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Thomas von Lengerke (Hrsg.): Public Health-Psychologie

Cover Thomas von Lengerke (Hrsg.): Public Health-Psychologie. Individuum und Bevölkerung zwischen Verhältnissen und Verhalten. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. 260 Seiten. ISBN 978-3-7799-1569-0. 19,50 EUR, CH: 34,30 sFr.

Reihe: Grundlagentexte Gesundheitswissenschaften.
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Thema

Public Health als Theorie und Praxis von Gesundheitsförderung und Prävention von Gruppen und Bevölkerungen sei bisher von der Psychologie vernachlässigt worden, der individuen- und verhaltensbezogene Ansatz der Gesundheitspsychologie für die aktuellen großen gesundheitlichen Herausforderungen nicht hineichend, lautet der Ausgangspunkt und dazu passend der Untertitel des vorliegenden Buches: "Individuum und Bevölkerung zwischen Verhältnissen und Verhalten"

Aufbau …

Das Buch besteht aus 20 Aufsätzen, an denen 48 Autoren beteiligt sind, und ist in vier Abschnitte unterteilt:

  1. Grundlagen (4 Beiträge),
  2. Ausgewählte behaviorale und behavioral (mit-)bedingte Faktoren (5 Beiträge),
  3. Ausgewählte Verhältnis- und Kontextfaktoren (6 Beiträge) und
  4. Sozialpsychologie der Partizipation und Politik (4 Beiträge).

… und Inhalt

  1. Im Abschnitt "Grundlagen" klären von Lengerke und Manz die Begriffe Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung. In ihren Darlegungen bieten sie Definitionen an, die teilweise von den üblichen, in gängigen Public Health-Lehrbüchern zu findenden Definitionen abweichen, was mir eher verwirrend als bereichernd erscheint. Verwirrt hat mich auch die Abbildung zur dimensionalen Systematik gesundheitsbezogener Interventionen.
    Der besonders lesenswerte Beitrag von von Rugulies, Aust und Syme – letzterer einer der Vordenker der Sozialepidemiologie – beschreibt erklärend das Phänomen der sozialen Ungleichverteilung von Gesundheit und Krankheit. Dabei werden soziale, psychologische und biologische Aspekte integriert und in ihrem Zusammenspiel erfasst. Derartige fachübergreifende Darstellungen sind in deutscher Sprache bislang vernachlässigt worden.
    Eine Einführung in Theorien des Gesundheitsverhaltens geben Keller und Nigg. In Gesundheitsförderung und Prävention geht es häufig darum, Gesundheitsverhalten zu beeinflussen. Gerade hier kann die Psychologie wichtige Beiträge leisten. Die Autoren legen gängige Theorien dar und verdeutlichen die Anwendung und Umsetzung an Beispielen, wie dem Konzept des "Motivational Interviewing" im Rahmen der individuellen Beratung.
  2. Das Kapitel "Ausgewählte behaviorale und behavioral (mit-)bedingte Faktoren" befasst sich mit Gesundheitsverhalten bzw. Risikoverhalten. Hier erfahren wir einiges über die Bedeutung von Sport und Bewegung für die individuelle und die öffentliche Gesundheit und über die Notwendigkeit, Interventionen zu entwickeln, die zu einem höheren Maß an körperlicher Aktivität führen.
    Grundlagen des Essverhaltens werden in einem weiteren Beitrag dargelegt. sowie die sozial ungleiche Verteilung des Übergewichts. Die Vorgehensweise der Disziplin Public Health Nutrition wird im Allgemeinen dargelegt. Beide Adipositas-Kapitel (Kinder und Jugendliche bzw. Erwachsene) behandeln die Epidemiologie der Adipositas, Ursachen und Folgen sowie Prävention und Behandlung.
  3. Im Kapitel "Ausgewählte Verhältnis- und Kontextfaktoren" geht es um Stress am Arbeitsplatz, Arbeitslosigkeit, Empowerment, Gesundheit im wiedervereinigten Deutschland sowie Migration. Alle Aufsätze erscheinen interessant und lesenswert, auch wenn die spezifisch psychologischen Aspekte in Public Health nicht immer deutlich werden.
  4. Das Buch schließt mit dem Kapitel "Sozialpsychologie der Partizipation und Politik" und den Themen soziales Engagement und individuelle Gesundheit, Gerechtigkeit und Gesundheit sowie einem Aufsatz über Leitlinien, dem ich auch beim besten Willen keine irgendwie gearteten Public Health-psychologischen Aspekte abgewinnen kann.

