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Klaus Fröhlich-Gildhoff: Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen

Cover Klaus Fröhlich-Gildhoff: Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2007. 240 Seiten. ISBN 978-3-17-018737-5. 28,00 EUR.

Reihe: Module angewandter Psychologie, herausgegeben von Johanna Hartung/ Klaus Fröhlich-Gildhoff.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-17-023267-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Autoren und Autorin

Prof. Dr. Klaus Fröhlich - Gildhoff ist hauptamtlicher Dozent für Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der EFH Freiburg sowie Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung, des BA Studiengangs Pädagogik der Frühen Kindheit und des Projektes "Profis in Kitas" (Robert Bosch Stiftung) an der EFH Freiburg.

Thomas Hensel ist Dipl.-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Ausbilder in personzentrierter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, EMDR Supervisor und Facilitator am Institut für Traumatherapie Berlin. Seit 1986 arbeitet er psychotherapeutisch in eigener Praxis in Offenburg mit Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Klienten.

Eva-Maria Sättele ist Dipl.-Heilpädagogin (FH), in Systemischer Familientherapie (IFW A&E) und Systemischer Supervision (IFW A&E) ausgebildet, leitet eine Frühförderstelle, hat eine eigene Praxis für Heilpädagogik, Familientherapie sowie Supervision und arbeitet als Lehrbeauftragte der Studienrichtung „Pädagogik der frühen Kindheit“ an der ev. Fachhochschule Freiburg. Ihre beruflichen Schwerpunkte und Interessen betreffen die Arbeit mit Familien entwicklungsauffälliger und behinderter Kinder, Trennungs- und Scheidungsfamilien, Familien im multikulturellen Kontext sowie das Thema Kind und Schule.

Gegenstand und Zielgruppen

Die Reihe „Module angewandter Psychologie“ hat das Ziel, für die neuen Studieninhalte der Bachelor-Studiengänge wissenschaftlich fundiertes und praxisbezogenes, zugleich aber auch gut lesbares und in den Stoff einführendes Lehr- und Lernmaterialien zur Verfügung zu stellen. Diesen Erfordernissen wird das vorliegende Buch in hohem Maße gerecht. Von einer integrierten, theorieschulenübergreifenden Perspektive aus gibt es einen Überblick über die wichtigsten Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter und über darauf bezogene Unterstützungsmöglichkeiten. Vorwiegend an Studierende der Heil - und Sonderpädagogik gerichtet, bietet es aber auch Studierenden der Sozialpädagogik und Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe eine gute Orientierung. In dem Buch werden Richtungen, Zusammenhänge und Entwicklungsstränge verdeutlicht, die einen fundierten und differenzierten Überblick ermöglichen und zu einem intensiven, selbständigen Studium anleiten.

Aufbau

Einem Vorwort der beiden Herausgeber der Buchreihe und einem Vorwort des Autors des vorliegenden Buches folgen 6 Kapitel, eine ausführliche Literaturliste und ein Stichwortverzeichnis. Jedes Kapitel schließt mit einer kompakten Zusammenfassung, Fragen zur Selbstprüfung und weiterführenden Literatur- hinweisen ab.

1. Einleitung

In der Einleitung werden die einzelnen Kapitel vorgestellt und in ihrer Bedeutsamkeit erläutert. Es wird darauf hingewiesen, dass das Buch nicht den Anspruch erhebt, ein vollständiges Panorama der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu dem Thema zu bieten, sondern vielmehr einen Überblick, der durch weiterführende Literatur vertieft werden kann.

