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Detlef Baum (Hrsg.): Die Stadt in der sozialen Arbeit

Cover Detlef Baum (Hrsg.): Die Stadt in der sozialen Arbeit. Ein Handbuch für soziale und planende Berufe. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 404 Seiten. ISBN 978-3-531-15156-4. 39,90 EUR.
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Thema

Den Raum, seine städtebauliche Gestaltung und seine soziale Struktur als Bedingung für soziales Verhalten und für soziale Probleme zu erkennen, ist für die beiden Handlungsfelder Stadtplanung und Soziale Arbeit von grundsätzlicher Bedeutung. In einem interdisziplinären Kontext fasst dieses Handbuch Probleme der heutigen Stadtentwicklung zusammen. Es geht vor allem um die Frage, welchen Beitrag Stadtplanung und angewandte Sozialwissenschaften gemeinsam zur Lösung der brisanter werdenden sozialen Probleme der modernen Stadt leisten können. Vor diesem Hintergrund will das Buch soziale und stadtplanende Professionen zusammenbringen und ein gemeinsames, interdisziplinäres Konzept für beide Disziplinen entwickeln.

Herausgeber

Dr. Dr. h. c. Detlef Baum ist Professor für Soziologie an der Fachhochschule Koblenz, Vorstandsmitglied des Instituts für Sozialpädagogische Forschung, Mainz und z. Zt. geschäftsführender Leiter des Instituts für Stadtforschung Koblenz ISKO.

Aufbau

Der Sammelband gliedert sich in sechs Teile:

  1. Klassische Texte.
  2. Die Stadt in der Moderne.
  3. Die Struktur städtischer Räume und ihre sozialen Probleme.
  4. Handlungsfelder und Zielgruppen einer Sozialen Arbeit in der modernen Stadt.
  5. Perspektiven der Stadtplanung in der urbanen Gesellschaft.
  6. Integrative Ansätze sozialraumorientierter Sozialer Arbeit in der Stadt.

Inhalte

Im ersten Teil stellen die klassischen Texten einerseits den Zusammenhang von Stadtentwicklung und sozialen Problemen in historischen Kontexten dar, andererseits zeigen sie die enge Verbindung mit dem Kapitalismus. Friedrich Engels thematisiert 1872 in seinem Beitrag Zur Wohnungsfrage, dass auch Wohnungen kapitalistischen Verwertungsprozessen unterworfen sind und somit in den Städten zu einem knappen und teuren Gut werden. Jane Jacobs stellt 1963 in ihrem Beitrag Tod und Leben großer amerikanischer Städte die Prägung von Menschen durch den Raum, in dem sie leben, dar. Manuel Castells beschreibt 1977 in seinem Beitrag Die sozialen Milieus der Städte die Wohngebiete und Stadteinheiten der industriellen und damit kapitalistischen Stadt. Die sozialräumlichen Segregationsprozesse spiegeln dabei die sozialökonomische Ungleichheit wider und führen zu den sozialen Problemen, die die Soziale Arbeit notwendig machen.

Der zweite Teil behandelt die Frage nach einer typischen Entwicklung der Stadt (insbesondere der europäischen Stadt) in der Moderne und deren Einfluss auf moderne Lebensformen. Ulrich Beck unterscheidet in seinem Beitrag Die offene Stadt. Architektur in der reflexiven Moderne als Stadtformen der Zukunft die Stadt des „Entweder-Oder“ und die Stadt es „Und“. „Und“ bzw. „Sowohl-als auch“ ist Bedingung für Produktivität, die durch kulturelle Vielfalt in der Stadt entstehen kann, ohne dass die Stadt zu sozialer und sozialökonomischer Ungleichheit führt. Katharina Manderscheid. behandelt in ihrem Beitrag Urbanität im 21. Jahrhundert - Verfall oder Chance einer Lebensform? Eine soziologische Kontextualisierung die vom Bürgertum geprägte urbane Lebensweise, die sich verändert und der gerade aus diesen Veränderungen neue Ressourcen erwachsen. Was bleibt von der europäischen Stadt? fragt Hartmut Häußermann in seinem Beitrag. Ihm geht es dabei weniger um die bauliche Dichte der Städte als vielmehr um die Fragen, die mit der sozialen Dichte zusammenhängen. Detlef Ipsen beschäftigt sich in seinem Beitrag Städte: Ressource für Innovationen und Versprechen eines ‚guten Lebens‘ mit der kulturellen Heterogenität der Bewohnerschaft von Städten, die oftmals statt zu kultureller Vielfalt zu Segregationsprozessen führt.

