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Nadja Hajir: Shake it! - [...] Jugendkultur des HipHop

Cover Nadja Hajir: Shake it! - Frauenbild und Sexismus in der Jugendkultur des HipHop. Grin Verlag (München) 2007. 88 Seiten. ISBN 978-3-638-73318-2. 24,99 EUR.
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Thema

Im vorliegenden Band beschäftigt sich Nadja Hajir mit dem Frauenbild und mit Sexismus im HipHop. Dazu erzählt sie die Geschichte des HipHop, dessen Elemente und Erscheinungsformen. Die Darstellung von Frauen und deren Beteiligung bzw. Nichtbeteiligung als eigenständige Künstlerinnen findet besondere Beachtung. Zum besseren Verständnis des im HipHop überwiegend propagierten Frauenbildes beschreibt sie auch die männlichen Rollenbilder.

Durch Interviews mit KünstlerInnen, KonsumentInnen der Musik und Pädagogen werden  die unterschiedlichen Perspektiven verdeutlicht. Den Abschluss bilden Vorschläge zur pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen, die Faszination und Stilmittel des HipHop zum Inhalt haben. 

Entstehungshintergrund

Die Autorin ist zur vorliegenden Diplomarbeit animiert worden, da sie in ihrer Jugend selbst HipHop Fan und Konsumentin von Rap Musik war und sich im Rahmen der praktischen Ausbildung zur Sozialpädagogin mit den kritischen Seiten des Rap auseinander gesetzt hat. Als junge Frau mit mehrfach kulturellem Hintergrund ist sie der Szene nahe und nimmt daher vielfältige Perspektiven ein.

