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Bernd Werse: Cannabis in Jugendkulturen

Rezensiert von Prof. Dr. Stephan Quensel, 16.02.2008

Cover Bernd Werse: Cannabis in Jugendkulturen ISBN 978-3-940213-40-2

Bernd Werse: Cannabis in Jugendkulturen. Kulturhistorische und empirische Betrachtungen zum Symbolcharakter eines Rauschmittels. Archiv der Jugendkulturen (Berlin) 2007. 328 Seiten. ISBN 978-3-940213-40-2. 28,00 EUR.

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Überblick

Die gegenwärtige Drogen-Diskussion kreist  noch immer einseitig um die relativ seltenen problematischen Grenzfälle im Umgang mit Drogen. Sie folgt einer "Defizit-Perspektive", in der die Gefahren dieser Drogen, die Sozialisationsdefizite der Konsumierenden und das "Suchtrisiko" im Vordergrund stehen. Getragen wird diese Diskussion von Pharmakologen, Psychiatern und Suchttherapeuten. Der "normale", kulturell integrierte Drogenkonsum wird dabei in doppelter Weise ausgeblendet. Er gilt zunächst allenfalls als Vorstufe, als Einstieg hin zu diesem bösen Ende. Ein Tabu, dem dann auf sozialwissenschaftlicher Ebene häufig auch diejenigen folgen, die sich mit solchen normalen Verhaltensweisen befassen, so dass etwa auch der jüngste Sammelband von Villányi u.a. ("Globale Jugend und Jugendkulturen. Aufwachsen im Zeitalter der Globalisierung", vgl. die Rezension) auf den Drogenkonsum Jugendlicher mit keinem Wort eingehen kann. Doch zielt  diese "common-sense-Vorstellung von Drogen als "Volksseuche", als Zeichen für Degeneration und Fluchtverhalten junger Menschen an der Realität des durchschnittlichen illegale Drogen konsumierenden Jugendlichen vorbei" (S.74).

In einer solchen jugendsoziologischen  Perspektive kann Werse  - theoretisch wie empirisch fundiert - mit seiner Arbeit (die der Universität Frankfurt als Dissertation vorlag) nachweisen, wie eng der Konsum von Cannabis in unterschiedliche Jugendkulturen eingebaut ist, wie sehr Musikszenen und Drogenkonsum ineinander verwoben spezifische Identitäts-Bedürfnisse Jugendlicher erfüllen können.

Zum theoretischen Ansatz

Einleitend skizziert Werse seinen theoretischen Hintergrund, der auf vier miteinander verbundenen Momenten aufbaut: Seinen Ausgangspunkt findet er im "symbolischen Interaktionismus", der das Gewicht höchst unterschiedlicher Bedeutungen - "das Spiel der Signifikationen" (S.46) - für das wechselseitige soziale Verhalten betont. Diesem Spiel kommt die hohe Variabilität der Drogen und insbesondere des Cannabis entgegen: Hier "können Erwartungen und Umfeldbedingungen offenbar geradezu gegenläufige Wirkungswahrnehmungen zur Folgen haben, was von den jeweiligen, zu einem Teil kultur- sowie gruppenspezifischen kognitiven Schemata abhängig ist, die dem jeweiligen Konsumenten verfügbar sind" (61). Damit verschafft das entsprechende drogenspezifische Wissen ein "kulturelles Kapital", durch das man sich von anderen Gruppen abheben kann: "Distinktion" im Sinne Bourdieus. Dies gilt schließlich vor allem für Jugendliche, die - entsprechend in- und outgroup-bezogen - in ihrer Identitätsfindung heute in einer Zeit der "Entritualisierung der Statusübergänge" auf sich selber gestellt seien.

Diese Ausgangssituation  zeige sich in der Ausbildung unterschiedlicher jugendlicher "Teilkulturen", die erstmals von der Birmingham-Schule (CCCS) mit einem weiten "Kultur"-Begriff  untersucht wurden, und wofür der "Punk-Stil" die "erste postmoderne Jugendkultur" geliefert habe (45). Teilkulturen, die sich heute in  relativ labile "Szenen" als "Teilzeit-Gesellungsformen" mit einem breiten peripheren Umfeld aufspalteten und bricolage-artig vernetzten (54).

