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Udo Baer: Innenwelten der Demenz

Cover Udo Baer: Innenwelten der Demenz. Das SMEI-Konzept. Affenkönig (Neukirchen-Vluyn) 2007. 254 Seiten. ISBN 978-3-934933-19-4. 22,00 EUR.
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Thema

Demenz wird seit jeher in der Fachdiskussion fast ausschließlich als Prozess des Abbaus kognitiver Kompetenzen begriffen und diskutiert. Auch einschlägige Demenzdefintionen, beispielsweise nach dem ICD 10 oder der DSM-IV, definieren die Demenz primär unter dem Aspekt kognitiver Beeinträchtigungen. Nicht verwundern kann es daher, dass auch in der Praxis Interventionen oftmals den  Erhalt kognitiver Funktionen in den Mittelpunkt rücken - siehe beispielsweise die zahlreichen Gedächtnistrainingsprogramme, die angeboten und empfohlen werden.

Udo Baer geht es um einen anderen Zugang zur Demenz. Diese ist für ihn zuallererst und vor allem ein Erlebensprozess -so die Ausgangsthese seines Buches. Aus dem Verständnis dieser Erlebensprozesse der Innenwelten der Demenz lassen sich - so seine weitere These - Indikatoren für den Umgang mit demenziell veränderten Menschen ableiten.

Aufbau

Das Buch "Innnenwelten der Demenz" ist in vier  Abschnitte unterteilt.

  1. Teil 1 ("Demenz - Bestandsaufnahme einer Erkrankung")  mit insgesamt sieben Unterpunkten,
  2. Teil 2 ("Krankheit als Erlebensprozess: Innenwelten") mit sechs und
  3. Teil 3 ("Würdigende Hilfen") mit vier Einzelkapiteln.
  4. In Teil 4 werden die Ergebnisse zusammengefasst.

1. "Demenz - Bestandsaufnahme einer Erkrankung"

Im ersten Teil wird der medizinische und forschungsbezogene Kenntnisstand zur Demenz in erfreulich knapper Form zusammengefasst und dargestellt. Kritisch wird die vorherrschende Fokussierung auf biochemisch und neuronale Veränderungen hinterfragt und eine Erweiterung der Perspektive auf den demenzspezifischen Gesamtprozess mit besonderer Berücksichtigung des Erlebens und des subjektiven Faktors der Krankheit gefordert. Im herkömmlichen Demenzverständnis als Begleiterscheinungen des kognitiven Abbauprozesses angesehene Phänomene wie beispielsweise aggressives Verhalten oder Apathie sind dabei nicht als Begleit-, sondern als Hauptphänomene zu betrachten. In der Demenz - so Udo Baer - verändern sich nicht nur kognitive Fähigkeiten, sondern es verändern sich auch das Gefühlserleben, das Sozialverhalten, das körperlich-leibliche Befinden und mehr. Entscheidende Prämissen der klassischen Definition der Demenz als Abbauprozess kognitiver Kompetenzen - der kognitiv orientierte Gedächtnisbegriff oder die Trennung von Kognitivem und Emotionalem - werden als nicht vereinbar mit den neuen Erkenntnissen der Neurowissenschaften kritisiert. Körper, Gefühle und Denken sind danach begriffliche Konstrukte, die eine Eigenständigkeit unterstellen, die in der Wirklichkeit so nicht vorhanden ist. Kognition, so die zentrale Aussage, ist nicht möglich ohne Emotion und ein isoliertes kognitives Gedächtnis gibt es nicht.

2. "Demenz - Bestandsaufnahme einer Erkrankung"

