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Wolfgang Bergmann: Disziplin ohne Angst

Rezensiert von Dr. Stefan Timmermanns, 06.02.2008

Cover Wolfgang Bergmann: Disziplin ohne Angst ISBN 978-3-407-85898-6

Wolfgang Bergmann: Disziplin ohne Angst. Wie wir den Respekt unserer Kinder gewinnen und ihr Vertrauen nicht verlieren. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2007. 184 Seiten. ISBN 978-3-407-85898-6. D: 17,90 EUR, A: 18,40 EUR, CH: 32,00 sFr.

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Thema

Trotz einer Vielzahl von Ratgebern und TV-Sendungen wie "Super-Nanny" ist die Erziehung von Kindern nicht einfacher geworden. Im Gegenteil: In einer immer individualistischeren Gesellschaft wird es schwieriger, ihnen Werte und Normen zu vermitteln. Da verspricht die Rückbesinnung auf traditionelle Werte wie Disziplin und Gehorsam für viele die Lösung ihrer Erziehungsprobleme. Das ubiquitäre "Grenzen setzen" wird fast schon gebetsmühlenartig nachgeplappert und spätestens seit dem Erfolg von Bernhard Buebs "Lob der Disziplin" scheint wieder alles auf Linie gebracht. Der Kinder- und Familientherapeut Wolfgang Bergmann, setzt dem blinden Gehorsam Respekt, der aus Vertrauen entsteht, sowie bewusstes Mitgefühl entgegen. Damit widerspricht er deutlich jenen, die einen autoritären Erziehungsstil favorisieren, ohne jedoch einer "Kuschelpädagogik" das Wort zu reden.

Die Grundthese seines Buches lautet, dass es einen guten und einen schlechten Gehorsam gebe. Der gute wachse auf der Basis von Vertrauen zu einer starken und souveränen Bezugsperson. Eine Pädagogik des blinden Gehorsams hingegen zerstöre das Vertrauen der Kinder in diejenigen, die sie anwenden, und auch deren Autorität.

Inhalt und Kernaussagen

Das Buch "Disziplin ohne Angst" zeichnet die wesentlichen Entwicklungsphasen vom Säugling bis hin zu den Krisen der Pubertät nach. Dabei steht vor allem die Bindung zu und die Interaktion mit den Eltern im Vordergrund. Eine sichere Bindung des Kindes ist eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass das Kind in einer völlig neuen und fremden Umgebung auf Entdeckungsreise gehen kann. Bergmann greift teilweise anekdotenhaft auf Beispiele aus seiner Praxis oder seiner eigenen Familie zurück, um Aspekte einer gelungenen Erziehung deutlich zu machen. Im Laufe der Kapitel geht er quasi en passant auf ganz praktische Fragen aus dem Alltag ein:

  • Wie sollte man es mit Verboten halten?
  • Muss ein Kind essen, was auf den Tisch kommt?
  • Wie reagiere ich, wenn es seine Hausaufgaben nicht machen will?
  • Was kann man tun, um die Pflichten im Haushalt gerechter zu verteilen?
  • Was ist zu Computerspielen und Pornografie zu sagen, wenn Kinder damit konfrontiert werden?

Die Bedeutung des Vaters und der Mutter für das Kind wird in einem je eigenen Kapitel beschrieben. Den Vater sieht der Autor als Gegenbild zur Mutter. Die Mutter steht bei Bergmann für eine weltabgeschiedene Einheit mit dem Kind, der Vater bildet eine Brücke zur Außenwelt. Dabei ist es für Bergmann kein Widerspruch, dass es auch zu den Aufgaben eines Vaters gehört, sein Kind so oft wie möglich zu umsorgen und zu pflegen. Interessant wäre an dieser Stelle zu erfahren, was in den Augen des Autors passieren würde, wenn Vater und Mutter die Rollen tauschen und wie eine biologisch begründete Aufgabenteilung aussieht, wenn die Eltern das gleiche Geschlecht haben.

In der festgefahrenen Debatte um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vertritt der Autor eine klare Position: Der Mutter kommt in den ersten acht bis achtzehn Monaten für die Entwicklung des Kindes eine besondere Stellung zu. Das heißt für Bergmann aber nicht, dass sie es nicht auch mal in die Obhut von Vater oder Großvater geben darf. Ferner prangert er die Benachteiligung von Müttern und ihrer Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben an und plädiert für umfassende Verbesserungen.

Eine der Grundlagen für die Erziehung ist, dass Kinder das sichere Gefühl haben verstanden und geliebt zu werden. Je besser wir Kinder verstehen, so Bergmann, desto mehr fühlen sie sich verstanden. Erst wenn eine Vertrauensbasis vorhanden ist, werden sie Erwachsenen aus freiem Willen folgen. Der Autor kritisiert daher Methoden wie die "Stille Treppe". Sie ziele darauf ab, den Willen eines Kindes zu brechen und es zur Resignation zu zwingen. Dies führe aber lediglich dazu, dass das Kind sein Vertrauen in die Liebe der Eltern verliere.

