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Andreas Maercker (Hrsg.): Alterspsychotherapie und klinische Gerontopsychiatrie

Cover Andreas Maercker (Hrsg.): Alterspsychotherapie und klinische Gerontopsychiatrie. Springer (Berlin) 2002. 389 Seiten. ISBN 978-3-540-42077-4. 39,95 EUR.
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Einführung in das Thema

Die Zunahme des Alters der Menschen in den letzten Jahrzehnten hat die Gesellschaft und auch speziell die Medizin vor unbekannte Schwierigkeiten gestellt. Die klinischen Wissenschaften - Medizin und Psychologie - müssen sich dieser noch wachsenden Bevölkerungsgruppe zuwenden und sich intensiver damit beschäftigen. Es besteht insgesamt ein erheblicher Nachholbedarf und viele Fragen sind ungeklärt. Deswegen ist jede Veröffentlichung darüber zu begrüssen - insbesondere die sich mit den Fragen der psychischen Situation der alten Menschen beschäftigen.

Der Herausgeber und die AutorInnen

Der Herausgeber A. Maercker ist Professor für Psychologie an der Universität Zürich. Das Buch enthält 15 Kapitel, die je von bis zu vier verschiedenen AutorInnen verfasst wurden. Acht der Autoren sind englischsprachige WissenschaftlerInnen.

Laut Vorwort versteht sich das Buch als Praktikerbuch mit einer kognitiv-behavioralen Therapieorientierung

Inhalt

Das 1. Kapitel - verfasst von A. Maercker - stellt die "Psychologie des höheren Lebensalters. Grundlagen der Alterspsychotherapie und klinische Gerontopsychologie" dar. Die wissenschaftlich untersuchten Fakten über diesen Bereich werden kurz und übersichtlich vorgestellt und öfters wird darauf hingewiesen, dass "empirische Untersuchungen zu diesem Problemfeld hierzu nicht verfügbar (sind)." Es handelt sich um eine Übersicht über den gesamten Bereich. Die Multimorbidität des Alters wird nur knapp angeschnitten.

Auf die Aspekte des "soziologischen" Lebenslaufes wird nur hingewiesen bzw. fehlen. Die Wichtigkeit von Glaube und Sinnfindung im Alter wird nur knapp angeschnitten.

Das 2. Kapitel über die "Störungsepidemiologie: Prävalenz, Behandlungsbedarf und Versorgung von psychischen Störungen" stammt von U. Soeder. Es werden die wichtigsten psychischen Störungen, die Behandlungsbedürftigkeit und die bestehende Versorgungssituation besprochen. Dabei werden die Barrieren in der Motivation und im Versorgungssystem hervorgehoben.

Das 3. Kapitel von M. Linden stellt die "Versorgungsepidemiologie: Umfang und Bedingungen der Inanspruchnahme ärztlicher und pflegerischer Hilfe" dar. Die Probleme der Inanspruchnahme von Hilfen durch die alten Menschen und deren Betreuer bzw. Therapeuten werden diskutiert.

Das 4. Kapitel zeigt "Einen lebensspannenpsychologischen Ansatz der Alterpsychotherapie" der ( amerikanischen ) Autoren B. Knight, G. Robinson und D. Satre auf. Knight entwickelte das Kontext-Kohorten-Reife-Herausforderungsmodell, das schlicht besagt, dass die Alterskohorten ihr Leben in bestimmten weltgeschichtlichen und persönlichen Lebenssituationen verbracht haben, die sie bzw. ihr Weltbild wesentlich geprägt haben. Das hat zur Folge, dass der Psychotherapeut sich tief mit dem Lebensgeschehens des einzelnen alten Menschen beschäftigen muss und dieses im Zusammenhang verstehen muss. Besonders hingewiesen wird auf die Schwierigkeiten einer psychologischen Betreuung in Alteneinrichtungen.

