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Johannes Schilling, Susanne Zeller: Soziale Arbeit. Geschichte, Theorie, Profession

Cover Johannes Schilling, Susanne Zeller: Soziale Arbeit. Geschichte, Theorie, Profession. UTB (Stuttgart) 2007. 3., überarbeitete Auflage. 280 Seiten. ISBN 978-3-8252-8304-9. 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.

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Thema

Die Profession Soziale Arbeit gründet auf einer historischen Tradition des Helfens und Erziehens, auf einer theoretischen Wissensbasis, einer normativ-ethischen Begründung, einer strukturierten Ausbildung, professionellen Methoden und Arbeitsweisen. Ziele, Aufgaben und Handlungsfelder der Sozialen Arbeit haben sich im Verlauf der Geschichte verändert. Das vorliegende Studienbuch unternimmt den Versuch einer Antwort „was Sozialpädagogik bzw. Soziale Arbeit hießt und welche Ziele und Aufgaben sie in unserer Gesellschaft hat“ (S. 12). Das Buch deckt das breite Spektrum von den historischen Entwicklungslinien der Sozialen Arbeit als Erwachsenenfürsorge und der Sozialpädagogik als Geschichte der Jugendfürsorge, der unterschiedlichen sozialpädagogischen Theorieansätze, der Ziele und Methoden, Ausbildungsgänge und Arbeitsfelder ab, bis hin zur Organisation der Profession.

Ausgehend von den historisch unterschiedlichen Wurzeln der Armutsfürsorge und der Jugendfürsorge und der gewachsenen Ausweitung und Annäherung der Arbeitsfelder der Sozialarbeit und der Sozialpädagogik wählen die Autoren in Anlehnung an die Konvergenzthese die Schrägstrich-Notation: Sozialpädagogik/Sozialarbeit. Ein Versuch Orientierung im begrifflichen Morast zu schaffen. Wie im Titel des Buches angegeben, wird Soziale Arbeit als der gemeinsam verbindender Überbegriff für beide Entwicklungslinien gewählt.

Autor und Autorin

Johannes Schilling lehrte bis 2005 als Professor an der Fachhochschule Düsseldorf im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaft insbesondere Didaktik/Methodik, Jugendarbeit und Freizeitpädagogik.

Susanne Zeller ist Professorin für Theorien der Wissenschaft Soziale Arbeit, Professionalisierungsgeschichte und Berufsethik an der Fachhochschule Erfurt.

Inhalt

Warum Geschichte?“ fragen die Autoren im ersten Kapitel und skizzieren die Entstehungsgeschichte der Sozialarbeit als Erwachsenenhilfe von ihren Anfängen im Mittelalter, über die Neuzeit, die Aufklärung, die Industrialisierung, die Weimarer Republik, der Zeit des Nationalsozialismus, dem Neuanfang nach 1945 bis hin zu den Differenzierungen der postmodernen Risikogesellschaft.

In vergleichbarer Weise wird die Geschichte der Sozialpädagogik als Jugendfürsorge im zweiten Kapitel nachvollzogen. Denn, so betonen die Autoren, Soziale Arbeit braucht die historische Vergewisserung der eigenen Wurzeln, um eine professionelle Identität zu entwickeln und sich von anderen Professionen zu unterscheiden. Und sie braucht Geschichte, um kritische Distanz zu üben gegenüber vergangenen Entwicklungen (Nationalsozialismus) und aktuellen Zumutungen (ökonomische).

Im dritten Kapitel führen die Autoren die in den ersten beiden Abschnitten getrennt dargestellten Bereiche Sozialpädagogik und Sozialarbeit zu einem Gesamtkomplex Sozialpädagogik/Sozialarbeit zusammen. Sie diskutieren die Fragen, ob beide Bereiche identisch sind, welche Begriffe synonym verwendet werden, welche Unterschiede zu markieren sind und wie ihr Verhältnis zueinander heute ist. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass Sozialarbeit und Sozialpädagogik sich in Richtung zunehmender Übereinstimmung unter Berücksichtigung ihrer Eigenständigkeit und Eigenart entwickelt hat und fassen beide Teilbereiche unter dem Begriff Soziale Arbeit zusammen (S. 137). Soziale Arbeit wird dann in Anlehnung an Staub-Bernasconi „als Antwort auf die sozialen Probleme, die durch die Industrialisierung entstanden sind und einer Lösung bedürfen, zu bestimmen. ´Soziale Arbeit als Wissenschaft` gibt … reflexive Antworten und ´Soziale Arbeit als Praxis` gibt tätige Antworten auf die Sozialen Probleme“ (S. 138).

