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Le monde diplomatique (Hrsg.): Atlas der Globalisierung

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 10.12.2007

Cover  Le monde diplomatique (Hrsg.): Atlas der Globalisierung ISBN 978-3-937683-13-3

Le monde diplomatique (Hrsg.): Atlas der Globalisierung. taz verlags- und vertriebs GmbH (Berlin) 2007. 237 Seiten. ISBN 978-3-937683-13-3. 25,00 EUR.
Mit CD-ROM. Systemvoraussetzungen der CD-ROM-Beil.: Windows, Macintosh oder Linux
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Die Welt in Händen halten

Da haben wir wieder den Traum, den nicht nur Kartografen träumen und auch nicht nur Usurpatoren, sondern auch Du und Ich, in letzterem Fall, um unsere Kenntnisse und unser Wissen zu erweitern, "damit wir uns in den Labyrinthen dieser unbekannten Welt immer besser zurechtfinden". Das nämlich ist das Ziel, das sich der Herausgeber von "Le Monde diplomatique", Ignacio Ramonet, gesetzt hat, als er den neuen "Atlas der Globalisierung" heraus gab. Sein erstaunlicher Hinweis, "wir leben in einer weithin unbekannten Welt", bezieht sich dabei nicht darauf, dass wir nicht die etwa wüssten, wo die Kontinente und Länder auf unserer Erdkugel lägen, also unser geographisches Wissen betreffend, sondern "dass wir bei Phänomenen, die verschiedenen Bereichen zugehören, häufig deren Zusammenhänge und Wechselwirkungen nicht sehen", etwa zwischen Ökonomie und Ökologie, zwischen Handelsbeziehungen und militärischen Aktionen, zwischen Umweltbedingungen und sozialen Bewegungen, zwischen der Geschichte einer Region und den Konflikten ihrer Bewohner. Kurz: "Ein kartografisches Werk, das die unentbehrlichen Informationen aus allen Gebieten zusammenbringt: Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Kultur, Ideologie, Militär und Umwelt".

Der Traum, wie er sich beim "Erdgipfel" 1992 in Rio de Janeiro dargestellt hat, dass mit dem Begriff einer "globalen Partnerschaft" sich künftig in unserer Einen Welt ein humanes Leben für alle Menschen auf der Erde ermöglichen werde, wird zum Trauma dadurch, dass diejenigen, die von den globalen Veränderungen in erster Linie profitieren, unbedenklich die Chancen der Globalisierung nutzen, indem sie "auf geradezu perverse Art (die) zur Schau gestellten Konsum- und Wohlstandsunterschiede zwischen den reichen und den armen Ländern und Menschen dieser Welt" zelebrieren, wie dies der ehemalige Direktor des UN-Umweltprogramms (Unep), Klaus Töpfer, mit seiner Vision "für die Globalisierung der Nachhaltigkeit" darstellt. Also: Weg vom Teufelskreis und hin zu einem globalen Denken und Handeln, das mit drei Säulen eine nachhaltige Entwicklung trägt - wirtschaftliches Wachstum, sozialer Ausgleich, ökologische Stabilität.

Inhalt

In insgesamt fünf Kapiteln werden diese Ansprüche dargestellt:

