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Antje Gunsenheimer (Hrsg.): Grenzen. Differenzen. Übergänge. Spannungsfelder inter- und transkultureller Kommunikation

Cover Antje Gunsenheimer (Hrsg.): Grenzen. Differenzen. Übergänge. Spannungsfelder inter- und transkultureller Kommunikation. transcript (Bielefeld) 2007. 340 Seiten. ISBN 978-3-89942-794-3. 32,80 EUR, CH: 52,50 sFr.

Reihe: Kultur und soziale Praxis.
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Grenzüberschreitung als Risiko und Chance - die Zukunftsfähigkeit der interkulturellen Kommunikation

Sind kulturelle Unterschiede, die zweifellos das globale Dasein der Menschen bestimmen, unüberwindlich und damit trennend, oder sind sie gewissermaßen Brücken, die verbinden können? Die Bedeutung, die der Bildung und Erziehung in der immer interdependenter sich entwickelnden (Einen) Welt zukommt, die Bemühungen zur Internationalisierung und Institutionalisierung der verschiedenen Bildungssysteme, sind gleichzeitig bestimmt von dem Bewusstsein, dass sich Anspruch und Wirklichkeit Hier und Heute in vielfacher Weise, versöhnlich und unversöhnlich, gegenüber stehen: "Der Umgang mit Differenz in den Schulen und Hochschulen unterliegt unvermeidlichen Schwierigkeiten. Sie haben ihre strukturelle Ausgangsgrundlage in dem historisch durchgesetzten Anspruch des Einbezugs aller. Scheitern und relativer Misserfolg, die strukturell und unaufhebbar zur Geschichte des Bildungssystems gehören, gewinnen angesichts der gewachsenen Bedeutung von Bildung und Ausbildung für die Chancen auf Arbeitsmärkten an sozialer Brisanz".

Entstehungshintergrund

Das Ringen um die wissenschaftliche Auseinandersetzung zu Fragen der weltweiten Kommunikation und von globalen Vernetzungen, der theoretischen Fundierung und der praktischen Realisierung, ist ein Anliegen unserer Zeit! Die Volkswagen-Stiftung fördert seit 1992 diese Bemühungen in vielfacher Weise, wie der Generalsekretär der Stiftung, Wilhelm Krull, in seinem Geleitwort zu einer bemerkenswerten Veröffentlichung betont. In zwei Förderschwerpunkten werden Aspekte der Interkulturalität und von Identitätsbildungsprozessen bearbeitet: "Das `Fremde` und das `Eigene` - Probleme und Möglichkeiten interkulturellen Verstehens" (1992 - 1999) und "Konstruktion des `Fremden` und des `Eigenen`: Prozesse interkultureller Abgrenzung, Vermittlung und Identitätsbildung" (1999 - 2006). Die Ergebnisse einer Expertentagung vom 14. bis 16. Juni 2006 in Dresden, werden in dem vorliegenden Band dokumentiert.

In den verschiedenen Theorien und Konzepten der spezifischen , länder-, regional- und bündnisbezogenen Integrationspolitiken bestimmen Erfolgs- und Misserfolgsszenarien die Einschätzungen zur "Machbarkeit" von kultureller Pluralisierung und Diversität. Viel zu wenig wird dabei bedacht, so erinnern Klaus J. Bade, der Leiter des Osnabrücker Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), und Michael Bommes, der Vorsitzende des Rates für Migration (RfM), in ihrer Einleitung, dass "Integration … ein in hohem Grade eigendynamischer Sozialprozess von mittlerer bis langer Dauer mit fließenden Grenzen zur Assimilation (ist)… und politisch weder verordnet noch bewirkt werden" kann. Die Defizite, Um- und Irrwege institutionellen, staatlichen und politischen Handelns und die Wegemarken für die "Problemstellungen von Inter- und Transkulturalität der Gegenwart" lassen sich nur in einer interdisziplinär verstandenen, kommunikativen Forschung verdeutlichen.

