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Thomas Meyer, Reinhard Weil (Hrsg.): Die Bürgergesellschaft

Cover Thomas Meyer, Reinhard Weil (Hrsg.): Die Bürgergesellschaft. Perspektiven für Bürgerbeteiligung und Bürgerkommunikation. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2002. 463 Seiten. ISBN 978-3-8012-0317-7. 19,80 EUR.

Im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegeben.
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Thema und Ziel

In diesem Band geht es um Texte zur Bürgergesellschaft, die einen Beitrag zur Aktivierung des demokratischen Bürgerengagements leisten wollen, indem Chancen des politischen Handelns in der Bürgergesellschaft mittels Analysen, Praxisberichten und Handlungsempfehlungen aufgezeigt werden.

Die Herausgeber

Thomas Meyer ist Professor am Lehrstuhl für Politikwissenschaft in Dortmund und wissenschaftlicher Leiter der Akademie der politischen Bildung der Friedrich-Ebert-Stiftung, die diesen Band heraus gibt. Reinhard Weil ist geschäftsführender Leiter der Abteilung Akademie der Politischen Bildung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Er hat langjährige Berufserfahrung in der politischen Erwachsenenbildung und ist Moderator des Netzwerks Politische Bildung.

Hintergrund

Die Friedrich-Ebert-Stiftung geht davon aus, dass politische Bildung in zunehmendem Maße thematische Inputs aus der Zivilgesellschaft aufgreifen muss, um BürgerInnen in ihrem praktischen Engagement in und für die Demokratie zu unterstützen. Für eine zukunftsbezogene Selbstvergewisserung der politischen Bildung sind demzufolge sowohl grundlegende Analysen als auch aktuelle, praxisbezogene Untersuchungen hilfreich und werden in diesem Band versammelt, um einen empirisch fundierten Überblick über die wichtigsten Dimensionen der Bürgergesellschaft zu bieten.

Inhalt

Der Inhalt des Bandes ist breit gestreut. Im Abschnitt Grundlagen geht es zunächst um theoretische Analysen und Hintergründe, wie etwa im Beitrag von Angsar Klein, der den allgemeinen Diskurs der Zivilgesellschaft nachzeichnet, oder in jenem von Helmut Anheier u.a., die die zivilgesellschaftliche Dimension des Dritten Sektors, also des Sektors der Nonprofit-Organisationen diskutieren. Claus Offe verortet die Zivilgesellschaft im Rahmen der unterschiedlichen politischen Ordnungsprinzipien Markt, Staat und Gemeinschaft. Diese Beiträge sind informativ und wohl auch für die Vollständigkeit eines solchen Bandes erforderlich, bieten aber wenig Neues gegenüber einer Reihe von thematisch ähnlichen Publikationen. Der Beitrag von Birgit Sauer dagegen beleuchtet mit der Frage von Demokratie und Geschlecht ein Thema, dass in Beiträgen zur Zivilgesellschaft üblicherweise eher marginal behandelt wird.

Im Abschnitt über den Staat und die Zivilgesellschaft stellen Adalbert Evers u.a. kritisch die gesellschaftliche Nachfrage nach bürgerschaftlichem Engagement im Rahmen öffentlicher Dienste und Einrichtungen in Frage und geben Hinweise für eine Ausweitung des Engagements in den genannten Einrichtungen. Auch Roland Roth befasst sich kritisch mit der Beziehung von bürgerschaftlichem Engagement und Kommunalpolitik.

Im dritten Abschnitt Politische Projekte plädiert Gerhard Schröder für eine veränderte politische Arbeitsverteilung von Staat und Zivilgesellschaft, welche letzterer zu mehr Bedeutung und dem Staat zu einer Selbstveränderung eines aktivierenden Staates verhelfen soll. Auch Michael Bürsch argumentiert dafür, bürgerschaftliches Engagement zu einem zentralen Eckpfeiler der Gesellschaft zu machen, sieht dafür allerdings ebenfalls eine Verpflichtung des Staates, umfassende Gelegenheitsstrukturen zu schaffen. Der Beitrag der Kommission Grundwerte des Parteivorstandes der SPD beschreibt die Förderung der Zivilgesellschaft als gesamtgesellschaftliches Projekt, welches in allen wichtigen Politikfeldern berücksichtigt werden muss und viele Dimensionen staatlichen Handelns umfasst.

