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Stefan Beyer: Demenz ist anders

Rezensiert von Dipl. Sozialpädagoge Peter Wißmann, 24.02.2008

Cover Stefan Beyer: Demenz ist anders ISBN 978-3-86739-020-0

Stefan Beyer: Demenz ist anders. Über den Versuch einer einfühlenden Begleitung. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2007. 148 Seiten. ISBN 978-3-86739-020-0. 14,90 EUR. CH: 26,80 sFr.
Reihe: Balance Erfahrungen.

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Thema

In dem Buch "Demenz ist anders" will Stefan Beyer, der seine demenziell veränderte Mutter insgesamt acht Jahre im häuslichen Bereich und dann im Heim begleitete - anderen Angehörigen eine Hilfestellung für eine einfühlende Weise der Interaktion und der Begegnung  mit einem demenzkranken Angehörigen geben.

Inhalt

Die insgesamt neun Kapitel sind folgenden Themen gewidmet:

  1. Verschiedenen Annahmen zur Demenz (Kap. 1),
  2. Die mutmaßliche Erlebensweise einer dementen Person (Kap.2),
  3. Exkurs zum Thema Demenz und Meditation (Kap. 3)
  4. Biografisches (Kap.4)
  5. Gespräche mit der Mutter des Autors(Kap. 5),
  6. "Methoden" (Kap. 6) und
  7. deren Quellen (Kap.7.
  8. Was Pflegende für sich selbst tun können (Kap.8)
  9. Zusammenfassende Beschreibung des Erlebens (des Autors) der Demenzbegleitung als Chance (Kap.9).

Diskussion

"Demenz ist anders" behauptet der Autor - und auch sein Buch,  das sich ja explizit an Angehörige von Menschen mit Demenz wendet, ist anders als die Mehrzahl anderer Veröffentlichungen und Ratgeber zu diesem Thema. So finden wir hier nicht die ansonsten obligatorischen Erläuterungen zur Demenz als Krankheit (Definitionen, Diagnostik, Medikation und mehr) und auch keine Erläuterungen zu Einrichtungen, Hilfsangeboten und dergleichen mehr. In diesem Sinne will "Demenz ist anders" kein Ratgeber herkömmlicher Art sein. Stefan Beyer geht es um etwas anderes. Er möchte Angehörigen von demenziell veränderten Menschen eine Möglichkeit aufzeigen, die Begleitung ihres Familienmitglieds auf eine neue, eine andere Basis zu stellen.

"Ich habe in diesem Buch nach dem Ende der Pflegezeit das aufgeschrieben, was ich gerne am Anfang dieser Zeit irgendwo gelesen hätte", schreibt er. Das, was er zu sagen hat, ist nicht als Erkenntnis vom Himmel gefallen, sondern Ergebnis eines langen Prozesses. Hilfreich waren dabei seine beruflichen Erfahrungen als Pädagoge, die es ihm sicherlich erleichtert haben, sich einer anderen Art der Betrachtung der Demenz und der Begeleitung seiner Mutter zu nähern - obwohl die Erfahrung ja lehrt, dass professionelle Kenntnisse und Kompetenz gerade im Falle eigener Betroffenheit und im Rahmen familiärer Beziehungen oftmals schmählich versagen. Doch nun hat er seine Erfahrungen zu einem Buch zusammengefasst, das auch anderen Angehörigen ohne einen entsprechenden beruflichen Hintergrund wertvolle Anregungen und Anstöße geben kann.

Die Betreuung und Begleitung eines Menschen mit Demenz bedeutet für die Angehörigen fast immer eine große emotionale Belastung, in der es zu einer Gemengelage von Trauer, Wut, Verzweiflung und anderen Gefühlen kommt. Dies ist nicht nur verständlich, sondern auch legitim. Doch verbaut das Gefangensein in einem Netz aus negativen Gefühlen und der Fokussierung auf dem, was einmal war und nun nicht mehr so ist, eine neue Ebene der Beziehung und des Umgangs, die für beide Beteiligten zufrieden stellend oder gar bereichernd sein kann.  

