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Sabine Weidert: Leiblichkeit in der Pflege von Menschen mit Demenz

Rezensiert von Dipl. Sozialpädagoge Peter Wißmann, 05.05.2008

Cover Sabine Weidert: Leiblichkeit in der Pflege von Menschen mit Demenz ISBN 978-3-938304-79-2

Sabine Weidert: Leiblichkeit in der Pflege von Menschen mit Demenz. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2007. 156 Seiten. ISBN 978-3-938304-79-2. 24,00 EUR.

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Thema

Die Probleme zwischen demenziell veränderten Menschen und Pflegenden ernst zu nehmen, ist der erklärte Anspruch der Autorin Sabine Weidert. In ihrem Buch "Leiblichkeit in der Pflege von Menschen mit Demenz" benennt sie eine der Hauptursachen für diese Probleme: Kommunikationsmangel. Nicht in verbal und kognitiv orientierten, sondern in Kommunikationsformen, die aus der Leibphilosophie heraus abgeleitet wurden, sieht die Autorin dabei eine Veränderungsoption.

Wie Pflegende die Betreuung von Menschen mit Demenz im institutionellen Setting einer Klinik (chirurgische Abteilung) erleben und wie die leibliche Wahrnehmung von Gefühlen, Stimmungen und Atmosphären eine Verständigungsebene zwischen den Beteiligten schaffen kann, ist das Thema Veröffentlichung.

Aufbau

Die Arbeiet ist in zehn Kapitel (ohne Literaturnachweise) und einen Anhang gegliedert.