Aufbau

Die Ethnologin und langjährige Referentin der Volkswagen-Stiftung und jetzige wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Bonn, Antje Gunsenheimer, gliedert als Herausgeberin, den Reader der 19 Fachbeiträge in vier Teile:

  1. Prozesse der interkulturellen Abgrenzung, Vermittlung und Identitätsbildung.
  2. Felder - Medien - Ästhetiken.
  3. Wissenschaft - Gesellschaft - Praxis.
  4. Herausforderungen und Perspektiven.

Zum ersten Teil

  • Im ersten Teil steckt der Lehrstuhlinhaber für Geisteswissenschaften an der Harward-University, Homi K. Bhabha, den "harten, steinigen Grund" von interkultureller Kommunikation und transkulturellem Leben in der globalisierten Welt ab. Mit dem Begriff "befähigende Grenze" will er deutlich machen, dass in der geisteswissenschaftlichen Tradition das Überwinden von Differenzen im Sinne einer gemeinschaftsbezogenen Fürsprache und Solidarität denkbar ist, weil "sich der Wert des menschlichen Handelns aus der Tatsache ergibt, dass niemand von anderen befreit oder emanzipiert werden kann und sich doch niemand ohne andere befreien oder emanzipieren kann" (Balibar).
  • Der Historiker und Philosoph Jörn Rüsen von der North-West-Univerity in Südafrika setzt sich in seinem Beitrag mit Fragen zur kulturellen Identität in der Globalisierung auseinander und spricht "über die Gefahren des Ethnozentismus und die Chancen des Humanismus". Wenn Ethnozentrismus, im Sinne von Kant, als "ungesellige Geselligkeit" als "anthropologische Konstante in allen historisch wandelbaren menschlichen Lebensformen" wirkt, dann kann Humanismus als "Inbegriff derjenigen Qualifikationen des Menschseins des Menschen (bedeutsam werden), die die lebensnotwendige Differenzbestimmung inklusiv machen".
  • Die Rechtswissenschaftlerin der Universität Basel, Andrea Büchler, diskutiert über "Modelle, Chancen und Grenzen familienrechtlicher Pluralität". In sechs Thesen führt sie die Zusammenhänge von kultureller Identität und Familienrecht zusammen.

Zum zweiten Teil

  • Den zweiten Teil leitet der Soziologe Hans-Georg Soeffner von der Universität Konstanz mit seiner Auseinandersetzung über "Terrorismus und Medien" ein. Die "eilige Allianz", als die scheinbar allumfassende und unausweichliche Allmacht unseres alltäglichen, lokalen und globalen Daseins, wäre dann genau das Gegenteil von Distanz, "auch die Distanz zu uns selbst".
  • Die Kulturwissenschaftlerin der Universität Freiburg, Eva Kimminich, lenkt den Blick auf Einflüsse und Auswirkungen der HipHop-Kultur der "Rap(re)publics" in den Vorstädten Frankreichs. Ihre Sozialisation und die alternativen Formen der Wissensvermittlung, wie etwa dem Reim beim Rap, bieten Möglichkeiten an, "wie kulturelle Differenzen durch gemeinsame Strategien der Lebensbewältigung überbrückt werden können".
  • Steffi Richter, Japanologin an der Universität Leipzig, referiert die Einblicke in ein Forschungsprojekt zu Fragen der Selbstbestimmung, Selbstbehauptung und Fremdwahrnehmung in Ostasien. "Pluralisierung von Geschichte und Medien" in der Auseinandersetzung mit Interkulturalität und Intermedialität lässt sich historisch und aktuell am Beispiel der Mangas verdeutlichen und damit auch der Zusammenhang von Geschichte und Kommerz als Einflussfaktoren aufzeigen.
  • Die russische Kulturwissenschaftlerin Natalja Konradova, die Philologin Henrike Schmidt von der Freien Universität Berlin und die Soziologin Katy Teubener von der Universität Münster stellen eine Fallstudie zum russischen Internet vor: "Das Eigene und das Fremde in seiner Bedeutung für die Analyse massenmedialer Gesellschaften". Die "Metaphorisierungen", wie sie das Internet liefert, werden in der Alltagspraxis und Allgegenwart des Mediums nicht mehr als das "exotische Andere" verstanden, sondern als das "quasi natürliche Eigene". Dadurch erfüllen sie eine dezidiert politische Funktion, werden freilich auch zu einem Objekt der Manipulation.