2. Begriffsbestimmung: Was ist „verhaltensauffällig“?

Um zu einem klareren Begriff von Auffälligkeit oder Störung eines Verhaltens zu gelangen, stellt sich die Frage, was denn „verhaltensauffällig“ im Gegensatz zu „verhaltensunauffällig“ ist. Dabei wird sehr ausführlich auf verschiedene Klassifizierungssysteme eingegangen, denen soziale und statistische, aber funktionale, ideale und subjektive Normen zugrunde liegen. Anschließend werden anhand der gängigen Klassifikationssysteme Kriterien für „Auffälligkeit“ und Störung“ expliziert und die Begriffe „Seelische Erkrankung“ und „Seelische Behinderung“ definiert. Dabei lassen sich in der Diagnostik zwei Ansätze unterscheiden, einerseits die kategoriale und andererseits die dimensionale Diagnostik. Diese beiden Ansätze werden anhand des ICD 10 und des DSM IV vorgestellt, wobei aufgrund der stärkeren Verbreitung im deutschsprachigen Raum auf das ICD 10 Bezug genommen wird.

3. Allgemeines Modell der Entstehung von Verhaltensauffälligkeiten

Allgemeine Überlegungen. Die modernen Entwicklungswissenschaften und theoretischen Konzepte der unterschiedlichen Psychotherapieschulen gehen von einem engen Zusammenwirken biologischer, sozialer und innerpsychischer/-psychologischer Faktoren bei der Entwicklung des Menschen aus. Es lassen sich keine linearen Abhängigkeiten nachweisen. Anhand einer Abbildung (die von Petermann et al. 2004 übernommen wurde) werden gestörte oder normale Funktionsweisen auf die Prinzipien Äquifinalität und Multifinalität zurückgeführt. Äquifinalität bedeutet, dass Organismen von unterschiedlichen Ausgangsbedingungen auf unterschiedlichen Wegen das gleiche Entwicklungsziel erreichen können. Das Prinzip der Multifinalität ist dem Prinzip der Äquifinalität insofern komplementär, als damit zum Ausdruck gebracht wird, dass trotz scheinbar gleicher oder vergleichbarer Ausgangsbedingungen und Wege verschiedene Entwicklungsziele erreicht werden.

Frühkindliche Normalentwicklung: Die Entstehung des Selbst als handlungsleitende Struktur. Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie der frühen Kindheit belegen, dass Säuglinge schon als kompetente Wesen auf die Welt kommen. Bereits vor der Geburt machen Embryonen erste Sinneserfahrungen, der Aufbau von strukturierten neuronalen Netzwerken beginnt und eine frühe Eigenaktivität entsteht. Nach der Geburt leitet das Kind eine hochdifferenzierte präverbale Kommunikation ein und verfügt über einen differenzierten Wahrnehmungsapparat sowie über ein differenziertes Grundmuster an Affekten und „Energie“, sich kundzutun bzw. zu verhalten. Es ist eine grundsätzliche Tendenz festzustellen, dass Kinder versuchen, die Welt zu erobern, zu meistern und auch Mängel zu kompensieren. Aus den „generalisierten Repräsentationen von Interaktionserfahrungen“ entstehen zentrale Elemente der Selbststruktur. Diese Erkenntnisse werden auch durch die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung gestützt und beeinflussen die wissenschaftlichen Untersuchungen in Bezug auf die Entstehung und Erklärung von Verhaltensauffälligkeiten.

Integratives bio-psycho-soziales Modell zur Erklärung von Verhaltensauffälligkeiten. Das Modell geht davon aus, dass sich im Zusammenspiel von biologischen Ausgangsbedingungen und (früh)-kindlichen (Beziehungs-)Erfahrungen eine individuelle Selbststruktur entwickelt, die jedoch von Risiko- und Schutzfaktoren beeinflusst werden kann. Durch den Prozess der Bewältigung altersspezifischer Entwicklungsaufgaben müssen auch Stress- und Belastungssituationen individuell verarbeitet werden.

