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Elisabeth Stechl, Elisabeth Steinhagen-Thiessen u.a.: Demenz - mit dem Vergessen leben

Cover Elisabeth Stechl, Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Catarina Knüvener: Demenz - mit dem Vergessen leben. Ein Ratgeber für Betroffene. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2008. 128 Seiten. ISBN 978-3-938304-98-3. 16,00 EUR.

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Thema

Im Untertitel wird gesagt, was die Publikation "Demenz - Mit dem Vergessen leben" sein will: Ein Ratgeber für Betroffene. Betroffene, das sind in diesem Fall Menschen im Frühstadium einer Demenz sowie deren Angehörige. Das Buch will Einblick in das Krankheitserleben in dieser Frühphase geben und Betroffene zu einer realistischen Auseinandersetzung motivieren sowie praktische Hilfestellungen anbieten.

Aufbau

Der Ratgeber gliedert sich in sechs Kapitel:

  1. Über die Krankheit
  2. Der Alltag mit Demenz aus Sicht der Betroffenen
  3. Der Alltag mit Demenz aus Sicht der Angehörigen
  4. Welche Angebote gibt es?
  5. Das Wichtigste in Kürze. Hilfreiche Adressen
  6. Diskussion

Diskussion

Mittlerweile existiert auf dem deutschen Buchmarkt eine Reihe von Ratgebern zum Thema Demenz, sodass sich jede weitere Publikation dieser Art über einen spezifischen Neuigkeitswert legitimieren muss. Dem vorliegenden Ratgeber gelingt dies. Nicht so sehr durch die Themen, die er aufgreift, sondern durch die Art, wie er es tut. Besonders an ihm ist sicherlich die klare Konzentration auf das Frühstadium der Demenz. Besonders ist aber auch der Schreibstil. Hier wird der Beweis erbracht, dass profunde Fachkenntnisse und ein klarer, schnörkelloser und verständlicher Stil keine Gegensätze sind, sondern eine fruchtbare Verbindung einzugehen vermögen. Selten wird dem Leser beispielsweise so einfach und doch so treffend Wissen über die Demenz vermittelt, wie im ersten Kapitel dieses Buches. Was eine beginnende Demenz für den Betroffenen bedeutet, wird an alltagsnahen Beispielen dargestellt und nachvollziehbar gemacht. Es wird deutlich, dass die Autorinnen nicht nur über profundes professionelles medizinisches und verwandtes Fachwissen, sondern auch über sehr genaue Kenntnis des Erlebens von betroffenen Menschen verfügen.

Sympathisch, wie gleich zu Beginn auf die in der Literatur sonst übliche Unterteilung der Demenz in Stadien verzichtet und die Unterschiedlichkeit von demenziellen Prozessen betont wird. Auch die von vielen Menschen gehegte und von manchen Medien und so genannten Fachleuten geschürte Angst vor dem Verlust der Persönlichkeit wird auf eine realistische Basis gestellt. Immer wieder wird das "aufgeklärte" Bild der Demenz, von dem die Autorinnen ausgehen, deutlich: Demenz bedeutet nicht nur Verlust, sondern kann auch Lebensqualität und Lebensfreude beinhalten. Dies bedeutet jedoch keine Verharmlosung. Im Gegenteil: Dem Leser und Betroffenen wird nichts vorenthalten und nichts vorgemacht. "Akzeptiere das, was du nicht ändern kannst und kümmere dich um die Dinge, die du beeinflussen kannst", könnte das Motto dieses Ratgebers lauten. Immer wieder wird deutlich formuliert, dass man die Krankheit annehmen muss. Folgerichtig wird dazu geraten, seine Kräfte nicht für nutzlose Bemühungen - beispielsweise überzogenes Gedächtnistraining, das zu Frustration führt - zu verschwenden, sondern die Dinge zu pflegen und zu entwickeln, die Lebensqualität und Freude erzeugen können. Der Betroffene wird ernst genommen und deshalb nicht aus der Verantwortung für das eigene Leben entlassen.

Den Autorinnen gelingt es, sowohl die Perspektive und das Erleben der direkt Betroffenen, als auch das der Angehörigen verständlich zu machen. Der Leser hat Gelegenheit, sich hier in seinen Gefühlen und Ängsten wieder zuerkennen. Der Verzicht auf Wertungen im Sinne von "falschem" Verhalten eröffnet die Chance, dass die Hinweise für ein Verstehen des jeweils Anderen und die produktive Überwindung blockierender Interaktionen vom Leser ernst- und aufgenommen werden könnten.

Hilfreich und anwendbar sind auch die praktischen Vorschläge, die die Autorinnen zur Gestaltung des Alltags und zum Umgang mit der neuen Lebenssituation machen.

Die Konzentration auf das Frühstadium der Demenz bietet die große Chance, dass auch die tatsächlich Betroffenen den Ratgeber nutzen und sich als Hilfsquelle erschließen können. Allerdings: Ein Hinweis, dass auch in fortgeschrittenen Stadien der Demenz Lebensqualität möglich ist, wäre sicherlich hilfreich gewesen. So manche, die Frühphase gegen fortgeschrittene Ausprägungen der Demenz abgrenzende Formulierung im Text, könnte ansonsten durchaus geeignet sein, die das Buch prägende, Angst nehmende Botschaft, nur auf den Beginn der Krankheit zu beschränken. Doch wird derjenige, der sich aus persönlicher Betroffenheit neu mit der Demenz auseinandersetzen muss, wohl immer auch das Ganze ins Auge fassen.

Fazit

Der vorliegende Ratgeber sei allen Menschen im Frühstadium einer Demenz sowie ihren Angehörigen und sozialen Kontaktpersonen dringend empfohlen. Er nimmt den Betroffenen ernst, macht Mut und gibt konkrete Hilfestellungen. Auch professionellen Helfern, die Familien mit Demenz beraten und begleiten, kann er eine wertvolle Hilfe sein.


Rezensent
Dipl. Sozialpädagoge Peter Wißmann
Geschäftsführer Demenz Support Stuttgart gGmbH, Zentrum für Informationstransfer
Homepage www.demenz-support.de


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Zitiervorschlag
Peter Wißmann. Rezension vom 24.02.2008 zu: Elisabeth Stechl, Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Catarina Knüvener: Demenz - mit dem Vergessen leben. Ein Ratgeber für Betroffene. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2008. ISBN 978-3-938304-98-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5361.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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