Zum dritten Teil

  • Im dritten Teil "Wissenschaft - Gesellschaft - Praxis" referiert Michael Bommes über "Migration und Integration in der politischen `Verwaltung` der Gemeinden". Während das öffentliche Bewusstsein mit dem Slogan aufgeladen wird - "Integration beginnt vor Ort" - gibt es in der Migrationsforschung, nach Bommes, bisher kaum Erkenntnisse "über die historische Rolle der Kommunen im Migrations- und Integrationsprozess". Ebenso mangelt es an Untersuchungen über die systematische Rolle der Kommunen als politische Organisationsform. Wie sich am Beispiel der Verwaltung von Arbeitsmigration in zwei mittelgroßen deutschen Städten Integrationsprozesse gestalten, gelingen und misslingen, hängt nicht allein von den gesellschaftlichen, politischen und Strukturen der kommunalen Honoratioren ab, sondern "dass die Konstruktion von Kulturdifferenz und Fremdheit selten mit spektakulären Konflikten, sehr oft aber mit der Darstellung von Organisationshandeln, seinen Problemstellungen, Mitteln und Lösungen als angemessen und rational zu tun hat".
  • Die Schweizer Verfassungsrechtlerin Lidija R. Basta Fleiner reflektiert über "Internationale Gemeinschaft und Verfassungsgebung in den multikulturellen Gesellschaften des modernen Europa" und verweist damit auf eine aktuelle Streitfrage in der transkulturellen Kommunikation. Es geht um die Verdeutlichung der Paradoxa, die sich im Diskurs um multinationalen und multikulturellen Föderalismus als Ausweg aus dem aktuellen (europäischen) Dilemma zeigen, wonach "demokratischer Wandel … die einzig machbare Strategie (ist), die ethnische, religiöse und sprachliche Forderungen in multikulturelle zivilgesellschaftliche Grundsätze und Gestaltungsformen übertragen kann".
  • Die vielberufene und heilsvermittelte Fähigkeit, "interkulturelle Kompetenzen im internationalen Management" zu praktizieren, diskutiert der Psychologe an der Universität Regensburg, Alexander Thomas. Dabei macht er deutlich, dass in zahlreichen, auf dem Markt befindlichen Handlungsanweisungen übersehen wird dass sich interkulturelle Handlungskompetenz nicht einfach als Rezeptologie oder durch "learning by doing oder aufgrund einer toleranten und weltoffenen Einstellung bzw. als Resultat andauernden weltumspannenden Reisens im Firmenauftrag" bildet, sondern "gekonntes Handeln in kulturellen Überschneidungssituationen entstehen … erst im Verlauf mehrerer aufeinander aufbauender Entwicklungsphasen lernorientierten Handelns".
  • Wolf Rainer Leenen und Andreas Groß von der Fachhochschule Köln berichten über Konzepte und Erfahrungen bei der "Praxisforschung als interaktiver Prozess", nämlich bei der Vermittlung von interkultureller Kompetenz für die Polizei. Die "Gretchenfrage" nach der Nachhaltigkeit und von Transfer von Fortbildungsprojekten für die Organisation und Institution bleibt.
  • Die Ethnologinnen vom Münsteraner Verein  "Ethnologie in Schule und Erwachsenenbildung" (ESE), Ursula Bertels und Sabine Eylert greifen den wichtigen Aspekt "Interkulturelle Kompetenz in der schulischen Sozialisation" auf. In ihrer Pilotstudie zeigen sie die Möglichkeiten und Notwendigkeiten für eine curriculare und erzieherische Auseinandersetzung für interkulturelles Lernen auf.

Zum vierten Teil

Der vierte Teil widmet sich den Herausforderungen und Perspektiven für den Themenbereich.

