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Katja Nowacki: Aufwachsen in Pflegefamilie oder Heim

Cover Katja Nowacki: Aufwachsen in Pflegefamilie oder Heim. Bindungsrepräsentation, psychische Belastung und Persönlichkeit bei jungen Erwachsenen. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2007. 313 Seiten. ISBN 978-3-8300-2971-7. 48,00 EUR.

Schriftenreihe Studien zur Kindheits- und Jugendforschung - Band 48.
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Thema

Empirische Studien zur stationären Fremdunterbringung von Kindern und Jugendlichen sind nach wie vor eher selten. Noch seltener sind Arbeiten, die sich mit den Lebensumständen junger Erwachsener lange Zeit nach ihrer Entlassung aus dem Heim oder der Pflegefamilie befassen. Insofern greift die vorliegende Studie ein Thema auf, das allein aus fachlich-pragmatischen Gründen, dann aber auch aus theoretischen Überlegungen heraus einen hohen Stellenwert in der aktuellen Diskussion über Erziehungshilfen besitzt.

Entstehungshintergrund und Kernfrage

Die an der Universität Bochum eingereichte Dissertationsschrift im Umfang von 295 Buchseiten nimmt insbesondere die Erziehung in Pflegefamilien im Vergleich zur Heimerziehung in den Blick. Die Autorin greift dabei u.a. auf eigene Erfahrungen und Daten bei der Qualitätsentwicklung in einem Pflegekinder-Vermittlungsdienst zurück. Die Studie, die von der Stiftung zum Wohl des Pflegekindes finanziell gefördert wurde, widmet sich der Kernfrage, "welche Auswirkungen diese verschiedenen Formen der Hilfe auf die Entwicklung der Kinder haben" (S. 1).

Anlage der Untersuchung

Diese Frage versucht die Autorin mithilfe eines nomothetisch-empirischen Forschungsdesigns auf der Grundlage eines Querschnittvergleichs zwischen einer Untersuchungsgruppe (27 ehemalige Pflegekinder) und zwei Vergleichsgruppen (22 ehemalige Heimkinder und 20 ehemalige "Familienkinder") zu beantworten. Im Mittelpunkt der Analyse steht der Vergleich aktueller Bindungsrepräsentationen und psychischer Belastungsbefunde der (ehemals fremduntergebrachten) jungen Erwachsenen. Die Datenerhebung erfolgte bei der ersten und der zweiter Gruppe etliche Jahre nach der Entlassung aus der Fremdunterbringung, bei den "Familienkindern" im vergleichbaren Alter (ca. 24 Jahre). Auf die ehemaligen Pflegekinder wird in der Studie besonders intensiv eingegangen.

Inhalt

Im theoretischen Vorfeld der empirischen Analyse werden auf den ersten 95 Seiten Grundlagen zur klassischen Bindungstheorie sowie zum Pflegekinderwesen abgehandelt. Daneben finden die Begriffe "Trauma", "Psychopathologie", "Persönlichkeit" und "Selbstbild" besondere Beachtung. Auf nach dem KJHG verfügbare Erziehungshilfen wird kurz verwiesen, bevor im Einzelnen auf gemeinsame Dimensionen und konzeptionelle Unterschiede zwischen Unterbringungen in Pflegefamilien und in Heimen eingegangen wird. Vier vergleichende empirische Studien zu diesem Thema werden in Kernpunkten referiert.

Die Arbeit entspricht insgesamt in ihrem Grundmuster einer klassisch angelegten empirischen, hypothesenprüfenden Untersuchung. Im Anschluss an die Theoriedarstellung werden nicht weniger als 20 Hypothesen formuliert, die im Verlauf der Studie sukzessive und systematisch bearbeitet und beantwortet werden. Zur Datenerhebung kommt eine Vielfalt von Instrumenten mit jeweils spezifischer Begründung zum Einsatz: Neben Sozialanamnese und Adult-Attachment-Interview werden Adjektivlisten sowie drei psychologische Verfahren zur Persönlichkeitsdiagnostik verwendet. Als Ergänzung zum Untersuchungsgruppe wurden auch 17 ehemalige Pflegeeltern befragt. Die Auswertung erfolgte durch z.T. aufwändige Verfahren, begleitet durch dokumentierte Objektivitätsprüfungen.

Der 83 Seiten umfassende Ergebnisteil ist mit Datenanalysen dicht bestückt. Verdeutlicht und illustriert anhand von 50 Tabellen und 14 Säulendiagrammen werden die durchgeführten Analysen sukzessive erläutert und ihre Resultate systematisch dargelegt. Im Mittelpunkt stehen dabei die Zusammenhänge zwischen Bindungsrepräsentation, Persönlichkeitsmerkmalen (Neurotizismus, Rigidität, Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen), Differenz zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung und den Zugehörigkeiten zur Untersuchungsgruppe bzw. zu einer der Vergleichsgruppen. Als Zwischenergebnis wird festgehalten, dass in Familien aufgewachsene junge Menschen sich hinsichtlich ihrer Bindungsrepräsentation deutlich von den anderen beiden Gruppen unterscheiden. Ehemalige Pflegekinder zeigen häufiger eine sichere Bindungsrepräsentation als ehemalige Heimkinder. Weitere Differenzierungen werden in der Auswertung vorgenommen, wobei hinsichtlich aktuellem Beschäftigungsstatus und Partnerschaft keine Unterschiede zwischen den letztgenannten Gruppen festgestellt wurden.

