Ulrich Kastner, Rita Löbach: Handbuch Demenz
Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 16.10.2008
Ulrich Kastner, Rita Löbach: Handbuch Demenz. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2007. 216 Seiten. ISBN 978-3-437-28000-9. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
Thema
Das Thema Demenz ist ein weites Feld, denn im Mittelpunkt stehen Personen, bei denen aufgrund krankhafter Abbauprozesse das Ausmaß an Hilflosigkeit und damit die Abhängigkeit von anderen Personen zunehmen. Entsprechend umfangreich ist das Spektrum an Wissen, das mit diesem Leiden verknüpft ist: u. a. Medizin, Pflege, ambulante und stationäre Versorgungsvarianten, Raum- und Architekturkonzepte, Kosten, Finanzierungsmodalitäten, rechtliche Fragen und das soziale Umfeld (Angehörige u. a.). Diese schier unüberschaubare Menge an relevanten Fakten, Erkenntnissen und Verordnungen zu bündeln, zu strukturieren und zugleich auch zu komprimieren ist eine wesentliche Aufgabe eines Handbuches.
Das vorliegende Buch erhebt den Anspruch, "alle relevanten Informationen rund um die Versorgung von dementen Menschen" zu enthalten (Klappentext).
Autoren
Bei den Autoren handelt es sich um einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und eine Altenpflegerin, die beide in den Rheinischen Kliniken Bonn in den Abteilungen für Gerontopsychiatrie tätig sind bzw. waren.
Aufbau und Inhalt
Das Handbuch ist in 13 Kapitel untergliedert mit folgenden inhaltlichen Schwerpunkten:
- Geschichte und Häufigkeiten demenzieller Erkrankungen: In diesem Kapitel werden knapp epidemiologische Fakten zur Auftretenshäufigkeit der Demenz (Prävalenz) und zum Anteil der Neuerkrankten in einem bestimmten Zeitraum (Inzidenz) nebst Kosten und sozioökonomische Folgen dargestellt.
- Symptome und Verlauf von Demenzerkrankungen: Hier werden vorrangig neben den kognitiven Einbußen (Gedächtnis, Sprache u. a.) die psychischen Störungen und demenzspezifischen Verhaltensauffälligkeiten und der Verlauf der Erkrankung beschrieben.
- Demenzformen: Im Zentrum dieses Kapitels stehen die verschiedenen Demenzformen: primäre Demenzformen (degenerative und nichtdegenerative Demenzen) und sekundäre Demenzen. Zusätzlich werden kurze Hinweise über die Differenzialdiagnose gegeben.
- Untersuchung demenzieller Erkrankungen: In diesem Teil wird das ganze Arsenal an diagnostischen Verfahren vorgestellt – Testpsychologie und Einschätzungsskalen (u. a. MMSE, Uhrentest und die Reisbergskalen GDS und FAST), Bildgebende Verfahren (u. a. Magnetresonanztomographie und kraniale Computer-Tomographie) und Laboruntersuchungen.
- Therapie der Demenzerkrankungen: Hier werden vor allem die nichtmedikamentösen Therapie (Milieutherapie, Biografiearbeit und Ergotherapie u. a.), medikamentöse Vorgehensweisen und zusätzlich Konzepte der Prophylaxe und Vorbeugung (u. a. Bewegung, geistiges Training und gesunde Ernährung) angeführt.
- Pflegekonzepte und –modelle bei Demenz: Es werden in diesem Kapitel neben allgemeinen Ausführungen über den Stellenwert der Pflege bei Demenzkranken die Gedankenkonstrukte von Tom Kitwood (personenzentrierte Pflege) und Erwin Böhm (das psychobiografische Pflegemodell) recht ausführlich dargestellt.
- Das AEDL-Pflegemodell: Ausführlich wird hier das Modell von Monika Krohwinkel mit den 13 Bereichen der "Aktivitäten und Erfahrungen des täglichen Lebens" beschrieben.
- Die Demenz im Pflegeprozess: Die vier Schritte des Pflegeprozesses werden hier unter Zuhilfenahme verschiedener Einzelstrategien erläutert: Pflegerisches Assessment, Pflegediagnostik und Zielsetzung (u. a. NANDA-Pflegediagnosen), Pflegemaßnahmen (u. a. Validation, Basale Stimulation) und Evaluation.
