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Eli Zaretsky: Freuds Jahrhundert

Cover Eli Zaretsky: Freuds Jahrhundert. Die Geschichte der Psychoanalyse. Zsolnay (Wien) 2006. 621 Seiten. ISBN 978-3-552-05372-4. 39,90 EUR.

Originaltitel: Secrets of the soul.
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Voraussetzungen

2006 jährte sich der Geburtstag Sigmund Freuds zum 150. Male. Aus diesem Anlass sind verschiedene Publikationen erschienen, die Freuds Werk und Wirken darzustellen und zu bewerten versuchten. Unter ihnen hat Zaretskys Buch das große Verdienst, die Theorie- und Organisationsgeschichte der Psychoanalyse in die allgemeine Geschichte der ökonomischen und sozialen, kulturellen und politischen Entwicklung eingebettet zu haben.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in eine Einführung, drei Teile und einen Epilog, welcher die Entwicklung der Psychoanalyse seit den siebziger Jahren skizziert. Zaretsky zufolge hat die Psychoanalyse zwischen dem Erfolg der Pharmakologie und einer um die Zugehörigkeiten des Geschlechts, der Nation und der Hautfarbe kreisenden Identitätspolitik an Bedeutung verloren. Denn im Gegensatz sowohl zur naturwissenschaftlichen als auch  zur identitätspolitischen Auffassung psychischer  Probleme liegt der Schwerpunkt der Psychoanalyse in einer Ethik der Selbstreflexion, die sich auf  eine persönliche, unverwechselbare, aber auch teilweise unbewusste Lebensgeschichte bezieht.

Die Einleitung entwickelt diese Sicht der Psychoanalyse. Freuds entscheidendes Verdienst besteht nach Zaretsky in der Entdeckung des individuellen Unbewussten, mit der sich das Verständnis dessen, was es heißt ein Mensch zu sein, erheblich erweitert und vertieft hat. Mit dieser Entdeckung und dem ihr zugehörigen Ethos der Reflexion des "persönlichen Lebens" bringe die Psychoanalyse ein zentrales Anliegen der "zweiten Moderne" zum Ausdruck, die vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die sechziger Jahre datiert wird. In ihr konkretisieren sich die übergreifenden Versprechen der Moderne, auf die auch die Psychoanalyse bezogen ist: die Versprechen der individuellen Autonomie, der Demokratie und der Gleichberechtigung der Geschlechter. Zaretskys Begriff der Moderne wird durch die "drei industriellen Revolutionen" strukturiert.

  1. Die Zeit der ersten industriellen Revolution sei bestimmt ökonomisch durch die Etablierung des Fabrikwesens, kulturell durch die Aufklärung  des 18. Jahrhunderts, in welcher individuelle Autonomie moralisch verstanden wurde. 
  2. Die zweite industrielle Revolution könne durch die Bildung großer Kapital- und Aktiengesellschaften, die Verzahnung von Industrie und Wissenschaft sowie die Entwicklung von Konsum und Freizeit charakterisiert werden. Jetzt gewinne die Vorstellung einer persönlichen, lebensgeschichtlichen Autonomie an Kontur.
  3. Schließlich sei die dritte Revolution seit den  60er Jahren charakterisiert  durch den "Übergang von der Massenproduktion zu einer globalen Dienstleistungsgesellschaft und einer informationsverarbeitenden Wirtschaft." (S.25) In der ihr entsprechenden nachfordistischen Kultur habe "Anerkennung" als  zentraler Begriff  den der Autonomie verdrängt.

Die drei Hauptteile des Buches beschäftigen sich mit der Geschichte der  Psychoanalyse in der zweiten Epoche der Moderne, der sie als "repräsentative Theorie" in einer analogen Funktion zugeordnet wird wie der Kalvinismus der ersten. Der Aufbau "spiegelt den Verlauf der zweiten industriellen Revolution wider:

  1. Teil eins (1890-1914) beschäftigt sich mit dem Beginn der Massenproduktion und dem entsprechenden gesellschaftlichen Wandel; mit der Zeit, in der die Psychoanalyse als charismatische Sekte die neue Hoffnung auf ein persönliches Leben zum Ausdruck brachte.
  2. Teil zwei (1919-1939) behandelt die Zwischenkriegszeit, in der die Psychoanalyse den Aufstieg der Großunternehmen mit einer Art Utopie begleitete.
  3. Und der dritte Teil befasst sich mit der Nachkriegszeit (1945-1976), in der die Psychoanalyse (…) integriert wurde" - als Element einer Rationalisierung der Lebensweise. (S. 21) Allerdings sieht Zaretsky auch in dieser Phase eine charakteristische Ambivalenz: "Die Psychoanalyse (…) stand im Mittelpunkt sowohl der in den 1950er Jahren rasch zunehmenden Rationalisierung des persönlichen Lebens als auch der aufstörenden Kritik an diesen Rationalisierungsprozessen, der charismatischen Ablehnung des Nüchternen und Alltäglichen, die sich um 1967/68 manifestierte."(S. 393)

Es ist natürlich unmöglich, auch nur annähernd eine Vorstellung von dem inhaltlichen Reichtum der drei Hauptteile zu vermitteln. Je nach dem eigenen Interessenschwerpunkt wird der Leser von bestimmten Unterthemen besonders angesprochen sein, etwa von der Rolle der Bisexualität in der Entstehungsphase der Psychoanalyse bei Freud, oder von der Beziehung zwischen Psychoanalyse und Sozialer Arbeit, die sich schon früh hergestellt hat. Überhaupt muss man feststellen, dass die Herstellung von Beziehungen zwischen der Theorieentwicklung und sozialen und politischen Bewegungen wie der Frauen- oder der Arbeiterbewegung zu den großen Stärken dieser Darstellung gehört. Für Zaretsky sind, sicher nicht zu Unrecht, die Schismen (Spaltungen) der psychoanalytischen Bewegung ein Hauptaspekt ihrer Theorieentwicklung: in der ersten Phase die Abspaltung von Adler und Jung, in der zweiten die von Ferenczi, Rank, Reich und Melanie Klein, in der dritten die Spaltung zwischen einem medizinischen und einem hermeneutischen Selbstverständnis. In der Darstellung dieser Schismen gelingen dem Autor anregende Porträts der Protagonisten und instruktive Skizzen der theoretischen  und behandlungstechnischen Differenzen.

Diskussion

Die bewundernswert materialreiche und komplexe Untersuchung ist gleichwohl übersichtlich, gut geschrieben und übrigens auch immer wieder sinnreich bebildert. Es kann bei einer derart ausgreifenden und theoretisch gehaltvollen Arbeit nicht ausbleiben, dass wichtige Aussagen im besten Sinne fragwürdig sind. Das ist gewiss der Fall bei der Analogie zwischen Kalvinismus und Psychoanalyse, aber auch bei der Unterscheidung, die im Oberbegriff der individuellen Autonomie zwischen deren Verständnis als moralischer und als "persönlicher" Autonomie vorgenommen wird. Konkretisierungsbedürftig ist sicher auch das Verhältnis von individualgeschichtlichem und gattungsgeschichtlichem Unbewussten, und, anschließend an die beiden Autonomiebegriffe, das Verhältnis von universeller Moral und einer Ethik der lebensgeschichtlichen Selbstreflexion. Auch das Konzept der drei industriellen Revolutionen kann in Frage gestellt werden - jedoch: nur auf Pfaden, die ausgetreten sind, stellen sich wenig Fragen.

Fazit

Das Buch ist allen zu empfehlen, die sich mit Psychoanalyse und Psychotherapie, ihrer gesellschaftlichen Funktion und theoretischen Entwicklung, aber auch ihren ethischen Implikationen und sozialwissenschaftlichen Erkenntnispotentialen beschäftigen.


Rezensent
Prof.em. Dr. Hans-Ernst Schiller
Vormals Professor für Sozialphilosophie und -ethik
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.philosophie-schiller.de
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Zitiervorschlag
Hans-Ernst Schiller. Rezension vom 07.01.2008 zu: Eli Zaretsky: Freuds Jahrhundert. Die Geschichte der Psychoanalyse. Zsolnay (Wien) 2006. ISBN 978-3-552-05372-4. Originaltitel: Secrets of the soul. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5467.php, Datum des Zugriffs 18.01.2019.


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