Reinhild Kemper, Carina Treu: Selbst- und Fremdkonzept von Frauen mit Behinderung
Rezensiert von Prof. Dr. Nina Kölsch-Bunzen, 20.05.2009
Reinhild Kemper, Carina Treu: Selbst- und Fremdkonzept von Frauen mit Behinderung. Meyer & Meyer (Aachen) 2007. 175 Seiten. ISBN 978-3-89899-256-5. 16,95 EUR.
Reihe: Aktiv dabei - Band 14.
Thema
Die Autorinnen wollen mit ihrem Buch Frauen mit und ohne Behinderung zu einer selbstbewussten Lebensführung ermutigen. Befragt werden breitensport- sowie leistungssportorientierte Frauen mit Behinderung insbesondere zu dem Thema, inwiefern sich ihre sportlichen Aktivitäten auf ihr Selbst- und das von ihnen wahrgenommene Fremdkonzept auswirken.
Autorinnen
PD Dr. Reinhild Kemper studierte und promovierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Sie ist Privatdozentin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Ihre derzeitigen Arbeitsschwerpunkte sind: Sportpsychologie, Sportmotorik, Rehabilitations- und Behindertensport, derzeitige Forschungsschwerpunkte sind: Selbst- und Fremdkonzepte von Menschen mit Behinderung im Sport, Einstellungen zu Menschen mit Behinderung aus der Sicht von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, Karriereverläufe von AthletInnen im Bereich des Leistungssports und des Behindertenleistungssports, psychische Belastungen von SportlerInnen.
Carina Treu studierte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena für das Lehramt, Sekundarstufe II, die Fächer Sport und Englisch, ferner ist sie Fremdsprachenassistentin. Sie forscht über die Entwicklung des Selbst- und Fremdbildes bei Frauen mit Behinderung.
Entstehungshintergrund
Das Buch basiert auf einer qualitativen Untersuchung. Anhand eines Interviewleitfadens wurden insgesamt 12 breitensport- bzw. leistungssportorientierte Frauen mit Körper- und Sinnesbehinderung im Alter von 24-57 Jahren nach den Auswirkungen ihrer sportlichen Aktivitäten auf ihr Selbst- sowie das von ihnen wahrgenommene Fremdkonzept befragt.
Aufbau …
- Im ersten Kapitel entfaltet das Autorinnenteam zunächst das Thema und erläutert das Vorgehen.
- Im Kapitel 2 wird der theoretische Hintergrund der Begriffe >Selbstkonzept< und >Fremdkonzept< kurz beleuchtet. Ferner werden einige Studien und Ergebnisse aus der Selbst- und Fremdkonzeptforschung, die sich speziell auf Personen mit Behinderung beziehen, vorgestellt.
- Das 3. Kapitel beschreibt die Methodik der Befragung.
- Im 4. Kapitel schließlich werden die Untersuchungsergebnisse der qualitativen Datenerhebung und -analyse dargestellt.
- Das 5. Kapitel dient einer Zusammenfassung der wesentlichen Befunde der Studie.
- Kapitel 6 skizziert knapp einen Ausblick, Kapitel 7 enthält das Inhaltsverzeichnis.
… und Inhalte
Zunächst erläutern die Autorinnen die Begriffe >Personwahrnehmung< und >Interaktion<. >Personwahrnehmung< wird „als ein Prozess gekennzeichnet …, der an der Bildung von Meinungen und Bewertungen bezüglich anderer Personen beteiligt ist und wichtige Bausteine soziokultureller wie sozialpsychologischer Verhaltensweisen beinhaltet.“ (s. 15). Dieser Prozess ist Verzerrungen unterworfen, so beispielsweise, wenn das Verhalten anderer Personen leicht aus Eigenschaften der Person abgeleitet, das eigene Verhalten jedoch auf äußere Umstände zurückgeführt wird. >Interaktion< wird als „Austausch“ (S. 17) auf visueller, verbaler, parasprachlicher und taktiler Ebene verstanden (vgl. S. 18). Die Begriffe >Selbst- und Fremdkonzept< werden von den Autorinnen insbesondere anhand der Forschungsarbeiten von Mummendey und MitarbeiterInnen erläutert, denen zufolge das >Allgemeine Selbstkonzept< zerlegt werden kann in die Aspekte: >Leistungsbezogenes Selbstkonzept<, >Körperbezogenes Selbstkonzept<, >soziales Selbstkonzept<, >Emotionales Selbstkonzept<. (vgl. S. 23) Auf der Basis von >Selbstkonzepten<, so die Autorinnen, entstehen nun >Fremdkonzepte<. Sie beziehen sich auf andere Personen. Sie sind weniger umfangreich, weniger differenziert, von geringerer emotionaler Bedeutung. Von daher müssen sie als anfällig für Stereotypenbildung und Stigmatisierung gelten. (vgl. S. 32ff). Das Autorinnenteam weist auf Studien hin, die belegen, dass zwar nicht jeder Kontakt zwischen Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung zwangsläufig zu einer positiven Einstellung zueinander führen muss, dass aber auf hohem fachlichen Niveau angeleitete integrative Settings, in denen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen, leben, arbeiten, sowohl der Entwicklung eines negativen Selbstbildes als auch der Entwicklung eines negativen Fremdbildes entgegenwirken können. Die vom Autorinnenteam referierten Studien beziehen sich auf Selbstkonzepte von Menschen mit Behinderung und auf die Fremdkonzepte zu diesem Personenkreis, wie sie in der Familie, dem Kindergarten, der Schule, der Arbeitswelt und in den Medien entwickelt werden.