Stefan Beyer geht es nicht darum, den Lesern Tipps und Tricks zu vermitteln, sondern auf die Möglichkeit einer anderen Betrachtungsweise aufmerksam zu machen. Auf dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen ermutigt er dazu, Dinge auch einmal anders anzuschauen. Dass ein Mensch mit Demenz seinen Angehörigen oft nicht mehr erkennt oder als eine andere Person verkennt, ist für denjenigen, der dies erlebt, ohne Zweifel sehr schmerzhaft. Doch ist das namentliche Erkannt werden tatsächlich Bedingung für die Annahme, dass noch ein enger persönlicher Kontakt möglich ist? "Wenn sie mich aber nicht als Stefan erkannte, fühlte ich mich doch immer noch als vertraute Person "erkannt"", berichtet der Autor und rät, diese aktuelle Beziehungsqualität zu schätzen. Und schließlich: "Jemanden nicht  mehr zu erkennen, ist nicht nur ein Defizit, es ermöglicht auch einen Neuanfang mit dem betreffenden Menschen. Schon insofern ist es eine Chance für 'Intimität und das Vertiefen von Beziehungen'".

An diesem Beispiel wird die zentrale Aussage des Buches deutlich: Wir müssen die Demenz realistisch unter den Aspekten des Verlustes bisheriger Fähigkeiten betrachten, jedoch dürfen darüber die positiven Aspekte, die sie auch enthalten kann, nicht aus den Augen verloren gehen. Denn: "Wenn sie jedoch einmal da ist und nicht geändert werden kann, dann wäre es dumm, gewisse Vorteile nicht auch zu sehen". Anhand zahlreicher Beispiele macht der Autor deutlich, wie Dinge immer auch aus zwei Perspektiven betrachtet werden können - und sollten, wenn es um das Ziel geht, eine tragfähige Beziehung zu der demenziell veränderten Person aufzubauen.

Sehr sympathisch ist es, wenn Stefan Beyer die Ausführungen zum Erleben seiner Mutter im speziellen und zum  Erleben von Menschen mit Demenz im Allgemeinen nicht als "Weisheiten" offeriert, sondern bescheiden mit der Kapitelüberschrift "Die mutmaßliche Erlebensweise einer dementen Person" beschreibt.

Was eine offene, wenn man so will - eine person-zentrierte - Sichtweise auf die Demenz für die konkrete Praxis der Begleitung bedeutet, wird in einem speziellen Methodenkapitel veranschaulicht. Die "Methoden" setzt der Autor nicht ohne Grund in Anführungszeichen, denn es geht ihm in keinem Fall um die Vermittlung von Techniken. Was wir hier lesen, dürfte für professionelle Helfer nicht neu sein. Sich von der demenziell veränderten Person in der Interaktion leiten zu lassen, Worte und Verhalten zu spiegeln, Rituale einzubinden und dergleichen mehr verweist auf Konzepte der der person-zentrierten Interaktion, der Validation oder der Prä-Therapie. In einem weiteren Kapitel macht Stefan Beyer auch diese methodischen Quellen seines Handelns deutlich. Das Besondere ist jedoch, dass er dies alles "ganz unprofessionell" im Sinne von Verständlichkeit und Alltagsnähe tut. Nie verliert er seine Zielgruppe - betreuende Angehörige ohne einen entprechenden professionellen oder theoretischen Hintergrund - aus den Augen. Aus der Sicht eines Angehörigen weist er auch auf die besondere Bedeutung der "Familiensprache" hin. Familienspezifische Elemente von Kommunikation sieht er als besondere Ressource für die Begleitung eines Menschen mit Demenz und als etwas, was noch so gut geschulten professionellen Helfern in dieser Form kaum zugänglich sein dürfte.

Fazit

Das vorliegende Buch ist ein Mutmacherbuch und gehört in die Hände möglichst vieler Menschen, die einen demenziell veränderten Angehörigen begleiten. Die Stärke des Buches besteht darin, dass es aus der Sicht und auf der Grundlage der Erfahrungen eines Angehörigen geschrieben wurde und gleichzeitig "professionelle" Elemente einer person-zentrierten Begleitung in alltagsnaher und verständlicher Form einbringt. Mit seiner Aufforderung, die Dinge auch einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten, und mit seinen praktischen Handlungsbeispielen stellt es eine gute Grundlage für eine "einfühlende Begeleitung" dar, bei der man bis zum Schluss in Kontakt bleibt und die allen Beteiligten das Miteinander leichter macht

Rezension von
Dipl. Sozialpädagoge Peter Wißmann
Geschäftsführer Demenz Support Stuttgart gGmbH, Zentrum für Informationstransfer
Website

Es gibt 12 Rezensionen von Peter Wißmann.

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ISSN 2190-9245