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Karl Landscheidt: Wenn Schüler streiten und provozieren

Cover Karl Landscheidt: Wenn Schüler streiten und provozieren. Richtig intervenieren bei antisozialem Verhalten. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2007. 263 Seiten. ISBN 978-3-497-01926-7. D: 26,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 50,50 sFr.
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Thema

Oppositionelles, aggressives Auftreten von Kindern und Jugendlichen, antisoziales Verhalten, Mobbing, Bullying und Schikanirerei von Schülerinnen und Schülern, Kinder und Jugendliche, die den Unterricht stören und andere Kinder bzw. Jugendliche gefährden – solches Handeln fordert Lehrerinnen und Lehrer heraus. Und ein Blick in die Tagespresse suggeriert, als kapitulierten Schul- und auch Sozialarbeit/-pädagogik vor dem Phänomen störender, auffälliger und provozierenden Kinder und Jugendlicher im Unterricht. Wie aber entsteht antisoziales Verhalten? Welche Rolle spielen entwicklungspsychologische Aspekte und die Interaktion in der Familie? Wie können Lehrerinnen und Lehrer verhaltensauffälligen Kindern angemessen begegnen? Wie lässt sich erwünschtes Verhalten fördern? "Wenn Schüler stören und provozieren" von Karl Landscheidt will, so die Verlagsinformation, "über die wichtigsten Faktoren bei der Entstehung von antisozialem Verhalten" informieren und "Wege aus Krisensituationen" zeigen, "damit Lehrerinnen und Lehrer besser auf antisoziales Verhalten in der Schule reagieren können".

Autor

Der Autor, Dr. Karl Landscheidt, ist "vom Fach": der Diplom-Psychologe, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Psychologischer Psychotherapeut arbeitet als Schulpsychologe bei der Regionalen Schulberatungsstelle der Stadt Oberhausen und ist auch mit Untersuchungen zur Hochbegabung und Begabtenförderung hervorgetreten (http://bsrwn.lsr-noe.gv.at). "Wenn Schüler streiten und provozieren" ist aus "jahrelanger Beschäftigung mit dem Problem antisozialen Verhaltens in der Schule hervorgegangen" (S. 9).

Inhalt

Landscheidt wählt für seine Darstellung eine Zweiteilung: Zunächst gibt er im ersten Teil einen Überblick über die wichtigsten Forschungsergebnisse, während er im zweiten Teil Konzepte zum Umgang mit antisozialem Verhalten im schulischen Alltag vermitteln möchte.

Es geht um Störungen der Aufmerksamkeit einzelner Schülerinnen und Schüler, der Aktivität dieser Schülerinnen und Schüler und – und das vor allem – des Sozialverhaltens. Solches aggressives Verhalten lasse sich im Regelfall als eine Abfolge unterschiedlicher Phasen (Zyklen) beschreiben, jeweils durch besondere Verhaltensaspekte gekennzeichnet, die für jede Phase typisch seien (S. 166). Mit Landscheidt gesprochen ist der medial vermittelte Eindruck, solche "Störungen" hätten (deutlich, wenn nicht sogar dramatisch) zugenommen, nicht wirklich zu halten, obgleich "einige Indikatoren dafür sprechen", dass die sozialen Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen zugenommen haben". Zugleich habe "sich aber auch das Wissen um antisoziales Verhalten deutlich erweitert" (S. 37). Von einer "Entwarnung" kann folglich ebenso wenig die Rede sein, wie von einer dem Phänomen eigenen Dramatik.

Denn auch die Möglichkeiten eines niveauvolleren Umgangs mit dem Phänomen sind gewachsen: Landscheidt verweist zum Beispiel darauf, dass auf "populäre" Erklärungen und Reaktionsmustern im Lichte empirischer Befunde qualifizierter reagiert werden kann. So habe etwa die Vorstellung, man könne in antisozialem Verhalten eingekleidete Aggressionen abreagieren, "keine wissenschaftliche Grundlage" (S. 60), und auch der populär formulierte Zusammenhang von gewaltgeprägter Erziehung und gewaltförmigem Verhalten der Schülerinnen und Schüler sei "eher schwach"; der "Vorstellung eines Kreislaufs der Gewalt" fehle es ebenso an einer wissenschaftlichen Basis (S. 61). Auch zeige die Forschung, dass antisoziales verhalten genetische Wurzeln habe, damit aber kein "weitgehender Determinismus" verbunden sei. Aktuelle Modelle der Neurobiologie blieben "spekulativ", belastbare Forschungsbefunde, welche neurobiologischen Probleme Ausgangspunkte auffälligen Sozialverhaltens sein, lägen nicht vor (S. 74). Insoweit weist der Autor biologischen Erklärungsansätzen ebenfalls nur eine eingeschränkte Bedeutung zu.