4. Diagnostik und Indikationsstellung

Um einen Sachverhalt besser einschätzen und verstehen zu können, z. B. das problematische Verhalten eines Kindes, müssen systematisch Daten gesammelt und analysiert werden. Diesen Prozess bezeichnet man als Diagnostik. Das vorliegende Kapitel widmet sich u. a. der Bedeutung der Diagnostik, der Empfehlung von Handlungsschritten sowie Perspektiven, Zielen und der Stellung einer Indikation. Weiterhin werden verschiedene diagnostische Methoden vorgestellt, wie die Erhebung der Anamnese, die Diagnostik psychosozialer Bedingungen, Beobachtungsverfahren, psychologische Testverfahren sowie körperbezogene Diagnoseverfahren.

5. Spezifische Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen

In diesem Kapitel werden 3 Auffälligkeitsformen, internalisierende, externalisierende und komplexe Auffälligkeiten, gegenübergestellt. Zu den internalisierenden Auffälligkeiten werden Depression, Angst- und Essstörungen gezählt. Wesentliche externalisierende Verhaltensauffälligkeiten sind Aufmerksamkeitsdefizite, Hyperaktivitätsstörungen sowie Gewalt und Delinquenz. Zu den komplexen Auffälligkeiten zählt man die Borderline-Persönlichkeitsstörung, Reaktionen auf schwere Belastungen (Traumafolgestörungen) sowie Folgen von Drogenmissbrauch und -abhängigkeit.

5.1 Internalisierende Auffälligkeiten

  • Depression. Depressionen sind durch eine traurige, niedergedrückte Stimmung, geringes Selbstwertgefühl, Antriebsverminderung, sozialen Rückzug und andere, auch körperliche Symptome, begleitet. Bei Kindern äußern sich Depressionen auch im Spiel- und Essverhalten. Ursächlich können Temperamentsfaktoren eine Rolle spielen, wobei die Emotionsregulation hier eine besondere Bedeutung hat. Da depressive Kinder unzureichende Selbstwirksamkeitserfahrungen gemacht haben, verfügen sie über wenig Kontrollvermögen, wodurch sich wiederum eine geringe Kontrollerwartung herausbildet. Therapeutische Interventionen zielen darauf ab, die selbstabwertenden Kognitionen zu mindern und Bewältigungskompetenzen zu entwickeln.
  • Angststörungen. Als Angststörungen lassen sich unterscheiden: Trennungsangst, phobische Störungen, Panikstörungen, soziale Phobien und soziale Angststörungen sowie generalisierte Angststörungen. Ursächlich sind auch hier Temperamentsfaktoren (Verhaltenshemmungen) im Interaktionsprozess mit frühen Beziehungserfahrungen zu sehen. Große Bedeutung haben ängstliche elterliche Vorbilder. Therapeutisch sollte man auf der Grundlage sicherer Bindungserfahrungen Kindern die Möglichkeit geben, Verhaltensstrategien auszuprobieren, um angstauslösende Situationen besser bewältigen und negativ gefärbte Kognitionen modifizieren zu können.
  • Ess-Störungen. Zu den Ess-Störungen werden die Anorexie, Bulimie und Adipositas gerechnet. Die Anorexie ist durch einen extremen Gewichtsverlust der Patienten gekennzeichnet. Hauptmerkmal der Bulimie ist das häufige Auftreten von „Fressattacken“, die von „Gegenreaktionen“ (z. B. Erbrechen) begleitet werden. Adipositas wiederum bezeichnet eine übermäßige Vermehrung oder Bildung von Fettgewebe. Ursachen für die Ess-Störungen sind in erster Linie soziale Faktoren. Bei Anorexie und Bulimie spielt das gesellschaftliche Schlankheitsideal eine Rolle. Die Störungen entstehen im Jugend- bzw. jungen Erwachsenenalter, in dem die Körperwahrnehmung einen großen Einfluss auf das Selbstbild und das Selbstwertgefühl hat. Über das Essverhalten wird, versucht Kontrolle auszuüben. Eine Therapie hat nur dann Hoffnung auf Erfolg, wenn sie multimodal erfolgt und auch körperliche Aspekte einbezieht.