Sehr knapp wird die Methodik der eigenen Studie dargestellt. Anhand eines Leitfadens, der sich leider nicht im vorliegenden Buch findet, werden 12 Frauen mit Behinderung qualitativ befragt. Gefragt wurde nach dem emotionalen und körperbezogenen Selbstkonzept. Hinsichtlich des wahrgenommenen Fremdkonzepts wurde gefragt nach der Akzeptanz im Familien-, Freundes-, Bekanntenkreis, nach der Akzeptanz in der Öffentlichkeit und in den Medien. Ferner nach Aspekten der Partnerschaft, der Familienplanung und der Mutterrolle. Zentral war die Frage nach möglichen Auswirkungen des Sports auf das Selbst- und Fremdbild der Frauen mit Behinderung. Diese Interviews werden nach der Methode der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet unter den Kategorien:
- Emotionales Selbstkonzept: Hier zeigte sich, dass sowohl Interviewpartnerinnen mit Frühbehinderung als auch mit Spätbehinderung sich in diesem Aspekt des Selbstkonzeptes beeinträchtigt fühlten, allerdings insbesondere durch teilweise Wiedererlangung der körperlichen Leistungsfähigkeit deutlich an Selbstbewusstsein hinzugewinnen konnten.
- Körperbezogenes Selbstkonzept: Insbesondere im Blick auf die Leistungsfähigkeit und das Aussehen fühlten sich die befragte Frauen beeinträchtigt. Auch hier wiederum scheint sich ein Zuwachs an Leistungsfähigkeit positiv auszuwirken.
- Wahrgenommenes Fremdkonzept: Sofern es sich um eine sichtbare Beeinträchtigung handelte, wussten die Frauen von negativen Erfahrungen mit Fremdbildern zu berichten. Diesen suchten sie durch eigenes Verhalten entgegen zu wirken, so durch Eigenakzeptanz, Auseinandersetzung mit der Behinderung sowie durch aktives Zugehen auf andere Menschen.
- Aussagen zur Partnerschaft, Familienplanung und Mutterrolle: Die Interviewpartnerinnen sprachen über Diskriminierungen. So sei es ihrer Erfahrung nach gesellschaftlich akzeptierter, dass ein Mann mit Behinderung eine nicht behinderte Frau zur Partnerin habe als umgekehrt. Als Mütter mit einer Behinderung fühlten sich die befragten Frauen stärker unter Beobachtung als Mütter ohne Beeinträchtigung.
- Aussagen zu den Auswirkungen sportlicher Aktivität auf das Selbst- und das wahrgenommene Fremdkonzept: Speziell das leistungsbezogene Selbstkonzept erhält sowohl durch breitensportorientierte Aktivitäten als auch durch den Leistungssport deutlich Auftrieb.
Diskussion
Dieses Buch soll insbesondere, so ist es der Wunsch der Autorinnen gleich am Anfang, Frauen mit und ohne Behinderung Mut machen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Und so liefern die Interviews in der Tat eindrucksvolle Beispiele für das erfolgreiche Ringen von Frauen mit Behinderung um Selbstbewusstsein und Autonomie. Dies ist sicherlich ein Verdienst dieser Arbeit. Allerdings bleiben unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten doch Wünsche offen. So haben die Autorinnen die aktuelle fachliche Diskussion, die sich mittlerweile von der Integration mit ihrer dualen Logik von behindert und nicht behindert wegbewegt hin zur Inklusion, die von einem Begriff von Heterogenität ausgeht, an keiner Stelle aufgegriffen. Sie verfügen aber immerhin über einen weiten Integrationsbegriff, der allerdings weniger klar ist, als der derzeit diskutierte Inklusionsbegriff. Schwerer jedoch wiegt, dass die neueren Arbeiten zu den Disability Studies nicht rezipiert werden. Diese haben insbesondere durch den Bezug zu Arbeiten von Foucault verdeutlicht, wie stark Diskurse über Menschen mit Behinderung und auch Diskurse, die durch Menschen mit Behinderung selbst angestoßen werden, von Machtformen durchzogen sind. Dieser Blickwinkel hätte auch diese Arbeit beflügeln können. So gewinnen die befragten Frauen insbesondere über Leistung im Privat-, im Berufsleben und speziell im Sport an Selbstbewusstsein. Dies wird von den Autorinnen ausschließlich positiv konnotiert. So bezeichnen sie die Interviewpartnerinnen gleich in der Einleitung generalisierend als „unglaublich taffe (sic!) Frauen“ (S. 9). Eine kritische, auf Inklusion zielende wissenschaftliche Arbeit sollte jedoch die Koppelung von Leistung und Selbstbewusstsein deutlich hinterfragen und auch eindeutig der Illusion entgegentreten, eine gesellschaftliche Anerkennung von Männern und Frauen mit Behinderung sei überwiegend durch Selbstformungsprozesse von Betroffenen erreichbar.
Fazit
Insgesamt gelingt es dem Buch, über Studien zum Thema Selbst- und Fremdkonzepte im Blick auf Menschen mit Behinderung zu informieren. Es vermag durchaus, insbesondere von Behinderung Betroffene und deren Angehörige zu ermutigen, nach Quellen zu fahnden, die ein positives Selbstkonzept zu stärken vermögen.
Rezension von
Prof. Dr. Nina Kölsch-Bunzen
Professorin für Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik an der HS Esslingen
Mailformular
Es gibt 4 Rezensionen von Nina Kölsch-Bunzen.