Im Fokus des dritten Teils steht die Stadt als sozialer Raum, die gerade durch ihre Struktur, bauliche Gestaltung und Bevölkerungsstruktur dynamische Prozesse von urbaner Logik verursacht, aus denen soziale Probleme wie Ausgrenzung und Segregation entstehen. Das dialektische Verhältnis von Raum und Sozialer Entwicklung behandelt Christian Reutlinger in seinem Beitrag Die Stadt als sozialer Raum und die Raumbezogenheit sozialer Probleme in der Stadt. Andreas Farwick beschreibt in seinem Beitrag Soziale Segregation in den Städten - Von der gespaltenen Gesellschaft zur gespaltenen Stadt die Ursachen und Ausprägungen einer wachsenden räumlichen Ungleichverteilung sozialer Gruppen. Die dadurch entstehende zunehmende Spaltung der Stadt und ihre Auswirkungen auf die Stadtentwicklung thematisiert auch Walter Siebel in seinem Beitrag Krise der Stadtentwicklung und die Spaltung der Städte. Den Zusammenhang der sozialräumlichen Segregation und ihrer Auswirkungen auf städtische Quartiere sowie den daraus entstehenden Anforderungen an die Soziale Arbeit beschreibt Detlef Baum in seinem Beitrag Sozial benachteiligte Quartiere: Der Zusammenhang von räumlicher Segregation und sozialer Exklusion am Beispiel städtischer Problemquartiere. Mit der Frage, ob der ungleiche Zugang zu öffentlichen Räumen grundlegendes Merkmal der Stadt wird, beschäftigt sich Titus Simon in seinem Beitrag Öffentlichkeit und öffentliche Räume - wem gehört die Stadt? Dass es sich dabei nicht nur um ein europäisches Phänomen handelt, zeigt der Beitrag von Jana Krüger Soziale Ungleichheit und ihre Folgen in zwei amerikanischen Metropolen: Die Beispiele New York und Los Angeles.

Der vierte Teil beschäftigt sich mit den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit sowie deren Zielgruppenausrichtung und mit der Notwendigkeit einer engeren Verknüpfung mit den städtischen Bedingungen. Jörg Blasius, Jürgen Friedrichs und Stefanie Symann untersuchten für ihren Beitrag Armut und Lebensführung in einem benachteiligten Wohngebiet Kölns die zentralen Probleme der Bewohner der stark von Arbeitslosigkeit betroffenen Stadtteile Köln-Vingst und Köln-Höhenberg. Mit der Wohnungslosigkeit als - nicht nur - städtischem Problem beschäftigt sich Gisela Schuler-Wallner in ihrem Beitrag Wohnungslosigkeit und der urbane Kontext. Sozialarbeit im Handlungsfeld „Wohnungslosigkeit“. Dass es auch in der Kriminalpolitik zunehmend sozialräumliche Ansätze gibt, zeigt Bernd Belina in seinem Beitrag Kriminalität und Stadtstruktur - Städtebauliche Prävention. Die Situation von „deutschen Fremden“ (Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion) in Berlin Marzahn-Hellersdorf schildert Klaus M. Schmals in seinem Beitrag Wie Deutsche zu Fremden werden und welche Rolle dabei Sozialarbeit spielt. Um weitere bestimmte Zielgruppen der Sozialen Arbeit bzw. ihren jeweiligen Anforderungen an die Sozialpolitik und Stadtentwicklung geht es in den Beiträgen von Klaus Peter Strohmeier (Familien in der Stadt – Herausforderungen der städtischen Sozialpolitik), Rainer Kilb (Kinder und Jugendliche in der Stadt) und Uwe-Jens Walther (Alternde Stadtbevölkerung - Altern in der Stadt).

