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Jacques Heijkoop: Herausforderndes Verhalten [...] (Geistige Behinderung)

Cover Jacques Heijkoop: Herausforderndes Verhalten von Menschen mit geistiger Behinderung. Neue Wege der Begleitung und Förderung. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. 3. Auflage. 208 Seiten. ISBN 978-3-7799-2014-4. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.

Reihe: Edition sozial. Originaltitel: Vastgelopen. Aus dem Niederländischen übersetzt von Mirjam Pressler und Reinhard Koch. Mit einem Vorwort von Heinz Mühl sowie einem Vorwort zur niederländischen Ausgabe von Jacques Heijkoop.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-3151-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

In diesem Buch geht es um ein heikles Thema, das nur selten im Mittelpunkt steht. Es geht um Menschen, die zum Beispiel häufig laut schreien, weglaufen, stehlen, mit Tellern werfen, sich selbst oder andere schlagen, sich erbrechen u.a. Der Umgang mit "herausforderndem Verhalten" – so der deutsche Titel - von Menschen mit geistiger Behinderung. Im Titel der niederländischen Originalausgabe heißt es "vastgelopen" (wörtlich festgelaufen, treffend übersetzt mit "festgefahren") Der Autor Jacques Heijkoop erläutert gleich am Anfang des Buches ("1. Menschen mit festgefahrenem Verhalten"), was er mit dieser Begriffswahl verbindet: "Das Wort ,festgefahren« drückt die Gesamtheit der Schwierigkeiten aus, in die nicht nur die betroffene Person, sondern auch die Menschen ihrer Umgebung geraten sind." (S.16).

Mit Hilfe der Methode, die der Autor "anders kijken = anders hinschauen" (S.20) nennt, geht es um die Klärung der Frage nach dem "wie" des festgefahrenen Verhaltens sowie um die Frage nach den zu stärkenden Kräften, um mit dem Problemverhalten besser umgehen zu können.

Autor

Über den Autoren erfährt der Leser zweierlei: Jacques Heijkoop studierte Entwicklungspsychologie an der Universität Utrecht und leitet Kurse in Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung, in denen die vom Autoren entwickelte Arbeitsweise "anders hinschauen" im Mittelpunkt steht.

Zu seiner Motivation, dieses Buch zu schreiben, sagt der Autor im letzten Kapitel des Buches (S.196):  "Nachdem diese Arbeitsweise von anderen bereits als "Methode Heijkoop" bezeichnet wurde, fand ich es an der Zeit, sie selbst nachvollziehbar darzustellen".

Die Publikationsliste Heijkoops im Anhang des Buches, die mit der Dissertationsschrift aus dem Jahre 1973 beginnt, macht deutlich, dass es sich um ein "Lebensthema" des Autoren handelt. Er schreibt im Vorwort: "Die bewundernswerte Kreativität und das erstaunliche Engagement, das Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Betreuer aufbringen, um zurechtzukommen, motivierte mich diesen Themenbereich genauer zu beschreiben." (S.11)

Aufbau

Das Buch ist in zwei Teile und 16 Kapitel gegliedert:

Teil I – Erscheinungsformen

  • 1. Menschen mit festgefahrenem Verhalten
  • 2. Das Ausmaß des Problems
  • 3. Unsicherheit und Abhängigkeit
  • 4. Das Problemverhalten
  • 5. Selbstschutz
  • 6. Selbstverteidigung
  • 7. Ein Erklärungsmodell

Teil II – Neue Wege

  • 8. Einleitung
  • 9. Vertrauen zu anderen Menschen erwerben (1): Zugang und Erwartung
  • 10. Vertrauen zu anderen Menschen erwerben (2): Einer, der mich versteht
  • 11. Vertrauen zu anderen Menschen erwerben (3): Hinreichend vertrauenswürdig
  • 12. Mit dem herausfordernden Verhalten umgehen lernen (1): Die Behandlung von Zwischenfällen
  • 13. Mit dem herausfordernden Verhalten umgehen lernen (2): Überwinden der festgefahrenen Situation
  • 14. Das emotionale Gleichgewicht
  • 15.Einfluss gewinnen
  • 16. Voraussetzungen

Jedes Kapitel ist weiter untergliedert und umfasst bisweilen nach einer eine alltagssprachlich formulierten Zwischenüberschrift ( z.B. Kleine Schritte) nur wenige Zeilen.

Sehr hilfreich sind zahlreiche jeweils optisch hervorgehobene Fallschilderungen sowie in den Text eingefügte Schemata (insgesamt 27), mit denen es dem Autoren gelingt, seine Sichtweise sehr einprägsam darzustellen. So arbeitet der Autor zum Beispiel im Kapitel 7 mit der Metapher eines zu fest aufgeblasenen Ballons, der zu platzen droht und nennt ihn in Schema 15, den "arousal Ballon" ("Erregungsballon"), um das festgefahrene Verhalten zu erklären.

