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Dawn Brooker, Christian Müller Hergl u.a. (Hrsg.): Personzentriert pflegen (demente Menschen)

Cover Dawn Brooker, Christian Müller Hergl, Detlef Rüsing (Hrsg.): Personzentriert pflegen. Das VIPS-Modell für demente Menschen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2007. 160 Seiten. ISBN 978-3-456-84500-5. 24,95 EUR, CH: 42,00 sFr.
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Thema

Mit der deutschen Übersetzung von Tom Kitwoods „Dementia Reconsidered: The Person Comes First“ im Jahr 2000 (deutsch: Demenz. Der personenzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen) setzte hierzulande eine eine intensive Diskussion des Konzepts person-zentrierter Pflege von Menschen mit Demenz ein. Acht Jahre später liegt mit Dawn Brookers „Person-zentriert pflegen“ eine Veröffentlichung vor, die den Anspruch erhebt, Praxishandbuch und Weiterentwicklung des Kitwoodschen Demenzbuches zu sein.

In ihrem Geleitwort stellen die deutschen Herausgeber, Christian Müller-Hergl und Detlef Rüsing, heraus, auf welche Situation und auf welchen Kontext sich Dawn Brookers Veröffentlichung bezieht: Trotz intensiver Diskussion und praktischen Umsetzungsbemühungen gelingt das Konzept person-zentrierter Pflege bisher nicht in dem Umfang, wie es wünschenswert wäre, stellt es oftmals nur ein konsequenzloses Etikett ohne entsprechende Füllung dar und ist es in seinem Bestand jederzeit stark gefährdet. Hier setzt das vorliegende Buch an, das vor allem als Hilfe zur systematischen Überprüfung des institutionellen Entwicklungsstandes von Diensten unter dem Aspekt von Personzentriertheit dienen möchte. Mit dem im Text explizierten VIPS-Modell stellt Dawn Brooker dabei dem personzentrierten Fremdeinschätzungsinstrument Dementia Care Mapping (DCM) ein Instrument zur Selbsteinschätzung von Diensten zur Seite.

Aufbau

Das Buch besteht aus zwei Teilen mit insgesamt sieben Kapiteln. Den zweiten Teil (bestehend aus dem Kapitel 7) bildet der VIPS-Rahmen mit Hinweisen für die Anwendung.

1. Was ist person-zentrierte Pflege?

Bevor die Autorin in Kapitel 1 noch einmal die wesentlichen Begriffe des Kitwoodschen Ansatzes prägnant zusammenfasst (Personsein, maligne Sozialpsychologie und mehr), verdeutlicht sie die vier zentralen Elemente person-zentrierter Pflege, die sie unter dem Akrynom VIPS zusammenfasst:

  1. Valorieren oder wertschätzen von Menschen mit Demenz und ihren Pflegepersonen (V)
  2. Menschen als Individuen behandeln (I)
  3. Die Welt aus der Perspektive von Menschen mit Demenz betrachten (P) und
  4. Schaffen einer positiven sozialen Umgebung, die Wohlbefinden ermöglicht (S)

Diese grundlegenden Elemente erscheinen auch laut Brooker heute nicht mehr als besonders radikal. Die Herausforderung bestehe jedoch darin, sie in die alltägliche Pflegepraxis umzusetzen. In den nachfolgenden Kapiteln beleuchtet die Autorin die Kernelemente des VIPS-Ansatzes und gibt Hinweise, wie Dienste und Einrichtungen ihren Entwicklungsstand einschätzen können.

2. Menschen wertschätzen (V)

Menschen mit Demenz in ihrem So-Sein und in ihrem Anderssein wertzuschätzen, stellt ein Kernelement person-zentrierter Pflege dar. Doch reicht dies nicht aus. Wertschätzung – und der Titel dieses Kapitels weist bereits darauf hin – muss sich auch gegenüber denjenigen praktisch ausdrücken, die demenziell veränderte Menschen pflegen und betreuen. Dawn Brooker identifiziert die Führungspersonen der Einrichtungen als Verantwortliche für die Realisierung einer wertschätzenden Kultur und benennt Indikatoren, an denen die Wertschätzung der Pflegenden im institutionellen Kontext überprüft werden kann.

