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Mely Kiyak: 10 für Deutschland. Gespräche mit türkeistämmigen Abgeordneten

Cover Mely Kiyak: 10 für Deutschland. Gespräche mit türkeistämmigen Abgeordneten. Edition Körber (Hamburg) 2007. 260 Seiten. ISBN 978-3-89684-068-4. 14,00 EUR.
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Integrationspolitik ist Sozial- und Bildungspolitik

Diese Aussage der Bundestagsabgeordneten Dr. Lale Akgün, die in der Türkei geboren wurde, mit 9 Jahren mit ihren Eltern in die Bundesrepublik kam und hier Abitur machte, studierte, promovierte, als Dipl.- Psychologin und Psychotherapeutin, als leitende Angestellte in der Kölner Stadtverwaltung für Integrationsfragen zuständig war und seit 2002 immer in direkter Wahl in den Deutschen Bundestag geschickt wurde, seit 1981 die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, verheiratet ist und eine Tochter hat, kann als symptomatisch angesehen werden, wenn es um Fragen der Eingliederung und dem Umgang mit Menschen geht, die anderer kultureller Herkunft sind und in unserer Gesellschaft leben (wollen). Der jahrzehntelange Streit, ob Deutschland ein Einwanderungsland sei oder nicht, belastet nach wie vor den gesellschaftlichen Diskurs. Germanozentrierte Vorstellungen, wie "Ausländer" sich in Deutschland zu verhalten hätten und liberale Einstellungen von Anpassung, Integration und Zugehörigkeit stehen sich nach wie vor beinahe unversöhnlich gegenüber. Es war lange überhaupt nicht im Blick, dass gesellschaftliche Integration etwas anderes sein muss als Assimilation.

Zwar ist die anfängliche mehrheitliche Auffassung, "ihr müsst so werden wie wir, wenn ihr Deutsche werden wollt", langsam und zögerlich einer Einstellung gewichen, die deutlich macht, dass Integration nicht nur die Ankommenden betrifft, sondern alle in der Gesellschaft lebenden Menschen - und das Wort vom Perspektivenwechsel in diesem Prozess macht dabei die Runde - aber, das zeigen nicht zuletzt die zunehmenden aktiven und passiven Fremdenfeindlichkeiten in unserem Land und darüber hinaus, dass Toleranz, Menschenwürde für nicht wenige Menschen Fremdwörter sind. Was ist etwa davon zu halten, wenn ein Schweizer Gericht in einer Urteilsbegründung zwischen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus unterscheidet, und wenn jeder dritte Eidgenosse soeben einer ultranationalen Partei zur politischen Macht verholfen hat, die nur "folgsame Fremde", so ein Wahlslogan der SVP, im Lande duldet?   

Inhalt

Da ist es gut, wenn sich die Journalistin türkisch-kurdischer Abstammung, Mely Kiyak, die in Deutschland geboren wurde und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, auf den Weg macht und die Ergebnisse von Gesprächen, die sie mit zehn türkischstämmigen Abgeordneten des Europäischen Parlaments, des Bundestags, der Länderparlamente und Gemeindevertretungen geführt hat, publiziert. Zwei grundsätzliche Fragen bestimmen dabei ihr Motiv, ein Buch darüber zu veröffentlichen: Die eine lautet: Sind Politiker mit Migrationshintergrund per se - und nur sie - die Expertinnen und Experten für Integrationaspekte? Und: Sind sie Menschen wie du und ich? Es sei deshalb, so ihre Festlegung, kein Buch über Parteipolitik, wiewohl es schon auffällt, dass die türkischstämmigen Abgeordneten sich unterschiedlich auf die einzelnen, im Bundestag und in den Landesparlamenten vertretenen Parteien verteilen: Die meisten gehören der SPD an, gefolgt von den Grünen und der Linke/PDS; nur wenige der CDU/CSU und der FDP. Interessant und nachfragenswert auch, dass in den Landtagen von Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und in den fünf neuen Bundesländern kein Politiker mit Migrationshintergrund sitzt.