- Exemplarische Pflegeplanungen mit Pflegediagnosen bei chronischer Verwirrtheit: Anhand von demenzspezifischen Verhaltensweisen wie Nahrungsverweigerung, lautes Rufen, starker Bewegungsdrang, Verlangen nach verstorbenen Angehörigen, tätliche Aggressionen, Eingewöhnungsschwierigkeiten und Ablehnung der Pflege werden Fallbezogene Strategien der Pflegeplanung entwickelt und erläutert.
- Wohnraum – Lebensraum: Hierbei geht es um die verschiedenen Versorgungsformen für Demenzkranke: ambulante Pflege, Tages- und Kurzzeitpflege und die verschiedenen Konzepte in der stationären Altenhilfe (integrative und segregativer Ansatz, Haus- und Wohngemeinschaften u. a.).
- Juristische Fragen: In diesem Kapitel stehen die vielen rechtlichen Rahmenbedingungen für die Pflege und Versorgung Demenzkranker im Fokus: gesetzliche Betreuung, Vollmachten und Verfügungen, Einwilligungs- und Geschäftsfähigkeit, Freiheitsentziehende Maßnahmen und das Pflegegesetz.
- Organisation der Pflege: Auf wenigen Seiten werden Aspekte wie Teamorganisation, Überleitungspflege und Entlassungsmanagement, Netzwerkarbeit und Fort- und Weiterbildung thematisiert.
- Angehörigenarbeit: Folgende Gegenstandsbereiche werden hier beschrieben: Einbeziehung von Angehörigen im Heimbereich, Unterstützungsarbeit und Betreuungsgruppen zur Entlastung pflegender Angehöriger, Angehörigenabende und Gesprächskreise (u. a. Angehörigenselbsthilfegruppen, Alzheimer-Gesellschaften) und Spezialzentren (gerontopsychiatrische Zentren, Gedächtnissprechstunden u. a.).
Eine Vielzahl an Abbildungen, Tabellen und Fotos sind in die Textteile zur Veranschaulichung eingefügt.
Diskussion
Auch diese Veröffentlichung besteht wie die meisten Fachbücher aus dem Themenbereich Demenz aus einem Konglomerat aus divergenten und teils widersprüchlichen Zugängen der komplexen Gegenstandserfassung. Konkret lässt sich das u. a. an den Unterschieden zwischen der Neuropathologie und der Pflege verdeutlichen. Während z. B. die Neurowissenschaften als empirischer Weltzugang die Wirkmechanismen der demenziellen Erkrankungen mit neuestem Forschungswissen zu ergründen versuchen, verbleibt die Demenzpflege im Bereich teils geisteswissenschaftlicher und apodiktisch normativer Konstrukte aus der Mitte des 20. Jahrhunderts ("humanistische Psychologie", Psychoanalyse u. a.). So stehen in diesem Buch eklektizistische und spekulative Modelle wie die von Tom Kitwood und Erwin Böhm direkt neben Ansätzen einer neuropathologischen Forschung. Die völlige Inkompatibilität zwischen diesen Feldern ist damit Programm, die Pflege bleibt unter diesen Bedingungen erstarrtes Regelwissen ohne die Möglichkeit einer Entwicklung hin zu einer demenzspezifischen Pflege mit Wirksamkeitsnachweis. Den Autoren hätte diese Widersprüchlichkeit bei der gemeinsamen Niederschrift eigentlich auffallen müssen, denn für ein Handbuch ist es von Bedeutung, dass den Lesern Wissen über Demenz eigentlich nur im Kontext von Verflechtungen, Interdependenzen und Kausalitäten vermittelt werden sollte.
Fazit
Sieht man von einigen grundlegenden Widersprüchen einmal ab, so kann festgestellt werden, dass dieses Handbuch den Anspruch erfüllt, knapp und übersichtlich die wesentlichen Informationen über die Versorgung Demenzkranker aufbereitet zu haben. Daher kann dieses Buch allen Interessierten empfohlen werden, die für die Versorgung Demenzkranker Basiswissen und praktische Hinweise benötigen.
Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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