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Ursula Haupt, Marion Wieczorek (Hrsg.): Brennpunkte der Körperbehindertenpädagogik

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Jödecke, 04.06.2008

Cover Ursula Haupt, Marion Wieczorek (Hrsg.): Brennpunkte der Körperbehindertenpädagogik ISBN 978-3-17-019296-6

Ursula Haupt, Marion Wieczorek (Hrsg.): Brennpunkte der Körperbehindertenpädagogik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2007. 291 Seiten. ISBN 978-3-17-019296-6. 26,00 EUR.
Reihe: Heil- und Sonderpädagogik
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Thema

Brennpunkte der Körperbehindertenpädagogik sind der Gegenstand des vorliegenden Bandes. 

Brennpunkte sind Orte, wo sich Wichtiges ereignet, Neuentwicklungen stattfinden, von denen sich nicht ohne weiteres sagen lässt, ob sie zum Guten oder Schlechten ausschlagen. Chancen und Risiken bilden an diesen Orten zumeist eine unübersichtliche Gemengelage. Antworten müssen gefunden werden auf Fragen, die sich neu stellen. Die Autoren des Bandes wollen die neuen Entwicklungen an den Brennpunkten des Geschehens nicht einfach bloß skizzieren, "…sondern auch die notwendigen Veränderungen und Entwicklungen innerhalb des Faches anstoßen und unterstützen." Die Bandbreite der angesprochenen Themen reicht dabei von der Frühförderung bis zur Berufsausbildung Körperbehinderter.   

Aufbau und Inhalt

Welche Themen sind es nun, die angesprochen werden, oder, mit anderen Worten: Wo brennt es?  Da ist zunächst das Lebensrecht körperbehinderter Menschen, das im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts bestritten oder infrage gestellt wird. In ihrem Beitrag votiert Martina Schlüter für ein uneingeschränktes Lebensrecht auch bei schweren körperlichen Schädigungen; eine Sisyphosarbeit ist es, sich gegenläufigen gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenzustellen, aber was hindert mich, mir Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorzustellen?

Für Hans Schreck sind es die überkommenen Konzepte der Frühförderung, die in den Brennpunkt kritisch- konstruktiver Auseinandersetzung gehören. Zu oft gingen diese von der grundsätzlichen Annahme aus, dass ein behindertes Kind ein hilfloses und orientierungsloses  Wesen sei. Wie wäre es, wenn Kinder und Eltern in Förderprozessen weniger zur Passivität verdammt, sondern eher in ihrer Eigenaktivität herausgefordert würden? So wirken etwa Responsivität, das geduldige Abwarten der Signale und Initiativen des Kindes und die sorgsame Beobachtung und Interpretation des spontanen Spiels bemerkenswert positiv auf die Entwicklung seiner Eigenaktivität zurück.

Therapie und Förderung körperbehinderter Kinder seien durchsetzt von Momenten fremdbestimmter Anleitung und Kontrolle. Dagegen setzt Ursula Haupt die Respektierung von Autonomie und Identität, ein Loslassen, ohne allein zu lassen, das den Kindern Entwicklungsräume lässt und wo sie fehlen, eröffnet. "Eine Therapie, die die Autonomie des Kindes stärken soll, muss vom Kind als Hilfe zur Verwirklichung seiner aktuellen Entwicklungsimpulse und Lebensinteressen erlebt werden können" (S. 65)   

Entwicklungsgemäßes Lernen in Bezogenheit macht Marion Wieczorek zum Grundthema einer Didaktik für Schüler mit Körperbehinderungen. Eine Didaktik, die durch den Kampf mit dem Kind geprägt ist, Aufgabenstellungen so abzuändern, das Selbstständigkeit doch möglich ist, ignoriere die Bedeutung von Bezogenheit und zwischenmenschlicher Beziehung für das Lernen und die Selbstbildungsprozesse der Kinder.           

Über Bedeutung und Grenzen der Unterstützten Kommunikation reflektiert Ellen Schwarzburg- von Wedel in ihrem Beitrag. Sie argumentiert gegen Vereinfachungen von Zusammenhängen in der Unterstützten Kommunikation, insbesondere hinsichtlich deren nicht hinreichend überprüfter metatheoretischer Vorannahmen (etwa: "Man kann nicht nicht kommunizieren"). Nicht allein auf die (technikgestützte) Mittelung sollte fokussiert werden, sondern auf das Subjekt, "das etwas der gemeinsamen Bedeutungsstiftung anheim stellt" (S. 105) Wenn Kinder und Jugendliche angebotene Zeichensystem nicht annehmen oder tolerieren, so sei nicht unbedingt gleich ein besseres Zeichensystem angesagt, sondern ein vertieftes Verstehen der Situation des Betroffenen, denn jedes Kommunizieren bedeutet doch, sich mit Bedeutungen konfrontieren zu müssen, die das eigene Erleben oder den Sinn des zu Sagenden nur unzureichend zum Ausdruck bringen.  

