socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Birgit Panke-Kochinke: Gewalt gegen Pflegende

Cover Birgit Panke-Kochinke: Gewalt gegen Pflegende. Analyse und Intervention. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2007. 120 Seiten. ISBN 978-3-938304-81-5. 15,00 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Im Mittelpunkt dieses Buches steht die Auseinandersetzung mit und Reduzierung von Gewalt, die gegen Pflegekräfte in Ausübung ihres Berufes gerichtet ist. Pflegende begegnen bei ihrer Arbeit vielfältigen Situationen von Gewalt und reagieren darauf mehr oder weniger professionell. Von Interesse in diesem Buch sind dabei individuelle Handlungsmuster der Pflegenden, Haltungen der Leitungen, eine systemtheoretische Betrachtung über Bedingungen zur Stimulation von Konflikten sowie eine Untersuchung zur Passung von Problemen und Lösungsmustern. Panke-Kochinke hat hierzu eine empirische Untersuchung mit Gruppen- und Einzelinterviews durchgeführt. Diese Untersuchung und deren Ergebnisse stehen im Mittelpunkt des vorliegenden Buches. 

Autorin

Die Autorin (Jg. 54) verfügt über langjährige einschlägige pädagogische Erfahrung als Dozentin an Fachschulen für Gesundheitsberufe sowie als Lehrbeauftragte für pflegewissenschaftliche Themen an der Universität und FH Osnabrück. Sie hat mehrere historisch-soziologische Studien zur Frauen und Geschlechterforschung veröffentlicht. Derzeit ist sie Professorin für Pflegewissenschaft an der Evangelischen FH Rheinland-Westfalen-Lippe.

Aufbau und Inhalt

In ihrer Einführung bekennt sich die Autorin zu den Chancen und Grenzen anwendungsorientierter Forschung aus systemtheoretischer Sicht. Sie konstatiert, dass in komplexen Systemen das Zusammenspiel der Komponenten die  entscheidende Rolle spielt. Einzelne analytische Schritte bzw. Erkenntnisse über problem- bzw. gewaltbegünstigende Zusammenhänge treten vor dem Blick auf das System in den Hintergrund und bewirken keine Lösung.

Das Kapitel "Die empirische Untersuchung" befasst sich mit den Grundzügen der qualitativen Untersuchung. Panke-Kochinke beschreibt die zugrunde liegenden Forschungsfragen u.a. zum begrifflichen Verständnis von Pflegenden und ihren Leitungen zum Gewaltbegriff, zu Konflikten und zu deren Lösung (Analysematrix) sowie zur Erfassung pflegerischer Handlungsmuster (Strukturgitter). Sie erläutert kurz die von ihr entwickelte und angewandte Methode der rekonstruktiven hermeneutischen Textanalyse in Anlehnung an das Verfahren der grounded theory nach Glaser und Strauss und stellt Beispiele des Vorgehens bei der Kategorienbildung vor.

Im dritten Kapitel "Der Gewaltbegriff" legt Panke-Kochinke eine begriffliche Rahmung vor für ihr Verständnis von Gewalt. Sie spricht nur dann von Gewalt, wenn die Persönlichkeit der Pflegeperson angegriffen wird. Ein Angriff auf die berufliche Identität einer Pflegeperson entspricht diesem Kriterium nicht, enthält demnach keine täterbezogene Intention. Im weiteren Verlauf des Kapitels geht sie ein auf Zusammenhänge von Gewalt und Angst, Aggression und führt eine ausführliche analytische Arbeitsdefinition nach Nunner-Winkler (2004) aus. Dieser Exkurs beleuchtet das theoriebezogene Verständnis des Buches, macht aufmerksam auf Verantwortung und Machtverhältnisse.

Im vierten Kapitel die Analysematrix legt Panke-Kochinke ein Analyseraster vor, das Interaktionsebenen, Konfliktfelder und Lösungsmuster enthält. Ausgehend von der zentralen Erkenntnis, dass Handlungsunsicherheit entsteht durch Grenzverletzungen beruflicher und privater Identität benennt sie "Sicherheit und Schutz" als Aufgabe der Leitungen und der Teams. Die inhaltlichen Ausführungen der Problemsituationen zur Erklärung des Analyserasters sind für Personen mit einschlägiger Fachexpertise meist nachvollziehbar, die Form der hier sehr kurzen Darstellung steht jedoch im Widerspruch zur Komplexität der Problematik. Konkrete Einblicke in das Projekt hätten das Kapitel bereichert!

Das Strukturgitter steht im Mittelpunkt des fünften Kapitels. Hier sind aus der Perspektive der Pflegenden und der Pflegeleitungen kategoriale Handlungsmuster beschrieben. Die zentralen Erkenntnisse (Perspektive Leitungen: präsent sein, Kontrolle ausüben, Druck abpuffern, Verantwortung übernehmen) wirken plausibel, erneut fehlen konkretisierte Beispiele aus dem Projekt.