Im Kern mündet Landscheidts Blick auf vorliegende empirische Befunde im Rekurs auf psychologische Konzepte, und hierbei insbesondere unter Bezugnahme auf das Oregon-Modell der Entwicklungspsychologie, das er für weitgehend abgesichert und stabil erachtet und zum Ausgangspunkt auch seiner praktischen Perspektiven im zweiten Teil der Veröffentlichung macht (S. 75ff). Das Oregon-Modell gründet im Kern auf dem behavioristisch-lerntheoretischen Modell Burrhus Fredric Skinners und wurde vom Oregon Social Learning Center (www.oslc.org) entwickelt. Karl Landscheidt verweist auf die Skepsis, die es insbesondere in den 1960er und 1970er Jahren an dem mit dem Skinnerschen Instrumentarium verbundenen Vorstellungen verhaltenstheoretisch begründeter Ansätze von Belohnung und Bestrafung bzw. Konditionierung gegeben habe, meint aber wahrgenommen zu haben, dass sich mit dieser  Kritik verbundene Aufgeregtheit in den Diskussion über den "rechten pädagogischen Weg" mittlerweile wieder gelegt habe und die Kritik selbst auf "das hohe Maß an Unkenntnis der zugrunde liegenden Konzeptionen und Fakten" zurück zu führen gewesen sei (S. 96): "Insgesamt hat sich das Oregon-Modell in den zurückliegenden Jahrzehnten als außerordentlich fruchtbar erwiesen und weltweit eine Fülle von Untersuchungen angeregt, die unser Wissen um sozial auffälliges Verhalten ganz erheblich erweitert haben" (S. 97).

Mit diesem Hintergrund setzt sich der Autor im nächsten Schritt seiner Darlegung mit dem aktuellen Stand der (kaum noch überschaubaren) Ansätze zur Behandlung antisozialer Verhaltensstörungen auseinander. Zunächst einmal sei die pharmakologische Behandlung "umstritten" (S. 126), aber auch fallbezogene Therapieprogramme böten "keine Vorgehensweise, die sich als überlegen oder auch nur als Alternative anbieten würde, wenn man Kriterien der wissenschaftlichen Evaluation zugrunde legt" (S. 127). Damit schließlich ist die Tür aufgestoßen für eine Programmatik der innerschulischen Behandlung antisozialen Verhaltens, die sich wieder auf das Oregon-Modell rückbeziehen lässt.

Denn diesen vordergründig wohl kaum ermutigenden Befund vor Augen (Medizin und Therapie werden es nicht richten), versucht Landscheidt im zweiten Teil seines Werkes, Möglichkeiten für schulische Interventionen – jedenfalls jenseits der begrenzten Reichweite von Pharmakologie und Therapie – aufzuzeigen, wenn auch die Zahl der unterschiedlichen Angebote kaum noch zu überblicken sei (S. 129). Gleichwohl sei es möglich, auf die einzelnen Phasen antisozialen Verhaltens bezogene Interventionen zu entwickeln, um eskalierende Verhaltenszyklen zu vermeiden bzw. zu unterbrechen. Dafür sei ein "schulischer Ordnungsrahmen" erforderlich, der im Sinne des Oregon-Konzeptes stabile Bezugspunkte setze (S. 167 – 194). Schulinterne Programm müssten "proaktiv, positiv und instruktiv" sein. In diesem Sinne gehe es nicht darum, Schülerinnen und Schüler "zu bändigen", sondern Gelegenheiten zu schaffen, anlässlich derer sie sich "angemessen und prosozial verhalten" könnten. Hierbei spielten Konditionierungen, positive Rückmeldungen, Lob und Anerkennung eine zentrale Rolle. Karl Landscheidt plädiert für systematisches Training, setzt nicht auf die Selbstorganisation der Schülerinnen und Schüler und deren Einsicht in den antisozialen Charakter ihres eigenen Verhaltens. Der Rückbezug auf das Instrumentariums Skinners wird an diesen Stellen der Argumentation unübersehbar; insbesondere "Verfahren des Verhaltensmanagements" seien relevant und eine "systematische Bekräftigung angemessenen und positiven Sozialverhaltens" erforderlich. Entsprechende Verhaltenserwartungen seinen in den Unterricht zu integrieren und "durch intensives Training einzuüben" (S. 193).