Exemplarisch ausgewählte Theorieansätze der Sozialpädagogik von Herman Nohl, Gertrud Bäumer, Hermann Giesecke, Hans Thiersch und den systemischen Ansatz finden die Leser und Leserinnen im vierten Kapitel. Die Systematik der Darstellung ist, wie die ersten beiden Kapiteln, historisch konzipiert, von den klassischen Theorieansätzen zu den zeitgenössischen Theoriemodellen und –diskursen (auf andere Systematiken von Schmidt, Hans-L.; Mühlum, Albert; Engelke, Ernst wird hingewiesen S.144-145). Jede Theorie, bzw. jeder Ansatz wird einer kritischen Würdigung unterzogen.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit den Fragen:

  • was ist `sozial´,
  • was ist ein soziales Problem,
  • wie kann Soziale Arbeit definiert werden,
  • was sind ihre philosophischen Grundprinzipien und Ziele,
  • welche Methoden, Arbeitsformen und Verfahren haben sich im Verlauf der Entwicklung der Profession herausgebildet und etabliert.

Beratung weisen die Autoren als methodische Schlüsselkompetenz und charakteristischer Bestandteil aller Sozialen Arbeit aus (S. 218).

Einen Überblick über die historisch gewachsene Struktur und aktuelle Situation der Ausbildung findet sich im sechsten Kapitel. Die Verfasser zeigen, dass mit der Verwissenschaftlichung der Ausbildung die Frage nach einer Leitwissenschaft gestellt wurde. Für die Sozialpädagogik wurde die Erziehungswissenschaft und in der Sozialen Arbeit die Sozialarbeitswissenschaft als eigenständige Leitwissenschaft favorisiert (S. 236). Ein weiterer Themenkomplex behandelt die Arbeitsfelder und Träger der Sozialen Arbeit.

Das öffentliche Image der Sozialen Arbeit vom verstaubten Aschenputtel hin zu einem „unauffälligen, aber gleichwohl bemerkenswert erfolgreiche(n) Unternehmen“ (S.246) wird im letzten Teil des sechsten Kapitels unter die Lupe genommen. Dabei werden der Vorstellung des Berufsverbandes DBSH ganze sieben Seiten gewidmet, mit der Anmerkung des mangelhaften Organisationsgrades innerhalb der Profession und der Notwendigkeit mehr Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, um die Ziele der Sozialen Arbeit besser vertreten und verfolgen zu können. Professionalisierung und die Funktion der Sozialpädagogik in der Gesellschaft als Dienstleistungs- und Kontrollinstanz bilden den Abschluss des Kapitels.

Als Schlussakkord verdichten die Autoren noch einmal die Frage: „Was Soziale Arbeit heißt“ (S. 273). Sie wählen wieder exemplarisch einige Vertreter der (sozialpädagogischen) Community aus und stellen deren Definitionen den Leser und Leserinnen vor. Um die Komplexität zu reduzieren, schlagen die Autoren einen offenen Definitionsversuch vor: „Man spricht von Sozialer Arbeit als Wissenschaft (Theorie), Sozialer Arbeit als Praxis (Beruf) und Sozialer Arbeit als Studium (Lehre)“ (S.278).

Zielgruppen

Das Buch wendet sich vor allem an Studierende der Sozialpädagogik/Sozialarbeit und an Lehrende der Sozialen Arbeit. Schilling und Zeller gelingt das Unternehmen, das komplexe Feld der Profession, der Disziplin, der Praxis und der Ausbildung auf ihre zentralen Kernaspekte sprachlich verständlich und übersichtlich zu reduzieren, ohne dabei die Gesamtperspektive aus den Augen und an Tiefe zu verlieren.

Diskussion

Das Buch reklamiert – wie auch der Titel verspricht – sich mit "Sozialer Arbeit" zu beschäftigen. Leider gelingt das nur ansatzweise. In den ersten beiden Kapiteln werden die unterschiedlichen Entwicklungslinien gut nachgezeichnet, aber im Theorieteil erfolgt eine Konzentration auf die sozialpädagogische Theoriebildung, was deutlich wird in der Auswahl der theoretischen Konzeptionen und ihrer Protagonisten. Ärgerlich ist die Darstellung des systemischen Ansatzes im Teil 4.7. Warum? Hier wird von der „modernen Systemtheorie“ (S. 172) gesprochen (welche?), auf Staub- Bernasconi hingewiesen und Niklas Luhmann erwähnt (S. 173), aber nicht gezeigt, dass sich diese systemtheoretischen Ansätze grundlegend voneinander unterscheiden und zwei unterschiedliche Diskursstränge in der Profession und Disziplin Sozialer Arbeit abbilden. Obgleich hier nicht differenziert wird, betonen die Autoren, „dass man von einer einheitlichen Systemtheorie nicht sprechen kann…“ (S. 184). Eine Unterscheidung von funktionaler Systemtheorie (Luhmann, Merten, Kleve) und von ontologischer Systemtheorie (Bunge, Obrecht, Staub-Bernasconi) nicht vorzunehmen, gar unter dem Label systemische Ansätze zu vermischen, schafft wahrlich keine Orientierung in der aktuellen Professionalisierungsdiskussion, eher Verwirrung.