Inhalt

  1. Einleitung. Hier werden Inhalt und zentrale Fragestellungen des Buches knapp skizziert.
  2. Pflegende berichten über den Umgang mit demenzkranken Patienten – Eine qualitative Voruntersuchung. Die Autorin stellt eine von ihr durchgeführte Studie durch, deren Kern Interviews mit Pflegenden einer chirurgischen Krankenhausabteilung sind. Den theoretischen Hintergrund dieser qualitativen Voruntersuchung stellt dabei das aus der Soziologie stammende Konzept der Grounded Theory dar, bei der es darum geht, methodenoffen und –vielfältig eine gegenstandsverankerte Theorie zu entwickeln. Was die interviewten Pflegenden über den Umgang mit demenziell veränderten Patienten berichten, fasst die Autorin in prägnanten Aussagen zusammen. Danach ist die chirurgische Station nicht auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz eingestellt. Die Pflegenden können nicht auf gewohnte Reaktionsmuster zurückgreifen, verfügen jedoch auch über keine alternativen Handlungsoptionen. Aus einer hohen Belastung resultieren Motivationsverlust, Resignation, gesundheitliche Folgen und: Unterstützungsbedarf.
  3. Leiblichkeit als Basismodus der Kommunikation. Leiblichkeit wird als Grundvoraussetzung und Basismodus der Kommunikation definiert. Als Sprache für die weiteren Ausführungen im Buch wird die Terminologie der phänomenologischen Leibphilosophie und der sogenannten Neuen Ästhetik benannt.
  4. Leibphilosophie. In diesem Kapitel werden aus einer jeweils kurzen Darstellung der wichtigsten theoretischen Aussagen von Maurice Merleau-Ponty, Hermann Schmitz, Thomas Fuchs und Gernot Böhme zentrale Begriffe dieser Terminologie abgeleitet. Von besonderer Bedeutung ist dabei der Begriff des Leibgedächtnisses, das als "implizites Gedächtnis, das die Vergangenheit in der Gegenwart wirksam sein lässt", verstanden wird. Zur Wirkung kommt es beispielsweise dort, wo ein Gefühl oder eine spezielle Situation kognitiv nicht erinnerbare Gegebenheiten oder Gegenstände gegenwärtig werden lässt. Es wird deutlich, welche Bedeutung dieses Gedächtnis für einen Menschen mit Demenz hat.
  5. Leib-Erfahrungen in der Pflege. Auch Pflegende erleben den Umgang mit demenziell veränderten Menschen leiblich. In welcher Form sich dies äußert, macht die Autorin an Beispielen aus den Interviews deutlich. Einen speziellen Unterabschnitt widmet sie dem Thema des Ausbrennens in der Pflege (Burnout). Eine von ihr durchgeführte Erhebung zum Belastungserleben der Pflegenden kommt zu eindeutigen Ergebnissen: Der überwiegende Teil der Befragten bedarf danach eines Hilfe- oder Entlastungsangebots, um ein Ausbrennen zu vermeiden.
  6. Die Besonderheiten der Demenzerkrankung aus medizinischer und leibphilosophischer Sicht. In diesem Kapitel werden die Besonderheiten der Demenzerkrankung insbesondere aus leibphilosophischer Perspektive dargestellt. Kritisiert wird die dem vorherrschenden Demenzverständnis zugrundeliegende Reduktion auf kognitive Defizite bzw. Aspekte. Hierdurch würde die Leiblichkeit des Menschen mit Demenz, die "mehr ist als die Dinge bewusst zu denken" negiert. Leiblichkeit wird als ein "Mehr" betrachtet, das Leben synästhetisch erfahrbar macht. In diesem Zusammenhang fordert die Autorin künftige Generationen auf, sich durch die Sensibilisierung des Leibes Partizipationsfähigkeiten des Alters zu erschließen, statt diese durch eine Herabwürdigung des Leibes zu verbauen. Der Leib wird als Medium zur Welt gesehen. Da leibliches Spüren präreflexiv und kognitionsunabhängig ist, ermöglicht dieses Medium auch Menschen mit Demenz Partizipation. Für Pflegende ergibt sich aus einer Wertschätzung phänomenalen Erfassens – anstelle einer Unterordnung unter kognitives Wissen – eine Kommunikationsbasis mit demenziell veränderten Menschen.
  7. Atmosphäre und Neue Ästhetik. In diesem Kapitel werden zwei neue Begrifflichkeiten eingeführt: die Atmosphäre und die Neue Ästhetik. Atmosphäre ist etwas den Menschen umgebendes, das auf ihn wirkt und zu leiblichen Ergriffen-Sein führt. Atmosphäre ist darüber hinaus aber auch etwas, was bewusst erzeugt und gestaltet werden kann. Pflegende sollen es – so die Autorin –daher als eine zentrale Aufgabe begreifen, Atmosphären zu gestalten, in denen sich leibliche Kommunikation entfalten kann. Notwendig sei, dass Pflegende lernen, die eigene leibliche Betroffenheit mit atmosphärischen Ausstrahlungen von etwas oder von jemandem in Verbindung zu bringen. Der Begriff der Atmosphäre spielt in der Neuen Ästhetik eine zentrale Rolle, der es darum geht, ästhetische Erkenntnis als eine besondere Erkenntnisweise zu entwickeln, die in der Lage ist, anderes als beispielsweise die naturwissenschaftliche Erkenntnis in der alltäglichen Umgebung zu entdecken und Atmosphären wahrzunehmen.
  8. Entscheidung zur Leiblichkeit mit Hilfe ästhetischer Bildung. Atmosphärisch-leibliche Wahrnehmungs-, Ausdrucks- und Resonanzfähigkeit als Basis für die Kommunikation zwischen Pflegenden und Menschen mit Demenz kann nach Meinung der Autorin durch ästhetische Bildung entwickelt und gefördert werden. Durch das Erschließen  von  Zugtangsweisen aus dem nonverbalen Bereich eröffnen sich den Pflegenden neue Ausdrucks- und Erkenntnisformen, die dem gesprochenen Wort nicht zur Verfügung stehen. Durch ästhetische Bildung entwickelt sich nicht allein die Leibwahrnehmungsfähigkeit, sondern auch das Bewusstsein für die Fähigkeit, ästhetische Arbeit zur positiven Gestaltung von Atmosphären einzusetzen. Damit bietet sie einen Ausweg aus der auch in den Interviews zum Ausdruck kommenden Hilflosigkeit im Umgang mit Menschen mit Demenz.
  9. Ästhetische Erfahrungsfelder in der Qualifizierungsmaßnahme für Pflegende zum  Umgang mit demenzkranken Patienten. Das neunte Kapitel beschreibt einen praktischen Umsetzungsversuch der zuvor theoretisch entwickelten Leitideen in Gestalt einer Qualifizierungsmaßnahme für Krankenpflegeschüler. Diese sollten über ästhetische Zugangswege – hier insbesondere bildnerisch-gegenstandslose Gestaltungsprozesse -  "die Möglichkeit finden, die Begegnung mit demenzkranken Patienten nachzuspüren und diesem Eindruck einen Ausdruck zu geben. Sie sollten unterstützt werden, auch das, was noch keine Worte hat, mitteilbar zu machen" und "dem Erleben der Demenzkranken näher zu kommen und so eine neue Dimension des Verstehens zu eröffnen". Von der Autorin werden sehr positive Evaluationsergebnisse dieser Maßnahme referiert, so dass sie im zusammenfassenden
  10. Resümee …zu dem Schluss kommt, dass ästhetische Erfahrungsfelder eine neue, handlungsentlastende Basis zur Begegnung mit demenziell veränderten Menschen bieten.

Anhang. Wer Genaueres zu den Qualifizierungsmaßnahmen erfahren möchte, findet im Anhang das Programm bzw. die Ablaufstruktur für ein zwei- sowie für ein dreitägiges Seminar, das erstere für Krankenpflegeschüler, das zweite für examinierte Pflegekräfte.