Mit der rekonstruktiven Systemintervention beschreibt Panke-Kochinke im sechsten Kapitel einen Forschungs- und interventionsorientierten Lösungsansatz in vier Schritten. Im Kern geht es um eine Trennung von Problem und Ressourcen. Dem subjektiv wahrgenommenen Erfolg im Umgang mit dem Problem wird nachgegangen anhand der Frage "Ist es mir gelungen, besser mit dem Phänomen Gewalt gegen Pflegende umzugehen? Weitere Schritte beziehen sich auf system- und handlungsanalytische Erkenntnisse. Panke-Kochinke empfiehlt diese Vorgehensweise präventiv für Institutionen und für die pflegerische Grundausbildung. Das Kapitel schließt ab mit einem theoretischen Exkurs zum Konfliktmodell der Systemtheorie.

Das Interventionsinstrument Systemanalyse ist Gegenstand des siebten Kapitels. Bei dem Instrument handelt es sich um ein fallbezogenes, individuell nutzbares Instrument, das einen konkreten Handlungshintergrund benötigt. In stichwortartiger Form wird eine längere Auflistung von Auslösern, individuellen Handlungsstrategien und Ressourcen im Rahmen des Modells erläutert.

Zielgruppe

Das Buch ist vor allem geeignet für Lehrende in Aus- und Fortbildungen mit einschlägigen Vorkenntnissen im Umgang mit empirischen Untersuchungen sowie mit guten system- und handlungstheoretischen Vorkenntnissen. Wer ein Buch mit schnell zugänglichen Lösungen erwartet, wird enttäuscht.

Diskussion und kritische Würdigung

Das Buch ist insgesamt anschaulich und überwiegend gut lesbar geschrieben, allerdings mit Einschränkungen. Die Einblicke in den Ablauf des Forschungsprojektes und in seine Ergebnisse sind nachvollziehbar, auch wenn die Darstellung in einer praxisnäheren und bündigeren Form (u.a. im Schlussteil auf den Seiten 82-93) die Lesefreundlichkeit erhöht hätte.

Positiv hervorzuheben ist, dass jedem Kapitel eine Kurzfassung der Ergebnisse voraus geht.

Der Band enthält formale Ungenauigkeiten sowie Schwächen im Ausdruck (z.B. S. 9-11, 25, 28, 35, 44). Die Überschriften der einzelnen Kapitel sind sehr kurz und primär in Form von Substantiven formuliert, was nicht lese-anregend wirkt (z.B. Kap. 2: Die empirische Untersuchung; Kap. 3: Der Gewaltbegriff; Kap. 4: Die Analysematrix). Die Schriftgröße des Inhaltsverzeichnisses ist deutlich zu klein. Mit 2 Seiten ist die Beschreibung der Methode (22-24) sehr kurz, was die Zielgruppe der LeserInnen auf Personen mit einschlägiger Expertise im Umgang mit Forschungsergebnissen z.B. des Symbolischen Interaktionismus oder der grounded theory einschränkt. Einige Passagen wie z.B. die Ausführungen zu "Pflege – ein gewalttätiger Beruf?" (S. 47-49) sind unnötig kompliziert beschrieben und erreichen die Zielgruppe kaum. Der Wechsel der Sprachform von einer wissenschaftlichen Sprache hin zu einer direkten Ansprache der/des Lesers/In auf den Seiten 80-96 ("Sie sollten nicht mehr als zwei Probleme festhalten. Schreiben Sie diese auf ein Blatt und legen es zur Seite" S. 81) ist irritierend und geschieht ohne Einführung oder Begründung. Ein Fazit oder Schlusswort mit rückblickender Kommentierung des Projektes fehlt.

Fazit

Das vorgestellte Verfahren ist ein anspruchsvoller Weg zur Problemanalyse und zur Lösungsfindung, der bei systemtheoretischer Vorbildung/Expertise des/der Moderators/In einen gangbaren Weg darstellt. Ob problematische Situationen allein nach der Lektüre dieses  Buches leichter erkannt und gelöst werden können darf bezweifelt werden.


Rezension von
Prof. Dr. Margret Flieder
Evangelische Hochschule Darmstadt
Fachbereich Pflege- und Gesundheitswissenschaften
E-Mail Mailformular


Alle 37 Rezensionen von Margret Flieder anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Margret Flieder. Rezension vom 04.09.2008 zu: Birgit Panke-Kochinke: Gewalt gegen Pflegende. Analyse und Intervention. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2007. ISBN 978-3-938304-81-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5363.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung