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Ernst Engelke, Konrad Maier u.a. (Hrsg.): Forschung für die Praxis (Sozialarbeitsforschung)

Cover Ernst Engelke, Konrad Maier, Erika Steinert, Stefan Borrmann, Christian Spatscheck (Hrsg.): Forschung für die Praxis. Zum gegenwärtigen Stand der Sozialarbeitsforschung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2008. 367 Seiten. ISBN 978-3-7841-1803-1. 25,00 EUR.
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Thema

Der Band präsentiert die systematisierte Dokumentation von 65 Forschungsprojekten die auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGS) am 17./18. November 2006 in Würzburg zum Thema "Empirie und Theorie in der Sozialen Arbeit. Forschungsergebnisse und ihre Bedeutung für die Theorieentwicklung und die Praxis" vorgetragen wurden. In kommentierenden Überblicksbeiträgen werden die einzelnen Forschungsbeiträge in Bezug auf ihre fachliche Qualität, unter ethischen Gesichtspunkten, oder auf den Beitrag der Forschung zur Theoriebildung in der Sozialen Arbeit hin untersucht.

Autoren/Hintergrund

Die Herausgeber des Tagungsbandes waren aktiv an der Planung und Durchführung der DGS-Jahrestagung beteiligt.

  • Ernst Engelke lehrte bis 2007 Geschichte, Theorie und Handlungslehre der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt.
  • Konrad Maier lehrte bis 2005 Politikwissenschaften an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg und leitete dort über viele Jahre die Kontaktstelle für praxisorientierte Forschung.
  • Erika Steinert lehrt als Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der FH Zittau/Görlitz Theorien, Forschungsmethoden und Handlungsmethoden Sozialer Arbeit.
  • Stefan Borrmann arbeitet nach Auslandsaufenthalten als Gastwissenschaftler u. a. an der Universität Berkley/USA als wissenschaftlicher Referent in der Institutsleitung des Deutschen Jugendinstituts.
  • Christian Spatscheck lehrt Didaktik und Methodik Sozialer Arbeit an der FH Düsseldorf.

Aufbau

Der Band ist in vier Abschnitte unterteilt.

  1. Im ersten Teil führen die Herausgeber in den Hintergrund des Tagungsbandes und den Aufbau der Dokumentation ein.
  2. Ein von Silvia Staub-Bernasconi beim Kongress gehaltener Eröffnungsvortrag "Forschungsergebnisse und ihre Bedeutung für die Theorieentwicklung, Praxis und Ausbildung der Sozialen Arbeit" bildet den zweiten einführenden Abschnitt.
  3. Im dritten Abschnitt finden sich 65 systematisch dokumentierte Forschungsprojekte, die auf der Jahrestagung der DGS vorgetragen worden sind.
  4. Im letzten Abschnitt erfolgt eine kritische Würdigung der einzelnen Forschungsprojekte. In neun Essays werden hier die einzelnen Projekte hinsichtlich ihres Beitrags zur Grundlagen- und Evaluationsforschung, zur Sozialberichterstattung, zur Theorieentwicklung, zum Umgang mit ethischen Fragestellungen, zur Entwicklung von Verfahren, zur Praxis der Sozialen Arbeit und hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Qualität als Forschungsprojekt untersucht und kommentiert. Die im dritten Abschnitt präsentierten Einzelprojekte wurden mit Kennziffern kodiert, so dass eine Zuordnung der in den Essays genannten Forschungsprojekte gut möglich ist.

Zu 1 (Einleitung)

Die Herausgeber weisen im ersten einleitenden Abschnitt u. a. auf die Bedeutung von Forschungsergebnissen für Praxis und Wissenschaft der Sozialen Arbeit hin. Sie stellen die Frage, ob die Expansion in sozialen Arbeitsfeldern in den vergangenen 40 Jahren eine Entsprechung in der Entwicklung der Wissenschaft und Forschung der Sozialen Arbeit gefunden hat. Eine vorläufige Antwort darauf findet sich in der Resonanz auf die von der DGS durchgeführten Jahrestagung, in der Vielzahl der eingereichten Forschungsprojekte und vor allem in der lebhaften Diskussion dieser Beiträge in den einzelnen Foren der Tagung. Zu Recht weisen die Herausgeber darauf hin, dass dem hohen Bedarf an Forschung in der Sozialen Arbeit, vor allem in den Bereich Grundlagen- und Evaluationsforschung äußerst geringe (vor allem finanzielle) Ressourcen gegenüberstehen. Der erste Abschnitt endet mit einem hoffnungsvollen Appell an  Staat und Wohlfahrtsverbände, Gelder in Form von Forschungsstiftungen zur Verfügung zu stellen.

Zu 2 (Eröffnungsvortrag)

Staub-Bernasconi referiert im zweiten Abschnitt des Bandes zunächst den übersichtlichen publizistischen Stand zur Sozialarbeitsforschung in Deutschland. Thesen zur Aufgabenstellung und Zielrichtung dieser Forschung sind seit langem publiziert, eine Umsetzung erfolgte über einen langen Zeitraum jedoch eher punktuell. Staub-Bernasconi zieht denn auch eine nüchterne Bilanz zur Professionalisierung Sozialer Arbeit, welche eben auch durch mangelnde Forschungstätigkeit gekennzeichnet ist. Dies drückt sich auch in aktuellen Diskussionen zu Qualifikationsstandards in der Ausbildung, etwa dem unlängst verabschiedeten "Qualifikationsrahmen des deutschen Fachbereichstages Soziale Arbeit" aus, oder in der Tatsache, dass das Bachelorstudium in Deutschland zum Regelabschluss wird, wodurch wissenschaftliches Arbeiten, insbesondere Forschung in der Ausbildung bestenfalls ein zweitrangiges Thema bleiben wird. In der Praxis drückt sich dieses Dilemma durch eine deutliche Theoriefeindlichkeit aus, das Fachwissen wird eher in der Praxis erworben, an die Stelle von Theorie und Wissen tritt oftmals der Erwerb und Ausbau von Persönlichkeitseigenschaften ("Geduld", "Einfühlungsvermögen", "Belastbarkeit"), welche eher als unabdingbar für eine gelingende Praxis gesehen werden. Staub-Bernasconi bezieht die Lehrenden Sozialer Arbeit in diese Kritik mit ein: Ihnen gelingt augenscheinlich weiterhin nicht den Theorie-Praxis-Transfer zufrieden stellend zu lösen. Staub-Bernasconis Professionsverständnis Sozialer Arbeit ist als "transdisziplinäre Handlungswissenschaft" auf empirisch-theoretische Forschung begründet. Soziale Probleme als gesellschaftliches Phänomen sind Gegenstand einer Vielzahl wissenschaftlicher Disziplinen. Der Sozialen Arbeit misst die Autorin Fragestellungen über das Wie sozialer Probleme, dessen Ursachen und Auswirkungen, insbesondere über die Lebenssituation betroffener Menschen und deren Erfahrungen bei. Für den Bereich der Interventionsforschung nennt Staub-Bernasconi das Wissen um professionelle Interventionsformen in sozialen Systemen und die Wirksamkeitsforschung in der Sozialen Arbeit. Der Beitrag einer solchen Sozialarbeitsforschung liegt im Erklären und Benennen von Parametern, die zu sozialen Phänomenen und Problemen geführt haben. Im Erkennen dieser Parameter liegt bereits der Schlüssel zur Bearbeitung dieser Einflussgrößen. Schließlich ergibt sich für die Disziplin Soziale Arbeit dadurch auch die Chance zur Beteiligung am interdisziplinären wissenschaftlichen Diskurs, auch indem sie, basiert auf in ihrer Wirksamkeit nachgewiesenen Methoden und Techniken belegt, einen eigenständigen Beitrag zur Lösung sozialer Probleme beizusteuern. Staub-Bernasconi nimmt hier eine – zu recht - kritische Haltung zur "Evidence-based-Praxis" ein, welche sie als technokratisch und eindimensional und zu sehr an Kosteneffekten orientiert hinterfragt. Für die Soziale Arbeit ergibt sich andererseits die Möglichkeit ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen, wenn sie durch geeignete Forschung den Nachweis der Stichhaltigkeit und Wirksamkeit professioneller Interventionen erbringt.

Zu 3 (Forschungsprojekte)

Im dritten Abschnitt erfolgt die Darstellung der während der Fachtagung präsentierten Forschungsprojekte. Die Herausgeber haben dazu ein standardisiertes Raster entworfen. Alle vorgetragenen Projekte wurden von den Einzelautoren entsprechend diesem Raster bearbeitet. So erhält der Leser einen übersichtlichen, dabei umfassenden Überblick über die Einzelnen Projekte. Das Raster enthält Angaben zu Projektleitung und beteiligten Forschern, Projektdauer, Finanzvolumen, Forschungsmethoden und Forschungstyp und Projektveröffentlichungen. Ausführlich erfolgen jeweils die inhaltliche Projektdarstellung (Fragestellung, Projektverlauf, zentrale Ergebnisse) und die Bedeutung der jeweiligen Ergebnisse für die Theorieentwicklung im Bereich der Sozialen Arbeit. Die einzelnen Forschungsprojekte wurden thematisch zu Gruppen zusammengefasst. Der Abschnitt dokumentiert Forschungsarbeiten die in 27 Bereichen zusammengefasst wurden. Die Bandbreite der Forschungsbereiche reicht von "Armut und Wohnungslosigkeit" über "Gewalt und Prävention", "Klinische Sozialarbeit" hin zu "Handlungsmethoden", "Ausbildung in Sozialer Arbeit "  und "Ethische Spannungsfelder". Ein Schwerpunkt ist dem Bereich "Kindersozialisation" gewidmet. Die Unterteilung der Forschungsschwerpunkte folgt der Darstellung der Forschungsbeiträge beim Fachkongress. Für die Publikation der Tagungsergebnisse wäre eine übersichtlichere Darstellungsform sinnvoll gewesen.

Die dargestellten Forschungsprojekte zeigen die Vielfalt und Möglichkeiten der Sozialarbeitsforschung. Dies gilt für die gewählte Thematik ("Aggressive Verhaltensweisen im Kindergarten", "Ethische Dilemmata in der Sozialen Arbeit", "Qualitätsmangement im Studiengang Soziale Arbeit"), die unterschiedlichen Forschungsmethoden und den Umfang der einzelnen Forschungsprojekte, die im Einzelfall über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren verliefen. Bemerkenswert ist auch das Finanzvolumen der einzelnen Projekte. Knapp ein Drittel der Forschungsprojekte wurden durch Eigenmittel, d. h. ohne Fremdförderung finanziert, der Großteil der Forschungsprojekte (45) war durch Fördermaßnahmen zwischen (minimal) 1000 Euro und immerhin knapp 2 Millionen Euro ausgestattet. Bei den angewandten Forschungsmethoden dominieren qualitative Forschungsstrategien, in fünfzehn Forschungsprojekten kam es zu einer kombinierten Anwendung qualitativer und quantitativer Verfahren. Starke Unterschiede bestehen auch bei den Rahmenbedingungen der einzelnen Projekte. Forschungsanlass waren Master- oder Promotionsverfahren, Evaluationsfragestellungen beteiligter Projektträger, oder breiter angelegte Forschungsprojekte der Hochschulen.

Zu 4. (Bewertung der Forschungsprojekte)

Abschnitt vier ist der wissenschaftlichen Bewertung und Bedeutung der im dritten Abschnitt vorgestellten Forschungsprojekte gewidmet. Engelke und Lüttringhaus verfolgen die Frage, ob es eine Sozialarbeitsforschung überhaupt gibt und beklagen dass in der Disziplin zentrale Begriffe wie "Wissenschaft", "Forschung" und "Soziale Arbeit" nicht einheitlich (wenn überhaupt) definiert seien. Die Stärke einer Sozialarbeitsforschung liegt für die beiden Autoren in der Hinterfragung und Überwindung von Mythen und Klischees, etwa wenn komplexe Lebenslagen marginalisierter Personengruppen beschrieben und deren Lebenszusammenhänge verstehbar gemacht werden. In der Praxis Sozialer Arbeit kommt es darauf an Alltagstheorien zu überwinden und durch Tatsachenwissen zu ersetzen. Sozialarbeitsforschung hat hier eine Leitaufgabe zu übernehmen, als Beispiel zitieren Engelke und Lüttringhaus u. a. eine der dokumentierten Studien zum Thema "Lebensort Strasse – Eine Fallrekonstruktive Untersuchung über die Lebenswelten wohnungsloser Mädchen und junger Frauen". Weitere Aufgaben einer Sozialarbeitsforschung sind den beiden Autoren eine kritische Begleitung der Praxis, die auch Effizienz und Effektivität professioneller Interventionen untersucht. Schließlich muss durch Sozialarbeitsforschung Theoriebildung für die Soziale Arbeit entwickelt werden. Aus diesen Begründungszusammenhängen kann schließlich die wissenschaftlich fundierte Begründung für sozialpolitische Entscheidungen gewonnen werden. Soziale Arbeit gewinnt dadurch die Chance, Geldgeber für drängende Projekte zu gewinnen und kann sich so besser im wissenschaftlichen Konkurrenzkampf um Mittelzuweisungen behaupten.

Konrad Maier geht in einem Beitrag auf die Forschungsbedingungen in der Sozialen Arbeit ein. Bundesweite Erhebungen zu Art und Umfang der Sozialarbeitsforschung in Deutschland belegen, dass in den letzten Jahren ein deutlicher Zuwachs an Forschungsaktivitäten zu verzeichnen ist, die Forschung dabei oft an den Hochschulen angesiedelt war. Beim vorliegenden Tagungsband handelt es sich nach Maier eher um die Beiträge junger (Nachwuchs)Wissenschaftler, welche im Rahmen von Qualifikationsarbeiten oder als Mitarbeiter freier Forschungsinstitute forschend tätig seien. Namhafte Forschungsprojekte sind im vorgelegten Dokumentationsband deutlich unterrepräsentiert. Anhand eines Datenvergleichs der bei der Würzburger Tagung präsentierten Forschungsprojekte mit einer Untersuchung aus 1996 belegt Maier Entwicklungslinien in der Sozialarbeitsforschung, z. B. die deutliche Entwicklung im Forschungsbereich Gesundheit, oder das mittlerweile fast völlige Fehlen von Forschungsaktivität im Bereich Gemeinwesenarbeit.

Schweikart und Steiner gehen in ihrem Beitrag auf Grundlagenforschung in der Sozialen Arbeit ein. 19 der beim Kongress präsentierten Forschungsprojekte lassen sich der Grundlagenforschung zuordnen. Grundlagenforschung bezieht sich dabei auf konkrete Arbeitszusammenhänge, also die Praxis Sozialer Arbeit (etwa in einem Projekt "Aggressive Verhaltensweisen im Kindergarten"), auf das Professionsverständnis (z. B. in der Studie "Kindesinteressenvertretung im Familiengericht"), auf den Bereich der Resilienzforschung (welche für den selbstaktivierenden Ansatz jeder Sozialen Arbeit von zentraler Bedeutung ist), auf die Versorgungsforschung und auf institutionelle Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit. Der Grundlagenforschung weisen die Autoren eine nachhaltige Gestaltung der Praxis zu, was voraussetzt, dass Forschungsergebnisse durch Praktiker überhaupt wahrgenommen werden.

Mit Sozialberichterstattung in der Sozialen Arbeit befasst sich der Beitrag von Stock und Tausch. Nur drei der insgesamt 65 präsentierten Forschungsprojekte lassen sich ausschließlich diesem Forschungsbereich zuordnen. Der Forschungstyp "Sozialberichterstattung" ermöglicht eine umfassende, dabei strukturierte deskriptive Erhebung komplexer Lebenszusammenhänge Einzelner oder Gruppen. Inhaltlich steht diese Forschungsrichtung Konzepten der Sozialen Arbeit (z. B. Lebenslageansatz, Alltagsorientierung) sehr nahe. Die Struktur solcher komplexer Situationen dazustellen gelingt, so die Autorinnen, am ehesten durch einen Methodenmix qualitativer und quantitativer Forschungsverfahren, wobei sie ein dialogisches Prinzip als Herangehensweise an den Forschungsgegenstand fordern. Die wissenschaftliche Tiefe der Forschungsrichtung Sozialberichterstattung ergibt sich aus der Abgrenzung zum reinen Berichtswesen, also durch die theoretische Durchdringung der Forschungstechnik und –haltung. Die im Tagungsband versammelten Forschungsprojekte erfüllen laut den Autorinnen trotz ihrer Unterschiedlichkeit in Rahmenbedingungen, finanzieller Ausstattung und Forschungsmethodik weitgehend einen wissenschaftlichen Forschungsanspruch, in zwei Fällen erfolgte die Förderung der Projekte durch Bundes- und Landesmittel.

Fröhlich-Gildhoff und Engel beschäftigen sich mit dem Bereich der Evaluationsforschung in der Sozialen Arbeit. Diese Forschungsrichtung hat in den letzten 10 Jahren deutlich an Bedeutung zugenommen. Evaluation wird in diesem Zusammenhang als systematische Anwendung empirischer Forschungsmethoden zur Bewertung von Konzepten und der Implementierung und Wirksamkeit sozialer Interventionsprogramme definiert. Als Problembereiche dieses Forschungstyps benennen die Autoren die Haltung der beteiligten Forscher, welche durch die Komplexität des zu beurteilenden Gegenstands beeinflusst werden kann. Auch der zeitliche Rahmen der Evaluation und die Definition der Evaluationskriterien können sich auf das Evaluationsergebnis auswirkten. 17 der im Tagungsband veröffentlichten Forschungsprojekte wurden dem Bereich Evaluationsstudien zugeordnet. Fröhlich-Gildhoff und Engel beschreiben die vorgestellten Studien hinsichtlich Forschungsaufbau, zeitlicher Rahmen, Prägnanz der Evaluationskriterien als wissenschaftlich unzureichend fundiert. Lediglich eine Studie arbeitete mit einer kontrollierten Vergleichsgruppe. Anhand dieses Befundes ziehen die Autoren den Schluss, dass ein Bedarf an der Weiterentwicklung der Evaluationsmethoden besteht. Nur so kann sich die Sozialarbeitsforschung einen anerkannten Platz im wissenschaftlichen Diskurs erarbeiten. Dabei muss eine konsequente Orientierung an den empirischen Kriterien der Wissenschaftstradition, etwa in Psychologie oder Soziologie erfolgen.

Ethische Fragestellungen im Zusammenhang der Sozialarbeitsforschung sind Gegenstand des Beitrags von Kreutner. Grundkonflikt der Sozialarbeitsforschung als auch der gesamten Sozialen Arbeit ist der normative Charakter getroffener Aussagen und Fragestellungen. Mit Bezug auf Niklas Luhmann betont Kreutner zunächst, dass normative Aussagen in Wissenschaft und Forschung unterbleiben sollten, vor allem wenn diese mit moralischen Gesichtspunkten verquickt sind. Auch wenn der Status normativer Aussagen in der Sozialen Arbeit umstritten ist, sind diese häufig (notwendiger) Bestandteil theoretischer Konzepte, etwa in Bezugnahme auf die Menschenrechte. Eine Vielzahl der Studien formuliert direkt oder indirekt eindeutige Wertevorstellung, etwa in einem Forschungsprojekt zu "Unterstützungsmöglichkeiten für menschenwürdige Copingstrategien bei TumorpatientInnen", zur Fragestellung "Spezifischer Bedürfnisse für ein altersgerechtes Leben lesbischer Frauen", oder in einer Untersuchung zur Frage "Ob das Betreute Wohnen für chronisch psychisch kranke Menschen deren selbstbestimmte Lebensführung fördert". Die hier deskriptiv formulierten Fragestellungen implizieren normative Aussagen, das was  als "gerecht", "menschenwürdig" oder "selbstbestimmt" erfasst werden soll, lässt sich empirisch nicht erfassen. Sozialarbeitsforschung muss diese Fragestellungen die auf Sollensvorstellungen basieren, eindeutig festlegen und begründen, um in einer Diskussion Bestand haben zu können. Soziale Arbeit ist normative Handlungswissenschaft mit deutlich formulierten Wertvorstellungen und Veränderungsabsichten. Als "praktische Wissenschaft" beansprucht die Soziale Arbeit die Wissenschaftsfähigkeit normativer Aussagen, muss diese aber immer deutlich beschreiben und analysieren und im Sinn der Nachvollziehbarkeit transparent machen. Nur explizit gekennzeichnete normative Aussagen sind intersubjektiv nachvollziehbar und können so ethisch reflektiert werden. Unter dieser Voraussetzung können normative Aussagen den Status wissenschaftlicher Aussagen erreichen. Den im Tagungsband präsentierten Forschungsprojekten bescheinigt Kreutner in Bezug auf dieses Problem eine deutliche Entwicklungsfähigkeit.

Eine globale Einschätzung zur wissenschaftlichen Qualität der vorgestellten Forschungsprojekte nimmt Steinert in ihrem Beitrag vor. Sie resümiert, dass die dokumentierten Forschungsprojekte eine Vielfalt an innovativen Fragestellungen und eine hohe Praxisrelevanz aufweisen. Schwachstelle der meisten Forschungsprojekte scheinen jedoch die Berücksichtigung wissenschaftlicher Gütekriterien zu sein, wobei dies auch der speziellen Dokumentationsform der Forschungsprojekte geschuldet sein könnte. Der Großteil der Projekte ist jedoch bzgl. Forschungsmethodik mehrdimensional ausgerichtet und integriert qualitative und quantitative Forschungsansätze. Ein Schwerpunkt liegt jedoch auf qualitativen Forschungsstrategien, was allerdings auch deren besondere Angemessenheit für Fragen Sozialer Arbeit demonstriert.

In einem zweiten Beitrag befasst sich Maier mit der Entwicklung von Verfahren durch integrierte Praxisforschung in der Sozialen Arbeit. Maier betont den für die Soziale Arbeit wichtigen Effekt der Entwicklung von Verfahren und Methoden, indem durch praxisnahe Forschung, im Verbund von Forschern und Praktikern, implizite Wissensbestände, Handlungsroutinen und Verfahrensabläufe erhoben, benannt, hinterfragt und weiter entwickelt werden können. Für die Soziale Arbeit besteht darin eine genuine Möglichkeit der Theorie- und Methodenbildung und damit ein unmittelbarer Beitrag zur Weiterentwicklung der Profession.

Anhand der im Tagungsband veröffentlichten Forschungsprojekte fragt Sommerfeld in einem abschließenden Essay nach dem Beitrag der Forschung zur Theoriebildung in der Sozialen Arbeit. Als grundsätzliches Problem benennt er, dass in vielen Projektbeschreibungen keine Angaben zur Frage der Theoriebildung in der Sozialen Arbeit gemacht wurden. Hintergrund dafür könnte sein, dass diese Bezüge durch die Verantwortlichen der Forschungsprojekte nicht benannt werden können, da sie nicht greifbar sind, oder dass die Datengewinnung in einzelnen Projekten aus einem konkreten Praxisbedarf heraus im Rahmen von Faktenbenennung erfolgt ist, was dann aber keine wissenschaftliche Forschung im engeren Sinn ist. Sommerfeld referiert seine in unterschiedlichen Veröffentlichungen skizzierten Leitideen einer Sozialarbeitsforschung. Merkmale sind hier ein deutlicher Theoriebezug, die Reflektion des aktuellen Stands der wissenschaftlichen Forschung und die daraus erfolgte Ableitung angemessener Forschungsmethoden. In einer genauen Analyse einzelner Forschungsprojekte belegt der Autor, dass der Anspruch Forschung im Sinn neuer Erkenntnisgewinnung zu betreiben, oftmals nicht, oder nur zum Teil eingelöst wurde. Einzelne Forschungsprojekte dienen nach Sommerfelds Analyse nur der Implementierung bestehender Wissensbestände in konkrete Praxiszusammenhänge, was nach seiner Auffassung wiederum keine wissenschaftliche Forschung im engeren Sinn ist. Anzumerken ist hier, dass derartige Forschungsstrategien von anderen Autoren durchaus als Anwendungsforschung gekennzeichnet und akzeptiert wird. Insgesamt betont Sommerfeld, dass der Beitrag der Sozialarbeitsforschung zur Theoriebildung in der Sozialen Arbeit derzeit nicht absehbar ist. Die Forschungsthemen, Herangehensweisen und Forschungsmethoden unterscheiden sich für ihn wenig von anderen wissenschaftlichen Disziplinen. Als Label "Sozialarbeitsforschung" tritt die Forschungscommunity jedoch weitgehend geschlossen auf, generiert dadurch einen "strukturierten und strukturierenden Sinnzusammenhang" (344), dadurch zeigt sich, dass die Forschung in der Sozialen Arbeit prinzipiell ein konsistenzes Ganzes bildet, einen "sinnvollen disziplinären Zusammenhang" (ebd.), wodurch Theoriebildung generell ermöglich wird und die Disziplin Soziale Arbeit in der "Normalität einer empirischen Sozialwissenschaft angelangt" (ebd.) ist. Allerdings steht die Sozialarbeitsforschung und die daraus entstandene Theorie der Wissenschaft Sozialer Arbeit in der Analyse Sommerfelds deutlich am Anfang einer Entwicklung. In diesem Zusammenhang ist einer der letzten Sätze der Tagungsdokumentation als Aufruf zu verstehen: "Wir brauchen ein Bewusstsein darüber, was Theoriebildung in einer Handlungswissenschaft überhaupt heißt, und wir brauchen fokussierte und vernetzte Forschungstätigkeit, um diese voranzutreiben" (346).