Diskussion

Das immer noch in Medizin, Pflege und benachbarten Disziplinen wirkende reduzierte Verständnis der Demenz als ein im wesentlichen oder ausschließlich kognitiver Abbauprozess und Problem, basiert auf einem ebenso reduktionistischen allgemeinen Menschenbild und Personenbegriff. Danach stellen kognititve Kompetenzen das Proprium und die Essenz des Menschen dar und entscheiden über seinen Status als Person. Dem Menschen als holistischem Wesen, das über den Leib in der Welt ist und sich in ihr ausdrückt, wird dies nicht gerecht. Macht man Kommunikation ausschließlich an Kompetenzen fest, die verbaler und kognitiver Natur sind, kann es nicht verwundern, wenn Sprachlosigkeit zwischen Pflegenden und Menschen mit Demenz mit all seinen Konsequenzen vorherrscht. Umso erfreulicher ist es, wenn das Thema Demenz einmal aus leibphänomenologischer Perspektive beleuchtet wird, wie dies im Buch von Sabine Weidert (oder auch in den "Innenwelten der Demenz" von Udo Baer, vgl. die Rezension) geschieht. Indem der Leib und das leibliche Erleben in den Mittelpunkt des Interesses gerückt und in ihrer Bedeutung für die menschliche Existenz als zentraler Form des In-der-Welt-Seins und der Welterfahrung gewürdigt wird, ergeben sich sowohl Möglichkeiten eines nicht-defizitären Bildes von Menschen mit Demenz als auch konkrete Möglichkeiten des Zugangs und der Kommunikation.

Fazit

Während allerorten der Verlust von abstraktem, rationalem Wissen als Grundübel der Demenz beklagt wird, macht die Autorin deutlich, dass es ein eigenes Leibgedächtnis gibt, das unabhängig von dem abstrakten Wissen ist und das uns mit der Welt verbunden sein lässt. Ob dieses prinzipielle Verbundensein sich in Kommunikation und Begegnung mit der Umwelt niederschlägt, hängt wesentlich davon ab, ob diese Umwelt in der Lage ist, Leiblichkeit als Tor zur Welt zu erkennen, anzuerkennen und sich zu erschließen. Dies kann nach Meinung von Sabine Weidert nur über eigene Erfahrungen ermöglicht werden und so ist es nur folgerichtig, wenn sie Selbsterfahrung über ästhetische Ausdrucksformen wie bildnerisches Gestalten zu Musik oder Körperbildprozesse als Bestandteil von Qualifizierung der Pflegenden nicht nur fordert, sondern auch erfolgreich ausprobiert.

Für viele Pflegende dürfte der theoretische Teil des Buches nicht ganz einfach zu lesen sein. Für Personen mit eher konzeptionellem Interesse sowie im Bereich von Lehre und Forschung tätige bietet er jedoch viele wichtige Anregungen, die dazu beitragen können, neue Schlaglichter auf das Thema Demenz zu werfen und über ein reduktionistisches hin zu einem umfassenderen Verständnis der Demenz und der Menschen mit Demenz zu gelangen. Mit den Ausführungen und den praktischen Erfahrungsberichten zur Rolle ästhetischer und selbsterfahrungsorientierter Zugangswege im Kontext von Aus- und Fortbildung gibt Sabine Weidert wertvolle Impulse für die Diskussion um eine wirkungsvolle und praxisverändernde Qalifizierung im Bereich der Demenzpflege. Gewünscht hätte sich der Rezensent, wenn einmal der Versuch gemacht worden wäre, die zentralen  Begrifflichkeiten aus der Leibphilosophie ausführlicher zu entwickeln und auf das Praxisfeld der Demenzpflege zu übertragen. Doch hätte dies sicherlich den  Rahmen der vorliegenden Arbeit gesprengt und mag eher als Hinweis für zukünftige Publikationen betrachtet werden. Ganz en passant hat die Autorin übrigens in ihren Beitrag über Leiblichkeit in der Pflege von Menschen mit Demenz ein weiteres sehr aktuelles und brisantes Thema eingeflochten: Die völlig mangelhafte beziehungsweise überhaupt nicht gegebene Ausrichtung von Krankenhäusern und Kliniken auf die wachsende Personengruppe der Menschen mit Demenz. Was dem Rezensenten auf den ersten Blick eher als Manko erschien – die Behandlung der Leiblichkeitsthematik in einem nicht-spezialisierten Demenzsetting – erweist sich unter diesem Aspekt am Ende doch als Plus.

Rezension von
Dipl. Sozialpädagoge Peter Wißmann
Geschäftsführer Demenz Support Stuttgart gGmbH, Zentrum für Informationstransfer
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Es gibt 12 Rezensionen von Peter Wißmann.

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ISSN 2190-9245