Etablierung einer evidenzbasierten Praxis…" (13)

1. Ausgangslage und Legitimationsbedarf der Kinder- und Jugendarbeit

  • Den Abschnitt Ausgangslage und Legitimationsbedarf der Kinder- und Jugendarbeit eröffnet Jens Pothmann  mit seinem Beitrag "Aktuelle Daten zu Stand und Entwicklung der Kinder- und Jugendarbeit". Angesichts der Daten der Kinder- und Jugendhilfestatistik sieht er die Kinder- und Jugendarbeit an einem "Turning Point": nach einer langen Zeit der personellen und finanziellen Expansion zeichnen sich am Anfang des 21. Jahrhunderts deutliche Trends zum Stillstand oder auch Abbau vorhandener Ressourcen. Er vermutet, "… dass die derzeit abzeichnenden Trends weiter an Dynamik gewinnen und insgesamt zu einer länger anhaltenden Trendwende und damit zu einem radikalen Abbau der Kinder- und Jugendarbeit respektive einer "Zerschlagung" eines Teils der Infrastruktur für Kinder sowie vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene im Bildungs- und Freizeitbereich führen werden." (33)
  • Benno Hafeneger plädiert in seinem Beitrag "Zur gegenwärtigen Situation der Kinder- und Jugendarbeit – ein Kommentar zur aktuellen Datenlage" für eine differenzierte Sicht auf das Feld der Kinder- und Jugendarbeit und sieht disparate Entwicklungen und vielfältige fachliche Kontroversen. Er fordert die Jugendarbeit auf, die defensive Grundhaltung aufzugeben und "…sich als Akteur einzumischen, den Wert und die Bedeutung ihrer Arbeit zu belegen." (49)
  • Wolfgang Bisler schließlich setzt sich mit seinem Beitrag "Zuflucht beim KJHG: Rettet das Recht die Kinder- und Jugendarbeit?" mit der Frage auseinander, inwieweit die Kinder- und Jugendarbeit zur Bestandssicherung auf die einschlägigen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes zurückgreifen kann und verneint diese Möglichkeit als wenig chancenreich.

2. Ausgangslage und Legitimationsbedarf der Kinder- und Jugendarbeit

Der Abschnitt Wirkungen der Kinder- und Jugendarbeit versammelt eine Vielzahl empirischer Studien zu ganz verschiedenen Arbeitsfeldern.

  • Vier Beiträge widmen sich der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Sie geben empirische Befunde zum Zugang von Jugendlichen zur Jugendarbeit (Peter Cloos/Stefan Köngeter), zur Kooperation mit Ganztagsschulen (Thomas Coelen/ Ingrid Wahner-Liesecke) und zur Wirkung von (Jugend-) Freizeitstätten (Barbara Klöver/Sonja Moser/Florian Straus) wieder oder diskutieren "Wirksamkeitsdialoge" als Instrument evaluativer Selbstvergewisserung (Deinet).
  • Weitere Beiträge referieren Evaluationsergebnisse zu Bildungsaspekten politischer Bildung (Achim Schröder), im Demokratie- und Toleranztraining (Erich Schäfer/Stefan Schack), kultureller Kinder- und Jugendarbeit (Werner Lindner), ehrenamtlichen Engagements (Wiebken Düx/Erich Sass) oder selbstorganisierter Jugendarbeit (Peter-Ulrich Wendt).
  • Zwei Artikel beschäftigen sich mit empirischen Studien zur Sichtweise junger Menschen zur Jugendverbandsarbeit (Mike Corsa) oder deren Einfluss auf Kompetenz und Biographieentwicklung (Thomas Kreher).
  • Schließlich sind noch Jugendbegegnungen (Daniela Perl/Anna Heese) und Gruppenfahrten und –reisen (Wolfgang Ilg) sowie die Qualität und Wirkungen Mobiler Jugendarbeit (Nanine Delmas) Gegenstand evaluatorischer Analysen.

So unterschiedlich die Gegenstandsbereiche und die forschungsmethodischen Zugänge der einzelnen referierten Studien auch sind, so belegen sie doch in eindrucksvoller Weise, wie differenziert die pädagogischen Angebote sind, welche Bedeutung ihnen im biographisch-lebensweltlichen Kontext ihrer AdressatInnen zukommt und welche (vermutlichen) Wirkungen sie (möglicherweise) haben. Bis auf wenige Ausnahmen handelt es sich dabei um fundierte Evaluationsstudien (soweit das aus den abgedruckten Zusammenfassungen ersichtlich ist), aber eben nicht um Wirkungsforschung i.S. der vom Herausgeber geforderten "evidenzbasierten Praxis". Das ist vielleicht auch gut so und tut der Aussagekraft der empirischen Befunde keinerlei Abbruch.

3. Konzeptionelle, analytische und reflektierende Kommentare

Der mit  "Konzeptionelle, analytische und reflektierende Kommentare" überschriebene  dritte Abschnitt versammelt vier Beiträge, die gewissermaßen als eine theoretische Rahmung der vorangegangenen Studien dienen können.