Zielgruppe

Entsprechend dem Anspruch des Tagunsbandes, den Beitrag der Sozialarbeitsforschung für die Theorienentwicklung der Sozialen Arbeit anhand konkreter Forschungsprojekte zu dokumentieren, dürften sich zunächst Lehrende und an Forschung/Theorieentwicklung interessierte Praktiker der Sozialen Arbeit angesprochen fühlen. Durch die große Bandbreite unterschiedlicher Forschungsfragestellungen und -strategien sind aber sicher auch Studierende der Sozialen Arbeit angesprochen. Diese finden in der Tagungsdokumentation neben Angaben zu konkreten Forschungsansätzen aktuelle Hinweise zu unterschiedlichen Arbeitsfeldern und den dort aktuell drängenden Fragestellungen. Die Bandbreite reicht dabei von der Förderung und Bildung von Kindern im Elementarbereich bis zur Frage der Bewältigung von Alterungsprozessen älterer und alter Frauen.

Fazit

Soviel vorweg: die Tagungsdokumentation ist ein äußerst gelungener Beitrag zur Dokumentation des Entwicklungsstandes der Disziplin Soziale Arbeit. Durch die gewählte Form der strukturierten (vorgegebenen) Rasterung der einzelnen Forschungsprojekte gelingt ein müheloser Überblick zur aktuellen Forschungslandschaft in der Sozialen Arbeit. Durch die kommentierenden und analysierenden Essays und die dabei kontrovers geführte Diskussion um die wissenschaftliche Qualität der einzelnen Forschungsbeiträge entsteht ein komplexer Beitrag zur aktuellen Diskussion um notwendige und anstehende Professionalisierungsschritte der Disziplin. Den Veranstaltern der Tagung und den Herausgebern der Tagungsdokumentation gilt der Dank für das Aufgreifen dieser wichtigen Fragestellung und für die sorgfältige redaktionelle Bearbeitung des Dokumentationsteils. Der Band sollte in keiner Hochschule mit Ausbildungsrichtung Soziale Arbeit fehlen. In den Praxisfeldern ist dem Buch eine gute Rezeption zu wünschen. Jeder in der Praxis Tätige findet in dem Band Anregungen für eigene Forschungsfragestellungen, mögliche Forschungsstrategien und die Organisation konkreter Forschungsprojekte. Weiterführende Literaturangaben zu den einzelnen Forschungsprojekten eröffnen die Möglichkeit der weitern Vertiefung. Durch die Benennung der einzelnen Projektverantwortlichen, in der Regel mit Nennung der Kontaktdaten, besteht die Möglichkeit zur direkten Kontaktaufnahme.

Wünschenswert ist die Fortsetzung des jetzt publizierten Forschungsbandes, etwa als "anual social work research review". Die Entwicklung der Sozialarbeitsforschung und damit die weitere Professionalisierung Soziale Arbeit ist und bleibt eine der dringlichsten Aufgaben dieser Disziplin.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 27.06.2008 zu: Ernst Engelke, Konrad Maier, Erika Steinert, Stefan Borrmann, Christian Spatscheck (Hrsg.): Forschung für die Praxis. Zum gegenwärtigen Stand der Sozialarbeitsforschung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2008. ISBN 978-3-7841-1803-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5488.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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