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Werner Früh: Inhaltsanalyse. Theorie und Praxis

Cover Werner Früh: Inhaltsanalyse. Theorie und Praxis. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2007. 6., überarbeitete Auflage. 309 Seiten. ISBN 978-3-8252-2501-8. 19,90 EUR.

Reihe: UTB - 2501.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8252-3595-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Der Leipziger Kommunikationswissenschaftler Werner Früh beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Theorie, Anwendung und Lehre der Inhaltsanalyse. Offenkundig sind alle drei Erfahrungsbereiche in das Werk eingeflossen, das mittlerweile in der sechsten, überarbeiteten Auflage vorliegt. Den weiteren Ausführungen muss vorangestellt werden, dass Früh eine spezifische Form der Inhaltsanalyse entwickelt hat, die sich sowohl von rein quantitativen Ansätzen als auch von der "qualitativen Inhaltsanalyse" wie sie Philipp Mayring vorschlägt, unterscheidet.

Erwähnenswert sind die vorangestellten Nutzungsempfehlungen an die Leserschaft: Je nachdem, ob und wie intensiv diese Beurteilungs- oder Nutzungskompetenz erwerben wollen, leitet der Autor sie an die entsprechenden Kapitel weiter. Das Buch ist so aufgebaut, dass diese selektive Lektüre tatsächlich funktioniert.

Aufbau

Der erste Teil ist der Theorie der Inhaltsanalyse, der zweite deren Praxis gewidmet. Beide Aspekte sind etwa gleich gewichtet. Jedem Kapitel sind Übungsaufgaben angefügt, deren Bearbeitung die gewonnenen Erkenntnisse vertiefen soll. Die Aufgaben sind wie Fragen aus einer Klausur gestellt; man kann annehmen, dass sie bereits in der Lehrpraxis erprobt wurden.

Nach einer kurzen Einführung, die auf Geschichte und Anwendungsgebiete der Inhaltsanalyse eingeht, handelt Früh erkenntnistheoretische Grundlagen und die wichtigsten methodologischen Probleme der empirischen Methode ab.

1. Theorie

Der Autor erläutert seinen methodologischen Ansatz, den er "empirisch-wissenschaftliche Vorgehensweise" nennt, anhand eines Modells, das die Zusammenhänge zwischen dem zu untersuchenden Realitätsausschnitt und den höheren Abstraktionsebenen der Theorie ("Mentales Modell") und der Daten ("Formalmodell") veranschaulicht. Dabei legt er Wert auf die Feststellung, dass Empirie nicht nach dem Kriterium wahr/falsch im Sinne eines Objektivismus beurteilt werden sollte. Vielmehr gehe es um die Frage, ob das verwendete Instrumentarium für die beabsichtigte Forschung brauchbar sei oder nicht und ob die Vorgehensweise systematisch und intersubjektiv nachvollziehbar sei. Dies entspricht dem Objektivitätsbegriff des Kritischen Rationalismus. Die methodologischen Grundlagen werden in den folgenden Kapiteln immer wieder aufgegriffen, vertieft und an Beispielen erläutert.

Die theoretische Auseinandersetzung mit der Inhaltsanalyse beginnt mit einem allgemeinen Abschnitt zum Messen, der auch Skalenniveaus und die dazugehörigen statistischen Maße und Signifikanztests umfasst. Im nächsten Abschnitt zu Gegenstand und Erkenntnisinteresse geht Früh auf typische Anwendungsbereiche ein und zeigt auch die Grenzen der Methode auf, die je nach Forschungsdesign (formal-deskriptiv, diagnostisch, prognostisch) variieren. Danach setzt sich der Autor mit konkurrierenden hermeneutischen Textanalyseverfahren auseinander, wobei er kontrastierend das Vorgehen der Inhaltsanalyse am konkreten Beispiel der Zeitungsberichterstattung zur Atomenergie illustriert. Die Vorstellung der Methode schließt mit einer Stellungnahme zur "Qualitativ-quantitativ-Debatte", die in ein Plädoyer mündet, deduktive und induktive Vorgehensweise bei jeglicher Form von Inhaltsanalysen zu kombinieren.

Der zweite Schwerpunkt im Theorieteil ist die Inhaltsanalyse als Forschungsprozess. Der Leserschaft werden die notwendigen Schritte von der Entwicklung der Forschungsfrage über die Hypothesenbildung, die Erstellung eines Kategoriensystems und der Stichprobenziehung bis hin zum Codiervorgang systematisch erläutert. Rückbezüge zur Methodologie, Textbeispiele und Abbildungen erleichtern die Orientierung. Es werden auch schon einzelne Probleme der Forschungspraxis genannt, z.B. der Umgang mit Interpretationsspielräumen der Codierer.

Am Ende des ersten Teils fasst Früh Grundlagen, Ziele und Vorgehensweise der Inhaltsanalyse in acht Thesen zusammen.