5.2 Externalisierende Auffälligkeiten

  • AD(H)S. Kernsymptome der Aufmerksamkeitsdefizit(hyperaktivitäts)störung sind Unaufmerk- samkeit, Überaktivität und Impulsivität. Trotz heftig geführter Fachdiskussionen ist unstrittig, dass eine genaue und umfassende Diagnostik erforderlich ist. Epidemologisch wird davon ausgegangen, dass 3%-5% der Schulkinder deutliche Symptome einer AD(H)S zeigen, wobei eine hohe Komorbidität zur Störung des Sozialverhaltens besteht. Ursächlich stehen Störungen der (Selbst-)Regulation im Vordergrund, die wiederum durch das Zusammenwirken von Temperamentsfaktoren und frühen Interaktionen mit Bezugspersonen bedingt sind. Interventionen sollten multimodal, pädagogisch sowie psychotherapeutisch erfolgen und Kind, Eltern, Lehrer und Erzieher involvieren. Eine medikamentöse Behandlung ist angezeigt, wenn psychotherapeutische Maßnahmen keinen Erfolg haben bzw. eine starke Krise droht.
  • Gewalt und Delinquenz. Trotz einer Vielzahl an Definitionen von Aggression, Gewalt, antisozialem Verhalten und Delinquenz gibt es unter den Forschern die Grundübereinstimmung, dass aggressives und gewalttätiges Verhalten mit einer beabsichtigten Schädigung von anderen Menschen oder Gegenständen verbunden ist. Im Klassifikationssystem ICD 10 wird solches Verhalten als „Störung des Sozialverhaltens“ kategorisiert. Einschlägige Untersuchungen zeigen - abhängig von den jeweiligen Untersuchungs- methoden - eine Prävalenzrate von 4%-15% aller Kinder und Jugendlichen. Für die Mehrzahl gewalttätiger Handlungen - auch im strafrechtlichen Sinne - ist eine kleine Gruppe von „Intensivtätern“ verantwortlich. Ursächlich spielen ein „schwieriges Temperament“ im Zusammenwirken mit frühen Beziehungserfahrungen und mangelnden Selbstregulationsfähigkeiten die Hauptrolle. Ein geringes Selbstwert- gefühl und Mangel an sozialen Kompetenzen wird über gewalttätiges Verhalten kompensiert und als Selbstwirksamkeitserfahrung erlebt. Auslösebedingungen wie unklare soziale Situationen, Überforderung, soziales Klima, Alkohol, Drogen, Hinweisreize (wie z.B. Waffen) sowie schlecht verarbeitete Frustrationen treten ebenfalls hinzu. Die multimodalen Interventionen sollten sowohl Wertschätzung als auch Konfrontation beinhalten.