Gerade vor dem Ziel, konkrete Handlungsorientierung zu bieten, ist es schade, dass der Abschnitt Erfahrungen mit zwei Beiträgen eher kurz ausgefallen ist. Adalbert Evers berichtet aus einer Studie über die Ausprägungen bürgerschaftlichen Engagements in Nordrhein-Westfalen. Er beschreibt Bedingungen des Engagements und gibt sehr konkrete Empfehlungen und Beispiele für Möglichkeiten für dessen Förderung. Sabine Krüger untersucht sozial-ökologische Bündnisse zwischen Gewerkschaften und NGOs, d.h. zwischen Akteuren alter und neuer Bewegungen. Sie beschreibt Kooperationsprojekte und unterschiedliche Netzwerkformen und sieht darin Anzeichen einer neuen Qualität von Kooperation. Spannend wäre es hier, mehr über konkrete Erfordernisse und Schwierigkeiten solcher Kooperationsbeziehungen zu erfahren.

Auch der Abschnitt über die transnationale Ebene ist sehr interessant und informativ. Roland Roth prognostiziert ein Wachstum der Bedeutung transnationaler NGOs und beschreibt die Rolle zivilgesellschaftlicher NGOs in transnationalen Vereinbarungen. Hubert Heinelt argumentiert in Bezug auf die Rolle von NGOs in der Europäischen Union ähnlich, obwohl er die Funktion zivilgesellschaftlicher Organisationen als grundsätzlich komplementäre sieht, schreibt er ihnen auf gesamteuropäischer Ebene zu Recht mehr Spielraum zu als in nationalstaatlicher Politik.

Der Abschnitt Politische Kultur und Politische Bildung schließlich widmet sich dem Zusammenspiel von politischer Kultur und Zivilgesellschaft, sowie insbesondere der Frage der Anforderungen an politische Bildung für die Zivilgesellschaft. Damit geht es um individuelle Voraussetzungen und Handlungskompetenzen, die bürgergesellschaftliches Engagement erfordert und um deren Konsequenzen für die schulische und außerschulische Bildung. Thomas Meyer analysiert die möglichen Funktionen der Zivilgesellschaft, angesichts von bestehenden Parallelgesellschaften, multikulturelle Integration und die Schaffung einer gemeinsamen politischen Kultur zu fördern. Angesichts von Globalisierung und den gleichzeitig beobachtbaren lokalen Auswirkungen globaler Probleme ändert sich die Funktion der Zivilgesellschaft. Heiko Geiling beschreibt in diesem Zusammenhang Herausforderungen für die Zivilgesellschaft, die eine Gegenbewegung zu sozialer Ausgrenzung schaffen kann und kulturell übergreifenden Formen der Integration finden muss. Adrian Reinert beschäftigt sich mit der Frage politischer Bildung, er zeigt, dass zivilgesellschaftliche Organisationen und Netzwerke selbst die wichtige Lernorte politischer Bildung sind, die oft wesentlich effektiver als institutionalisierte Lernformen sind, sodass die Förderung der Zivilgesellschaft gleichzeitig die Förderung gesellschaftspolitischer Bildung ist. Zudem entwickelt er Vorschläge für politische Bildungsaktivitäten als Dienstleistung an der Zivilgesellschaft. Auch Karin Kortmann untersucht den Beitrag der Zivilgesellschaft zur Entwicklung bürgerschaftlicher Handlungskompetenz und sozialem Kapital, auch sie macht Vorschläge zu staatlichen Strategien der politischen Bildung über den Weg der Zivilgesellschaft. Peter Henning Feindt schliesslich stellt neue Formen der politischen Beteiligung aus der zivilgesellschaftlichen Praxis vor. Er beschreibt umfassend neue Formen der Kommunikation, wie Bürgergutachten, Nachbarschaftsforen, partizipative Projekt- und Strategieentwicklung in anschaulicher und sehr praxisrelevanter Weise.

Fazit

Das Buch ist informativ und es umfasst ein breites Themenspektrum. Die einzelnen Beiträge sind generell sehr fundiert. Ob es seinen Anspruch gerecht werden kann, einen besonderen Beitrag zur handlungsorientierten Diskussion zu leisten, ist allerdings nicht sicher. Teilweise werden bereits vielfältig publizierte Inhalte wiederholt und teilweise ist die Darstellung eher sperrig, sodass das Buch wohl eher für Theoretiker der Zivilgesellschaft als für engagierte Bürger oder Politiker interessant sein dürfte. Es wäre vielleicht auch besser gewesen, insgesamt weniger auf Breite als auf mehr Tiefe und mehr praktische Beispiele zu setzen. Mit der Betonung auf politische Bildung allerdings kann das Buch insbesondere im letzten Teil neue und weiterführende Akzente setzen.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 21.01.2003 zu: Thomas Meyer, Reinhard Weil (Hrsg.): Die Bürgergesellschaft. Perspektiven für Bürgerbeteiligung und Bürgerkommunikation. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2002. ISBN 978-3-8012-0317-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/538.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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