2. Praxis

Die Praxis der Inhaltsanalyse behandelt der Autor in zwei Blöcken: Zuerst stellt er das Grundmodell, die Themen-Frequenzanalyse, vor und geht danach auf komplexere Varianten und Weiterentwicklungen der Inhaltsanalyse ein.

Die Themen-Frequenzanalyse erfolgt in fünf Schritten, denen je ein Abschnitt gewidmet ist: Planung, Entwicklung (Kategorienbildung), Test, Anwendung (Codierung) und Auswertung. Während in den vorangegangenen Kapiteln Textbeispiele aus verschiedenen Studien zitiert werden, begleitet eine einheitliche Problemstellung das erste Kapitel des Praxisteils: "Wie berichtet die deutsche Presse über das Thema „Kernkraft“ "? (S. 147)

Schon im Abschnitt zur Kategorienbildung erhält man einen Eindruck davon, was es bedeutet, die zu Beginn des Buches erhobenen Forderungen nach Systematik und wissenschaftlicher Gründlichkeit in der Praxis einzuhalten. Dieser Eindruck vertieft sich durch die Vorstellung der Methoden zur Perfektionierung des Instrumentariums in der Testphase: Probecodierung, Codiererschulung, Reliabilitäts- und Validitätsprüfung gehörten in jede seriöse Forschungsplanung. Das vorher theoretisch behandelte Postulat der Vereinbarkeit von deduktiven und induktiven Analyseschritten wird anhand der Beschreibung der Empirie untermauert.

An komplexeren Varianten bietet Früh die insbesondere in der PR-Branche verbreitete Medienresonanzanalyse (MERA) an, wobei er nicht vergisst zu erwähnen, dass viele unter diesem Namen durchgeführte Studien den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit nicht erfüllen. Meist sei ein hoher Zeitdruck seitens der Auftraggeber die Ursache. Es folgt ein Beispiel eines vorgefertigten "synthetischen" Kategoriensystems, das einen Codebaum für Studien mit Fragestellungen zu TV-Angeboten bereit stellt. Ein etwas anspruchsvolleres Design erfordert die Analyse impliziter Bewertungen, deren Kategoriensystem interpretationsbedürftige Codes enthält, wie z.B. Ironie oder emotionalisierende Wortwahl. Im vierten Unterabschnitt behandelt der Autor die Inhaltsanalyse offener Antworten einer Befragung, der fünfte befasst sich mit Kommunikations- und Interaktionsanalysen, d.h. es soll durch eine Inhaltsanalyse die Frage beantwortet werden, "wer mit wem worüber redet (…), in welcher Weise sie interagieren und wie sie sich beurteilen." (S. 266) Die Semantische Struktur- und Inhaltsanalyse (SSI) ist Thema des nächsten Abschnitts. Sie stellt eine Kombination von textlinguistischen und inhaltsanalytischen Prinzipien dar und hat ihre Stärken vor allem bei längeren Texten wie Interview-Mitschriften oder Medienbeiträgen. Schließlich geht der Autor auf die computergestütze Inhaltsanalyse ein, die die Codierung automatisch unter Verwendung eines Diktionärs vornimmt. Eine kurze Zusammenfassung mit Ausblick beendet den zweiten Teil.

Fazit

Das Lehrbuch hält, was der Klappentext verspricht: Es "bietet eine theoretisch fundierte Anleitung zur praktischen Durchführung von Inhaltsanalysen." Hervorzuheben sind die verständliche, aber nie grob vereinfachende Darstellung der methodologischen Grundlagen, die didaktisch durchdachten Übungsfragen sowie die vielen Beispiele von Textstellen und Codes, durch die das Lernen am Beispiel ermöglicht wird. Studierende der Medien- und Kommunikationswissenschaften werden das Buch nützlich finden, Forscher/-innen verschiedener sozialwissenschaftlicher Provenienz können es zum Nachschlagen oder als Anregung für eigene Studien verwenden. Wer eine der komplexeren Varianten der Inhaltsanalyse durchführen möchte, kommt nicht umhin, ergänzende Literatur zu Rate zu ziehen, denn für mehr als eine in sämtlichen Schritten dargestellte Analyseform ist einfach kein Platz in dem Lehrbuch. Kritisch anzumerken ist, dass in der 6. Auflage nur wenig neuere Literatur aufgenommen wurde. Dies vermisst man besonders im Abschnitt zur computergestützten Inhaltsanalyse, das außer einer Quellenangabe von 2001 nur Titel aus dem vergangenen Jahrhundert enthält.


Rezension von
Dipl.-Soz. Miguel Tamayo


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Zitiervorschlag
Miguel Tamayo. Rezension vom 05.04.2008 zu: Werner Früh: Inhaltsanalyse. Theorie und Praxis. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2007. 6., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8252-2501-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5333.php, Datum des Zugriffs 24.06.2021.


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