5.3 Komplexe Auffälligkeiten

  • Borderline – Persönlichkeitsstörung. Bei der Borderlinestörung handelt es sich um einen Symptomkomplex, der durch Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, heftige und schnelle Gefühls- schwankungen, Impulsivität, extreme Wut, ein chronisches Gefühl der Leere sowie selbstverletzendes Verhalten gekennzeichnet ist. Etwa 1%-2% der Bevölkerung - darunter vorwiegend Frauen - sind betroffen. Die Ursachen der Erkrankung sind in der frühen Kindheit zu suchen. In dieser Phase haben sich desorganisierte Beziehungsmuster entwickelt, die im Zusammenspiel mit traumatisierenden Erfahrungen, zum Teil auch mit einem „schwierigen Temperament“, zu einer Vielzahl von Symptomen führen. Massive Aggression/Autoaggression, übermäßige Idealisierungen und rigide Schwarz-Weiß-Betrachtungen gehören dazu. Eine bewährte Methode ist die Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT).
  • Reaktionen auf schwere Belastungen (Traumafolgestörungen). Reaktionen von Kindern und Jugendlichen auf schwere Belastungen führen je nach Art, Schwere und Dauer des Ereignisses, dem zeitlichen Abstand und abhängig vom Alter, zu vielseitigen Symptomen. Es werden Typ 1 - und Typ 2 - Traumata unterschieden. Zu Typ 1 gehören unvorhersagbare Ereignisse, Typ 2 - Traumata bezeichnen Erfahrungen chronischer Traumatisierung wie familiäre Gewalt und sexuellen Missbrauch. Das ICD 10 unterscheidet akute Belastungssituationen von Anpassungsstörungen und posttraumatischen Belastungssituationen. Die Prävalenzrate bei Kindern und Jugendlichen beträgt 1,3%-1,6%. Für die Traumatherapie haben sich verschiedene Standards entwickelt: Schutz vor weiterer Traumatisierung, Ressourcenorientierung, Sicherung der Unterstützung des Kindes durch Bezugspersonen und Umwelt sowie besondere Beachtung von verletzten Sicherheits- und Kontrollbedürfnissen. Eine sicherheitsgebende Beziehungs- gestaltung, die transparent und dialogisch strukturiert sein sollte, hat eine grundlegende Bedeutung.
  • Drogenmissbrauch und Drogenabhängigkeit. Es ist zu unterscheiden zwischen Drogenmissbrauch und Abhängigkeit. Die Unterscheidung erfolgt dabei nach dem ICD 10. Der Einstieg in den Konsum von Alkohol und illegalen Drogen erfolgt im Jugendalter, wobei 97% aller 16-19jährigen Erfahrungen mit Alkohol gemacht haben, ein Drittel davon mit regelmäßigen Rauschzuständen. Ebenfalls ein Drittel der Jugendlichen konsumiert illegale Drogen. Je früher das Einstiegsalter, desto größer das Risiko, eine Abhängigkeit zu entwickeln. Therapeutisch muss auf mehreren Ebenen gearbeitet werden: Auf der körperlichen Ebene, auf der Behandlungsebene psychischer Funktionsstörungen und beim Aufbau einer Lebensperspektive.

6. Unterstützungs- und Begegnungsmöglichkeiten bei Verhaltensauffälligkeiten

In diesem Kapitel werden unterschiedliche Hilfen, Unterstützungsmöglichkeiten und Präventivansätze dargestellt.

6.1 Frühe Hilfen. Zu den Frühen Hilfen gehören die Frühförderung und - in den letzten Jahren - Unterstützungsmöglichkeiten für Eltern und Säuglinge. Die Frühförderung ist ein Angebot für behinderte oder von Behinderung bedrohte Kinder, insbesondere in den ersten 3 Jahren bis zur Einschulung. Man unterscheidet Interdisziplinäre Frühförderstellen, die regionale Angebotsstrukturen bieten, sowie Sozialpädiatrische Zentren, die mit überwiegend medizinischem Schwerpunkt überregional agieren. Es wird familienbezogen und vernetzt gearbeitet. Das Spektrum umfasst Früherkennung, Diagnostik, Förderung und Therapie sowie Beratung und Begleitung der Bezugspersonen. In den letzten Jahren haben sich Unterstützungsmöglichkeiten für Eltern und Säuglinge herausgebildet. Sie beinhalten Elternkurse, Hebammenbetreuung, entwicklungspsychologische Beratung und Eltern - Säugling - Psychotherapie.

6.2 Jugendhilfe, Hilfen zur Erziehung. Die rechtliche Grundlage dafür ist das Kinder- und Jugendhilfegesetz, in dem der Anspruch von Kindern und Jugendlichen auf eine Förderung ihrer Entwicklung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit festgelegt ist. Zu den Hilfen zur Erziehung gehören stationäre, teilstationäre und ambulante Hilfen. Zu den stationären Hilfen werden Heimerziehung und Pflegefamilien gerechnet. Eine teilstationäre Hilfe ist die Betreuung in einer Tagesgruppe, und zu den ambulanten rechnet man die Familienhilfe, die intensive Einzelbetreuung und die Soziale Gruppenarbeit. Anhand von Hilfeplänen werden die Entwicklungsverläufe der Kinder entsprechend evaluiert und Unterstützungsmaßnahmen realisiert.