  1. Die erste Runde läutet der amerikanische Journalist Mark Hertsgaard mit der allgegenwärtigen Problemdarstellung "Bedrohte Umwelt" ein; jedoch mit einer Prise Optimismus, mit der Aufforderung, die in der Tat nicht allzu positiven Informationen über den Zustand unserer Erde, wie sie sich in den Bereichen Klimawandel, Wasserressourcen, Nahrung, Energie, Rohstoffe, Waffentechnologie, Gentechnik und Bevölkerungsentwicklung darstellen, der Verzweiflung zu widerstehen, "wenn wir unser gemeinsames Ziel erreichen wollen, nämlich für die Menschen und für das ganze Ökosystem eine bessere Zukunft zu sichern". Die einzelnen Beiträge, wie z. B. "Wenn die Polkappen schmelzen", "Sauberes Wasser - knappes Gut" oder "Gesundheit, Privileg der Reichen", werden jeweils auf einer Doppelseite des großformatigen Atlas mit Informationen, Kartenmaterialien und Quellen- und Informationshinweisen dargestellt.
  2. Das zweite Kapitel mit den vielschichtigen Entwicklungen, wie "Das Ende der Blöcke und die neuen Kriege", der "Kampf der Kulturen", "globalisierte Kriminalität", bis zur "globalen Migration" wird mit dem Tenor "neue Geopolitik" von der Umweltaktivistin Susan George koordiniert. Mit dem Hinweis, dass eine Entwicklung, bei der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, niemals Ziel und Perspektive einer gerechten, menschlichen Entwicklung sein darf, mit dem Fingerzeig, dass "die reichen Länder diesen Armen das Leben noch schwerer machen".
  3. Im dritten Kapitel geht es um "Gewinner und Verlierer" der Globalisierung. Die Spiegel-Redakteurin Carolin Emcke. Aus früheren homogenen Entwicklungen auf allen Gebieten menschlichen Daseins, ist längst eine Hybridisierung geworden: "Die bewusste oder unbewusste Vermischung durchdringt alle Orte und Gesellschaften". Diese "Bastardisierung" zeigt sich in der Ambivalenz des Wachstumsgedankens, der Kapitalisierung und Schuldenproblematik, beim Konsumverhalten und im Bildungsbereich. Kritisch wird dabei auch danach gefragt, ob die von den Vereinten Nationen im Jahr 2000 ausgerufenen Millenniumsziele nicht eine "Vorspiegelung falscher Tatsachen" seien, weil sie die heute gültigen ökonomischen Rahmenbedingungen eben nicht in Frage stellen.
  4. Der norwegische Politikwissenschaftler Johan Galtung weist im vierten Kapitel auf die "ungelösten Konflikte" in unserer Welt hin und fordert, die Konfliktherde gründlich zu analysieren; wie z. B.: Der Nahe Osten mit der unausweichlichen Konfrontation, dass es in der Region viel Öl, aber wenig Wasser gibt, dem Palästina-Konflikt, Irak, Kurdistan, Indien und Pakistan, natürlich Afghanistan, Darfur, Kolumbien und andere Brennpunkte der Auseinandersetzung.
  5. Während andere bereits von "Chindia" als den neuen boomenden, asiatischen Weltmächten reden, setzt sich der indische Autor Suketu Mehta im fünften Kapitel mit der Thematik "Aufstieg Asiens" auseinander. Dabei dient ihm die Entwicklung in Bombay als "Inbegriff einer Gruppe von Megastädten in den Entwicklungs- und Schwellenländern" und die von der UN-Habitat-Konferenz 2003 prognostizierten Vorstellung, dass bis zum Jahr 2030 rund 60 Prozent der Weltbevölkerung in Großstädten leben werden; bis hin zu den konfliktträchtigen Macht- und religiösen Ansprüchen von Muslimen, Christen und Buddhisten in Südostasien.

Diskussion

Weil die Kartografie zu allen Zeiten menschlicher Erkundungen, ob bei den Inka, bei den arabischen Kartografen, von Gerhard Mercator, oder im GPS-Zeitalter, immer auch das Motiv beinhaltete, Besitz und Macht über ein auf der Karte abgebildetes Gebiet zu besitzen, ist der Beitrag des Pariser Geografen und Kartografen Philippe Rekacewicz aus seiner Werkstatt besonders informativ und geradezu lehrbuchhaft.

Im "Atlas der Globalisierung" haben, neben den Herausgebern und Koordinatoren der fünf Kapitel, insgesamt 75 Fachleute aus allen Gebieten der wissenschaftlichen Diskussion um die Lage der Welt in den Zeiten der Globalisierung mit geschrieben. Dieses gewaltige Werk trägt in der Tat dazu bei, ein "Faden im Labyrinth der Welt" zu sein. Kein Rezeptbuch, sondern ein Leitfaden für eine möglichst objektive Information, dass sich der Benutzer sein eigenes Bild vom Zustand unserer Erde machen kann - um, das zeigt sich als Aufforderung in allen Beiträgen - mit den eigenen, individuellen und gemeinschaftsbildenden Aktivitäten mit dazu beizutragen, dass unsere EINE WELT sich humaner, gerechter und zukunftsfähiger entwickelt.

Fazit

Der "Atlas der Globalisierung" muss, da gibt es kein Wenn und kein Aber, in allen Lehrer- und Hochschulbüchereien stehen und in den Schulen, die auch über eine Schülerbücherei verfügen, auch dort. Der neuen, 2007er Ausgabe, liegt eine CD als PDF-Datei bei, in der sich  sämtliche Informationen und Kartenmaterialien befinden. Eine ausgezeichnete Möglichkeit, bei Lehrveranstaltungen zu den jeweiligen Einzelaspekten gesondert einzusetzen.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1551 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.12.2007 zu: Le monde diplomatique (Hrsg.): Atlas der Globalisierung. taz verlags- und vertriebs GmbH (Berlin) 2007. ISBN 978-3-937683-13-3. Mit CD-ROM. Systemvoraussetzungen der CD-ROM-Beil.: Windows, Macintosh oder Linux. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5478.php, Datum des Zugriffs 28.06.2022.


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