In der Reihenfolge des Buches kommen alphabetisch zu Wort:

  • Lale Akgün, Bundestagsabgeordnete der SPD. Mit ihr setzt sich die Autorin über "den Machtanspruch muslimischer Männer und warum das neue Staatsangehörigkeitsrecht Fairness schafft" auseinander. Ihre Antworten zu den vielschichtigen Fragen von Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Schule und Bildung bilden Grundlagen genug, sich damit auseinander zu setzen, auch wenn man nicht jede Position vertritt.
  • Es folgt Evrim Baba, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und Mitglied der Linksfraktion / Die Linke. PDS. Zusammen mit ihren kurdischen Eltern floh sie aus der Türkei und besuchte von der dritten Klasse Grundschule an Berliner Schulen, machte Abitur, studierte Sprachen und Sozialwissenschaften und gehört seit 1998 der PDS an. Im Ausschuss "Wirtschaft, Technologie und Frauen" und als Frauenpolitische Sprecherin der Fraktion ist sie eine gefragte Expertin. Und mit ihrer Identität als Kurdin und Deutsche ruft sie bei nationalistischen Türken immer wieder Widerspruch und Aggression hervor.
  • Es folgt Ergun Can, Gemeinderatsmitglied der SPD in Stuttgart. Er kam 1964, im Alter von fünf Jahren zu seinen "Gastarbeiter"- Eltern nach Deutschland, während er, als "Erstgeborener" traditionsgemäß bis dahin bei seinen Großeltern in der Türkei lebte. Die Hauptschule war ihm nicht genug; er machte auf dem Zweiten Bildungsweg das Abitur nach und studierte Ingenieurwissenschaften. Sein Anliegen treibt ihn immer wieder um: Wie ist es mit den Mentalitätsunterschieden zwischen Deutschen und Türken, und wie lassen sie sich vermitteln, erklären und vielleicht sogar überwinden?
  • Ekin Deligöz, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90 / Die Grünen, ist ins öffentliche deutsche und türkische Rampenlicht vor allem dadurch geraten, dass sie, in der Zeit der hitzigen, aufgebrachten und überzogenen Diskussion um das Tragen von Kopftüchern, 2006 an die muslimischen Frauen in Deutschland appellierte: "Legt das Kopftuch ab!". Eine Welle von Empörung, bis hin zu Morddrohungen von türkischen Fundamentalisten gegen sie führte dazu, dass Ekin Deligöz seitdem von zwei Personenschützern des Bundeskriminalamts bewacht wird. Die Journalistin hadert mit der Situation: "Mitten in Deutschland isst eine Frau einen Teller Maultaschensuppe und braucht Personenschutz, weil sie sich eine Meinung erlaubt hat".
  • der wenigen FDP-Mitglieder, Murat Kalmi?, ist Stadtratsmitglied in Delmenhorst. Auf die Frage: "Murat, bist du Deutscher?", antwortet er lapidar: "Ich bin Delmenhorster". Kurde oder Türke, das ist für ihn zweitrangig, oder vielleicht besser, gar nicht so wichtig. Als ehemaliger "Grüner" und jetziger FDP-Stadtrat einer mittleren Stadt in Niedersachsen kümmert er sich um vieles, worum sich in einer Stadt zu kümmern ist. Dadurch aber unterscheidet er sich nicht von anderen, aktiven Politikern.
  • Mustafa Kara, CDU-Gemeinderatsmitglied in Neckarsulm und Apotheker, mit einer Deutschen verheiratet und Deutscher. Seit 2004 ist er Stadtrat. Er bekennt sich zur Politik der CDU und hat sich vorgenommen, "zwischen zwei starken Kulturkreisen und polarisierenden Religionen zu vermitteln".