Aufbau und Inhalt

  • Die Autorin informiert über die Entstehung und die Weiterentwicklung des HipHop, so dass auch dieser Musikkultur ferne PädagogInnen über Entwicklung des HipHop mit seinen 4 Elementen (DJing, Breakdance, MCing - Master of Ceremony - Anheizer - Rapper, Graffiti) erfahren. Es wird auf die Wurzeln des HipHop als Straßenkultur in den Gettos der amerikanischen Städte eingegangen und auf seine ethisch/moralischen Werte, die sich auch in der Idee der Battles - des Wettkampfes in den Disziplinen des HipHop und Rap zeigt. Beschrieben werden ebenso Codes der HipHop-Sprache aus dem Slang der Community.
  • Im folgenden Kapitel geht Frau Hajir auf die verschiedenen Phasen der HipHop und Rap-Bewegung in Deutschland ein. Nach dem mittelständischen Spaß-Rap eigneten sich auch hier junge Männer aus belasteten Wohnvierteln oder von ethnischen Minderheiten diesen Musikstil an. Provokante und frauenverachtende Texte sollen die Vorherrschaft des Sängers in seiner Community beweisen.
  • In eigenen Kapiteln zu HipHop und Moral sowie dem Frauenbild erläutert Nadja Hajir Zusammenhänge und bietet Erklärungen aus der Situation der Musiker und aus der Entwicklungsgeschichte des HipHop als sinnstiftendes Antiprogramm zur augenscheinlich einzigen Perspektive des Drogenhandels und der Gewalt.
  • Zuerst beschreibt Frau Hajir das Männerbild im HipHop als männliche (Zwangs)Rolle. "Der typische Erzähler im HipHop ist ein junger, aggressiver, notgeiler Mann voller Ablehnung und Verachtung." Mit dem Auftrag sich als "Obermacker", cool, lässig, blasiert und auf keinen Fall gefühlvoll zu zeigen, um die Botschaft zu repräsentieren, das es jeder, der hart arbeitet es schaffen kann. Damit werden die Ängste pubertierender Jungs angesprochen bzw. kompensiert. Diese übertriebene Inszenierung von Sexualität und Männlichkeit wird als eine der Ursachen für den Sexismus im HipHop angedeutet.
  • Anschließend widmet sie zwei Kapitel der Rolle der Frauen als Statussymbol und schmückendes Beiwerk oder als Big Mum. Bitch oder Queen sind die Zuordnungen und Möglichkeiten der Selbstinszenierung von Frauen.
  • Frau Hajir geht auf die Gründe und Hintergründe aus der Entwicklungsgeschichte ein, um so verständlich zu machen wie es zu den textlichen Exzessen in der deutschen Rap-Kultur kommen konnte. Und sie macht auch deutlich, dass die Spielregeln der (HipHop oder Rap) Community nicht nur auf die Frauen einschränkend und diskriminierend wirken.
  • Eingehend befasst sich Frau Hajir  mit den Möglichkeiten von Frauen sich selbst als HipHop oder Rap-Musikerinnen zu etablieren.
  • Ein kurzes Kapitel widmet Frau Hajir in Form ethischer Thesen dem kategorischen Imperativ nach Kant und dem Thema der "Veröffentlichung des Frauenkörpers" nach Regina Ammicht, um deutlich zu machen, wie diese Zuschreibungen im geschichtlich, gesellschaftlichen Kontext einzuordnen sind. Dies mündet in der Erkenntnis, dass auch im HipHop für Frauen nur die beiden Rollen der Maria oder Eva (Heilige oder Hure) vorgesehen sind.
  • Weitere Einblicke in die HipHop Kultur vermittelt Nadja Hajir durch die Befragungen von zwei Rapern (Kool Savas, Saddam Sayed) und zwei Raperinnen (Lotta C, Sookee) bzw. female MCs, um den Jargon des HipHops zu benutzen. Sie schildert die sehr unterschiedlichen Meinungen zur Wirkung und Funktion von Künstlern auf und für die Jugendlichen. Die Befragung von einigen (männlichen) Konzertbesuchern ergibt zumindest einen Einblick darauf, dass ihnen der kritische Inhalt der Texte durchaus bewusst ist.
  • Im Kapitel der Perspektive der Pädagogen werden Aussagen und Erklärungen zweier männlicher Pädagogen, die selber der HipHop Szene entstammen, vorgestellt. Über sie werden die Situation der Jungen und die gesellschaftlichen Kontexte, der Hintergrund der Entwicklung von HipHop und Rap nochmals dargelegt.
  • Im Kapitel zu den Handlungsperspektiven wird nicht das Verbot als adäquate Reaktion favorisiert (von Indizierung in schweren Fällen abgesehen!). Es wird dafür plädiert mit diversen kreativen Mitteln konstruktive Konfrontation mit der Kunstform, den Inszenierungen, Videos und Texten zu wählen. Die angeführten Tipps reichen vom Einbezug der Reaktionen aus der Musikszene (Pink) bzw. Neuentwicklungen in der Szene wie Clowning bis zu den bekannten pädagogischen Mitteln kreativer Auseinandersetzung.
  • Im Resümee verweist Frau Hajir auch auf die Eigenmacht der Frauen sich gegen die Einschränkungen zu wehren.

Die Interviews mit den drei deutschen Raperinnen können im Anhang nachgelesen werden.

Diskussion

Frau Hajir hat in dem schmalen Bändchen gut zu lesende und nachvollziehbare Einblicke in die Kultur des HipHops für Halbwissende bzw. Nichtwissende zusammengefasst. Geschichte und Funktion des HipHop, Erklärungen zur Kultur der Battles und zum Hintergrund des vorwiegenden Männer- und Frauenbildes werden anschaulich vermittelt.

Noch deutlicher und verständlicher wären die zu Grunde liegenden gesellschaftlichen Strukturen durch eine Verknüpfung mit feministischen Theorien bzw. Ergebnissen aus der Frauen und Männerforschung geworden. Geschlechterhierarchie und Dominanzkultur, das Modell der hegemonialen Männlichkeit hätte zur theoretischen Fundierungen entscheidend beigetragen.

