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Heinz E. Tenorth, Rudolf Tippelt (Hrsg.): Beltz Lexikon Pädagogik

Cover Heinz E. Tenorth, Rudolf Tippelt (Hrsg.): Beltz Lexikon Pädagogik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2007. 786 Seiten. ISBN 978-3-407-83155-2. 98,00 EUR.

Reihe: Beltz Handbuch.
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Thema

Das vorliegende Buch ist zugleich als Lexikon und Handwörterbuch konzipiert und versteht sich als umfassendes pädagogisches Nachschlagewerk.

Herausgeber

Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth lehrt Historische Erziehungswissenschaft am Institut für Allgemeine Pädagogik der Humboldt-Universität zu Berlin. Prof. Dr. Rudolf Tippelt lehrt Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Aufbau und Inhalt

Die beiden Herausgeber haben sich an ein wahrlich großes Vorhaben begeben. Unter Mitwirkung von insgesamt 249 Fachkräften ist ein umfassendes pädagogisches Nachschlagewerk von A wie Abakus bis Z wie Zynismus entstanden, welches insgesamt rund 6.000 Stichworte umfasst.

Den einzelnen Stichworten haben die Herausgeber eine lesenswerte Einführung vorangestellt, die Intention und Handhabung des neuen Angebotes näher bringen soll. Nach einer kurzen Herleitung der Geschichte der pädagogischen Lexika wird ausgeführt, was dieses aktuelle Lexikon leisten soll: Den semantischen Bestand der Kommunikation über die Gesamtheit der Fragen von Bildung und Erziehung repräsentieren, in Erläuterungen zu Stichworten begriffliche Präzisierung liefern, den Umfang der einzelnen Stichworte nach deren Relevanz für eine Nutzung gewichten und schließlich durch Übersichtsartikel eine Vertiefung der Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft ermöglichen.

Die Auflistung derjenigen Fachkräfte, die die insgesamt 64 Übersichtsartikel (ÜA) erstellt haben, liest sich wie ein "Who"s who" der Erziehungswissenschaft und benachbarter Disziplinen. Neben den Herausgebern finden sich unter anderem Beiträge von Wolfgang Klafki, Klaus Hurrelmann, Jürgen Zinnecker, Jürgen Oelkers, Gabriele Gloger-Tippelt, Hannelore Faulstich-Wieland, Ingrid Gogolin, Richard Münchmeier, Werner Helsper, Günter Opp, Hans-Günter Rolff, Manfred Spitzner und viele andere mehr. Alle Übersichtsartikel weisen einige Literaturverweise auf, um das jeweilige Thema vertiefen zu können.

Inhaltlich untergliedern sich die ÜA in drei Ordnungskategorien.

  1. Zum einen in Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft (33),
  2. in Handlungsfelder pädagogischer Arbeit (20) sowie
  3. in Theoretische Binnenstruktur (11).

In der ersten Gruppe finden sich Abhandlungen zu den Standardbegriffen Erziehung, Bildung, Familie, Gender, Profession und Sozialisation. Es finden sich hier aber auch Abhandlungen zu den Begriffen Internationalisierung und Globalisierung, Neurophysiologie, Schulentwicklung und Jugendkultur. Exemplarisch wird hier der ÜA zur Neurophysiologie kurz skizziert, weil er einen aktuellen Bezug zu der durch die neuere Gehirnforschung aufgeworfene Diskussion hat, ob der Mensch wirklich frei und selbstbestimmt handeln kann. Wie Spitzer (S. 527) ausführt, hat die Neurophysiologie Erkenntnisse vorgelegt, die Aussagen zur Wahrnehmung, zum Lernen und zum Verhalten von Menschen machen. Diese Erkenntnisse sollen belegen, dass Einzelheiten für das Überleben des Individuums zumeist irrelevant sind, weshalb das Gehirn zunächst nicht auf das Lernen von Einzelheiten, sondern auf allgemeine Regeln ausgerichtet ist. Von daher sind die meistens frühen Lernvorgänge impliziter Natur. Erst mit dem schulischen Lernen kommen explizite Anteile hinzu, wobei dann Einzelheiten erst dann erfolgreich gelernt werden, wenn sie eine besondere positive emotionale Relevanz besitzen. Negative Emotionen wirken zwar stärker als positive, sind jedoch für das Lernen ungeeignet. Besonders Angst schränkt Lernen ein. Spitzer führt abschließend aus, dass Lernen nicht auf beliebigem Wege geschehen kann. Da Lernen eine Funktion des Gehirns darstellt, empfiehlt er allen Praktiker/-innen, sich hierüber genaue Kenntnisse anzueignen (siehe anderswo "Neurodidaktik").