Im zweiten Teil des Buches werden unterschiedliche theoretische Zugänge zur Demenz als Erlebensprozess dargestellt. Aus der anthropologisch orientierten Medizin (Victor von Weizäcker) wird vor allem die Einführung des Subjekts in die Medizin als wichtig betrachtet. Demenz ist ein zutiefst subjektives Erleben. Eine Veränderung körperlicher Prozesse wird danach dadurch zur Krankheit, dass ein Mensch sie subjektiv als Krankheit erlebt und als Krankheit definiert. Als wesentlich für die Untersuchung des Erlebens von demenziell veränderten Menschen wird die aus der leibphänomenologischen Philosophie resultierende Aussage definiert, dass Erleben immer räumlich ist, also in den Raum, in das soziale Feld, hinein stattfindet und von diesem wiederum beeinflusst wird. Hierauf, sowie auch auf den Begriff der aus der Leibphilosophie und der Ökologischen Psychologie abgeleiteten "Bedeutungsräume", kommt Baer zu einem späteren Zeitpunkt bei der Beschreibung der Innenwelten der Demenz zurück. Der Autor betrachtet die Demenz unter dem Aspekt des Krisenerlebens von zwei Seiten: So, wie die Demenz selbst eine Krise darstellt und als solche empfunden wird, können Krisen - der Umzug ins Heim, der Verlust eines Angehörigen - auch in die Demenz führen und diese verstärken. Antworten auf dieses Krisenerleben sind Halt, Begegnung und Sinn. Noch einmal greift er seine Kritik an der Fokussierung auf ein kognitives Gedächtnis zurück und stellt dem ein Leibgedächtnis gegenüber:  In diesem Gedächtnis des Erlebens vereinigen sich "bildhafte Erinnerungen mit dem akustischen Gedächtnis, dem atmosphärischen Gedächtnis, dem Körpergedächtnis, dem kognitiven Gedächtnis, dem Gedächtnis des Geschmacks und dem anderer Sinne und Leibregungen". Der gängigen Auffassung, dass das Gedächtnis des Menschen in "Jahresringen" organisiert sei, erteilt Baer unter Verweis auf aktuelle neurowissenschaftliche Erkenntnisse eine Absage. Vielmehr blieben diejenigen Erfahrungen aktiv und dem Erleben zugänglich, die von besonderer Bedeutung seien und für deren Aktivierung keine Verknüpfung mit neuen Informationen benötigt werden. Dies könnten daher nicht allein ältere Erinnerungen, sondern auch wichtige Erfahrungen aus jüngerer Zeit sein. Nach einer Thematisierung der Aspekte "Gefühle" und "Bedeutungsräume" kommt Baer zu einem zentralen Begriff seines Ansatzes: "Jedem Erleben wohnt eine Richtung inne". Richtungs-Leibbewegungen (z.B. vor und zurück, hinein und hinaus) sind bei den Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Für die Demenz konstatiert Baer eine Verringerung der Fähigkeit des Gerichtetseins. Da Desorientierung für ihn letztlich nichts anderes ist als der Verlust oder die Einschränkung der Fähigkeit, Richtungen einzuschlagen, erhält die Förderung des Gerichtetseins eine große Bedeutung für den Umgang mit demenziell veränderten Menschen. Dies gilt erst recht für die Förderung des Sinneserlebens, denn die Sinne werden als die Brücke zwischen den Menschen und ihrer Umgebung begriffen und Erleben kann immer nur sinnlich sein. Da Sinneswahrnehmungen laut Baer in der Demenz in unterschiedlicher Weise beeinträchtigt sein können, andererseits aber immer größere Bedeutung für den Einzelnen gewinnen, ist alles, was die sinnliche Wahrnehmung der Welt unterstützt und fördert, gut und sinnvoll. Über die Sinneswahrnehmungen können gemeinsame Erlebnisräume zwischen Menschen mit und ohne Demenz geschaffen werden. Der Teil 2 des Buches endet mit einer Darstellung individueller Copingstrategien auf das Erleben einer Demenz.

3. "Würdigende Hilfen"

Im dritten  Teil stellt Udo Baer sein Konzept der "SensoMotorischen Erlebnis-zentrierten Interaktion (SMEI) vor, das auf der Grundlage des zuvor dargestellten Verständnisses der Innenwelten der Demenz entwickelt wurde. Nicht spezielle Techniken, sondern eine bestimmte Haltung wird dabei als zentral angesehen. Diese Haltung macht der Autor an fünf Strategemen fest, die leitend für das konkrete Handeln im pflegerischen und therapeutischen Alltag sein sollen: Neben dem übergreifenden Strategem der Orientierung an der Würde des Menschen mit Demenz sind dies im weiteren die Würdigung seiner Ressourcen, der Beziehung und Resonanz, des Erlebens und der Sinnlichkeit. SMEI selbst ist ein seit vielen Jahren angewandtes und kontinuierlich weiterentwickeltes Gruppenangebot für Menschen vor allem in einem frühen oder mittleren Stadium der Demenz. In den hier eingesetzten Hauptmethoden - Qualitative Sensibilisierung, spielerische Förderung des Gerichtetseins, Stärkung des Körpererlebens, Arbeit mit Raum- und Richtungsleibbewegungen, Mobilisieren des Leibgedächtnisses und mehr - tauchen alle in den vorangegangenen Kapiteln vorgestellten Grundbegriffe wieder auf und erfahren eine Konkretisierung auf der Handlungsebene. Ein kleines Kapitel ist dem "sanften Tanz" als einer speziellen Form im Rahmen der SMEI-Angebote gewidmet. Bevor der Autor die wesentlichen Aussagen seines Buches noch einmal zusammenfasst, nimmt er noch einmal einen Perspektivwechsel vor: Stand bis dahin das Erleben demenziell veränderter Menschen im Vordergrund, widmet Baer sich hier  einer kleinen Phänomenologie des Erlebens von beruflich und familiär Pflegenden.