Offizielle und informelle Kontrollen sowie die darauf bezogenen Reaktionen seien Bestandteil dieser Kulturen, weswegen Werse  abschließend "die Hypothese formuliert, dass die Symbolisierung von Abweichung und Subversion nach wie vor eine Rolle hinsichtlich der jugendkulturell vermittelten Konsummotivationen spielt, zumal der Gebrauch von Haschisch und Marihuana als vergleichsweise milde und überwiegend sozial verträgliche Form der Abweichung zu betrachten ist" (90).

Zum allgemeinen Rahmen der Untersuchung

Als Rahmen für seine nachfolgende empirische Analyse bietet Werse einen Überblick über die aktuellen Jugendszenen sowie über die Funktion und Verbreitung von Cannabis in solchen Jugendkulturen.

Noch immer beeinflusst durch seine Wurzeln im jamaikanischen Reggae über die afro-amerikanische Rap-Tradition einerseits und die Hippie-Bewegung andererseits besitzen heute bei uns - neben der Pop-Szene - zwei "Grand Scenen" eine besonders hohe Beliebtheit: Einerseits die Ausläufer der "die Jugendkultur der 90er Jahre dominierenden Techno-Bewegung", sowie andererseits die mannigfachen Variationen des Hip-Hop (118). Diese sei "auch im Vergleich zur Rock-/Popmusik insgesamt in besonderem Maße als "hybride Kultur" zu verstehen, da Anpassungen an lokale lebensweltliche Zusammenhänge im Vergleich zu anderen Ausdrucksformen unmittel barer möglich sind"(129). Während das Techno (und insbesondere das Goa als "Hippie-Partie heute" 222) eher textlos, ästhetisierend-hedonistisch geprägt sei (225), erlaube der Sprechgesang  und das "Batteln" im Rahmen des "verbal Duelling" (130) des Rap im HipHop eine "aktive Partizipation" der Szene-Beteiligten, die so sowohl eine eher sozialkritische "aufklärerische"  wie auch eine "gangsta-rap"-Richtung tragen könne (248).

Der innere Zusammenhang zwischen Drogen und Musik, der sich erstmals in der amerikanischen Jazz-Scene der 20er Jahre durchgesetzt habe (vgl. dazu Wolf Kemper: "Kokain in der Musik"; Lit-Verlag 2001) bildete dann auch seit Ende der 50er Jahre  "mit wachsender Popularität der Protest/Hippiebewegung (…) den Startpunkt für eine nennenswerte Verbreitung der (Cannabis-)Droge hierzulande" (138f). Dabei habe die enge Verbindung von Reggae und Ganja (Cannabis) bei uns Anfang der 90er Jahre mit dem HipHop einen wesentlichen "Popularitätsschub" erhalten (144). Der damit verbundene  Cannabis-Konsum sei "unter deutschen Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen seit etwa 15 Jahren relativ kontinuierlich gestiegen", wenn auch jüngste Umfragen ein Stagnieren bzw. Rückgang der Cannabis-Prävalenz andeuteten. Danach gäbe es auch keinen "Trend zu einer weiteren Absenkung des Cannabis-Einstiegsalters" (159). Insbesondere gelte: "Obwohl mehr die Droge ausprobieren, sorgt möglicherweise ein höheres Maß an kulturellem Wissen um positive Aspekte und Risiken des Konsums für eine relativ betrachtet geringere Zahl an gewohnheitsmäßigen Konsumenten" (159,161).