Die Auseinandersetzung mit dem kategorischen Imperativ bleibt unvollständig. Die Kürze dieses Abschnitts bietet möglicherweise Anlass zu Missverständnissen. Sind die Frauen nicht auch selber Schuld, wenn sie sich freiwillig in diese Kultur begeben?

Die direkte Auseinandersetzung mit Gewalt gegen Frauen verherrlichende Texte fehlt leider. Dies wird nur angedeutet und daher nur verstanden, wenn schon ein gewisser Informationsstand gegeben ist.

Auch der Hintergrund dessen, wieso Frauen das angebotene Frauen und Männerbild übernehmen und sich damit in die uralte Falle ziehen lassen bleibt nebulös.

Interessant wäre auch die Perspektive mehrerer weiblicher Konzertbesucherinnen bzw. (Mit-)hörerinnen von Raptexten gewesen. Wie wirken Frauenbild und frauenverachtende Texte auf sie?

Leider wurde auch bei der Befragung von Pädagogen keine kritische Sichtweise einer Pädagogin bzw. spezifisch mädchenarbeitserfahrenen Fachfrau eingeholt. Diese Perspektiven hätten den Band durchaus entscheidend bereichert.

In den Handlungsperspektiven wurde die Chance verpasst detaillierter auf geschlechtsspezifische Bearbeitungsformen einzugehen. Gerade das Thema der Frauen- und Männerbilder und des Sexismus verlangen nach Genderpädagogik, geschlechtssensiblen und geschlechtshomogenen Arbeitsformen. Jungenarbeit muss deutliche Antworten auf die Faszination frauenverachtender Texte auf junge Männer finden und Mädchenarbeit sich mit (selbst)Inszenierungen der Mädchen als Bitch oder Queen befassen. Beides könnte durchaus lustvoll und gewinnbringend für alle Beteiligten sein. Vielleicht mündet dies ja in einen neuen Band zur praktischen Arbeit.

Zielgruppen

Für ErzieherInnen und SozialpädagogInnen, Lehrkräfte und BetreuerInnen, die mit Jugendlichen zu tun haben. Insbesondere dann, wenn diese zur Gruppe der HipHop und Rap konsumierenden bzw. praktizierenden gehören. Vor allem in der Freizeit- und Bildungsarbeit und in der Jugendhilfe  tätige PädagogInnen sollten sich diese Informationen anlesen.

Fazit

Die vorliegende Veröffentlichung einer Diplomarbeit gibt sehr interessante Einblicke in Entwicklung und kulturellem Hintergrund des HipHops und Raps. Dies verhilft zu einer objektiveren und fundierteren Beurteilung und zu einem gewissen Verständnis für Künstler und HörerInnen dieser Musik. Das entsprechende Frauenbild und die Frauenrolle wird beleuchtet und  Hintergründe thematisiert. Dies könnte jedoch umfassender sein, besonders wenn Leser oder Leserinnen sich noch nicht mit Gendertheorien und Genderpädagogik (geschlechtersensible Pädagogik) beschäftigt haben. Doch bietet dieser Band die Grundlagenlektüre für Jugendarbeiter und Jugendarbeiterinnen, ist leicht verständlich, gut lesbar und zeigt passende Formen der Bearbeitung mit den Jugendlichen auf.


Rezensentin
Hannelore Güntner
Dipl. Sozialpädagogin (FH), Erzieherin, Supervisorin (DGSv), Bildungsreferentin. Fortbildungen und Trainings in den Bereichen der Mädchenarbeit, Genderpädagogik, Gender Mainstreaming und geschlechtersensiblen Cross Work
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Zitiervorschlag
Hannelore Güntner. Rezension vom 12.03.2008 zu: Nadja Hajir: Shake it! - Frauenbild und Sexismus in der Jugendkultur des HipHop. Grin Verlag (München) 2007. ISBN 978-3-638-73318-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5375.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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