In diesem Sinne behandelt der Autor den Umgang mit den zentralen Formen antisozialen Verhaltens ausführlicher. In den Mittelpunkt stellt er das "Phänomen des Mobbing (Bullying, Schikanieren)", das einen "besonderen Kulminationspunkt" darstelle. Landscheidt präferiert bestimmte Trainingsmethoden: insbesondere (und nahe liegender Weise) das LIFT (Linking des Interests of Families and Teachers)-Programm des Oregon Social Training Centers, aber auch das Konzept "Faustlos", den Lions-Quest "Erwachsen werden", die Streitschlichterprogramme und das Trainingsraum-Konzept (bzw. – an anderer Stelle – auch als Schulstationskonzept bekannt), womit er sich durchaus im Mainstream der Debatte zur Behandlung antisozialen Verhaltens in der Schule bewegt und keineswegs besonders "ausgefallene" oder experimentelle Herangehensweisen vorstellt (S. 211ff).

Dabei scheint sich Landscheidt durchaus der Widerstände bewusst, die ein solches Herangehen in der Schule selbst hervorrufen kann; so bestehe "eines der Hauptprobleme darin …, dass alle Mitglieder eines Kollegiums bereit sein müssen, ihr eigenes Verhalten in bestimmten Situationen in Frage zu stellen oder zu ändern". Das legt eine Art "Strategie der kleinen Schritte" – oder mit Landscheidt selbst: die Konzentration von "Veränderungen auf konkrete überschaubare Bereiche" – nahe (S. 194). Allgemein gelte, dass die Schule "zügig und entschlossen handeln" sollte, bestehe doch die Gefahr, dass zu zaghaftes Verhalten das Problem noch verstärke (S. 222).

Abschließend widmet sich der Autor der Zusammenarbeit mit den Eltern; er verweist auf die Notwendigkeit zur Kooperation, benennt die Probleme dieser eher asymmetrischen Beziehung zwischen Lehrkraft und Eltern und regt vertrauensbildende Maßnahmen sowie konkrete Phasen und Schritte im Gespräch mit ihnen an.

Ein 20seitiges Literaturverzeichnis mit allerdings überwiegend Verweisen auf Literatur aus dem anglo-amerikanischen (Forschungs-) Raum  rundet den Band ab.

Zielgruppen

Ist dieses Buch für Praktikerinnen und Praktiker in Schule hilfreich? Wer hier einen Ratgeber erwartet hat, der/die liegt mit diesem Band aus dem Hause Reinhardt, einem insbesondere auch durch Literatur psychologischer Provenienz renommierten Verlag, grundlegend falsch. Karl Landscheidt überzeugt durch seinen gründlichen Blick auf Forschung und Praxis gleichermaßen. Davon werden Praktikerinnen und Praktiker nicht sofort und auch nicht immer profitieren können. Hilfe bei der Bewältigung des konkreten Problems bietet "Wenn Schüler streiten und provozieren" nicht – jedenfalls nicht in jedem Fall.

Der Band ist deshalb eher etwas für diejenigen im pädagogischen Praxissystem, die an Schnittstellen arbeiten, sei es in der Leitung einer Schule, in der schulisch-orientierten Psychologie, als Beratungslehrerinnen und -lehrer oder als Verantwortliche in der Kinder- und Jugendhilfe, die sich im Rahmen erzieherischer Hilfen oder der Erziehungsberatung mit antisozialem Verhalten auseinandersetzen müssen (oder wollen). Für sie erschließt sich mit dem vorliegenden Werk ein "reicher Schatz".

Fazit

Praktikerinnen und Praktiker werden die – im Bezug auf die Arbeit mit Eltern exemplarisch gelungenen – Anleitungen sonst eher vermissen. Die ausgewählten und vorgestellten Programme zum Training sozialer Fähigkeiten werden ihnen zu knapp präsentiert sein (wohl auch zu wenig handhabungsfähig), die Ausbreitung der empirischen Befundlage dagegen zu breit angelegt (und wohl auch zu "theoretisch"). Diese Einschätzung wertet den Band freilich keineswegs ab. Die Argumentation Landscheidts bleibt gründlich, solide und stets angemessen – woran letztlich auch die etwas zu positive Wahrnehmung der Debatte um behavioristische Konzepte im Sinne Skinners nicht allzu viel ändert (bleibt doch der theoretische Bezug auf die lerntheoretisch begründete Konditionierung durchweg eher allgemein). Dass Praxis damit Probleme haben wird, verweist wohl lediglich auf einen Mangel an wirklich anschlussfähigen "Ratgebern".


Rezension von
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Professur für Grundlagen und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule Magdeburg
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 01.04.2008 zu: Karl Landscheidt: Wenn Schüler streiten und provozieren. Richtig intervenieren bei antisozialem Verhalten. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2007. ISBN 978-3-497-01926-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5439.php, Datum des Zugriffs 21.06.2021.


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