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Dorette Deutsch: Lebensträume kennen kein Alter. Neue Ideen für das Zusammenwohnen in der Zukunft

Cover Dorette Deutsch: Lebensträume kennen kein Alter. Neue Ideen für das Zusammenwohnen in der Zukunft. Wolfgang Krüger Verlag GmbH (Frankfurt) 2007. 240 Seiten. ISBN 978-3-8105-0452-4. 14,90 EUR, CH: 26,80 sFr.
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Thema

Gegenwärtig werden die Alternativen zum Pflegeheim für alte Menschen viel diskutiert. Heime werden wegen ihrer Ausprägung als "totale Institutionen" (Erving Goffman), wegen herrschender Personalengpässe und wegen der in ihnen statt habenden Konzentration von Schwerpflegebedürftigkeit und Demenz überwiegend abgelehnt (siehe auch die Rezension zu Klaus Dörner "Leben und sterben, wo ich hingehöre"). Was sind nun die Auswege bei nachlassender Kompetenz im Alter? Im Betreuten Wohnen ist man allein. Gemeinsam mit anderen wohnen und doch seinen individuellen Lebenszuschnitt beibehalten glaubt man in Alten-Wohnprojekten oder in Alten-Wohngemeinschaften zu können. Ihnen begegnet daher derzeit wachsendes Interesse. Wenn auch der Anteil der in ihnen Lebenden noch unter ein Prozent aller alten Menschen betragen dürfte.

Autorin

Dorette Deutsch, die einige Alten-Wohnprojekte Revue passieren lässt, lebt als von der Germanistik und Philosophie her kommende Autorin und Journalistin in München und in Ligurien/Italien, wo sie sich in einem Dorf in einem lebens-erweiternden Projekt engagierte.   

Summarischer Inhalt

Die Autorin hat rund zwei Dutzend Wohnprojekte von München über Nürnberg, den Kaiserstuhl, Köln, Aachen, Dortmund und Bielefeld bis Hamburg und Berlin besucht und schildert ihre Erkundungen in lockerer Erzählform - teils mit verschlüsselten Gesprächszitaten. Sie stellt dabei immer wieder Reflexionen über Schwierigkeiten und Möglichkeiten von Wohnprojekt-Bildungen für alte Menschen an.

Zielgruppe

Die Thematik der Altenwohngemeinschaft stößt derzeit auf große Resonanz. Seminare zu Wohngemeinschafts-Gründungen finden eine hohe Beteiligung. Es dominieren unter den Gründungswilligen alleinstehende Frauen im höheren Erwachsenenalter, die entweder nach Verwitwung oder Partnertrennung oder von Anfang an alleine leben. Auch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Kommunen machen sich kundig. Neben Akteuren Sozialer Arbeit und Pflege gehören auch zunehmend Architekten zu den Interessierten. Hier dürfte Deutschs Buch auf einen großen Interessentenkreis stoßen.

Gliederung und Detail-Inhalte

Das leicht lesbare, 176seitige Buch Dorette Deutschs ist eher aus typografischen denn streng systematischen Gründen in zwölf Kapitel gegliedert. Zentrale Fragen in einer gewissen Systematik behandelt nur das zweite Kapitel "Das Haus, die Gruppe und ich. Gemeinschaftliche Wohnprojekte und ihre Planung" auf zwölf Seiten.

Es folgen in lockerem Abriss gleichsam eher als Reisebericht durch deutsche Alten-WG-Städte acht Kapitel mit der Schilderung einzelner Projekte. Hier kann man annähernd Einzelaspekte von Altenwohnprojekten thematisiert finden wie

  • Intra-/Intergenerativität (also Senioren unter sich oder Mehrgenerationenprojekte),
  • Miete und/oder Eigentum,
  • Gebrauch oder Verzicht auf kommunale Hilfe,
  • Nähe und Distanz,
  • Hilfe und Unterstützung,
  • Alte auf dem Land,
  • Barrierefreiheit,
  • Pflegewohngruppen für Demente.