Ergebnisse

Werse verwendet für seine eigene empirische Analyse - auf der Basis eines langjährigen Insider-Wissens - nach dem Prinzip der Triangulation sowohl quantitativ wie vor allem auch qualitativ erhobene Daten aus dem Frankfurter Raum.  Das sind einerseits jährliche Umfragen bei SchülerInnen der 10.-12. Klasse sowie qualitative Erhebungen im jährlichen Monitoring - Experten, Szenestudie, Trendscout-Panel im MoSyD - einerseits, und qualitative Interviews bei Frankfurter Bürgern (aus dem Projekt UMID; s.:  Kemmesies, Uwe: "Zwischen Rausch und Realität. Drogenkonsum im bürgerlichen Milieu", vgl. die Rezension) sowie "je zwei eigens für diese Arbeit durchgeführte qualitative Gruppen- und Experteninterviews" (93) jeweils zur Techno- und zur HipHop-Szene andererseits.

Mit Hilfe dieser Datenbasis beschreibt Werse zunächst die für Frankfurt aktuellen szenespezifischen Schwerpunkte des Cannabis-Konsums in ihrer unterschiedlichen szenespezifischen Einbettung, um sie sodann am Beispiel der Techno- und Hippie-Szene weiter zu konkretisieren.

Aus der Fülle der Einzelergebnisse sei beispielhaft erwähnt, dass bei den SchülerInnen  "eine Vorliebe für Pop mit konformeren Drogenkonsumverhalten assoziiert ist" (178), dass bei den Älteren der UMID-Studie "über sämtliche Jugendgenerationen hinweg die Verbindung mit der Hippie-Kultur die wichtigste Rolle" einnahm (225), dass "für die Techno-Szene(n) der Cannabiskonsum grundsätzlich zwei Funktionen im Szenegeschehen erfüllt": gruppenkohäsiv, Verstärkung des rauschhaften Erlebens einerseits und "in der Chillout-Phase - auch hier zumeist in Verbindung mit Gruppenritualen - schlichtweg der Entspannung, dem ""runterkommen" von Aktivitäten und stimulierenden Drogenwirkungen" (224), so, dass gilt: "In der Techno-Szene ist Kiffen wie"n Schluck Cola zu trinken" (228).

Zusammenfassend hält er fest: die hohe Variabilität des "Konsum-Niveaus sowie der Arten der Kontextualisierung" (278), die damit noch immer verbundene "Symbolisierung von Subversion, Abweichung oder Rebellion" (283), das Ausmaß der Enkulturation und ihre Distinktions-Funktion vor allem innerhalb der Jugendkulturen (291) und schließlich, gleichsam als kulturbezogene Essenz der ganzen Untersuchung: die  "Verknüpfung von Bezugspunkten von z.T. sehr alten kulturellen Traditionen, noch nicht so alten Traditionen "anti-bürgerlicher" Konnotation und der historischen Assoziation der Droge mit sozial Marginalisierten (zuletzt im HipHop), wobei die beiden letztgenannten Faktoren in wechselseitigem Zusammenhang mit den durch herrschende Gruppen erfolgten Dämonisierungen und Verboten zu betrachten sind" (287).

Fazit

Ein schönes Buch, das man trotz seiner höchst komplexen  und inhaltsreichen Konzeption nicht nur mit hohem informativen Gewinn liest, sondern das man wegen seiner liebevollen Ausstattung auch gerne zur Hand nimmt. Wer also etwas über aktuelle Musik-Szenen mit ihren Hintergründen lernen will, wer sich darauf einlassen möchte, etwas über die "normale" Funktion des Cannabis-Konsums zu erfahren, und wer sehen möchte, wie Sozialwissenschaftler heute empirisch arbeiten, dem sei dieser Band aus dem "Archiv für Jugendkulturen e.V." sehr ans Herz gelegt.

Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
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Es gibt 73 Rezensionen von Stephan Quensel.

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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 16.02.2008 zu: Bernd Werse: Cannabis in Jugendkulturen. Kulturhistorische und empirische Betrachtungen zum Symbolcharakter eines Rauschmittels. Archiv der Jugendkulturen (Berlin) 2007. ISBN 978-3-940213-40-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5315.php, Datum des Zugriffs 07.02.2023.


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