3. Individualisierte Pflege (I)

Person-zentrierte Pflege bedeutet immer individualisierte Pflege. Brooker warnt jedoch davor, beides gleichzusetzen. Auch in individualisierten patientenzentrierten Konzepten bleibt die Person mit Demenz oft hinter der Krankheitsdiagnose versteckt. Person-zentrierte Pflege geht hingegen von einem umfassenden (im Buch „angereichert“ genannten) Modell der Demenz aus, in dem die neurologische Beeinträchtigung nur eines von mehreren relevanten Einflussfaktoren darstellt. Die Autorin benennt auch hier organisationsbezogene Prozesse, an denen sich die Orientierung des Dienstes und der Pflege an Individuen festmachen lassen.

6. Persönliche Perspektive (P)

Schon für Carl Rogers, auf den der Ansatz person-zentrierter Pflege letztendlich zurückgeht, muss es im Wesentlichen darum gehen, sich in den Bezugsrahmen des Individuums hineinzuversetzen und die Welt aus seiner Perspektive verstehen zu versuchen. Ob dies in einer Einrichtung der Demenzpflege geschieht, ist laut Brooker unter anderem an der Kommunikation mit den demenziell veränderten Menschen oder auch daran, ob so genannten herausforderndes Verhalten als Kommunikation zu deuten versucht wird, feststellbar.

5. Soziale Umgebung (S)

Person-zentrierte Pflege zielt darauf ab, eine soziale Umgebung zu schaffen, die psychische Bedürfnisse von Menschen mit Demenz unterstützt und ihnen hilft, sich als Person erfahren zu können. In diesem Kontext erläutert Dawn Brooker im 5. Kapitel noch einmal die von Tom Kitwood entwickelten Begriffe der malignen Sozialpsychologie und der positiven Arbeit an der Person, die für eine unterstützende oder auch behindernde soziale Umgebung zentral sind. Soziale Umgebung meint zum einen die Qualität der in Diensten und Einrichtungen gelebten Kultur der Kommunikation, der Interaktion und der Inklusion von Menschen mit Demenz. Brooker erweitert jedoch den Blick hin zum Gemeinwesen und fordert dazu auf, Pflegeeinrichtungen als Teil der Gemeinde im ursprünglichen Sinne des Wortes und nicht als Mini-Anstalten zu begreifen und zu gestalten.

6. Pflege im Kontext

Person-zentrierte Pflege ist laut Brooker ein komplexes Konzept. Im sechsten Kapitel untersucht sie die Frage, was geschieht, wenn man nur einzelne Elemente dieses Konzeptes umsetzt und andere vernachlässigt. Wenn sich auch der von ihr vorgestellte VIPS-Rahmen auf Einrichtungen für Menschen mit Demenz bezieht, ist er – so die Autorin – doch auf alle vulnerablen Gruppen übertragbar.

7. Der VIPS-Rahmen: Person-zentrierte Pflege für Menschen mit Demenz

In diesem Kapitel, das den zweiten Teil des Buches darstellt, wird das für den VIPS-Rahmen entwickelte Instrumentarium vorgestellt. Für jedes der vier VIPS-Elemente werden mehrere Indikatoren definiert und Überprüfungsmöglichkeiten benannt (z.B. Interviews mit Angehörigen, Praxisbeobachtung, Analyse von Krankenhauseinweisungen). Anhand von vier Kategorien oder Level (Ausgezeichnet, gut, zufriedenstellend, Entwicklungsbedarf vorhanden) sollen die Einrichtungen eine Einschätzung vornehmen und Veränderungsmaßnahmen bezierhungsweise einen Aktionsplan entwickeln. Die Autorin weist darauf hin, dass für eine realistische Selbsteinschätzung dabein immer die Einbeziheung möglichst aller relevanten Ebenen des Dienstes erforderlich ist.

Diskussion

Dawn Brookers Buch kann und soll Verantwortlichen und Handelnden im Bereich der Pflege von Menschen mit Demenz unbedingt zur Lektüre empfohlen werden. Es als Weiterentwicklung des Kitwoodschen Ansatzes person-zentrierter Pflege zu titulieren - wie es im Umschlagstext geschieht – wäre aber vermutlich übertrieben. Denn: „Grundlegende Neuerungen in diesem Feld sind immer weniger zu erwarten…Als die wohl größte Herausforderung in diesem Feld kann aber die Implementierungsfrage gelten: Wie kann unter vermutlich anhaltenden Pauperitätsbedingungen der Versorgung von Menschen mit Demenz und deren Familien ein person-zentrierter Ansatz in der Versorgungslandschaft greifen?“, so die beiden deutschen Herausgeber in ihrer Einleitung.

