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Klaus Maria Perrar, Erika Sirsch u.a.: Gerontopsychiatrie für Pflegeberufe

Cover Klaus Maria Perrar, Erika Sirsch, Andreas Kutschke: Gerontopsychiatrie für Pflegeberufe. Georg Thieme Verlag (Stuttgart) 2007. 361 Seiten. ISBN 978-3-13-140721-4. 34,95 EUR, CH: 59,40 sFr.

Reihe: Krankheitslehre. Systemvoraussetzungen der CD-ROM-Beilage: empf. Konfiguration: DVD-ROM-Laufwerk, Lautsprecher; SVGA-Auflösung mit 800 x 600 Pixel, 24-Bit Farbtiefe mit 16,7 Mio Farben, Soundkarte unterstützte Betriebssysteme: Microsoft Windows Vista, XP, 2000, ME, 98 SE und Apple MacOS.
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Thema und Hintergrund

Es ist heutzutage eine Binsenweisheit, dass immer mehr Menschen immer älter werden. Ein langes Leben wünscht sich eigentlich jeder. Dumm ist nur, dass manch einer für die längere Lebenszeit einen hohen Preis zahlt: Denn allem medizinischen Fortschritt zum Trotz geht das hohe Alter in vielen Fällen nicht nur mit einer Vielzahl körperlicher Gebrechen, sondern auch mit einer Reihe gerontopsychiatrischer Erkrankungen einher, die die Selbstständigkeit und Autonomie des Einzelnen erheblich beeinträchtigen können. Um im hohen Alter angst- und schmerzfrei leben zu können, brauchen also immer mehr Menschen immer intensivere Hilfe.

Dem tragen auch die zum Teil gravierenden Veränderungen im deutschen Gesundheitswesen und in hiesigen pflegerischen Ausbildungsgängen langsam, aber sicher Rechnung: Schließlich gibt es in Altenheimen kaum noch Bewohner, die "nur" alt sind, aber viele, die beispielsweise demenziell verändert sind; und manche Unfallchirurgie in der Akutpflege hat mehr mit den psychischen und Verhaltensauffälligkeiten älterer und beispielsweise verwirrter und suchtkranker Patienten zu tun als mit der Versorgung von Platzwunden und Beinbrüchen.

Noch langsamer setzt sich die Erkenntnis durch, dass Pflegende und Ärzte zum Wohle psychisch veränderter alter Menschen nicht länger nebeneinander her, sondern interdisziplinär, also Hand in Hand miteinander und in ständigem Austausch und Kontakt auch mit allen therapeutisch arbeitenden KollegInnen sowie den jeweiligen Angehörigen arbeiten sollten. Dieses Buch könnte dieser Einsicht, einem Katalysator gleich, gewaltig auf die Sprünge helfen: Denn die AutorInnen sind selber Ärzte bzw. gerontopsychiatrisch ausgebildete Fachkräfte.

Aufbau

Das Buch ist in fünf größere Blöcke untergliedert.

1. Allgemeine Aspekte der Gerontopsychiatrie

Im ersten Teil werden allgemeine Aspekte der Gerontopsychiatrie abgehandelt:

  • In Kapitel 1 wird das Aufgabengebiet der Gerontopsychiatrie vorgestellt.
  • Kapitel 2 deckt die gerontologischen Grundlagen ab. Es werden nicht nur körperliche, psychische und soziale Veränderungen im Alter beschrieben, sondern auch die Bedürfnisse spezieller Gruppen gerontopsychiatrisch Erkrankter thematisiert, wie beispielsweise von MigrantInnen und Menschen mit geistiger Behinderung. Darüber hinaus werden unterschiedliche Wohnformen für gerontopsychiatrisch veränderte Menschen wie auch die Grundlagen der Psychopharmakotherapie im Alter vorgestellt.
  • Im Kapitel 3 "Gerontopsychiatrische Diagnostik und Assessmentverfahren" werden alle gängigen Wege der Befunderhebung skizziert (und zu einem geringeren Teil auch problematisiert). Es wird deutlich, wie wichtig sowohl eine angemessene, Vertrauen schaffende Gesprächsführung, als auch der Einbezug der Wahrnehmungen und Dokumentationen von Pflegenden und Angehörigen für eine korrekte Diagnose sind.
  • In Kapitel 4 werden die Besonderheiten gerontopsychiatrischer Pflege und spezielle Pflegemodelle, sowie die Notwendigkeit zur Interdisziplinarität und Dokumentation herausgearbeitet.