Empirisch erhobene Befunde der Bildungsrealität von Kindern mit schwerer Behinderung zeigen, so Marion Wieczorek in einem weiteren Beitrag, dass Bildung bedroht sei. Dafür sprechen nicht nur "die oftmalige Zufälligkeit der Angebote", die Beliebigkeit bei der Auswahl von Förderschwerpunkten, unklare Verantwortlichkeiten, "einschlafende und versandende Prozesse" (S.119), sondern auch, dass Pflegeaktivitäten ihres pädagogischen Anteils beraubt werden und als "rein mediziniasch- pflegerische Aufgabe gesehen werden".      

Eine Neubewertung dessen, was Kinder (mit ADHS) umtreibt, nimmt Hans von Lüpke in seinem Beitrag vor. Die "umtriebigen" Kinder bringen mit ihrem Verhalten letztlich das zum Ausdruck, was sie in Wechselseitigkeit und Abstimmung mit ihren Bezugspersonen erfahren haben, u.a. "früh entgleiste" Beziehungserfahrungen, Botschaften, die ins Leere laufen.

Aus dieser Interpretation ergeben sich weitreichende Konsequenzen für die therapeutisch unterstützende Praxis, etwa in folgender Hinsicht: "So ist einen Medikamentengabe unter dem Aspekt der Hilfe in einer anderweitig derzeit nicht lösbaren Notsituation anders zu bewerten als eine Medikamentengabe in der Überzeugung, damit eine Hirnstoffwechselstörung zu korrigieren." (S.134/135)

Die Beiträge von Martina Fischer und Monika Ehrenstein beschreiben sehr subjekt- konkret und plastisch unterschiedliche Wege der (schulischen) Integration und münden ein in ein unmissverständliches Plädoyer pro Integration. Wie immer Integration auch in Angriff genommen wird, es ist "die individuelle und gemeinsame Verantwortung der Lehrkräfte einer Schule, die für jedes Kind bestmögliche Förderung zu gewährleisten." (S.177) Nur wer Konflikte nicht scheut und Widersprüche (auch eigene Grenzen) offen anspricht wird letztlich dieser Verantwortung gerecht. Weitere Brennpunkte des Bandes sind:  

  • Die Entwicklung der schulischen Förderung körperbehinderter Kinder in den neuen Bundesländern (Barbara Wellmitz)
  • Ethische Reflexionen zum spannungsvollen Kontext einer Kooperation zwischen Eltern körperbehinderter Kinder und Fachleuten (Hans Weiß)
  • Die Berufsausbildung und Berufsausübung Körperbehinderter (Hans Stadler)
  • Perspektiven der Lehrerbildung (Reinhard Leglemann) sowie
  • Zukunftsperspektiven einer Körperbehinderten-Pädagogik (Dieter Fischer)

Zielgruppen

Studierende und Berufstätige in Arbeitsfeldern von Bildung und Erziehung, der Heil- und Behindertenpädagogik, der Medizin, Therapie und Sozialen Arbeit

Diskussion

Die Beiträge des vorliegenden Bandes sind in ihrer Mehrzahl theoretisch anspruchsvoll und an einigen Stellen auch innovativ. Was besonders beeindruckt, ist die schlüssige Rückführung komplexer Problemlagen oder -konstellation körperbehinderter Kinder und Jugendlicher auf den subjektlogischen Kontext des Verstehens.  

Fazit 

Das Buch wird all den Lesern von Nutzen sein, die sich in ihrem professionellen Selbstverständnis immer wieder neu "entwerfen", hinterfragen und ihre eigenen Grenzen nicht zu den Grenzen der Entwicklungsfähigkeit der (körperbehinderten) Kinder und Jugendlichen erklären wollen.

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Jödecke
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Es gibt 32 Rezensionen von Manfred Jödecke.

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Zitiervorschlag
Manfred Jödecke. Rezension vom 04.06.2008 zu: Ursula Haupt, Marion Wieczorek (Hrsg.): Brennpunkte der Körperbehindertenpädagogik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2007. ISBN 978-3-17-019296-6. Reihe: Heil- und Sonderpädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5331.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


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