Diskussion

An Veröffentlichungen zum Thema Demenz mangelt es auf dem Buchmarkt in keiner Weise. Nur selten können sich neue Bücher jedoch dadurch legitimieren, dass sie nicht nur stattsam Bekanntes oder für bekannt und zutreffend Gehaltenes wiederholen, sondern  neue Aspekte, Erkenntnisse oder auch Blickwinkel in den Fachdiskurs einbringen. Hiervon unterscheidet sich das Buch "Innenwelten der Demenz" sicherlich. Wenn auch hier natürlich nicht "das Rad neu erfunden wird" - worum es auch nicht immer gleich gehen muss - zeichnet es sich doch vor allem durch die folgenden Punkte aus:

  • Ausführungen zu medizinischen Definitionen, Epidemiologie usw. nehmen nicht - wie sonst leider viel zu oft - einen Großteil des Buchumfangs in Anspruch, sondern sind knapp, verständlich und auf das Wesentliche konzentriert gehalten.
  • Der Aspekt, der für den Betroffenen und auch für Pflegende der zentrale sein dürfte, wird in den Fokus der Betrachtung gestellt: Das Erleben oder die Innenwelten der Demenz. Erfrischend, wie Udo Baer diese Perspektive aufgreift und sich nicht scheut, dabei auch "heilige Kühe" zu kritisieren, so zum Beispiel die gängigen Demenz-Definitionen (ICD 10, DSM-IV), weil diese die Krankheit auf ein kognitives Problem reduzieren und wesentliche andere Aspekte allenfalls als Begleiterscheinungen wahrnehmen.
  • Der Autor hat jedoch kein Bekenntniswerk geschrieben, sondern erläutert und untermauert seine zentralen Thesen mit Erkenntnissen aus der neurowissenschaftlichen Forschung und aus unterschiedlichen fachlichen Disziplinen. Sein Buch basiert zudem auf einer von ihm selbst durchgeführten qualitativen Studie zum subjektiven Charakter des Demenzerlebens. Mögen Begrifflichkeiten aus dem Umfeld der Leibphänomenologie oder der anthropologischen Medizin für viele Leser auf den ersten Blick auch neu sein, liegt hierin der spezifische Reiz des Buches: einmal neue Blickwinkel kennenzulernen. Sicherlich tut es dem stark medizinisch-biologisch und pflegerisch orientierten Fachdiskurs zur Demenz gut, Impulse aus anderen Disziplinen aufzunehmen und fruchtbar zu machen.

Mit dem SMEI-Konzept stellt der Autor ein praktisches Angebot für die Betreuung von Menschen mit Demenz vor, das aus den theoretischen Erkenntnissen zur Demenz als sinnlich-leiblichem Erlebensprozess gespeist wird. Da sich dieses jedoch - was seine Qualität nicht schmälert - im "klassischen" Rahmen eines begrenzten Gruppenangebots für leicht oder mittelschwer demenziell veränderte Menschen bewegt, bleibt die Frage offen, wie die Erkenntnisse aus den "Innenwelten der Demenz" weiterentwickelt und für die alltägliche Begleitung, Begegnung und Betreuung nutzbar gemacht werden können.

Fazit

Das Buch sei all denjenigen empfohlen, die einmal aus einer anderen Perspektive auf die Demenz als sinnlich-leiblichem Erleben schauen möchten und Impulse für eine wertschätzende, die "Innenwelten der Demenz" in den Fokus stellende Begleitung von Menschen mit Demenz  suchen.


Rezensent
Dipl. Sozialpädagoge Peter Wißmann
Geschäftsführer Demenz Support Stuttgart gGmbH, Zentrum für Informationstransfer
Homepage www.demenz-support.de


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Zitiervorschlag
Peter Wißmann. Rezension vom 11.02.2008 zu: Udo Baer: Innenwelten der Demenz. Das SMEI-Konzept. Affenkönig (Neukirchen-Vluyn) 2007. ISBN 978-3-934933-19-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5426.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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