  • Marc Schulz plädiert in seinem Beitrag "Evaluation als Haltung in der Kinder- und Jugendarbeit" für eine Abkehr von allzu formalisierten Checklisten, Einschätzungsskalen und Qualitätsdiskursen, weil diese der Vielschichtigkeit pädagogischer Prozesse nicht gerecht werden. Stattdessen – so argumentiert er überzeugend – bieten ethnographische Zugänge und narrative Prozesse die Möglichkeit, abstrakte pädagogische Begriffe und konzeptionelle Grundlinien in ihrer konkreten Bedeutung für das Subjekt zu beschreiben. "Jugendarbeit muss lernen, sich im Kontext der Selbstevaluationen beantwortbare und damit bescheidene Fragen zu stellen und Globalfragen, mit denen sie immer wieder überfrachtet wird und sich selbst überfrachtet, abzulehnen." (291)
  • Auch Joachim König (Qualitätskriterien zur Selbstevaluation in der Kinder- und Jugendarbeit) und Benedikt Sturzenhecker/Hiltrud von Spiegel (Was hindert und fördert Selbstevaluation und Wirkungsreflexion in der Kinder- und Jugendarbeit?) stellen Selbstevaluation als zentrales Instrument der Evaluation und Praxisreflexion in den Vordergrund.
  • In seinem  Beitrag "Verkannt und unterschätzt – aber dringend gebraucht. Zur Perspektive der Kinder- und Jugendarbeit als pädagogischem Handlungsfeld" umreißt Werner Thole abschließend empathisch die Entwicklungslinien der (offenen) Kinder- und Jugendarbeit und ihre Bedeutung für die Sozialisation ihrer AdressatInnen. Dieses engagierte Plädoyer trägt stark appellativen Charakter und liefert eingängige Argumente, nimmt dabei leider aber keinen Bezug auf die vorgestellten Studien.

Diskussion

Den im Buchtitel und der Einleitung des Herausgebers formulierten Anspruch, die Wirkung der Kinder- und Jugendarbeit im Sinne einer evidenzbasierten Praxis umfassend zu belegen, vermögen die Beiträge des Bandes in ihrer Gesamtheit nur unzureichend einzulösen. Dies liegt zum einen an verschiedenen begrifflichen und inhaltlichen Unschärfen. So changiert der Gegenstand Kinder- und Jugendarbeit zwischen den Beiträgen permanent zwischen Offener Kinder- und Jugendarbeit i.e.S. und allen anderen Formen der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die im KJHG vorgesehen sind. Zum anderen werden die forschungsmethodologisch klar unterscheidbaren Begriffe Evaluation, Wirkungsforschung und Selbstevaluation durch das breite Spektrum der Beiträge unkommentiert nebeneinander gestellt. Zudem gehen die einzelnen empirischen Beiträge nur sehr unterschiedlich differenziert und in der Regel sehr knapp auf ihr Forschungsdesign und methodisches Instrumentarium ein, was die Ableitung methodischer Zugänge in Richtung auf eine wirkungsorientierte Forschung deutlich erschwert.

Vielleicht ist das ja auch gar nicht wünschenswert, geht es doch – so Benno Hafeneger in seinem Beitrag – "…nunmehr vordergründig um vermeintlich (schnell) zu erbringende Aufgaben und auch naive Vorstellungen von Machbarkeit. Mit Eindeutigkeit, Klarheit und Sicherheitsversprechen werden Lösungen von Problemen angeboten, die attraktiv erscheinen, aber letztlich werden gesellschaftliche Probleme stellvertretend als Jugend- und Erziehungsprobleme bearbeitet…Hier wird ein naives, kausales und lineares – und meist auch moralisierendes und personalisierendes – Denken fortgesetzt und erwartet, das in der Pädagogik- und Professionalisierungsdebatte lange beendet erschien." (48)

Fazit

Der Vorhang zu und alle Fragen offen? Keineswegs: Der vorliegende Reader bietet eine Fülle empirischer Daten, die PraktikerInnen und (politischen) FürsprecherInnen der Kinder- und Jugendarbeit mit guten Argumenten für den Fortbestand und die Fortentwicklung dieses Arbeitsfeldes versorgen. Und diese haben den Vorzug, empirisch belegt zu sein. In diesem Sinne bietet der Band eine Vielzahl "gediegener Argumente" (s. oben), Insofern kommt dem Herausgeber das große Verdienst zu, vorfindbare Studien gebündelt und der Praxis im Überblick zugänglich gemacht zu haben. Mancher Leser fühlt sich vielleicht sogar motiviert, die referierten Studien "im Original" zu lesen, um daraus noch mehr Anregungen für eigene Evaluationen oder noch mehr Stoff für die nächste Präsentation der eigenen Arbeit im nächsten Jugendhilfeausschuss zu gewinnen.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 13.10.2008 zu: Werner Lindner (Hrsg.): Kinder- und Jugendarbeit wirkt. Aktuelle Evaluationsergebnisse zu den Wirkungen der Kinder- und Jugendarbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-531-15218-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5305.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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