Die Intensivauswertung der Daten zu den 27 ehemaligen Pflegekindern, die damals bis auf zwei keinen Kontakt mehr zu ihren Herkunftseltern hatten, umfasst unter anderem die Zusammenhänge zwischen dem Verhalten der Pflegeeltern, der Integration in die Pflegefamilie, der Erfolgseinschätzung der Maßnahme und der Bindungsrepräsentation. Darüber hinaus werden differenzierte Ergebnisse zu den erhobenen Persönlichkeitsmerkmalen berichtet. Insgesamt wird herausgearbeitet, dass ehemalige Pflegekinder, deren Pflegeeltern ein integrationsförderndes und liebevolles Verhalten zeigten und deren Pflegeverhältnis nicht vor dem 18. Lebensjahr abgebrochen wurde, im Erwachsenenalter häufiger das Arbeitsmodell einer sicheren Bindung etabliert haben als Pflegekinder, welche diese Erfahrungen nicht gemacht haben.

In einem 50 Seiten umfassenden Diskussionsteil werden die vorgelegten Ergebnisse in ihren Bedeutungen für Forschung und Praxis diskutiert und mit Resultaten aus vorangegangenen (vorwiegend nicht deutschsprachigen) Studien anderer Autoren verglichen. Insbesondere werden Hinweise auf die Vorbereitung und Vermittlung von Pflegeverhältnissen herausgearbeitet.

Diskussion

Die im Rahmen dieser Dissertationsarbeit aufgegriffene Thematik trifft gewissermaßen ins Herz der Diskussion um die Frage, inwieweit stationäre Hilfen zur Erziehung in der Lage sind, Lebenskompetenzen junger Menschen nachhaltig zu fördern. Zu diesem Themenkomplex leistet die vorliegende Arbeit einen entscheidenden Beitrag. Unterstützt durch ihren systematischen Aufbau sowie durch den Einsatz anerkannter empirischer Instrumente werden präzise Fragen zu jeweils spezifisch etablierten Bindungsmustern sowie zu relevanten Persönlichkeitsmerkmalen junger Erwachsener beantwortet, die ehemals im Heim bzw. in einer Pflegefamilie gelebt haben. Die erzielten Ergebnisse werden in Bezug gesetzt zu anderen international beachteten Studien, was ihren Stellenwert nochmals verdeutlicht. Insbesondere wird herausgearbeitet, dass eine frühe Intervention des Erziehungshilfesystems im Leben eines jungen Menschen sich nachhaltig in der Stabilisierung seiner Persönlichkeit niederschlägt. Im Bezug auf die deutschsprachige Erziehunghilfeforschung allerdings, aber auch in Bezug auf die Statistik, erreicht die Arbeit nicht den möglichen Grad an Aktualität.

Was nun die zentrale Fragestellung der Arbeit angeht, "welche Auswirkungen diese verschiedenen Formen der Hilfe (Heim und Pflegefamilie, M.M.) auf die Entwicklung der Kinder haben" (S. 1), ist es unabdingbar, Anlage und Durchführung der Studie genauer zu betrachten. Denn letztlich scheinen erhebliche Zweifel angebracht, ob diese Frage durch die vorliegende Arbeit beantwortet wird. Kritisch sind folgende Punkte zu sehen:

  1. Zunächst vermisst man im Rahmen der Theoriediskussion auf der Grundlage eigener Theoriebildung die Herausarbeitung einer differenzierten Fragestellung, anhand derer der Untersuchungsgegenstand erst empirisch prüfbar wird. Dabei genügt es nicht, Gruppenunterschiede zu postulieren. Vielmehr müsste spezifisch begründet werden, aufgrund welcher theoriegeleiteter Annahmen die postulierten Unterschiede erwartet werden. Implizit mag das in der Gegenüberstellung Heimkinder - Pflegekinder angedacht sein, inhaltliche Kriterien der Unterscheidung sind in der Arbeit jedoch nicht Gegenstand der Hypothesenbildung, was inhaltliche Schlussfolgerungen zu Art und Qualität einer jeweiligen Hilfe erschwert, im schlimmsten Fall Fehlschlüsse begünstigt.
  2. Ein zentrales Problem der Untersuchung liegt darin, dass die verschiedenen Vergleichsgruppen nur sehr knapp und darüber hinaus sehr unterschiedlich intensiv beschrieben werden. Der Leser erfährt wenig über die Zeit vor der Unterbringung, nichts über die Dauer und den Verlauf der Heimunterbringung, ebensowenig über den Zeitpunkt der jeweiligen Beendigung der Fremdunterbringung und die Zeitdauer zwischen Entlassung und Interview. Die wenigen mitgeteilten Daten zeigen, dass die beiden Vergleichsgruppen (Pflegekinder und Heimkinder) durchschnittlich zu sehr unterschiedlichen Alterszeitpunkten (5 vs. 11 Jahre) in die jeweilige Unterbringung vermittelt wurden. Die globale Gegenüberstellung von Familien-, Heim- und Pflegekindern vernachlässigt weitgehend die jeweiligen "Ausgangspositionen" der Fallgruppen und der Fälle. Insbesondere wäre von Interesse, welches Bindungs-Arbeitsmodell die Kinder vor ihrer Fremdunterbringung etabliert hatten. Vor diesem Hintergrund scheint die direkte Vergleichbarkeit zumindest der beiden ehemals fremduntergebrachten Gruppen fraglich, zumal aus den Ergebnissen letztlich weitreichende Schlüsse gezogen werden.
  3. Als ein zentrales Ergebnis wird herausgestellt, dass sich das Arbeitsmodell einer sicheren Bindung bei den jungen Erwachsenen vor dem Hintergrund eines integrationsfördernden und liebevollen Verhaltens der Pflegeeltern herausbildet. Dieses Ergebnis ist äußerst bemerkenswert. Man muss jedoch beachten, dass beide Merkmale (Scores für Arbeitsmodell und Pflegelternverhalten) aus sehr ähnlichem Material, nämlich aus den mündlichen Berichten der jungen Erwachsenen über ihre frühen Erfahrungen extrahiert wurden, eine Korrelation daher nur einen geringen Erkenntnisfortschritt bringt.
    Darüber hinaus dürften sich die Inhalte des Adult-Attachment-Interviews bei den meisten Pflegekindern aufgrund ihres frühen Vermittlungsalters allein auf die Pflegefamilie beziehen. Es bleibt also unklar, inwieweit in der frühesten Kindheit etablierte Arbeitsmodelle tatsächlich in der Pflegefamilie modifiziert wurden.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen kann festgehalten werden, dass sich die in der Arbeit postulierten "Auswirkungen" und der damit verbundene Ursache-Wirkungs-Zusammenhang nicht mit dem hier verwirklichten Design, sondern letztlich allein über eine Längsschnittanalyse nachweisen lassen. Demgegenüber kann der an vielen Stellen implizit postulierte Zusammenhang zwischen Maßnahmeart (Ursache) und etabliertem Bindungsmodell (Wirkung) mit dieser Arbeit nur inkonsistent verfolgt werden, zumal über die konkreten Ausgangsbedingungen der Fälle nur sehr wenig bekannt ist und die Unterbringungszeiträume und -bedingungen doch wohl sehr verschieden waren.

Ungünstige Bindungsrepräsentationen können einem Heimaufenthalt (durchschnittliches Aufnahmealter 11 Jahre!) vorangegangen sein, was dann die "Zuordnung" beeinflusst hat. Diese Belastung konnte das Heim - und darauf wird in der Arbeit hingewiesen - nicht aufarbeiten. Andererseits hatte vielleicht auch das Kind mit den "besseren Bindungsvoraussetzungen" mehr Chancen für eine Vermittlung in die Pflegefamilie. Demgegenüber kann es durchaus wahrscheinlich sein, dass eine langfristige Pflege in einer Familie das jeweilige Bindungsmuster positiv beeinflusst hat. Ggf. hätte man die Inhalte der intensiven Interviews dazu nutzen können, diese Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge im Fallverlauf näher zu beleuchten. Den wenigen berichteten Einzelheiten entnimmt der Leser, dass fünf der ehemaligen Pflegekinder und eines der ehemaligen Heimkinder körperlichen bzw. sexuellen Misshandlungen in ihrer Fremdunterbringung ausgesetzt waren. Solche inhaltlich zentralen (z.T. erwartungswidrigen) Details vernachlässigend bleibt die Arbeit ausschließlich auf quantifizierende und grob kategorisierende Analysen beschränkt.

Fazit

Festzuhalten bleibt, dass durch die vorliegende Arbeit glaubwürdig nachgewiesen wird, dass junge Erwachsene, die ehemals in einer Pflegefamilie fremdbetreut wurden, in Hinsicht auf ihre Bindungsmuster und ihre psychische Belastung günstigere Persönlichkeitseigenschaften ausbilden als junge Erwachsene, die ehemals in einem Heim lebten. Inwieweit die Erziehung in einer Pflegefamilie unter sonst vergleichbaren Bedingungen günstigere Auswirkungen auf die Persönlichkeitsbildung eines jungen Erwachsenen hat als die Heimerziehung, bleibt bisher ebenso plausibel wie unerforscht.


Rezension von
Prof. Dr. Matthias Moch
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Studiengangsleiter Erziehungshilfen 1
Vorsitzender der Fachkommission Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Matthias Moch. Rezension vom 10.02.2008 zu: Katja Nowacki: Aufwachsen in Pflegefamilie oder Heim. Bindungsrepräsentation, psychische Belastung und Persönlichkeit bei jungen Erwachsenen. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2007. ISBN 978-3-8300-2971-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5328.php, Datum des Zugriffs 07.05.2021.


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