Das 5. Kapitel - verfasst von T. Gunzelmann und W.-D. Oswald - stellt die "Gerontologische Diagnostik" dar. Es werden die diesbezüglichen Probleme insgesamt und die verschiedenen Testverfahren der kognitiven Leistungen, der Demenzen, der Depressionen, der Angststörungen und der Alltagsaktivitäten kurz in einer guten, teils stichwortartigen Aufzählung beschrieben.

Das 6. Kapitel von B. Baier, B. Romero u. H. Förstl über die "Psychopharmakologie und Psychotherapie" führt die allgemeinen Schwierigkeiten bei den alten Menschen und die Substanzgruppen der Medikamente kurz als Übersicht auf. Besonders hingewiesen wird auf die Verordnung von Benzodiazepinen und die eventuelle Gefährdung durch die Entwicklung einer Abhängigkeit.

Dieser erste Teil des Buches mit 140 Seiten erfasst die Grundlagen des Alters, der medikamentösen und der psychotherapeutischen Behandlung alter Menschen. Die Texte sind klar, aber kurz als Übersichten formuliert. Dieser Teil ist gut zur allgemeinen ersten Information über die diesbezüglichen Probleme zu benutzen.

Der zweite Teil bringt die spezielle Ausprägung der psychischen Störungen im Alter und deren Psychotherapie.

Das 7. Kapitel von M. Hautzinger beschreibt die "Depressiven Störungen". Es werden dargestellt: die Diagnose, Häufigkeit, Verlauf, Risikofaktoren, Begründung für Psychotherapie im Alter, sowie die verschiedenen Ansatzpunkte für eine psychologische Intervention. Weiterhin wird ein vom Autor entwickeltes kognitiv-verhaltenstherapeutisches Gruppenprogramm und die Ergebnisse beschrieben.

Das Thema wird theoretisch bearbeitet und es fehlen Hinweise auf die praktische Arbeit und Probleme. Ebenso wird der Aspekt einer körperlichen Krankheit bzw. die medizinische Problematik nicht thematisiert.

Das 8. Kapitel über "Angststörungen" stammt von der Amerikanerin P. Wisocki. Im ersten Teil wird ausführlich auf die Probleme der Diagnostik bei alten Menschen hingewiesen. Unter anderem wird die Schwierigkeit besprochen, Sorge und Angst zu differenzieren. Im zweiten Teil geht es um die Behandlung mit der Verhaltenstherapie bei der Agoraphobie, der sozialen Phobie, der einfachen Phobie, der Generalisierten Angststörung, der Panikstörung und der Zwangsstörung. Die Therapien werden kurz und teilweise stichwortartig abgehandelt. Am Ende werden die diesbezüglichen Forschungsergebnisse dargestellt. Er wird diskutiert, ob die bekannten Therapien auch bei alten Menschen eingesetzt werden können.

Das 9. Kapitel über die "Sexuellen Dysfunktionen" schreibt die Amerikanerin A. Zeiss. Die Veränderungen im Alter im sexuellen Bereich und eine Intervention auf psychologischer Grundlage - das PLISSIT-Modell - werden dargestellt. Die Darstellung ist insgesamt veraltet (vgl. Literaturverzeichnis). In den letzten zehn Jahren sind durch die Entwicklung von unterstützenden Möglichkeiten des sexuellen Vorganges, besonders beim Mann, viele Untersuchungen angestoßen und durchgeführt worden, die für die Therapie der Sexualität des alten Menschen eine neue Bewertung erfordern.

Das 10. Kapitel von A. Plattner und T. Ehrhardt behandelt die "Psychotherapie bei beginnender Alzheimer-Demenz". Es werden der Aufbau, die Vermittlung, die Auswahl, die Verstärkung und die Durchführung einer allgemeinen verhaltenstherapeutischen Behandlung aufgezeigt.

Das 11. Kapitel von A. Maercker behandelt ausführlich die "Posttraumatischen Belastungsstörungen und komplizierte Trauer". Die traumatischen Erlebnisse alter Menschen können auf früheren Traumata beruhen, auf aktuell erlebten Traumata und auf verzögert auftretenden früheren Traumata. Therapeutische Interventionen sind u.a. die Lebensbilanzannahme, die Traumagedächtnisannahme und die Sinnfindungsannahme. Unter einer komplizierten Trauer wird ein besonders belastender bzw. fortgesetzter Trauerprozess verstanden. Allgemeine Therapieelemente und Interventionsformen werden aufgeführt.

