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Hermann Faller, Hermann Lang: Medizinische Psychologie und Soziologie

Cover Hermann Faller, Hermann Lang: Medizinische Psychologie und Soziologie. Neue Approbationsordnung. Springer (Berlin) 2006. 2., vollständig neu bearbeitete Auflage. 330 Seiten. ISBN 978-3-540-29995-0. 24,95 EUR, CH: 42,50 sFr.

Reihe: Springer-Lehrbuch. Unter Mitarb. von Stefan Brunnhuber.
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Herausgeber und Autoren

Die Herausgeber dieses Buches sind Hermann Faller und Hermann Lang. Hermann Faller ist Inhaber einer Stiftungsprofessur für Rehabilitationswissenschaften an der Universität Würzburg, promovierte in Medizin (Heidelberg), in Psychologie (Freiburg) und habilitiert in Würzburg. Prof. Dr. Dr. Hermann Faller ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Psychoanalytiker (DGPT). Hermann Lang war Vorstand des Instituts für Psychotherapie und Medizinische Psychologie der Universität Würzburg. Lang promovierte zum Dr. med. und Dr. phil. und habilitierte sich, er ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytiker (DGPT).

Die Koautorinnen und Koautoren sind Fachwissenschaftler und vertreten mit ihrer Expertise die jeweiligen Fachgebiete.

Entstehungshintergrund

Das Fachbuch liegt in 2. vollständig neu bearbeiteter Auflage vor und umfasst 330 Seiten mit 28 Abbildungen und 13 Tabellen. Diese Neuauflage ergibt sich aus der Neufassung des Gegenstandskatalogs (GK): neue Themen sind aufgenommen worden und alte Themen wurden neu gewichtet (S. V). Ferner erfordert der wissenschaftliche Fortschritt eine Neuauflage, wie im Bereich der neuronalen und genetischen Grundlagen menschlichen Erlebens und Verhaltens, soweit die Herausgeber.

Ziele und Zielgruppen

Das Fachbuch vermittelt in der Intention der Herausgeber (S. V), angehenden Ärztinnen und Ärzten grundlegendes Wissen im Umgang mit ihren Patienten. Die Autoren wenden sich mit ihrem Lehrbuch an den Einsteiger wie an Ärzte. Weitere gesundheitsnahe Berufe sollen angesprochen werden, „(…) die im medizinischen und sozialen Feld wichtige Funktionen übernehmen“ (S. VI), wie Pflegekräfte, Psychologen, Sozialarbeiter u.a. Die 2. Auflage orientiert sich in Aufbau und Inhalt am Gegenstandskatalog und an den Prüfungsfragen des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP). Insofern soll das Lehrbuch eine optimale Prüfungsvorbereitung bieten.

Der Geist des Buches ist geprägt von der Idee des informierten Patienten; er soll in den Entscheidungsprozess einbezogen werden.Um den Patienten in diesem Emanzipationsprozess zu fördern, brauchen Ärztinnen und Ärzte Kenntnisse und Kompetenzen der Medizinischen Psychologie und Medizinischen Soziologie; hierzu möchte das vorliegende Lehrbuch beitragen.

Aufbau

Gegliedert ist das Werk in drei Schwerpunkte:

  1. Entstehung und Verlauf von Krankheiten (S. 1-154)
  2. Ärztliches Handeln (S. 155-262)
  3. Förderung und Erhaltung von Gesundheit (S. 263-306).

1. Entstehung und Verlauf von Krankheiten

Im 1. Schwerpunkt besprechen die Autoren die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten, gegliedert nach vier Kernthemen. Erstens wird eingeführt in das Bezugssystem von Gesundheit und Krankheit (S. 2-9) mit Begriffsklärungen, die betroffene Person, die Medizin als Wissens- und Handlungssystem und die Gesellschaft. Zweitens werden fünf Gesundheits- und Krankheitsmodelle (S. 10-44) vorgestellt; biopsychologische, psychodynamische, sozialpsychologische und soziologische Modelle. Drittens untersuchen die Autoren die Grundlagen (S. 45-78) wissenschaftlichen Arbeitens:

