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Roswitha Eisentraut: Intergenerationelle Projekte

Cover Roswitha Eisentraut: Intergenerationelle Projekte. Motivationen und Wirkungen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2007. 311 Seiten. ISBN 978-3-8329-2730-1. 56,00 EUR.

Reihe: Nomos-Universitätsschriften - Soziologie - Band 8.
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Thema

Der demografische Wandel ist nicht nur eine Verteilungsfrage unterschiedlicher Alterskohorten, sondern hat auch Folgen für die sozialen Beziehungen. Dies betrifft die Familie und die Generationenbeziehungen. Ermöglichte vor etwa 300 Jahren der Altersdurchschnitt der Bevölkerung nur zwei Generationen, so können heute bis zu vier Generationen beobachtet werden. Damit entstehen Anforderungen auch an außerfamiliale Beziehungen. Das Bild der Generationen steht wechselseitig auf dem Prüfstand. Verschärft sich der Konflikt oder begründet sich eine neue Lernchance.

Entstehungshintergrund

Die Autorin hat diese Arbeit als Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg vorgelegt. Sie will außerfamiliale Begegnungen zwischen verschiedenen Generationen untersuchen, was in einer ostdeutschen Großstadt geschieht. Dabei wendet sich die Autorin „inszenierten“ und institutionalisierten Projekten zu. Drei Zielvorstellungen spielen dabei eine Rolle:

  1. Wo werden und in welchen Handlungsfeldern werden die Projekte initialisiert?
  2. Was motiviert zur Initialisierung und zum Engagement in diesen Projekten?
  3. Welche Wirkungen treten auf ? Erfüllen sich die Erwartungen der Beteiligten?

Aufbau und Inhalt

Im Theorieteil setzt sich die Autorin zunächst mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auseinander. Dabei orientiert sie sich an Beck, Giddens und Taylor und macht so auf unterschiedliche Merkmale gesellschaftlichen Wandels aufmerksam. Diese konkretisiert sie im Hinblick auf den demographischen Wandel. Da es um intergenerationelle Projekte gehen soll, finden in den weiteren Kapiteln Begriffsklärungen statt, der Stand der Generationenforschung wird dargelegt und Mannheims Generationenkonzept einbezogen. Da eine Fixierung auf Begegnungsmöglichkeiten jenseits familialer Strukturen getroffen wurde, muss zwangsläufig Karl Mannheim, der Klassiker der soziologischen und erziehungswissenschaftlichen Generationenforschung, in die Diskussion einbezogen, aber eben auch anders gelesen werden. Dies vollzieht die Autorin, in dem sie mit ihm einen Blick auf die Mesoebene intergenerationeller Beziehungen ermöglicht. Im vierten Kapitel stehen Anerkennungsprozesse im Mittelpunkt. Dabei werden vier Modelle berücksichtigt: Das Modell der positiven Interdepedenz, die die Solidarität betont. Das Gegenmodell der negativen Interdependenz rückt den Konflikt in den Vordergrund. Die Trennung der Generationen und die mögliche Ambivalenz stehen im Brennpunkt weiterer Modelle. Weitere Anerkennungskontexte betonen Gemeinschaft und Tradition. Ebenso werden Liebe, Recht, Solidarität und soziale Wertschätzung reflektiert.

Auf diesem Hintergrund werden intergenerationelle Projekt in Halle untersucht. Der überwiegende Teil ist im Bereich Kunst und Kultur angesiedelt. Da es dabei um Motivationen und Wirkungen geht steht die subjektive Sicht im Vordergrund. Diese werden mit problemzentrierten Interviews eruiert. Am Ende konnten 13 Interviews durchgeführt werden, die von Studententeams durchgeführt wurden. Die untersuchten Projekte entführen in die Märchenwelt: Schneewittchen, Froschkönig, Sterntaler, Rapunzel, Däumelinchen, Rotkäppchen, Dornröschen, Meerjungfrau und Drosselbart. Dieses Vorgehen ist der Anonymisierung geschuldet. Für zwei Untersuchungshypothesen finden sich Belege, so dass festgestellt werden kann:

  1. Wenn intergenerationelle Begegnungen unter „inszenierten“ Rahmenbedingungen stattfinden, spielen Bildungs- und Anerkennungsprozesse eine wichtige Rolle.
  2. Intergenerationelle Projekte fördern das Entstehen familienähnlicher Beziehungen zwischen den Projektteilnehmern, die als „Familienersatz“ angesehen werden können.

Abschließend stellt die Autorin Erfahrungen aus den USA vor und bietet erste Ansatzpunkte für einen Vergleich. Eine abschließende Zusammenfassung (S. 280-287) bietet einen kompakten Überblick.

Diskussion

Die Vielzahl intergenerationeller Projekte in einer ostdeutschen Großstadt sind ein willkommener Anlass, um die Motivationen und Wirkungen der Beteiligten zu untersuchen. Hier wiederholt sich eine Selbstverständlichkeit im generativen Blick, dass auch in anderen Untersuchungen auffällt (vgl. die Rezension zu E.J. Brunner (Hrsg.): Intergenerationelle Transferleistungen in Familien, 2008): Es bleibt unberücksichtigt, dass hier meistens eine Generation mit DDR-Sozialisation und eine Generation mit Nach-Wende-Sozialisation aufeinandertreffen. Auch der Familienbegriff muss in dem Kontext differenziert werden. Der Aspekt der Individualisierung als Modernisierungsaspekt entfaltet hier seine Wirkkraft auf unterschiedlicher historischer Grundlage. Auch bleibt offen, warum es gerade in Halle so viele Projekte gibt. (Die Existenz von Hochschulen kann hier keine hinreichende Begründung sein.)

Die Standards einer wissenschaftlichen Untersuchung sind einerseits selbstverständlich und andererseits durch die Dissertation in besonderer Weise betont. Den Lesenden würde eine redaktionelle Bearbeitung erfreuen. Kennzeichend dafür ist die gelungene Zusammenfassung am Schluss.

Fazit

Eine Dissertation, die angesichts des demografischen Wandels und veränderter gesellschaftlicher Verhältnisse den Blick auf die Bedeutung außerfamilialer Beziehungen lenkt. Gleichzeitig steht die Anfrage an die Wirkkraft von Familie im Raum. Die Vergesellschaftung des Generationenverhältnisses bekommt durch den Blick auf eine ostdeutsche Großstadt neue Aufmerksamkeit.


Rezension von
Prof. em. Bernhard Meyer
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Zitiervorschlag
Bernhard Meyer. Rezension vom 14.09.2009 zu: Roswitha Eisentraut: Intergenerationelle Projekte. Motivationen und Wirkungen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2007. ISBN 978-3-8329-2730-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5403.php, Datum des Zugriffs 29.05.2020.


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