  • Die Kultur- und Sozialanthropologin an der norwegischen Universität in Bergen, Urmila Goel, geht der Frage nach, ob es sich beim Internetportal "Indernet" um den Versuch handelt, dass (indische) Migrantinnen und Migranten (in Deutschland) mit dem Medium eine Parallelwelt aufbauen und damit eine "Integrationsunwilligkeit" zum Ausdruck bringen wollen; oder ob "das Indernet ein Teil der deutschen Gesellschaft, wenn auch kein fraglos zugehöriger, ist".
  • Der Soziologe an der Universität Luzern, Rudolf Stichweh, wirft seinen Blick auf die soziologischen, systemtheoretischen Begriffe von Inklusion und Exklusion und verdeutlicht dies am Beispiel des Interaktionssystems einer Schulklasse und einer Schule in einer "Weltgesellschaft".
  • Dem Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), Thomas Straubhaar, dient die uralte und immer wieder aktuelle Frage nach dem "Fremden" und dem "Eigenen" dazu, über die "Herausforderungen und Perspektiven der Migration im makroökonomischen Kontext" nachzudenken. Er plädiert für ein richtiges Maß an Gemeinsinn in einer individualisierten Gesellschaft und einer globalen Wirtschaft.
  • Der Soziologe der Universität Trier, Alois Hahn, und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Marén Schorch, reflektieren über "Tests und andere Identifikationsverfahren als "Exklusionsfaktoren"; wichtige Aspekte zur Vermeidung von gesellschaftlichen Irritationen und Zuschreibungen, wie das Für und Wider von Einbürgerungstests "als quasi-objektive Inklusionsinstrumentarien" zeigen.
  • Schließlich diskutieren Norbert Meuter und Oswald Schwemmer von der Berliner Humboldt-Universität am Beispiel "expressive Existenz des Menschen zwischen Natur und Kultur" Situation und Aufgabe der Philosophischen Anthropologie. Ist die uralte philosophische Frage "Was ist der Mensch?" heute, als universalistische Grundfrage, noch möglich? In einer Dialektik von Selbstsein und Andersheit" prägt sich im "Zusammenwirken von Natur und Kultur in den verschiedenen phänomenal und wissenschaftlich erschließbaren Dimensionen der menschlichen Existenz - in den Dimensionen der Leiblichkeit, der Expressivität und Emotionalität, der praktischen Weltverhältnisse und der symbolischen Formwelten".
  • Die Konstanzer Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann lässt in ihren Schlussbemerkungen die im Buch versammelten Reflexionen Revue passieren. Dabei stellt sie, gewissermaßen als Merkpunkt und weitere Forschungsaufträge, die Frage, ob es bei den soziologisch definierten Formen der Exklusion und Inklusion, dem anthropologisch verstandenen Eigenen und Fremden, nicht noch ein Drittes gibt, um eine "grenzstiftende Gewalt" zu überwinden? Verhandeln und Aushandeln von Differenzen und Identitäten; auch zu erkennen, wo es Nichtverhandelbares gibt, das sind Wegweiser auf dieser schwierigen Strecke; und als Zielperspektive: Teilhabe an "Zivilisation wäre … das, was Kulturen überschreitet und das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen ermöglicht".

Fazit

Weil weltweite Kommunikation unseren Alltag bestimmt und das gängige Sprichwort heute nicht mehr stimmt - "Was geht mich an, wenn in China eine Schaufel umfällt" - bedarf es einer intelligenten und vermittelbaren Neubestimmung und eines aktiven Bewusstseins, Inklusion zu ermöglichen und Exklusion zu vermeiden. Der wissenschaftliche Diskurs darüber wird mit dem Buch weiter geführt, damit die Individuen und Gemeinschaften in Einer Welt human existieren, sich verständigen, zusammen leben können. Der Reader sollte für die inter- und transkulturelle Auseinandersetzung in Theorie und Praxis zur Hand sein.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 29.11.2007 zu: Antje Gunsenheimer (Hrsg.): Grenzen. Differenzen. Übergänge. Spannungsfelder inter- und transkultureller Kommunikation. transcript (Bielefeld) 2007. ISBN 978-3-89942-794-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5490.php, Datum des Zugriffs 20.10.2021.


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