  • Hypothesenbildung
  • Operationalisierung
  • Untersuchungskriterien
  • Untersuchungsplanung
  • Methoden der Datengewinnung
  • Datenauswertung und –interpretation
  • Ergebnisbewertung

Viertens erklären die Fachwissenschaftler zehn theoretischen Grundlage (S. 79-154). Es geht um Biologische Grundlagen, Psychologische Grundlagen wie Lernen, Kognition, Emotion, Motivation, Persönlichkeit und Verhaltensstile und soziologische Grundlagen wie die Entwicklung und primäre Sozialisation (Kindheit), Entwicklung und Sozialisation im Lebenslauf (Adoleszent, mittleres Erwachsenenalter, Senium) und die sekundäre Sozialisation, soziodemographische wie sozialstrukturelle Determinanten des Lebenslaufs.

2. Ärztliches Handeln

Im 2. Schwerpunkt wird Ärztliches Handeln vorgestellt; gegliedert nach sechs Kernthemen. Erstens analysieren die Autoren die „Arzt-Patient-Beziehung“ (S. 156-176) im Blickwinkel der Professionalisierung des Arztberufes, der Arztrolle, der Krankenrolle, der Kommunikation, Interaktion und Kooperation. Zweitens bespricht Faller die „Untersuchung und das Gespräch“ (S. 177-185). Eckdaten sind hierbei der Erstkontakt, die Exploration und Anamnese wie die körperliche Untersuchung. Drittens untersuchen die Lehrenden die „Urteilsbildung und Entscheidung“ (S. 186-195):

  • Arten der diagnostischen Entscheidung
  • Grundlagen der Entscheidung
  • Urteilsqualität und Qualitätskontrolle
  • Entscheidungskonflikte
  • Entscheidungsfehler
  • Interventionsformen

Viertens wenden sich die Autoren den „Interventionsformen“ (S. 196-213) zu. Im Mittelpunkt stehen die Ärztliche Beratung, Patientenschulung und Psychotherapie. Fünftens kommen „besondere medizinische Situationen“ (S. 214-245) zur Sprache. Im Einzelnen geht es um die Intensiv-, Notfall-, Transplantations-, Reproduktions- und Sexualmedizin, Onkologie, Humangenetische Beratung und das Thema Tod und Sterben, Trauer. Abgeschlossen wird der 2. Schwerpunkt mit dem Thema „Patient und Gesundheitssystem“ (S. 246-262), operationalisiert unter dem Aspekt der Stadien des Hilfesuchens, Bedarf und Nachfrage, Patientenkarriere im Versorgungssystem und Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen.

3. Förderung und Erhaltung von Gesundheit

Im 3. Schwerpunkte geht es vor allem um die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens mit Themen, die neuerdings vor allem durch die Public-Health-Wissenschaften vertieft werden. Im Mittelpunkt steht das Thema der Förderung und Erhaltung von Gesundheit (S. 263-305); gegliedert nach zwei Kernthemen. Erstens geht es um die Förderung und Erhaltung von Gesundheit durch „Prävention“ (S. 264-288). Präventionsbegriff

  • Primäre Prävention
  • Sekundäre Prävention
  • Tertiäre Prävention/Rehabilitation
  • Formen psychosozialer Hilfen
  • Sozialberatung

Zweitens geht es um die Förderung und Erhaltung von Gesundheit durch „Maßnahmen“ (S. 289-305) der Gesundheitserziehung und Gesundheitsförderung, Verhaltensänderung wie Rehabilitation, Soziotherapie, Selbsthilfe und Pflege.

Diskussion

Die Herausgeber haben das Lehrbuch durch eine Vielzahl von Lernhilfen so gestaltet, dass die Studierenden sich den Lernstoff übersichtlich und systematisch aneignen können. Auf 13 Differenzierungsmerkmale (S. VIII-IX) wird hingewiesen.