Es ist anzunehmen, dass die Autoren in der Tradition der Sozialpädagogik beheimatet, diese auch als zentralen Fokus ihrer Arbeit gewählt haben, in dem die Soziale Arbeit implizit vorhanden ist und aufgeht. Diese Annahme mag die Antwort auf die Frage sein, warum im Theorieabschnitt und im Kaptitel 5 zur Frage „Was sind soziale Probleme?“ der sozialarbeitswissenschaftliche Diskurs, wie die Züricher Schule (Obrecht, Staub-Bernasconi, Geiser) ihn führt, unbeachtet bleibt. Eine Erörterung der disziplinären Frage „Was ist der Gegenstand der Sozialen Arbeit?“ ist, findet sich leider ebenso wenig, wie die Debatte um die Rolle der Bezugswissenschaften bei der Konzeption einer transdisziplinären Sozialarbeitswissenschaft, in der sowohl die Sozialpädagogik als auch die Sozialarbeit vorkommen.

Das Bemühen der Verfasser einen Weg und eine Orientierung durch den begrifflichen Morast zu finden ist ihnen insofern gelungen, als sie die begriffliche Unverbindlichkeit der zitierten Autoren weiterführen und auf eine sozialpädagogische Logik reduzieren, mit kleinen Wegweisern zur Sozialen Arbeit.

Leider fehlt in der Einleitung ein Hinweis der Autoren, welche Veränderungen zur ersten und zweiten Auflage (vgl. dazu die Rezension) mit der „Umarbeitung für diese 3. Auflage des Buches vorgenommen“ wurden (S.14). Bedauerlich ist, dass das Autorenteam auch in dieser Ausgabe dem Genderaspekt in der Berufsgeschichte der Sozialen Arbeit „Soziale Arbeit als Frauenberuf“ keine Aufmerksamkeit geschenkt hat.

Fazit

Schilling und Zeller legen uns ein inhaltlich komprimiertes, sprachlich verständliches und didaktisch anschaulich gestaltetes Buch vor. Mit Piktogrammen und grau unterlegten Textabschnitten leiten sie die Leser und Leserinnen durch die einzelnen Kapitel. Zusammenfassungen und Lernfragen können von Studierenden als Prüfungsvorbereitungen und von Lehrenden als Leitfragen für Seminarvorbereitungen genutzt werden. Die grafischen Abbildungen (Bäume) in den ersten beiden Kapiteln bieten eine gute visuelle Orientierung. Die Entscheidung der Autoren Originalzitate in den Text einzufügen, und diese durch einen kleineren Schriftgrad eingerückt gesetzt zu kennzeichnen, darf in mehrerlei Hinsicht positiv gewertet werden. Den Studierenden zeigen sie, dass Thesen in wissenschaftlichen Texten belegt werden müssen, in Seminaren können die Zitate als Diskussionsgrundlage verwendet werden, sie verweisen auf die Vielfalt von Aussagemöglichkeiten und machen die Studierenden vertraut mit dem Umgang unterschiedlicher Perspektiven. Das Buch ist empfehlenswert als Übersicht was historisch und aktuell unter Sozialpädagogik verstanden und diskutiert wird. Jedoch was unter Sozialer Arbeit zu verstehen und diskutiert wird, deckt das Buch leider – trotz des viel versprechenden Titels – nur sehr unzureichend ab.


Rezension von
Prof. Dr. Juliane Sagebiel
Prof. Dr. Juliane Sagebiel, Hochschule München, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften. Studienschwerpunkte: Geschichte und Theorien der Sozialen Arbeit, Sozialarbeitswissenschaft, Systemtheorien, Machttheorien
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Zitiervorschlag
Juliane Sagebiel. Rezension vom 20.05.2009 zu: Johannes Schilling, Susanne Zeller: Soziale Arbeit. Geschichte, Theorie, Profession. UTB (Stuttgart) 2007. 3., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8252-8304-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5489.php, Datum des Zugriffs 26.09.2020.


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