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Sandra Kretschmer: Lehrer und Schulsozialarbeiter

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Rabe, 12.05.2008

Cover Sandra Kretschmer: Lehrer und Schulsozialarbeiter ISBN 978-3-8364-0659-8

Sandra Kretschmer: Lehrer und Schulsozialarbeiter. Grundlagen für eine verbesserte Kooperation. VDM Verlag Dr. Müller (Saarbrücken) 2007. 75 Seiten. ISBN 978-3-8364-0659-8. 42,00 EUR. CH: 67,00 sFr.

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Hintergrund

An der Schnittstelle zwischen Jugendhilfe und Schule ist  Schulsozialarbeit (SSA) angesiedelt. Ihr Stellenwert steigt, denn die Notwendigkeit abgestimmter und pädagogisch begleiteter Betreuung von Schülerinnen und Schülern über das Unterrichtliche und den Erziehungsauftrag von Schule hinaus ist erkannt worden. Die Tatsache, dass Qualität, Auftrag, Umfang, Dauer und Abstimmung dieser Betreuung im Rahmen von SSA noch nicht konsentiert und schon gar nicht festgeschrieben sind, mag den Prozess verlangsamen, kann aber die mittelfristige (notwendige) Sozialpädagogisierung von Schule nicht aufhalten.

Die relevanten Aspekte dieses Prozesses sind in der Literatur angemessen beschrieben; konkrete Umsetzungen sind noch auf den Agenden von Schulverwaltungen und Jugendhilfeträgern. Hier werden über eine längere Zeit noch dicke Bretter zu bohren sein.

Dem gegenüber fällt auf, dass das Binnenverhältnis der beteiligten Professionen deutlich weniger gut dokumentiert ist. Lehrerinnen und Lehrer auf der einen und Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen auf der anderen Seite arbeiten zwar mit der gleichen Klientele und nicht unbedingt mit unterschiedlichen Zielsetzungen, sind aber nach allen Rückmeldungen die Berufgruppen mit den größten Ressentiments gegenüber den jeweils anderen. Die eingefahrenen Vorurteile sind frappant.

Hier besteht Aufklärungs- und Forschungsbedarf. Zusätzlich müssen in Aus- und Weiterbildung die Eckpunkte und Essentials der zwingend gebotenen Kooperation mit den Beteiligten erarbeitet und den Betroffenen nahe gebracht werden. Jede einschlägige Veröffentlichung in diesem Bereich ist deswegen ausdrücklich zu begrüßen.

Thema und Anspruch

Wenn man den Titel des  vorliegenden Buches ernst nimmt, ist es der Anspruch der Autorin, diese Lücke zu schließen und die Grundlagen für eine gelingende Kooperation zu legen.

Sandra Kretschmer ist Diplomsozialarbeiterin/-pädagogin. Sie hat ihr Studium in Berlin 2006 mit einer Arbeit über den "Wandel der Lehrerrolle und Möglichkeiten der Schulsozialarbeit - Ein Beitrag zur Kooperation in der pädagogischen Arbeit" abgeschlossen. Diese Arbeit ist die Vorform des hier zur Rezension anstehenden Textes.

Aufbau

  1. Einleitung. Kretschmer leitet ihre Arbeit mit der Beschreibung der Relevanz des Themas ein; dazu nimmt sie einige Hinweise aus "Focus" und "Spiegel" auf. Unter der Überschrift "Begriffsdefinitionen" erklärt sie die  "Lehrerrolle" an Hand eines Lexikonartikels. Davon grenzt sie auf  elf Zeilen SSA ab. Danach beschreibt sie das Ziel ihrer Arbeit: Sie will die Rollenveränderung des Lehrerberufs plausibilisieren und untersuchen, wie SSA ein "Beitrag zur Fokussierung der Lehrer auf ihre Funktion als Wissensvermittler" sein kann.
  2. Die Rolle des Lehrers im historischen Überblick. Die Autorin referiert eine einzelne Sozialgeschichte des Lehrerberufs (Enzelsberger); sie kommt zum Ergebnis, dass sich die Aufgabe des Lehrers um Sozialisationsaufgaben erweitert hat und dass er "immer wieder von der Regierung unterdrückt" worden sei.
  3. Sozialer Wandel. Unter unterschiedlichen Foken (Sozioökonomie, Sozioökologie, Werte, Erziehung, Kindheit) untersucht Kretschmer gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, sieht die gestiegene Bedeutung von Schule bei der Zuweisung von Chancen und sieht in Schule "den Ort, wo eine Stabilität vermittelnde Begegnung zwischen Kindern und Erwachsenen stattfinden kann".
  4. Lehrerrolle heute. Auf dem Weg vom Wissensvermittler zum Berater sieht Kretschmer den Lehrer in unterschiedlichen Rollenkonflikten (zwischen Anpassung und Individualisierung, zwischen Selektion und Integration, als Wissensvermittler oder Erzieher). Sie plädiert für ein maßvolles Austarieren dieser Konflikte, weil einseitige Auflösungen den Lehrer entweder zum Vollzugsbeamten oder zum illusionistischen Freiheitskämpfer machen könnten. Die Konflikte selbst schätzt sie als schwer ertragbar ein. "Ein Großteil der Lehrerschaft hält den Belastungen nicht stand" (41). Die Literatur sei sich einig: Es brauche Hilfe – die SSA!
  5. Schulsozialarbeit. Zunächst wird die Entwicklung der SSA seit Beginn des 20. Jahrhunderts dargestellt, danach werden die Möglichkeiten von SSA im Anschluss an Olk u.a. schmalspurig mit "Projektformen und Kooperationsmodellen" umschrieben. Schließlich werden Definitionen, Ziele und Aufgaben erläutert. Die sich anschließende Beschreibung der Kritik beschränkt sich auf den Hinweis auf die "Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis".
  6. Kooperationsprobleme. Kretschmer sieht Schwierigkeiten auf mehreren Ebenen: Sie wiederholt noch einmal den Aspekt der Rolle (wobei anscheinend nur Lehrer Rollenkonflikte auszutarieren haben), nennt unter dem Aspekt der Professionalisierung die unterscheidbare "Fachlichkeit" beider Berufsgruppen (dabei konkretisiert sie die Hilfslehrerrolle von SSA) und beschreibt Unterschiede in der Arbeitsstruktur, die eher einem Schwarzbuch der Pädagogik entstammen.
  7. Wege zu einer gelingenden Kooperation. Lehrer und Schulsozialarbeiter sollten das gemeinsame Ziel verfolgen, "Kinder und Jugendliche zu befähigen, ihr Leben selbständig zu bewältigen". Geduld sei nötig. Von strukturellen und organisatorischen Vorbedingungen liest man nichts. Die Gliederungslogik geht durcheinander (Sie schreibt (S.62) in 7.3: "Wie bereits in 7.2 und 7.3 dargestellt…". Sie schreibt: "Ich möchte… auf das in 4.2.3 genannte Fallbeispiel eingehen": 4.2.3 existiert nicht).