6.3. Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. Unter diesem Gliederungspunkt wird dargestellt, dass sich die Psychotherapie für Kinder und Jugendliche parallel zu den klassischen Therapieschulen entwickelt hat. Gegenwärtig gibt es Bemühungen, Grundprinzipien einer schulenübergreifenden „Allgemeinen Psychotherapie“ zu formulieren und zu realisieren. Die therapeutische Beziehung ist das Kernstück des Psychotherapieprozesses. Zu den therapeutischen Grundprinzipien gehören neben der fachlichen Kompetenz des Therapeuten Kongruenz, Wärme, Engagement, Wertschätzung Akzeptanz, Empathie und Feinfühligkeit. In der Kindertherapie ist das zentrale Medium das Spiel. Aus Analysen von Therapieverläufen lassen sich fünf Wirkfaktoren feststellen: Ressourcenaktivierung, Hilfe zur Problembewältigung, Klärung, prozessuale Aktivierung sowie allgemeiner Kompetenzerwerb.

6.4. Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist ein wichtiger Baustein im System der Unterstützung und Versorgung von verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Sie ist zuständig für die Diagnostik, Therapie, Rehabilitation und Prävention psychischer sowie neuropsychiatrischer Störungen und Erkrankungen von der Geburt bis zur Volljährigkeit.

6.5 Der Blick über das Individuum hinaus: Die Arbeit mit Eltern und sonstigen Bezugspersonen. Fachlich ist es unstrittig, dass auch die begleitende Arbeit mit den Bezugspersonen der Kinder und Jugendlichen zum Gesamtkomplex der Problembewältigung gehört. Die Arbeit mit Familien basiert auf einer Grundhaltung, die durch Wertschätzung und grundsätzliche Akzeptanz der Familie gekennzeichnet ist. Bewährte Methoden sind Ressourcenaktivierung, Neudefinition des Problems, Reframing (Umdeuten), das Erstellen eines Familiengenogramms oder das Arbeiten mit Familienskulpturen. So genannte Elternkurse haben in der Regel primär-präventiven Charakter und dienen der Stärkung der Erziehungskompetenz von Eltern.

6.6. Prävention und Resilienzförderung. Da die Wurzeln für viele Verhaltensauffälligkeiten in den ersten Lebensjahren liegen, ist es sinnvoll, möglichst frühzeitig präventive Maßnahmen für Eltern und Kinder anzubieten. Bekannte Präventivprogramme, die auf eine allgemeine Entwicklungsförderung abzielen, sind beispielsweise „EFFEKT“ oder „PRIK“. Ein Präventivprogramm mit einer spezifischen Zielrichtung ist z. B. „Faustlos“; es soll der Prävention aggressiven und gewalttätigen Verhaltens dienen. Außerdem gibt es auch Konzentrationstrainingsprogramme für Kindergarten- und Vorschulkinder, von denen sich viele auch für den Grundschulbereich eignen; mehrere davon sind gut evaluiert.

Fazit

Aus psychologischer Sicht wird in komprimierter Form ein breites Spektrum von Verhaltensauffälligkeiten gleichermaßen interdisziplinär wie praxisnah dargestellt. Das Buch bietet insbesondere Studierenden von Bachelorstudiengängen der Heil-, Sonder- und Sozialpädagogik profundes Wissen über bio-psycho-soziale Zusammenhänge bei der Genese unterschiedlicher Verhaltensauffälligkeiten.


Rezensentin
Prof. Dr. Eva-Mia Coenen
Studienrichtungsleiterin Hilfen für Erziehung an der Staatlichen Studienakademie Breitenbrunn
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Zitiervorschlag
Eva-Mia Coenen. Rezension vom 02.06.2009 zu: Klaus Fröhlich-Gildhoff: Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2007. ISBN 978-3-17-018737-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5437.php, Datum des Zugriffs 07.12.2019.


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