  • Dilek Kolat, Berliner SPD-Abgeordnete, beansprucht für sich, "als Politikerin mit Migrationshintergrund zur Normalität (zu) gehören". Als Dreijährige zog sie 1970 mit ihrer Mutter und den drei Geschwistern zu ihrem Vater, der bereits seit 1963 als Tischler in Berlin-Neukölln arbeitete. Sie machte Abitur, studierte und engagierte sich bereits früh für Integrationsprojekte in Berlin. Und sie ist, trotz der vielen Defizite und Rückschläge, die im Laufe der mehr als 40 Jahre bei der Eingliederung von "Ausländern" zu verzeichnen sind, optimistisch und zuversichtlich, dass die Integration in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland gelingt.
  • Cem Özdemir, Abgeordneter des Europäischen Parlaments, Mitglied von Die Grünen / Freie Europäische Allianz, ist der nächste (beste?). Immerhin, es gibt türkische Mitbürger bei uns, die von ihm sagen: "Cem ist unsere erste Hoffnung gewesen"; weil er der erste türkischstämmige Bundestagsabgeordnete war. Für Mely Kiyak war bei diesem Gespräch nicht der allseits bekannte und aktive Politiker interessant, sondern der ganz alltägliche Mensch Cem Özdemir. Die Reihenfolge seiner "deutschen" Entwicklung ist dabei interessant: "grün, vegetarisch, deutsch, Pädagoge". Eine gute Grundlage für politische Arbeit, oder? Er setzt sich, jetzt als Europaabgeordneter dafür ein, dass mehr Menschen mit Migrationshintergrund an den Diskursen über Integration, Chancengleichheit, Bildungsgerechtigkeit und gesellschaftliche Toleranz teilnehmen und vor allem in der Lage sein sollten, es zu können. In Deutschland und in Europa.
  • Ali Ertan Toprak ist Stadtratsmitglied in Recklinghausen, Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen und Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschland e.V. Mit der Autorin hat er gemeinsam: "Wir sind beide Aleviten, leben in zweiter Generation in Deutschland, sind kurdischstämmig, haben in Deutschland studiert, sind unverheiratet, über 30 Jahre alt". Toprak war zuerst Mitglied der SPD und kam dann zu den Grünen; er will politisch mehr erreichen. Das Gespräch könnte für ein Handbuch dienen, in dem die Unterschiede zwischen Muslimen und Aleviten geklärt werden.
  • Als letzte im Alphabet ist Nesrin Yilmaz, Stadtratsmitglied der CSU in Ingolstadt zu nennen. Den Ingolstädtern wird nicht gefallen, wie die Autorin ihre Stadt beschreibt, als "eine Mischung aus Eichenholztäfelung und Prosecco", tssss! Die 42jährige Ingolstädter Wirtin Nesrin Yilmaz vom "Café Pater Noster", sieht gar nicht wie eine Türkin aus, sondern "zierlich und hat ein strenges, aber schönes Gesicht, das nach einem kurzen Lächeln sofort wieder in konzentrierte Züge zurückfällt". Es klingt beinahe paternalistisch, wenn die Kommunalpolitikerin sagt: "Man muss die Ausländer an die Hand nehmen"; aber sie meint damit die Methoden, wie bei Ausländern für den Deutschkurs in der Volkshochschule geworben werden sollte. Und sie wird richtig wütend, wenn sie über den Machismo spricht, von türkischen und deutschen Männern. Wenn sie sich selbst charakterisiert, dann sagt sie: "Ich bin deutsche Disziplin und türkisches Risiko", ein schöner Vergleich!

Fazit

Mely Kiyak hat, soweit ich sehe, erstmals ein Buch vorgelegt, das türkischstämmige Politiker in Deutschland nicht in ihren Funktionen vorstellt, sondern sie als Mensch wie du und ich zeigt. Das ist dann auch die überraschende, aber gleichzeitig selbstverständliche Erkenntnis: Sie sind wie du und ich - und sie gehören zu uns wie wir zu ihnen!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.11.2007 zu: Mely Kiyak: 10 für Deutschland. Gespräche mit türkeistämmigen Abgeordneten. Edition Körber (Hamburg) 2007. ISBN 978-3-89684-068-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5447.php, Datum des Zugriffs 08.05.2021.


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