Am Ende stehen zwei allerdings sehr knappe Kapitel über Sondergruppen (Behinderte, Migranten, Lesben/Schwule in Wohnprojekten) und mit einem Blick ins europäische Ausland (wobei von den französischen Cantous und den niederländischen Hofje-Häusern sonderbarerweise gar nicht die Rede ist).

Als wichtige Erkenntnisse nimmt man mit, dass der Einzug in eine selbst gegründete Altenwohngemeinschaft oftmals "wie eine zweite Geburt" erlebt wird, dass man auf keinen Fall auf Ratschläge von Experten verzichten sollte und dass für die Anbindung von zuverlässigen sozialendienstlichen und pflegerischen Hilfen gesorgt werden soll. Dabei darf im Wege der oft zu vordergründigen Pflegeversicherungs-Diskussion gerade der hauswirtschaftliche Bereich (Einkauf, Wäsche, Putzen, Reparatur) nicht vernachlässigt werden.

Diskussion

Die systematischen Überlegungen der von der Germanistik und der Philosophie her kommenden Autorin gehörten im zentralen Kapitel "Das Haus, die Gruppe und ich" etwas griffiger heraus gearbeitet. So dass man zu den wichtigen, meist nur angerissenen Punkten Nachbarschaft, Engagement, Hilfe, Teilhabe, Verantwortung, Individualität, Rechtsform, Finanzierung, zur generativen Zusammensetzung, zum Gruppenprozess und zur kommunalpolitischen Einbettung Fundierteres erfahren hätte. So bleibt diese "Tour d'horizon" durch Deutschlands Altenwohnprojekte doch etwas zu unverbindlich.

Auch die Frage des quantitativen Stellenwerts der Altenwohngemeinschaften in der gesamten Altenhilfelandschaft heute und in Zukunft wird über die geschätzte Zahl von derzeit rund 600 Projekten in Deutschland nicht recht thematisiert. Die gerontologische Einordnung der Thematik in die Systematik der Altenhilfe fehlt. Hier wie auch in anderen Bezügen macht sich die Herkunft der Autorin von Philosophie und Philologie und eben nicht von den Sozialwissenschaften und der Gerontologie nachteilig bemerkbar. Insofern handelt es sich eher um ein feuilletonistisches denn ein wissenschaftliches Buch.

Die vielen an sich brauchbaren Kasten-Merkpunkte am Ende der meisten Kapitel gehörten systematisiert. Bei ihrer beliebigen Einstreuung muss sich die Leserschaft die wichtigen Merkposten an vielen verschiedenen Stellen des Buchs zusammen suchen. Die Rechtsformen Verein, Gesellschaft des bürgerlichen Rechts und Genossenschaft hat die Autorin beispielsweise dem Kapitel für die Sondergruppen Behinderte, Migranten und Gleichgeschlechtliche angefügt, obwohl diese Rechtsgestaltungen für alle Wohnprojekte von Belang sind. Der Service-Anhang mit Literatur und Adressen ist eher zufällig und unvollständig.

Fazit

Die Autorin hat ein Buch zum leichten Einlesen in das auf immer breitere Resonanz stoßende Thema Altenwohnprojekte mit zahlreichen Praxisbeispielen vorgelegt. Wer auf die vielen damit zusammen hängenden Einzelfragen und -probleme gestoßen sein möchte, kann hier einiges finden, wodurch er/sie zum Weiterlesen angeregt wird.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 01.12.2007 zu: Dorette Deutsch: Lebensträume kennen kein Alter. Neue Ideen für das Zusammenwohnen in der Zukunft. Wolfgang Krüger Verlag GmbH (Frankfurt) 2007. ISBN 978-3-8105-0452-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5445.php, Datum des Zugriffs 22.01.2018.


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