Diskussion

Die Arbeit löst ihren im Untertitel formulierten Anspruch (Grundlagen für eine verbesserte Kooperation) nicht ein: Kretschmer liefert nicht das Versprochene, sondern beschreibt aus ihrer eigenen beruflichen Perspektive und unter dem Primat Sozialer Arbeit einzelne Sachverhalte. Sie entwickelt  keine tragfähige Definition von Kooperationsstrukturen und kann deshalb auch nicht die versprochene "Verbesserung" beschreiben. Grundsätzlich hätte sie zwischen Kooperationsmodellen von Jugendhilfe und Schule und eigentlicher SSA (in Trägerschaft von Schule) unterscheiden müssen. An diese Dimension kommt man aber nur heran, wenn man sich von Rollenuntersuchungen löst und sich einer Untersuchung der unterschiedlichen Systeme Schule und Jugendhilfe zuwendet. 

Kretschmer beschreibt ein Profil von SSA, das weich zeichnet und schön färbt: Angebote der SSA seien "freiwillig" (54). Dem gegenüber sieht sie die "Einzelkämpfermentalität der Lehrer".

Die blasse Analyse liegt zum einen an der eindimensionalen Entgegensetzung der Lehrer- und SSA-Profile und zum anderen an der ebenso eindimensionalen Argumentationsperspektive aus der Sozialen Arbeit heraus. Kretschmer untersucht zwar (wenn auch willkürlich selektiv) die Rolle von Lehrerinnen und Lehrern, nicht aber die Rolle von Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen. Weiterhin erläutert sie nicht das Verhältnis von Rolle und Funktion. 

Die Rollenkonflikte in 4 sind Antinomien.

Kretschmer liefert ein unzureichendes Literaturverzeichnis;  die verwendete Literatur ist immer wieder veraltet und teilweise irrelevant. 

Die Eigenleistung hält sich in Grenzen: 60 Seiten Text, von dem man gut und gern 15 Seiten an Schaubildern, Tabellen und Langzitaten abziehen kann. Gerade an diesen Sachverhalten lässt sich die Herkunft der Untersuchung aus einer Diplomarbeit ablesen. Das kann niemals eine substantielle Antwort geben.

Das Ende geht aus dem Leim, weil die Bezüge in Kapitel 7 leer laufen: Die Gliederungslogik (7.3) geht verloren, weil auf Abschnitte Bezug genommen wird, die anscheinend einer Überarbeitung zum Opfer gefallen sind (62 und 64). Das Resümee (68) ist verworren.

Fazit

Die Autorin argumentiert sehr empathisch von der Warte Sozialer Arbeit. Dabei dokumentiert sie grenzenloses Vertrauen in die sozialpädagogischen Gestaltungsmöglichkeiten des Schullebens und der Entlastung der Lehrer.  Sie beschreibt eine Reihe von Phänomenen, untersucht aber nur ganz am Rand die unterschiedlichen Verfassungen der Systeme "Schule" und "Soziale Arbeit". Es fehlt eine Differenzierung von individuellen Rollen, gesellschaftlichen Funktionen und bildungspolitischen Aufträgen; die Verteilung von Unterricht, Erziehung und Bildung auf die Beteiligten wird nicht betrachtet; SSA beschränkt sich auf Projekte und scheint keinen Bildungsauftrag zu haben.  Kretschmer liefert  durchgängig monokausale Erklärungsmuster.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Rabe
ehemaliger Professor für Erziehungswissenschaft an der FH Münster
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Es gibt 19 Rezensionen von Uwe Rabe.

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Zitiervorschlag
Uwe Rabe. Rezension vom 12.05.2008 zu: Sandra Kretschmer: Lehrer und Schulsozialarbeiter. Grundlagen für eine verbesserte Kooperation. VDM Verlag Dr. Müller (Saarbrücken) 2007. ISBN 978-3-8364-0659-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5352.php, Datum des Zugriffs 29.02.2024.


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