2. Rechtliche und ethische Aspekte

Im zweiten Teil werden rechtliche und ethische Aspekte der Gerontopsychiatrie abgehandelt.

  • Kapitel 5 ist mit den Themen Lebensqualität und Lebensende befasst. Es bleibt unklar, warum diese Ausführungen zu präventiven Maßnahmen zwecks Vorbeugung altersbedingter Einschränkungen und zum Umgang mit dem Sterben und dem Tod in der Gerontopsychiatrie nicht in Kapitel 2 erfolgen - sind sie doch weder rechtlich noch ethisch ausgerichtet.
  • In Kapitel 6 werden die rechtlichen Grundlagen hinsichtlich Einwilligung der Patienten in die Therapie, Betreuung und Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, freiheitseinschränkende Maßnahmen, Pflegeversicherung und Verantwortlichkeit der Pflegefachkraft dargelegt.
  • Kapitel 7 dreht sich um Aggression und Gewalt in der Gerontopsychiatrie. Die dargelegten Inhalte bleiben allerdings sehr abstrakt und theoretisch. Eine Sammlung und Bewertung von illustrativen Fallbeispielen wäre an dieser Stelle wünschenswert.

3. Gerontopsychiatrische Krankheitslehre

Den Schwerpunkt des dritten Teils bildet die gerontopsychiatrische Krankheitslehre. Die unterschiedlichen Krankheitsbilder werden jeweils hinsichtlich Ursachen, Symptomatik, Vorkommen, Diagnostik und Therapie etc. vorgestellt.

  • In Kapitel 8 geht es um Demenzen und Delir; hier hätte ich mir, analog zu den weiteren Kapiteln 9-12, einen "Pflegeschwerpunkt Demenz" mit entsprechenden Hinweisen hinsichtlich Umgang und Beziehungsgestaltung für Pflegende gewünscht.
  • Kapitel 9 handelt unterschiedliche Formen und Ausprägungsgrade affektiver Störungen (Depression und Manie) ab.
  • In Kapitel 10 werden schizophrene Psychosen und wahnhafte Störungen erläutert.
  • Kapitel 11 erklärt neurotische (d.h. Angst- und Zwangs-) Störungen und Abhängigkeitserkankungen, wobei es leider nur zum Thema Alkoholabhängigkeit einen "Pflegeschwerpunkt" gibt.
  • Im abschließenden Kapitel 12 werden nichtorganische Schlafstörungen im Alter thematisiert und durch einen ausführlichen und sehr informativen "Pflegeschwerpunkt Schlaf" ergänzt.

4. Spezielle Zugänge, Strategien und Konzepte

Im vierten Teil geht es um spezielle Zugänge, Strategien und Konzepte in der Gerontopsychiatrie.