Zielgruppen

Zielgruppen des Buches dürften generell alle gesundheitswissenschaftlich Interessierte sein, speziell diejenigen, die sich konzeptuell mit Gesundheitsförderung und Prävention befassen.

Diskussion

Ausgangspunkt des Buches ist der bekannte Sachverhalt, dass die traditionelle individuenbezogene Gesundheitsaufklärung wenig effektiv ist. Interventionen, die sich auf Gruppen (z.B. im Setting) oder auf umschriebene Zielgruppen oder auf Bevölkerungen beziehen, versprechen mehr Erfolg.

Public Health-Psychologie kann hier einen besonderen Beitrag leisten, indem sie Erhellung in vermittelnde Prozesse über das Individuum hinaus in überindividuelle Lern- und Verhaltensbedingungen und mögliche Modifikationen bringt. Die Whitehall-Studien haben gezeigt, wie sich Merkmale der Arbeitsorganisation unabhängig vom Gesundheitsverhalten auf die Gesundheit auswirken – wie also soziale Bedingungen über psychische Prozesse biologisch Effekte hervorrufen.

An diesem faszinierenden und in Deutschland noch wenig beachteten Sachverhalt könnten psychologische Erklärungs-Ansätze und Theorien anknüpfen und dann eigenständig und im Verbund mit anderen Disziplinen die Theorie und Praxis von Gesundheitsförderung und Prävention weiter entwickeln.

Hier hält das Buch leider weniger als der Titel verspricht. Das Spezifische der Disziplin Public Health-Psychologie ist lediglich in Ansätzen erkennbar. Eine sinnvolle Ergänzung und Erweiterung dürfte das kürzlich erschienene Buch von Johannes Siegrist und Michael Marmot sein - "Soziale Ungleichheit und Gesundheit". Hier werden einige Themen vertieft behandelt, wie die sozial ungleiche Gesundheit als Folge des oben erwähnten Zusammenspiels sozialer, psychologischer und biologischer Prozesse. Dies wäre ein interessantes Thema für eine zweite Auflage, so wie auch die Erkenntnisse darüber, wie sich Risikoverhalten (z.B. Adipositas, Christakis und Fowler, N Engl J Med 2007;357:370-37) aber auch Gesundheitsverhalten (z.B. Nichtrauchen, Chistakis und Fowler, N Engl J Med 2008;358:2249-2258) in sozialen Netzwerken ausbreitet.

Fazit

Trotz der benannten Einschränkungen lässt sich das Buch mit Gewinn lesen, weil es eine Reihe wichtiger, interessanter und gut recherchierter Beiträge enthält.


Rezension von
Prof. Dr. med. David Klemperer
Internist, Sozialmediziner, Hochschullehrer (Sozialmedizin, Public Health), Fakultät Sozialwissenschaften, Hochschule Regensburg
Homepage www.davidklemperer.de
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Zitiervorschlag
David Klemperer. Rezension vom 27.09.2008 zu: Thomas von Lengerke (Hrsg.): Public Health-Psychologie. Individuum und Bevölkerung zwischen Verhältnissen und Verhalten. Juventa Verlag (Weinheim) 2007. ISBN 978-3-7799-1569-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5414.php, Datum des Zugriffs 27.01.2020.


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