In der zweiten Gruppe finden sich unter anderem Abhandlungen zu den Begriffen Beratung, Diagnostik, Interkulturelle Pädagogik, Kinder- und Jugendhilfe sowie Kommunikation und Wissensmanagement. Exemplarisch wird hier der ÜA Sozialpädagogik angeführt, weil sich hier zeigt, wie schwierig eine definitorische Klarheit auf wenigen Seiten werden kann. Münchmeier (S. 676) führt selbst aus, dass der Begriff Sozialpädagogik nicht eindeutig verwendet wird. Sozialpädagogik bezieht sich einerseits auf Praxisfelder und ihre Profession, soll aber andererseits auch als (Teil)Disziplin der Erziehungswissenschaft gelten. Kann man bis hierhin mitgehen, wirkt das Nachfolgende erklärungsbedürftig, wenn plötzlich auch von Fürsorge, Wohlfahrtspflege und Sozialarbeit die Rede ist. Insgesamt gibt der Artikel eine Position wieder, die inhaltlich der Vorstellung einer Profession "Soziale Arbeit" entspricht. Es hätte aber geholfen, dies klar zu benennen und nicht den zweiten Strang - die Sozialarbeit - klammheimlich unter dem Begriff Sozialpädagogik zu vereinnahmen.

Die dritte Gruppe schließlich thematisiert zum einen den Begriff Bildungsökonomie, verschiedene Pädagogiken (u.a. empirische, evolutionäre, hermeneutische) sowie die Internationale Unterrichtsforschung. Exemplarisch wird hier der ÜA Bildungsökonomie skizziert. D. Timmermann (S. 102) unternimmt hier – einem aktuellen Trend folgend - den Versuch, Bildung als Thema der Ökonomie vorzustellen. Dazu handelt er ganz knapp sechs gängige Theorien zur Bildungsökonomie ab, um dann einige Themen und Befunde entsprechender Forschung wiederzugeben. Deutlich wird dabei, dass unter allen Gesichtspunkten Bildung als Ware gesehen wird, welche als ein Faktor ins wirtschaftliche Kalkül eingerechnet werden kann. Stillschweigend wird dabei hingenommen, dass nach diesen Vorstellungen Bildung kein humanistischer Selbstzweck mehr ist, sondern nur noch Mittel zum Zweck sein kann.

Diskussion

Die insgesamt rund 6.000 Stichworte sind kurz und prägnant formuliert. Sich anbietende Verweise sind mit dem Zeichen Begriff oder ÜA: Begriff kenntlich gemacht. Von daher kann die Leserin oder der Leser von Stichwort zu Stichwort einem auf den ersten Blick nicht sichtbaren roten Faden folgen. Durch eine entsprechende Aufgliederung der Übersichtsartikel in einzelne Aspekte wirkt der komprimierte Text überschaubar und sinnhaft geordnet. Die angeführten Übersichtsartikel zu den Grundbegriffen der Erziehungswissenschaft sind unterschiedlich ausführlich ausgefallen, aber allesamt verständlich  geschrieben.

Durch eine grafisch gelungene Aufteilung der Seiten war es möglich, zusätzlich 250 Abbildungen, Grafiken und Schaubilder aufzunehmen, was den Anschauungsgehalt des Buches erfreulich erhöht. Wenn der freie Raum nicht für Fotos genutzt ist, wird – als Ersatz für Fußnoten – in Form einer Marginalie zusätzlich ein erläuternder Text angeboten.

Zielgruppen

Das Lexikon richtet sich vordringlich an Fachkräfte und Studierende aus den Bereichen der Pädagogik und der Sozialen Arbeit. Interessierte Laien können aber ebenfalls von diesem Werk profitieren.

Fazit

Das umfangreiche Werk stellt sicherlich eine Bereicherung für alle dar, die sich beruflich oder in Ausbildung befindlich mit erzieherischen Fragen beschäftigen. Es ist sorgsam durchdacht und strukturiert, durchgängig lesbar geschrieben und lässt kein relevantes pädagogisches Stichwort vermissen. Trotz der angespannten Haushaltslage öffentlicher Einrichtungen und hier besonders die der Hochschulen, ist zu wünschen, dass dieses Buch in keiner einschlägigen deutschen Fachbibliothek fehlen sollte.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 16.05.2008 zu: Heinz E. Tenorth, Rudolf Tippelt (Hrsg.): Beltz Lexikon Pädagogik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2007. ISBN 978-3-407-83155-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5416.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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