  • Während Kapitel 13 die gerontopsychiatrische Pharmakotherapie vorzüglich und ausführlich abhandelt, werden in Kapitel 14 psychotherapeutische Behandlungsverfahren auf gerade einmal 3 Seiten vorgestellt.
  • Kapitel 15 thematisiert dann den Einsatz von Ergo- und Musiktherapie.
  • Kapitel 16 fokussiert in unterschiedlicher Ausführlichkeit einen bunten Strauß nichtmedikamentöser Behandlungsmethoden. Hier vermisse ich eine gewisse Systematizität hinsichtlich Darstellung und Methodenkritik: Denn den Vorzügen der jeweiligen Konzepte werden nur hier und da einmal die methodischen und theoretischen Schwächen und die alltagspraktischen Nachteile gegenüber gestellt. Auch fehlen, um die Unterschiede insbesondere zwischen den verschiedenen mehrdimensionalen Zugängen nachvollziehen zu können, an einigen Stellen konkretisierende Beispiele sowie Hinweise darauf, für welche gerontopsychiatrisch veränderten alten Menschen welche Methode (nicht) geeignet ist.
  • Kapitel 17 umschreibt in aller gebotenen Ausführlichkeit Aspekte der Milieugestaltung.
  • Kapitel 18 beschreibt spezielle Prophylaxen hinsichtlich sensorischer Deprivation, Schmerz, Sturz, Unterernährung, Dehydratation und Harninkontinenz.
  • Kapitel 19 beleuchtet, wie man sich in psychiatrischen Notfällen verhalten sollte.
  • In Kapitel 20 wird die Notwendigkeit von Kooperation und Vernetzung für eine optimale Versorgung der Erkrankten behandelt. Dabei werden nicht nur die unterschiedlichen Hilfsangebote und Formen von Versorgungsstrukturen, sondern vor allem auch Varianten der interkollegialen Zusammenarbeit wie beispielsweise das Konzept der Fallkonferenz vorgestellt.
  • Kapitel 21 schließlich illustriert, was Pflegende zum Zwecke der Selbstpflege, also für die eigene Gesundheit, das eigene Wohlbefinden und die eigene Stressresistenz tun können.

5. Ausgewählte Fallbeispiele und Lösungsansätze

Der fünfte und letzte Teil des Buches präsentiert ausgewählte Fallbeispiele und Lösungsansätze für spezielle Situationen in der Gerontopsychiatrie.

Im Anhang finden sich schließlich diagnostische Assessment-Instrumente wie DemTect, NOSGER und BESD. Zur Veranschaulichung einiger Aspekte des vermittelten Wissens liegt außerdem eine CD-ROM mit 21 sehr gut gemachten Filmsequenzen bei. Warum allerdings 8 davon alleine der Integrativen Validation gewidmet sind, bleibt rätselhaft.

Diskussion

Das Buch bietet komprimierte Informationen in leserlicher Form, und es ist weitgehend gut verständlich. Hilfreich scheint mir insbesondere das Konzept der zu den jeweiligen Krankheitsbildern und Pflegesituationen offerierten "Pflegeschwerpunkte" zu sein. Schade finde ich allerdings, dass diese sehr unterschiedlich ausführlich sind. Hier würde ich mir mehr Systematik wünschen, also das strukturierte Aufgreifen und Abarbeiten bestimmter Aspekte wie z.B. Besonderheiten zu Beziehungsgestaltung, Kommunikation, körperlichen Beschwerden, Umgang mit auffälligen und herausfordernden Verhaltensweisen etc.

Ein kleines Manko ist auch, dass ein Glossar für Fachsprache und Fremdwörter, bzw. eine durchgehende Erklärung selbiger fehlt.

Die "Gerontopsychiatrie für Pflegeberufe" ist haptisch und optisch sehr schön gemacht. So bietet jedes Kapitel neben einer ansprechenden Bebilderung auch Überblickstabellen und Literaturangaben. Als alterssichtig werdende Leserin würde ich mir für die zweite Auflage allerdings eine etwas größere Schrift wünschen - und als Germanistin würde ich zur Abrundung des überaus positiven Gesamteindrucks auch eine stilistische bzw. orthographische Überarbeitung einzelner Unterkapitel anbieten…

Fazit

Die "Gerontopsychiatrie für Pflegeberufe" überzeugt durch ihren konsequent multidisziplinären Ansatz und die gleichgewichtige Ausbalancierung medizinischen und pflegerischen Wissens. Schon alleine deswegen halte ich sie für empfehlenswert.


Rezension von
Dr. Svenja Sachweh
Homepage www.talkcare.de
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Zitiervorschlag
Svenja Sachweh. Rezension vom 01.02.2008 zu: Klaus Maria Perrar, Erika Sirsch, Andreas Kutschke: Gerontopsychiatrie für Pflegeberufe. Georg Thieme Verlag (Stuttgart) 2007. ISBN 978-3-13-140721-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5450.php, Datum des Zugriffs 17.05.2021.


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