  1. Einleitung: kurzer Einstieg ins Thema
  2. Exkurs: dient für Hintergrundinfos aus Klinik und Praxis
  3. Farbige Abbildung: sie veranschaulichen komplexe Sachverhalte
  4. Inhaltliche Struktur: klare Gliederung durch alle Kapitel
  5. Klinik: zahlreiche Fallbeispiele stellen den Bezug zur Klinik her
  6. Leitsystem: Orientierung über die Kapitel und Anhang
  7. Merke: das Wichtigste wird auf den Punkt gebracht
  8. Navigation: Seitenzahl und Kapitelnummer eignen sich für die schnelle Orientierung
  9. Prüfungsrelevante Klinikbegriffe: sie werden durch einen blauen Äskulapstab markiert; auch sind sie im Sachverzeichnis hervorgehoben
  10. Schlüsselbegriffe: sie werden fett hervorgehoben
  11. Tabelle: klare Übersicht der wichtigsten Fakten
  12. Verweise: sie sollen im Text den Blick auf Abbildungen und Tabellen lenken
  13. Weiterführende Literatur: wird zum Vertiefen angeführt

Die bibliographischen Hinweise und das Sachregister entsprechen den Erwartungen an ein neues Lehrbuch (S. 307-330).

Das Buch ist aus einem Guss geschrieben, mit klarer Sprache und einer Vielzahl von Praxisbeispielen. Insofern ist es gut geeignet für die Prüfungsvorbereitung, wie von den Autoren beschrieben. Jedoch wird das Lehrbuch seinem Anspruch nicht gerecht, neben der Medizinischen Psychologie auch die Medizinische Soziologie zu besprechen. Bei der Dominanz von Psychiatern und Psychotherapeuten ist die Überbewertung der Medizinischen Psychologie im Verhältnis zur Medizinischen Soziologie zu erwarten gewesen, obwohl es keine Problem wäre, Medizinsoziologen mit entsprechender Expertise ins Boot zu holen.

Alleine ein Blick in das Literaturverzeichnis belegt, dass weder Klassiker der Medizinsoziologie von Emil Durkheim über Max Weber bis zu Anselm L. Strauss, noch jüngere Medizinsoziologen von Aron Antonovsky über Ellen Annandale bis zu William C. Cockerham zu finden sind. Der qualitative Mangel besteht darin, dass die Leistungskraft der Medizinsoziologie, sowohl als empirische und theoretische Disziplin, aber auch als hermeneutische Wissenschaft zum Verstehen der sozialen Konstruktion von Gesundheit und Krankheit, nicht hinreichend vermittelt wird. Das ist sehr schade! Denn der Arzt in der Praxis kann über die Medizinsoziologie sein Verstehen trainieren, in welchen Kontexten die „Sozialisation, Enkulturation und Personalisation“ (Gerhard Wurzbacher) des Patienten seine Wurzeln hat, ohne reduktionistisch von Lebensstilen zu sprechen, so wichtig dieser sozialwissenschaftliche Erklärungsfaktor auch ist. Die Autoren sehen das Problem und verweisen auf entsprechende vertiefende Literatur. Eine solide Ausbildung in Medizinsoziologie setzt jedoch voraus, dass diese Texte wissenschaftlich eingearbeitet sind, ansonsten werden die wissenschaftshistorischen Entwicklungslinien und kausalen Zusammenhänge nicht verstanden. Medizinsoziologie ist schließlich kein Lernfach, das auswendig gelernt werden kann um fiktiven Prüfungsanforderungen zu genügen.

Fazit

Mit Blick auf die Medizinische Psychologie ist das Werk sicherlich ein wichtiger Beitrag zur Prüfungsvorbereitung. Das Fach Medizinsoziologie sollte in einer weiteren Auflage mit einem stärkeren Gewicht vertreten sein, soll das Buch dem eigenen Anspruch genügen, in die Medizinische Psychologie und in die Medizinische Soziologie einzuführen.


Rezensent
Prof. Dr. Bernhard Mann
MPH Dipl.-Sozialwirt. Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz


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Zitiervorschlag
Bernhard Mann. Rezension vom 27.02.2009 zu: Hermann Faller, Hermann Lang: Medizinische Psychologie und Soziologie. Neue Approbationsordnung. Springer (Berlin) 2006. 2., vollständig neu bearbeitete Auflage. ISBN 978-3-540-29995-0. Reihe: Springer-Lehrbuch. Unter Mitarb. von Stefan Brunnhuber. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5419.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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