Im Anhang finden sich wichtige Arbeitshilfen, die eine Übertragung in die praktische Arbeit erleichtern: Dazu zählt ein umfangreicher Fragenkatalog zum festgefahrenen Verhalten, der mit folgender herausgehoben in Großbuchstaben geschriebener Frage endet: "GIBT ES JEMANDEN, DER SICH WIRKLICH FÜR IHN/ SIE INTERESSIERT?" (S.199-205). "Ansatzmöglichkeiten für den Behandlungsplan" (S.204/205) sowie Hinweise auf "wichtige theoretische Beiträge" und die bereits erwähnte Publikationsliste Heijkoops runden das Buch ab.

Diskussion

Der Autor konfrontiert den Leser mit einem Menschenbild, das keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Menschen verschiedener Intelligenzgrade macht, denn auch wir geraten in "Panik, wenn wir nicht begreifen, was um uns herum geschieht", wenn wir den Menschen in unserer Umgebung nicht mehr vertrauen können etc.

Menschen mit geistiger Behinderung suchen – so Heijkoop - ebenso wie wir nach Auswegen. Darin sieht der Autor den Schlüssel zur Lösung der Probleme festgefahrenen Verhaltens und hebt hervor: "Dieser Denkansatz hat Folgen für die Art und Weise, wie man diese Menschen betrachtet und ihr Verhalten analysiert. Man wird nämlich das selbstbeschützende Verhalten nur dann wahrnehmen, wenn man davon ausgeht, dass es das gibt" (S.73). Um es mit herkömmlichen Begriffen auszudrücken, basieren sowohl die diagnostischen Fragestellungen als auch die therapeutischen Handlungsschritte auf der Theorie der Selbstorganisation des Individuums.

Mancher Betreuer mag geneigt sein, diese Theorie sofort in die praktische Arbeit umzusetzen. Doch bevor er/sie das tut, empfiehlt es sich, das letzte Kapitel des Buches "Voraussetzungen" zu lesen, weil die Lektüre dazu beitragen kann, die Betreuenden vor unnötigen Misserfolgen zu schützen, wenn notwendige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Intervention im Einzelfall nicht gegeben sind. Das kann zum Beispiel bei chronischem Personalmangel der Fall sein oder bei Betreuern, die nicht gelernt haben, vertrauensvoll zusammen zu arbeiten.

Heijkoop hebt mit Nachdruck hervor, dass "der Behandlungsplan für eine Person mit schwierigem Verhalten" nach "langem Atem" verlange. Methodisches Vorgehen erfordere gegenseitige "Abstimmung" sowie ein langes Durchhaltevermögen, bei dem die Zielformulierung und die darauf aufbauende Tagesplanung eine wesentliche Rolle spielen.

"Außenstehende können" – so Heijkoop im letzten Kapitel (S. 193) – "eine sinnvolle Rolle spielen, indem sie zuhören und zu verstehen versuchen, was sich abspielt. Dann können sie einen Beitrag zur gemeinsamen Analyse und Diskussion der Möglichkeiten bieten, bevor Entscheidungen getroffen werden." Der Autor hält es nicht für sinnvoll, wenn Experten Pläne entwickeln, die andere ausführen sollen.

"Pläne können nur dann gut umgesetzt werden, wenn alle Beteiligten von Anfang an in Planung und Diskussion einbezogen waren"(S.193).

Die wesentliche methodische Funktion von Videoaufnahmen sowohl im Prozess der Problemanalyse und der Behandlungsplanung sowie bei der Einarbeitung neuer Mitarbeiter wird vom Autor hervorgehoben. Leider erfährt der Lesende nicht detailliert, wie sich das in einzelnen Situationen darstellt.

Die Analyse von Videosequenzen im Rahmen eines Kurses unter der Leitung von Jacques Heijkoop dürfte hier manch neue Sichtweise vermitteln.

Heijkoops Sprachstil ist erfrischend einfach und schnörkellos. Der Lesende fühlt sich häufig direkt angesprochen. Das Buch ist auch für Laien verständlich geschrieben.

Fazit

Es handelt sich um ein - im wahrsten Sinne des Wortes - Not-wendiges Buch, das zu neuem Sehen und Handeln anregt im Umgang mit festgefahrenem Verhalten bei Menschen mit geistiger Behinderung und mit Nachdruck empfohlen werden kann.

Bei einer sehr wünschenswerten weiteren Auflage des Buches sollte der treffende Begriff "festgefahrenes Verhalten" in den Titel des Buches aufgenommen werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Wiebke Ammann
Fachhochschule Hannover


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Zitiervorschlag
Wiebke Ammann. Rezension vom 24.11.2008 zu: Jacques Heijkoop: Herausforderndes Verhalten von Menschen mit geistiger Behinderung. Neue Wege der Begleitung und Förderung. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. 3. Auflage. ISBN 978-3-7799-2014-4. Reihe: Edition sozial. Originaltitel: Vastgelopen. Aus dem Niederländischen übersetzt von Mirjam Pressler und Reinhard Koch. Mit einem Vorwort von Heinz Mühl sowie einem Vorwort zur niederländischen Ausgabe von Jacques Heijkoop.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-3151-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5408.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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