Der Bereich wird gut, übersichtlich und überwiegend theoretisch dargestellt. Es fehlt eine Diskussion von praktische Hinweisen, wo die Grenze zwischen einem normalen Prozess und einer pathologischen Veränderung mit therapeutischen Konsequenzen liegt.

Der dritte Teil des Buches beschäftigt sich mit der klinischen Gerontopsychologie.

Das 12. Kapitel behandelt den "Übergang ins Seniorenheim: eine Herausforderung für Senioren - und für Psychologen" von den Autoren U. Baumann, H. Mitmansgruber, C. Thiele und L. Feichtiger. Hierin werden zuerst die Probleme der Hilfs- und Pflegebedürftigkeit im Alter und danach die Schwierigkeiten des Überganges in ein Seniorenheim dargestellt.

Das 13. Kapitel werden von S. Zank die "Selbstständigkeitsinterventionen" bearbeitet, in dem die psychologischen Theorien einer Unselbstständigkeit und dann die Strategien zur Rehabilitation im Alter dargestellt werden.

Das 14. Kapitel von dem Amerikaner B. Woods verfasst, behandelt die "Psychologische Therapie bei fortgeschrittener Demenz". Es werden drei Behandlungen vorgestellt: der kognitive, der emotionszentrierte und der verhaltenstherapeutische Ansatz.

Das 15. Kapitel bespricht die "Lebensrückblicksinterventionen bei älteren Menschen. Ein psychodynamischer Ansatz", der von den Amerikanern A. Mills und P. Coleman verfasst wurde. U.a. wird auf die Komplexität der Gefühle und die existenziellen Gedanken der alten Menschen hingewiesen und mit Fallbeispielen verdeutlicht.

Am Ende des Buches findet sich ein Anhang mit den Anschriften gerontologischer Institute, Aufbaustudiengänge und Zeitschriften.

Diskussion

Das Buch stellt die Thematik weitgefächert dar und ist in einer klaren und sachlichen Sprache geschrieben. Die Ausführungen sind kurz und übersichtlich. Die Kapitel sind überwiegend theoretisch und haben wenig Bezug auf die praktische Arbeit. Sie geben eine gute Übersicht über die jeweiligen Probleme. Die körperlichen bzw. medizinischen und die sozialen Aspekte fehlen praktisch völlig. Die im Vorwort geäußerte Vorstellung, dass es ein Praktikerbuch sein soll, kann nicht als erfüllt angesehen werden.

Das Buch hat eine klare übersichtliche Struktur. Der Inhalt jedes Abschnittes ist am Seitenrand für den schnellen Leser zusammengefasst, teilweise wird die Lesbarkeit dadurch beeinträchtigt. Die Inhaltsseiten, die Tabellen und Zusammenfassungen sind dunkelblau unterlegt und damit schlecht lesbar.

Es fehlt eine Diskussion über die Fragen, wo in den Altersphasen die Grenze zwischen gesund und krank bzw. behandlungsbedürftig liegt. Eine wesentliche Voraussetzung bei den psychologischen Untersuchungen ist die Bereitschaft zur Mitarbeit und zur Studienteilnahme und damit werden nur weitgehend gesunde Personen erfasst.

Fazit

Das Buch ist empfehlenswert für alle Berufsgruppen, die sich mit den alten Menschen beschäftigen, als kurze und gute Übersicht für den Bereich der psychischen Probleme und Behandlungsmöglichkeiten bei alten Menschen.


Rezension von
Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Stumpfe
Arzt für Psychiatrie
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Lehrgebiet: Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie


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Zitiervorschlag
Klaus-Dietrich Stumpfe. Rezension vom 04.02.2003 zu: Andreas Maercker (Hrsg.): Alterspsychotherapie und klinische Gerontopsychiatrie. Springer (Berlin) 2002. ISBN 978-3-540-42077-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/543.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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