Zwar hat der Kitwoodsche Ansatz auch in Deutschland die Diskussion um eine neue Kultur der Demenzpflege enorm vorangebracht und ohne Zweifel konnte er in zahlreichen Einrichtungen und Diensten auch praktisch Fuß fassen. Gleichwohl läuft er stets Gefahr, als bloßes Label ohne entsprechenden Inhalt benutzt zu werden. Selbst in Großbritannien, wo person-zentrierte Pflege sogar in staatlichen Leitlinien fixiert wurde, existiert laut Brooker eine erhebliche Kluft zwischen formuliertem Anspruch und realer Praxis im Alltag der Pflegeeinrichtungen. Diese Kluft zu verringern ist das Anliegen des Buches „Person-zentriert pflegen“.

Komprimiert und verständlich fasst die Autorin die wesentlichen Elemente und den aktuellen Entwicklungsstand des person-zentrierten Begleitkonzeptes zusammen. Für manchen Praktiker, dem die Kitwoodschen Originaltexte zu schwierig erscheinen, stellt das Buch sicherlich eine gute Möglichkeit dar, das Konzept nachzuvollziehen. Doch Vorsicht: Einen Ersatz für die Originaltexte kann und will es nicht darstellen. Nichts wäre auch falscher, als der vorliegenden Veröffentlichung das Etikett einer „Light-Version“ der Kitwoodschen Publikationen zu unterstellen. Ihre Absicht und ihre Funktion ist eine andere: Sie will Einrichtungen und Diensten, die es ernst meinen mit person-zentrierter Pflege, ein Hilfsmittel zur Feststellung des Status Quo und zur Weiterentwicklung der Pflegekultur und –praxis an die Hand geben. Und wem es tatsächlich damit ernst ist, der wird das vorgestellte VIPS-Instrumentarium gut nutzen können. Es bietet einen strukturierten Rahmen für innerbetriebliche Analyseprozesse, bei den qualitative Elemente – die Kommunikationskultur, die Inklusion der Bewohner und Klienten oder die Interpretation und der Umgang mit so genannten herausfordernden Verhaltensweisen - im Fokus stehen. Nicht überraschen kann es, wenn darum als Überprüfungsmöglichkeit für die einzelnen Elemente sehr häufig „Praxisbeobachtung“ genannt wird. Eine Kombination von VIPS-Instrument und Dementia Care Mapping (DCM) bietet sich fast zwingend an.

Erfreulich ist, wenn Dawn Brooker den Blick über das Geschehen im Pflegebetrieb hinaus auf das Gemeinwesen richtet. Soziale Inklusion bedeutet dann nicht allein die Einbindung von Menschen mit Demenz in Alltagskommunikation und –aktivitäten in der Einrichtung, sondern auch die Öffnung ins Gemeinwesen hinein und die Anerkennung demenziell veränderter Menschen als Teil des Gemeinwesens und der Gesellschaft. Diese „bürgerrechtsorientierte“ Perspektive korrespondiert mit der aktuell von der Aktion Demenz e.V. in Deutschland verfolgten Initiative „Demenzfreundliche Kommunen“ und bedarf zukünftig sicherlich weiterer Anstrengungen. Hilfreich ist hier die in Dawn Brookers Buch mehrfach vollzogene Einordnung des person-zentrierten Modells in einen übergeordneten politischen Kontext: „Wenn wir als Anbieter von Dienstleistungen, Praktiker, Forscher und Familienangehörige die Wertschätzung und die Rechte derjenigen, für die wir Sorge tragen, nicht unterstützen und nicht fördern, dann spielen wir der politischen Zweckhaltung in die Hände, dass diese Menschen nicht wirklich wichtig sind“.

Fazit

Ob unbedíngt wieder ein neuer Name (VIPS) für ein im Prinzip doch gar nicht so neues Modell kreiert werden musste, sei dahingestellt. Auch ohne ein solches Label hätte der von Dawn Brooker vorgestellte Vorschlag für eine Überprüfung und Weiterentwicklung person-zentrierter Pflege in der Praxis nichts an Wert eingebüßt.


Rezensent
Dipl. Sozialpädagoge Peter Wißmann
Geschäftsführer Demenz Support Stuttgart gGmbH, Zentrum für Informationstransfer
Homepage www.demenz-support.de


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Zitiervorschlag
Peter Wißmann. Rezension vom 08.02.2009 zu: Dawn Brooker, Christian Müller Hergl, Detlef Rüsing (Hrsg.): Personzentriert pflegen. Das VIPS-Modell für demente Menschen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2007. ISBN 978-3-456-84500-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5424.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


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