Großherzigkeit ist in Bergmanns Augen eine weitere zentrale Voraussetzung für die Entwicklung zu einem glücklichen und selbstbewussten Kind. Autoritäre Erziehung macht unselbständig und führt dazu, dass Kinder egozentrisch werden. Weitherzigkeit in der Erziehung heißt für Bergmann, dem Kind die Freiheit zu lassen, selbst zu entscheiden, in welche Richtung es sich wendet. Aus seinen Erfahrungen und Erfolgen kann es Selbstbewusstsein schöpfen, um die Unvorhersehbarkeiten des Lebens mutig anzugehen.

Trotz hingegen gehört für Bergmann zum Ausdruck existenzieller Krisen im frühen Kindesalter und der Pubertät. In diesen Phasen kommt die Befremdung über das eigene "Ich" zum Ausdruck. In seinem Buch weist der Autor vor allem auf die Ähnlichkeiten der Trotzphase und der Pubertät hin. In dieser Zeit ringen die Kinder um die nächste Stufe ihrer Autonomie, was teilweise schmerzhafte Begleiterscheinungen für alle Beteiligten zur Folge hat.

Zielgruppen und Diskussion

Eltern, (Sozial-)PädagogInnen, LehrerInnen und ErzieherInnen gehören zur Hauptzielgruppe von "Disziplin ohne Angst". Wolfgang Bergmann ist Kinder- und Familientherapeut mit eigener Praxis in Hannover und Autor zahlreicher psychologischer und pädagogischer Bücher. Der Vater von zwei Kindern berichtet in verständlicher Sprache und anschaulich nicht nur über Fälle aus der eigenen Praxis sondern auch über persönliche Erfahrungen in der Familie. Angenehm bei der Lektüre sind Bergmanns Humor, sein manchmal leicht ironischer Ton, die prägnante und an einigen Stellen fast literarisch anmutende Sprache. Besonders einfühlsam gelingt es ihm, die kindliche Seele und ihre Nöte zu beschreiben. Er übersetzt die existenziellen Erfahrungen und Ängste, die alle Kinder durchmachen, in die Sprache der Erwachsenen. Leider gelingt ihm eine solche "Übersetzung" dort weniger überzeugend, wo er die Rechte der Eltern ihren pubertierenden Kindern gegenüber thematisiert. Hier lassen sich Bergmanns Formulierungen nur schwer in einen realistischen Eltern-Kind-Dialog transportieren, auch wenn die dahinter liegende Strategie einleuchtet.

Am schwierigsten dürfte es Eltern fallen, dem Rat des Autors zum Verhalten in pubertären Krisen zu folgen. Kaum jemand würde widersprechen, dass Eltern akzeptieren müssen, wenn ihre Kinder langsam lernen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sich in dieser krisengeschüttelten Lebensphase als Eltern zurückzunehmen, und die vom Autor geforderte Distanz (nicht Gleichgültigkeit) einzuhalten, dürfte vielen Eltern jedoch wie die Quadratur des Kreises erscheinen.  

Fazit

Respekt, Großherzigkeit, Verständnis, Empathie, Souveränität und Selbstironie sind für Wolfgang Bergmann Fähigkeiten, die in der Erziehung große Bedeutung haben. Doch man würde ihn falsch verstehen, wenn man diese Tugenden als Weichheit, Nachlässigkeit oder Harmoniesucht interpretierte. Erst durch die Lektüre des Buches wächst das Verständnis, was genau mit diesen Begriffen gemeint ist. "Disziplin ohne Angst" ist kein Rezepte-Buch, das einem vorschreibt, wie man Erfolg in der Erziehung hat, auch wenn man sich an vielen Stellen Ideen und Anregungen für den Alltag holen kann. Es ist eine wohltuende Replik auf die Rufe nach mehr Disziplin und Strafen in der Pädagogik. Bergmann beeindruckt vor allem durch seine Haltung, die sich am ehesten mit den eingangs genannten Begriffen umschreiben lässt. In seinen Augen wollen Kinder vor allem starke Eltern und folgen denjenigen, die sie verstehen und denen sie daher vertrauen können. Das Verdienst Bergmanns ist es, die "Gehorsams-Pädagogik" als das zu entlarven, was sie ist, nämlich eine autoritäre Form der Erziehung, die Kinder und Jugendliche nicht auf ein Leben in Freiheit und Demokratie vorbereitet. Sie werden nicht selbständig handeln können und in vielen Situationen auf Kontrolle anderer angewiesen sein. Das bindet Energie, die in Kreativität, Mut und Innovation fließen könnte und kommt den Staat, letztlich uns alle, teuer zu stehen.

Rezension von
Dr. Stefan Timmermanns
Dozent an einer Fachschule für Sozialpädagogik, 2008-2011 Fachreferent bei der Deutschen AIDS-Hilfe e.V., Vorsitzender der Gesellschaft für Sexualpädagogik e.V.
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Es gibt 3 Rezensionen von Stefan Timmermanns.

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ISSN 2190-9245