Der fünfte Teil fragt nach den Erkenntnissen für die Stadtplanung durch die Entwicklung der modernen Städte. Aus den sozialen Entwicklungen ergeben sich Anforderungen an Stadtplanung und -entwicklung. Ob und wie sich diese Anforderungen durch den sozialen Wandel zur Bildungs- und Wissensgesellschaft verändern, thematisiert Hans-Joachim Bürkner in seinem Beitrag Stadtentwicklung in einer sich zur Wissensgesellschaft verändernden Industriegesellschaft - Herausforderungen für die Stadtplanung. Die interdisziplinäre Gestaltung der sozialen Stadtentwicklung mit den Bürgern analysiert Monika Alisch in ihrem Beitrag Empowerment und Governance: Interdisziplinäre Gestaltung in der sozialen Stadtentwicklung. Mit dem Umgang mit dem demographischen Wandel in den Kommunen beschäftigt sich Eva von Mackensen in ihrem Beitrag Wohnen in der Stadt und demographischer Wandel. Anfragen an die Stadtplanung. Die Bedeutung des Prozesses der Suburbanisierung für gegenwärtige Stadtentwicklungsplanung thematisiert Martin Mutschler in seinem Beitrag Suburbanisierung als Problem gegenwärtiger Stadtentwicklung. Eine weitere Herausforderung für die Stadtentwicklung ist die schrumpfende Stadt, mit der sich Silke Weidner in ihrem Beitrag Die schrumpfende Stadt - Herausforderung für eine integrierte Stadtentwicklung befasst.

Der abschließende sechste Teil betont den Bedarf an integrativen Ansätzen sozialraumorientierter Sozialer Arbeit unter den Bedingungen urbaner Kontexte. In dem Beitrag Stadtteil- bzw. Quartiermanagement in benachteiligten Stadtteilen: Herausforderung für eine Zusammenarbeit von Stadtplanung und Sozialer Arbeit beschäftigt sich Michael Krummacher damit, ob das Stadtteil- bzw. Quartiersmanagement lediglich eine verbesserte Form der Gemeinwesenarbeit ist oder doch ein neuer Ansatz, der die Beteiligung der Betroffenen stärker berücksichtigt. Auch die Sozialraumanalyse bringt neue Ansätze zur Beschäftigung mit Lebensbedingungen in einzelnen Stadtteilen. Wie diese mit Methoden der Sozialen Arbeit verknüpft werden kann, zeigt Marlo Riege in seinem Beitrag Soziale Arbeit und Sozialraumanalyse. Uwe-Jens Walther und Simon Güntner stellen es in ihrem Beitrag Soziale Stadtpolitik in Deutschland: das Programm „Soziale Stadt“ das Programm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - Die Soziale Stadt“ vor, dass auch in einigen anderen Beiträgen angesprochen wird, und diskutieren dessen Erfolg.

Fazit

Insgesamt ist der Sammelband ein empfehlenswertes Handbuch für einen ersten Überblick über das vielschichtige Thema. Auch ist er sehr gut geeignet als Nachschlagewerk. Durch die gleichwertige Darstellung von sozial- und planungswissenschaftlichen Ansätzen ergibt sich ein umfassender Überblick zur aktuellen Situation der Stadtentwicklung. Das Buch ist sowohl für Sozialwissenschaftler, Geographen als auch für Stadtplaner (von denen es gerne mehr Beiträge hätten sein können) bedeutsam. Es ist den Städten und deren Bewohnern zu wünschen, dass die vielen Überlegungen und Erkenntnisse in die zukünftige Stadtplanung und Stadtentwicklung einfließen.


Rezension von
Monika Briese
M. A. der Soziologie, der Stadt- und Verkehrsplanung und der Statistik;
freiberuflich tätig
Homepage www.presentare.de
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Zitiervorschlag
Monika Briese. Rezension vom 01.09.2009 zu: Detlef Baum (Hrsg.): Die Stadt in der sozialen Arbeit. Ein Handbuch für soziale und planende Berufe. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-531-15156-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5411.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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